Kreis Guhrau / Schlesien


Eine Beschreibung aus landwirtschaftlicher Sicht



aus „Betriebswirtschaftliche Untersuchungen an bäuerlichen Betrieben und Familienwirtschaften im Kreise Guhrau“ von Heinz Wätjen, Eduard Klinz Buchdruck-Werkstätten Halle (Saale), Dölauer Str. 14, 1935


Die natürlichen und wirtschaftlichen Erzeugungsbedingungen im Untersuchungsgebiet


I. Die natürlichen Erzeugungsbedingungen


1. Geographische und geologische Verhältnisse


Die Untersuchungen für vorliegende Arbeit wurden im Kreise Guhrau angestellt, der im Norden der Provinz Niederschlesien liegt. Während im Norden und Osten die Kreisgrenze mit der Landesgrenze gegen Polen zusammenfällt, bilden im Süden und Westen Oder und Bartsch natürliche Grenzen. Geographisch gehört das Untersuchungsgebiet zu dem Teile Schlesiens, der nach der Einteilung des Geographischen Instituts der Universität Breslau als „Schlesischer Landrücken“ bezeichnet wird. Der Kreis kann nach seiner geographischen Beschaffenheit in drei teile gegliedert werden, eine Einteilung, die auch bei der eingehenden Beschreibung des Kreises Guhrau zur Grundsteuerveranlagung vorgenommen wurde.

1. Der östliche Teil. Er umfaßt nahezu die Hälfte des gesamten Flächenraums. Seine westliche Grenze bildet das Bruch des Schlesischen Landgrabens und die Fortsetzung dieser Linie bis an die Oder. In diesem Landstrich findet sich als letzter nordwestlicher Ausläufer der Trebnitzer Höhen ein Hügelzug, den ein tiefer Taleinschnitt – ein urzeitlicher Durchbruch der Bartsch – von dem im Kreise Wohlau gelegenen Bergreihen trennt. Dieser Höhenzug erreicht in der Nähe von Herrnstadt seine höchste Erhebungen, die aber 150m Seehöhe nicht überschreiten. Der Höhenzug zieht sich dann, ohne größere Erhebungen aufzuweisen, weiter nach Norden und verliert sich in kaum bemerkbaren Ausläufern am Schlesischen Landgraben. Der ganze Höhenzug hat in seiner oberen Lage Lehm, der mit geringen Ausnahmen von einer mehr oder minder starken Sandschicht überlagert ist.

2. Der westliche Teil. Dieser umfaßt etwa 3/10 der Kreisfläche, wird von dem Bogen des Schlesischen Landgrabens umspannt und südlich von der Bartsch begrenzt. Charakteristisch für diesen teil sind die gleichförmigen, plateauartigen Höhenzüge, die aber nirgends als eigentliche Hügelketten hervortreten. Die Höhe dieses Plateaus hat meist Sandboden, die Niederungen weisen bessere Böden auf, so finden sich am Fuße teilweise recht gute Humusablagerungen, die jedoch sehr schmal sind und vereinzelt bruchartigen Charakter zeigen. Am Schlesischen Landgraben, sowie an der Bartsch herrschen morrige Niederungen vor.

3 Der südwestliche und südliche Teil, das Gebiet zwischen Bartsch und Oder, umfaßt ebenfalls etwa 3/10 der Kreisfläche. Hier findet sich ein ausgesprochenes Teifland, der Sandboden herrscht vor.

Der geologische Aufbau des Untersuchungsgebietes ist zeimlich gleichförmig. Die hügeligen Teile des Kreises bestehen in erster Linie aus diluvialen Ablagerungen, das an einigen Stellen auftretende Tertiär spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die Niederungen bestehen aus alluvialen Böden. Eine Eigentümlichkeit des ganzen Kreises ist der Wechsel der Bodenarten, der oft so stark ist, daß größere Flächen mit gleichmäßiger Bodenbeschaffenheit selten sind. Die Lage des Kreises zwischen Bartsch und Oder und schließlich auch dem Schlesischen Landgraben macht die Unregelmäßigkeit der Ablagerungen und damit auch den ständigen Wechsel der Bodenarten erklärlich.

Durch große Verschiedenheiten in ihrem geologischen Aufbau und ihren Bestandteilen besonders zu unterscheiden sind der Höhen- und der Niederungsboden.

Beim Höhenboden kommen grauer, lehmiger Sand und reiner Sand am häufigsten vor. Daneben findet man noch humosen, sandigen Lehm als besten Boden des Kreises hauptsächlich in der Nähe von Guhrau und Herrnstadt, ferner humosen lehmigen Sand. Strenger Lehm kommt nur vereinzelt und nur in geringer Ausdehnung vor, er ist sehr steinreich, wodurch der Ackerbau stark behindert wird. Allgemein ist über den Höhenboden zu sagen, daß der Boden sehr leicht verqueckt und Grundverbesserungen durch die ungünstige Oberflächengestaltung der Felder oft unmöglich gemacht werden.

Beim Niederungsboden unterscheidet man schweren Lehm und Ton und leichten Sand. Nur selten findet man in der Niederung einen humosen Sandboden. Der Niderungsboden ist eine Ablagerung der Bartsch und Oder, deren z.T. starke Strömungen Ablagerungen von guten Böden nicht zugelassen haben. Als besonderes Merkmal der Niderungsböden muß hervorgehoben werden, daß, ganz gleich, welcher Art die Krume ist, der Unterschied in einer Tiefe von 1 bis 1,5m aus grobem Sande besteht. Daher leiden diese Böden besonders stark unter Trockenheit.

Der Niederungsboden ist meist dunkel gefärbt; diese Färbung ist jedoch nicht auf Humusgehalt zurückzuführen, sondern auf einen ziemlich starken Eisengehalt, der sowohl im Ton als auch im Sande auftritt und das Pflanzenwachstum ungünstig beeinflußt.

Nach Meitzen1 beträgt der Anteil der verschiedenen Bodenarten an der Gesamtfläche:

Sandiger Lehm und lehmiger Sand

58,50%

Lehm in den Flußniederungen

7,40%

Sandboden

19,80%

Moorboden

13,50%

Wasserfläche

0,80%

Summe

100,00%

Der Anteil der einzelnen Bonitierungsklassen des Ackerlandes im Kreise Guhrau ist folgender:



An dieser Stelle soll noch kurz auf den Einheitswert eingegangen werden, der neben den Bodenverhältnissen auch Klima und wirtschaftliche Lage des Untersuchungsgebietes erfaßt. Nach einer Aufstellung von Haase2 hebt sich das Untersuchungsgebiet günstig aus dem sonst ziemlich niedrigen Ertragsniveau der rechts der Oder gelegenen Gebietsteile Schlesiens hervor und stellt infolge der besseren Bodenverhältnisse ein Gebiet mit höherer Ertragsfähigkeit dar. Der durchschnittliche Einheitswert des Kreises beträgt nach der letzten Feststellung 1931 923,8 RM/vha landwirtschaftlich genutzter Fläche und reiht sich somit in die Ertragswertklasse 15 ein.

...


2. Klimatische Verhältnisse


Die klimatischen Verhältnisse im Untersuchungsgebiet zeigen keine wesentlichen Verschiedenheiten. Eine genaue Schilderung der Klimaverhältnisse an Hand langjähriger Beobachtungen zu geben, erwies sich als unmöglich, da die Wetterbeobachtungen im Kreise Guhrau erst sehr spät organisiert wurden. Einigen Aufschluß gewähren die 30jährigen Niederschlagsangaben von Hellmann3, doch sind diese zu allgemein gehalten, als daß sie als brauchbare Unterlage Verwendung finden könnten. Hellmann gibt für die jährliche Niederschlagsmenge die sehr weite Spanne von 450 bis 590mm liegend an, was sich im großen und ganzen mit den nachfolgenden Messungsergebnissen deckt. Es können daher nur die Niederschlagsmessungen der Jahre 1926-1931 zur Beurteilung des Klimas herangezogen werden. Danach fallen im jährlichen Mittel 588mm Regen. Dieses Ergebnis deckt sich ungefähr mit der Angabe der Landwirtschaftsschule Glogau, die für den Kreis Guhrau ein Jahresmittel von 566mm angibt.

Da für die Landwirtschaft die Verteilung der Niederschläge auf die einzelnen Monate aber von größerer Wichtigkeit ist als die Jahresmenge, sollen in folgender Aufstellung die durchschnittlichen Monatsmengen der letzten sechs Jahre im Mittel der drei Guhrauer Stationen (Guhrau, Braunau, Wehrse) angegeben werden.



Die Hauptregenmenge fällt im Juli mit 14,8%. Die geringen Niederschläge im März erlauben einen rechtzeitigen Beginn der Frühjahrsbestellung. Die Regenmengen in der Vegetationsperiode April bis Juli von 266,5mm oder 45,3% der Gesamtniederschlagsmenge wirken sich auf das Wachstum der Pflanzen günstig aus. Doch treten in manchen Jahren in den Monaten Mai und Juni Dürreperioden auf, die großen Schaden verursachen. Die Ernte der Hackfrüchte hat unter den meist starken Herbstniederschlägen oft sehr zu leiden. Ein Schutz von Gebirgen gegen feuchtigkeitsentziehende Winde fehlt völlig. Dennoch sind die Guhrauer Höhenzüge nicht ganz ohne Einfluß auf die Witterungsverhältnisse, besonders auf Regenmengen und im Sommer auf Streifregen und Gewitter. Der höher gelegene Teil des Kreises hat im allgemeinen ergiebigere Niderschläge als die Niederungen. Die Nachteile der Trockenheit, die sich ohnehin schon für die der wasserhaltenden Unterlage entbehrenden Niederungsböden verderblich erweisen, werden natürlich umso augenfälliger, wenn die vereinzelten Gewitter und Streifregen von der des Regens bedürftigsten Gegend abgeleitet werden. Die Sommer sind reich an Gewitetrn mit erheblichen Niederschlägen; z.B fielen im Juni 1926 allein 212mm Regen. Die Folge von solchen Niederschlägen ist meist Hochwasser der Bartsch und Oder, die besonders in der Niederung großen Schaden anrichten. Größere Schäden traten auf: 1926 in den Monaten Juni, Juli; 1927: Juli/August; 1928: Mai/Juni und 1930 im Oktober. Außerdem waren hohe Wasserstände: 1927 im April, 1928 im Januar/Februar, 1929 im März und 1931 von Januar bis April. Bei den letztgenannten Wasserständen sind größere Schäden nicht aufgetreten. Sie sind unbedingt nutzbringend gewesen, weil sie nicht in die Wachstumszeit gefallen sind und darum für die Wiesenflächen befruchtend waren. Obgleich sowohl Oder wie auch Bartsch eingedeicht sind, reicht dieser Schutz bei starken Regenfällen nicht aus. Besonderer Schaden entsteht bei hohen Wasserständen auch durch das Drängwasser, das den Grundwasserstand ungünstig beeinflußt.

Hagelwetter treffen das Untersuchungsgebiet nur selten und auch nie in großer Ausdehnung und verheerender Wirkung. Die Ermittlung der Hagelschäden, die für die Provinz Schlesien von Ferd. Sarrazin erstmalig im Mittel von acht Jahren (1885-1892) zusammengestellt wurden, ergab folgendes Bild:



Genaue Temperaturmessungen für den Kreis Guhrau, besonders für einen langjährigen Durchschnitt fehlen ebenfalls. Hellmann errechnet die einzelnen Monatstemperaturen für das Untersuchungsgebiet im dreißigjährigen Mittel wie folgt:



Obwohl die Hellmannschen Angaben, die nach den Monatsisothermen dem Klimaatlas entnommen wurden, sehr roh sind, geben sie doch einen ungefähren Anhalt über die Temperaturen im Untersuchungsgebiet. Da im Kreise Guhrau selbst keine amtlichen Temperaturmessungen durchgeführt wurden, sind zum Vergleich die Durchschnittstemperaturen von 6 Jahren der Stationen Fraustadt (Grenzmark) und Charlottenthal (Kreis Groß-Wartenberg) – die eine nördlich, die andere südlich vom untersuchten Kreise gelegen – herangezogen, da ihre klimatischen Verhältnisse denen des Kreises Guhrau ungefähr entsprechen. Diese Gegenüberstellung zeigt weitgehendste Uebereinstimmung. Der große Unterschied, der in den Februar-Temperaturen liegt, ist auf die große Kältewelle vom Februar 1929 (im Monatsmittel -13,6°) zurückzuführen.

Die im Untersuchungsgebiet erst spät – Ende März oder Anfang April – einsetzenden warmen Tage verkürzen die Vegetationszeit erheblich, während die oft schon frühzeitig eintretenden Fröste im Herbst die Arbeitsmöglichkeiten auf dem Acker oft schon im November unmöglich machen. Die Winter sind im allgemeinen hart, nach Hellmann hat das Untersuchungsgebiet im dreißigjährigen Mittel jährlich etwa 30 bis 40 Schneetage.


II. Die wirtschaftlichen Erzeugungsbedingungen


Neben den natürlichen Erzeugungsbedingungen vermögen auch die wirtschaftlichen entscheidend auf die Gestaltung der Landwirtschaft eines Gebietes einzuwirken.

Diese wirtschaftlichen Erzeugungsbedingungen sind in dem untersuchten Gebiet denkbar schlecht. Die Verkehrsverhältnisse sind durch die neue polnische Grenze äußerst ungünstig beeinflußt: zwei Eisenbahnlinien und fünf Durchgangsstraßen wurden abgeschnitten. Der Bezugs- und Absatzverkehr mit der früheren Provin Posen, der für die Landwirtschaft des Kreises Guhrau vor dem Kriege von ausschlaggebender Bedeutung war, ist dadurch völlig unterbunden. Ebenso ist durch die neue Grenze der Bahnverkehr mit Mittel- und Oberschlesien erschwert. Es bestehen augenblicklich nur Bahnverbindungen von Guhrau nach Glogau, die den Anschluß nach Berlin herstellt, und eine von Herrnstadt nach Trachenberg als Verbindung mit Breslau. Eine Verbindung zwischen diesen beiden Strecken fehlt völlig.

Den Ausfall der polnisch gewordenen, kaufkräftigen Märkte von Posen und Rawitsch können die beiden nächstgelegenen Städte Breslau (etwa 100km) und Glogau (35km) nur in ungenügender Weise ausgleichen. Während letztere wenigstens für einen teil des Kreises günstige Bahnverbindungen besitzt, ist der Handel mit Breslau durch die mangelhaften Verbindungen äußerst erschwert. Der Klein- und Mittelbesitz ist in erster Linie auf die lokalen Märkte, also Guhrau mit rd. 4500 Einwohnern und Herrnstadt für den südlichen Kreis mit ungefähr 2500 Einwohnern angewiesen. Die Guhrauer Mühlenwerke, die nach fast allen Teilen des Reiches absetzen, sind in erster Linie Abnehmer für Getreide. Die wichtigsten Molkereien befinden sich ebenfalls in den beiden Marktorten.

Der Kreis Guhrau besitzt nur eine Zuckerfabrik und zwar in der Kreisstadt selbst, die in erster Linie die Rüben des nördlichen und mittleren Kreises verarbeitet. Die südlichen Kreisteile gelegenen Rübenbauern beliefern wegen der zu großen Entfernung zur Kreisstadt, wegen Fehlens einer Bahnverbindung und wegen der teilweise recht schlechten Wegen die Fabriken des Nachbarkreises, z.B. Georgental bei Steinau oder Trachenberg. Das Untersuchungsgebiet besitzt so gut wie keine Industrie, ein Umstand, der sich ebenfalls ungünstig auf die Kaufkraft der lokalen Märkte auswirkt. - Nach der Berufszählung von 1925 verteilt sich die Bevölkerung des untersuchten Gebietes wie folgt:



Die Gegenüberstellung zeigt deutlich, welche volkswirtschaftliche Bedeutung die Landwirtschaft im Untersuchungsgebiet hat. Das Verhältnis der nicht zur Landwirtschaft gerechneten Bevölkerungskreise von 77% im Reiche zu 40,5% im Kreise Guhrau beweist hinreichend, daß die Bedeutung der Lokalmärkte nur gering sein kann. Dazu kommt noch, daß die Bevölkerungsdichte mit nur 53 Einwohnern je qkm äußerst gering ist.

Auf Grund der natürlichen und der Verkehrverhältnisse wurde der Kreis Guhrau vom Enquete-Ausschuß in drei verschiedene Zonen eingeteilt (vgl. dazu die Skizze).



Die erste Zone liegt im wesentlichen um die Kreisstadt herum. In nördlicher Richtung erstreckt sie sich bis Weschkau und Kraschen, in westlicher bis Schüttlau und in östlicher bis zur Kreisgrenze. Es handelt sich vorzugsweise um leichte Lehmböden, die sich zum Anbau sämtlicher Früchte eignen. Dazwischen liegen Sandböden (gute Kartoffelböden). Die Verkehrsverhältnisse sind durch die Bahnlinien und die Nähe der Kreisstadt gut. Aehnliche Verkehrs- und Bodenverhältnisse finden sich auch nördlich von Herrnstadt, dieser Teil ist deshalb auch noch zur Zone 1 gerechnet. Im ganzen gehören hierzu etwa 35% der landwirtschaftlich genutzten Fläche des Kreises. Das Hauptgewicht wird auf den Ackerbau gelegt und zwar auf den Anbau von Getreide, Zuckerrüben und Kartoffeln. Die Viehhaltung ist nicht unwesentlich, tritt aber hinter den Ackerbau zurück.

Zwischen den beiden Teilen der ersten Zone liegt die zweite Zone. Die Böden sind hier leichter, die typischen Roggen- und Kartoffelböden, nur einzelne Schläge sind noch kleefähig. Die Verkehrsverhältnisse sind wegen der fehlenden Bahnstrecken etwas ungünstiger als in der ersten Zone. Diese Zone umfaßt etwa 15% der landwirtschaftlich genutzten Kreisfläche. Die Hauptrolle spielt hier der Roggen- und Kartoffelbau. Die Viehhaltung besaß in der Vorkriegszeit ihre besondere Bedeutung in der Verwertung der Schlempe. In bäuerlichen Betrieben ist das Gewicht auf Ackerbau und Viehhaltung gleichmäßig verteilt. Schweinemast wird stark betrieben.

Zur dritten Zone gehört die Niederung längs der Bartsch mit ihren Nebenflüssen, die der Oder und ferner die Niederungen an der Nordgrenze des Kreises längs des Schlesischen Landgrabens. Hier handelt es sich in erster Linie um leichte Sandböden, wechselnd mit schweren Niederungsböden in der Oderaue. Die Verkehrsverhältnisse sind zum großen Teile recht ungünstig.

Abschließend ist jedoch zu sagen, daß die Verschiedenheiten nicht so groß sind, als daß sie es verbieten würden, den Kreis Guhrau als ein einheitliches Gebiet zu behandeln, wie es für die vorliegende Arbeit erforderlich war.


III. Betriebwirtschaftliche Verhältnisse im Untersuchungsgebiet


Die betriebswirtschaftlichen Verhältnisse einer Gegend werden in erster Linie bestimmt durch das Zusammenwirken der eben geschildert natürlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Sie kommen sowohl im Betriebsgrößenverhältnis als auch im Kulturartenverhältnis und Anbauverhältnis zum Ausdruck.

Von größter Bedeutung in dieser Hinsicht ist zunächst die Verteilung der Betriebsgrößen.



Die vorstehende Uebersicht zeigt das für Ostdeutschland normale Bild, daß der Kleinbetrieb zwar zahlenmäßig vorherrscht, flächenmäßig aber der Großbetrieb mit 50% der landwirtschaftlich genutzten Fläche an erster Stelle steht. Während die Betriebe zwischen 20 und 100 ha nur etwa 14% der Fläche einnehmen, umfassen die Kleinbetriebe von 5 bis 20 ha 26,6 %. Sie spielen also neben den Großbetrieben im Untersuchungsgebiet die Hauptrolle. Die in der vorliegenden Arbeit bearbeiteten Betriebe gehören fast ausschließlich zu dieser Größenklasse.



Diese Uebersicht zeigt den hohen Prozentsatz der landwirtschaftlich genutzten Fläche im Untersuchungsgebiet, der um etwa 9% höher liegt als im Deutschen Reiche. Das Ackerland liegt etwa 14% höher als der Reichsdurchschnitt, während Wiesen und Weiden im Kreise Guhrau etwa um 3,5% hinter dem Reichsmittel zurückstehen. Das Hauptgewicht der Landwirtschaft im Untersuchungsgebiet liegt demnach zweifellos im Ackerbau. Der Grund hierfür ist in der Bodenqualität zu suchen, der in den höhergelegenden Kreisteilen trotz der Jahresregenmenge von 566mm nicht in der Lage ist, regelmäßige Grünlanderträge abzuwerfen. Der hohe Anteil der forstwirtschaftlich genutzten Fläche zeigt deutlich die große Ausdehnung der geringen Böden im Untersuchungsgebiet. Wie weit die einzelnen Früchte am Ackerlande beteiligt sind, soll die folgende Uebersicht zeigen. Die Zahlen des Deutschen Reiches sind vergleichsweise gegenübergstellt.



Die verbreitetste Feldfrucht ist mit 33,7% der Roggen. Sein Anteil ist rund um die Hälfte größer als im Deutschen Reich. Dieser Umstand ist durch Klima und Bodenverhältnisse bedingt. Doch steht der Weizenanbau im untersuchten Gebiet dem Reichsmittel kaum nach. Der Sommerweizenanbau ist an der Gesamtweizenfläche naturgemäß stärker beteiligt, weil der früh einsetzende Winter die Herbstbestellung stark verkürzt. Der Anbau von Hafer und Gerste liegt erheblich unter dem Reichsmittel, beide werden in erster Linie für den Eigenbedarf angebaut, Gerste vermag außerdem keine sicheren Erträge zu liefern. Der Anteil am Getreidebau liegt im untersuchten Gebiet etwa um 3% höher als im Reiche.

Unter den Hackfrüchten nimmt die Kartoffel die hervorragendste Stellung ein und übertrifft den Reichsdurchschnitt um etwa 4%. Für ostdeutsche Verhältnisse erstaunlich hoch ist der Zuckerrübenanbau mit 6,8% der Gesamtackerfläche. Er beherrscht in erster Linie die guten Ländereien, die um die Kreisstadt herumliegen, und den nördlichenTeil des Gebietes um Herrnstadt. Der starke Kartoffelanbau sowie auch der Zuckerrübenanbau ergeben für das Untersuchungsgebiet einen um etwa 7,5% höheren Hackfruchtanteil als im Reiche.

Dagegen ist der Futterpflanzenbau im Kreise Guhrau wesentlich geringer als im Reich, doch wird der Mangel an Grünfutter durch Rückstände der Hackfrüchte (Frischblatt, Sauerblatt, Schnitzel und Schlempe) wieder ausgeglichen. Der Anbau von Luzerne als typische Trockenpflanze ist naturgemäß äußerst gering, während der Rotklee und die anderen Kleearten sich der klimatischen Lage und dem Boden des Untersuchungsgebietes wesentlich besser anzupassen verstehen und deshalb den Hauptanteil am Futterpflanzenanbau bestreiten.

Kulturartenverhältnis und Anbauverhältnis müssen sich in weitgehendstem Maße an die natürlichen Erzeugungsbedingungen anpassen, die ihrerseits hierdurch wieder einen entscheidenden Einfluß auf die Höhe des Gebäude-, des lebenden und toten Kapital-Betrages ausüben.



Während der Pferde- und Rindviehbestand um etwa 90% niedriger liegt als im Reich, beträgt der Unterschied im Schweinebestande etwa 40%. Zu erklären ist dieser geringe Viehbestand durch das Ueberwiegen im untersuchten Gebiet, der allgemein viehschwächer zu wirtschaften pflegt als der Klein- und Mittelbetrieb. Die Schafhaltung im Kreise Guhrau ist nicht berücksichtigt worden, weil sie von keiner Bedeutung ist, besonders nicht für die bäuerlichen Betriebe, die in dieser Arbeit behandelt werden sollen.

1Meitzen: „Der Boden und die landwirtschaftlichen Verhältnisse des Preuß. Staates“ Bd. IV, Wiegand u. Hempel, Berlin 1869

2Haase & Briese: „ Die landwirtsch. Einheitswerte d. Provinzen Niederschlesien

3Hellmann „Klimaatlas“ Verlag Reimar Hobbing, Berlin 1921