Die Dörfer im Kreis Guhrau

 

Ereignisse aus der Geschichte der niederschlesischen Dörfer Birkenhain und Sophienthal im Kreis Guhrau

 

1310 bis 1947

 

Erinnerung an die ehemaligen deutschen Einwohner und ihre Geschichte

 

Autoren:

Dr. Hermann Wandschneider

Ingeborg Wandschneider geb. Baumert (aus Birkenhain)

Bad Orb 2007

 

Dritter Abschnitt

Ein Dorf in der Zeit der Herrschaft der Habsburger in Schlesien

(1526 – 1740)

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1526

Schlaswiz kommt zum Weichbild Wintzig (Winzig)

Die Herrschaftsverhältnisse in Schlesien änderten sich um 1526 erneut. Durch einen Erbfall kam das österreichisch-habsburgische Herrscherhaus unter Erzherzog Ferdinand, dem späteren Kaiser Ferdinand I., in den Besitz von Ungarn und Böhmen und so auch von Schlesien. Wohlau und die anderen Fürstentümer in Schlesien wurden nun zu Erbfürstentümern der Habsburger.

Die neue Wiener Obrigkeit ging offenbar bei der Durchsetzung ihrer Politik zunächst behutsam vor. Sie nutzte die bestehenden Strukturen der Macht und Verwaltung und änderte diese ganz allmählich. Sie hatte es in Schlesien immerhin mit starken und erprobten fürstlichen, piastischen Machtzentren zu tun. Diese hatten sich in der Zeit der Unterordnung unter die Herrschaft der Böhmischen und Ungarischen Könige, besonders in den Jahren von 1437 bis 1526 ein großes Maß an Privilegien, Standesvorteilen und Selbständigkeit in der Machtausübung in ihren Fürstentümern sichern können.[1] Das traf auch auf das Fürstentum Wohlau zu. Es war seit 1523 Teil des Herrschaftsbereiches der Liegnitz-Brieger-Piastenlinie, gehörte seitdem zu dem einflussreichen Herzogtum „Liegnitz-Brieg-Wohlau“ unter Herzog Friedrich II.

Nachdem Wohlau Teil des Herzogtums „Liegnitz-Brieg-Wohlau“ geworden war, umfasste es die Bezirke Wohlau, Steinau, Raudten (1523), Wintzig, Herrnstadt und Rützen (1525). Die Grenzen der Weichbilder dieser Orte wurden neu geordnet. Es gab nun die sechs Weichbildbereiche unter der Bezeichnung „Circulus“ (Kreis) Wolawiensis (Wohlau), Wintzingensis (Wintzig), Herrnstadiensis (Herrnstadt), Rützensiensis (Rützen), Steinovensis (Steinau) und Raudensis (Raudten).

Schlaswiz war nun in das Weichbild der Stadt Wintzig (Circulus Wintzingensis) eingeordnet.[2] Die Gläubigen von Schlaswiz gehörten zunächst weiter zur katholischen Pfarrei in Gimmel. Die Kirche in Gimmel wurde, nach den Überlieferungen des evangelischen Pastors Ernst Boy aus dem Jahre 1804, um 1400 errichtet.[3]

1533

Die von Martin Luther ausgelöste Reformation erfasst die Gläubigen im Kirchspiel Gimmel

Schon wenige Jahre nach der von Martin Luther ausgelösten Kirchen-Reformation erreicht diese Schlesien und so die zu dieser Zeit unter der Herrschaft von Herzog Friedrich II. stehenden Fürstentümern Liegnitz-Brieg-Wohlau. Die Reformation konnte sich in diesen Fürstentümern recht schnell entfalten, weil sie durch Herzog Friedrich II. und durch die fürstlichen Herrscherhäuser gefördert wurde.

Sie wirkten so als eine gegen Katholizismus und Kaiser gerichtete evangelische Bastion für eine lange Zeit der vollen Machtausübung der Habsburger über Schlesien entgegen. Als Herzog Friedrich im Jahre 1547 starb, waren die drei Fürstentümer, unter ihnen Wohlau, „rein evangelisch charakterisiert“.[4]

Sicherlich war die Reformation im Fürstentum Wohlau recht zügig, „friedfertig“ und für die Anhänger der Reformation und für den Herzog von Liegnitz-Brieg-Wohlau, Friedrich II., erfolgreich verlaufen. Doch führte dieser, die bisherige unantastbare römisch-katholische Glaubenswelt reformierende Vorgang am Ende zu Religions- und Machtverhältnissen, die - wie im übrigen Schlesien - durch zwei sich unversöhnlich  gegenüber stehenden Lagern von Gläubigen (Protestanten und Katholiken) mit ihren jeweiligen weltlichen und kirchlichen Herrschern geprägt waren. Dabei war das evangelisch dominierte Lager zunächst das weitaus größere.

Die Protestanten und die zwischenzeitlich gegründete evangelische Landeskirche standen auf der Seite der sie überwiegend fördernden Territorialherren. „Für den Territorialherren leben bedeutete evangelisch zu sein, gut kaiserlich war gleich katholisch. Da führte keine Brücke mehr von Gemeinde zu Gemeinde, von Bruder zu Bruder. Staat und staatsdienende Kirche standen dazwischen.“[5]

Abb. 4 - Innenraum der evangelischen Kirche in Gimmel um 1930

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Frau Friederike Kuhl geb. Baumert aus Euskirchen.

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Die Gläubigen in der Pfarrei Gimmel sollen von den Lehren Martin Luthers schon um 1533 erfasst worden sein.[6] Nach Überlieferungen sollen sich die Gläubigen aus „Schlaswiz“ in großer Zahl den neuen evangelischen Lehren zugewandt haben. Die um 1400 erbaute Kirche in Gimmel wurde bald zu einer evangelischen umgewandelt.[7]

Für eine lang anhaltende Stärke und Wirksamkeit ihrer neu gewonnenen Glaubensgrundsätze der jungen evangelische Kirchengemeinde in Gimmel war es zweifellos ein wichtiger Umstand, dass sie nach der Reformation im Wohlauer Land eng mit der evangelischen Gemeinde in Hünern zusammenrückte.[8]Beide evangelischen Kirchengemeinden wurden von 1553 bis 1619 durch einen gemeinschaftlichen Seelsorger (dem Pastor in Gimmel) geleitet und wirkten so 66 Jahre lang gemeinsam für Luthers Lehren. Das soll jedoch nicht, wie es Pastor Boy rückblickend im Jahre 1804 beurteilte, die Eigenständigkeit der beiden Kirchengemeinden beeinträchtigt haben.

Dieses gemeinschaftliche Pastoren-Amt übten in der Zeit von 1553 bis 1589 Albertus Schlemmer, von 1590 bis 1609 Johannes Fabricius, von 1609 bis 1611 Martin Schmied und von 1611 bis 1619 Johannes Scultetus aus. Letzterer war -  nachdem er 1619 die Verantwortung für die evangelische Kirchengemeinde in Hünern abgegeben hatte - weiterhin für das Kirchspiel von Gimmel als Pastor zuständig.

Die katholischen Gläubigen aus Gimmel und Umgebung und auch aus Schlaswiz gehörten nun über längere Zeit zur Pfarrei in Herrnstadt. In Herrnstadt befand sich auch die katholische Schule. In späteren Geschichtsperioden (19./ 20. Jahrhundert)  hatten die katholischen Gläubigen ihre religiöse und seelsorgerische Heimstatt in der katholischen Kirche in Köben, auf der anderen Seite der Oder.

1630

Der Dreißigjährige Krieg erreicht Gimmel und Schlaswiz

Die Wirren und Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) - der 1618 mit dem Aufstand der protestantischen Böhmen gegen die Habsburger, gegen Kaiser Rudolf II. begann - erreichten das Fürstentum Wohlau um 1630. In den Geschichtswerken „Wohlau - Geschichte des Fürstentums und des Kreises“ von Richard Juhnke und in dem „Heimatbuch des Kreises Guhrau“ von Fritz Heinze wird über viele schreckliche Ereignisse aus dieser Zeit berichtet.

Auch in Gimmel und seiner Umgebung hatten die Menschen aller Konfessionen unermessliche grausame Leiden und maßlose Zerstörungen von Hab und Gut, von unzähligen kulturellen und materiellen Gütern durch die hin und her wogenden Schlachten des Dreißigjährigen Krieges zu ertragen. Der Kampf zwischen den Verteidigern der Reformation und den ihnen zur Hilfe eilenden Truppen des Schwedischen Königs Gustav Adolf gegen die Kaiserlichen Truppen der Habsburger unter Wallenstein fügte auch der evangelische Kirchengemeinde und den anderen Einwohnern in Gimmel und Umgebung und so auch den Schlaswizer Gläubigen großes Leid zu.

Der bereits genannte Bericht des evangelischen Pastors Ernst Boy aus Gimmel lässt ebenfalls darauf schließen. Darin heißt es u. a.: „Unter die mancherlei Drangsale, die auch Gimmel zur Zeit jener oben genannten Religionskriege, besonders während dem 30jährigen...Krieg...erlitten hat, gehört besonders dieß, daß feindliche Kriegesheere auch die Gimmler Gegend häufig durchstreiften, öfters traurige Störungen im Gottesdienst machten, die Einwohner grausam ausplünderten und ängsteten und grässlich verwüstende Spuren hinter sich ließen.“[9] Nach früheren Berechnungen sollen in Schlesien ca. 200 000 Menschen im Verlaufe des Dreißigjährigen Krieges umgekommen sein. In Glogau wurden am Ende des Krieges nur noch 20 Einwohner gezählt. Vor dem Krieg hatten dort 2500 Menschen gelebt. In Steinau an der Oder sollen die Verwüstungen so groß gewesen sein, dass dort jahrelang niemand wohnen konnte.

„Die Mehrzahl der Landhufen lag brach; die meisten Bauernhöfe waren verbrannt, die Besitzer verschwunden. Im Herzogtum Brieg waren 100 Rittersitze ganz verwüstet…Der Wert der Grundstücke war so gesunken, daß man für wenige Taler ein ganzes Bauerngut kaufen konnte. Da sich keine neuen Bebauer fanden, nahmen die Gutsherren meist die wüsten Hufe an sich. Dadurch wurde der Groß-Grundbesitz erheblich vergrößert; die Gemeindelasten der übrig gebliebenen Bauern aber wuchsen dadurch unerhört, und so kam es gleich nach dem Kriege zum gänzlichen Verfall der Bauernfreiheit.[10]

1675 – 1707

Die Auswirkungen der Gegenreformation auf die evangelische Kirchengemeinde Gimmel

Den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges folgte eine lang anhaltende Periode der Gegenreformation. Sie begann in Schlesien auf Geheiß des Wiener Kaiserhauses schon 1648. Sie dauerte im Grunde genommen bis zum Einmarsch Preußens in Schlesien 1740. Die Gegenreformation hatte zum Ziel, die Reformation in Schlesien möglichst auszurotten und die große Masse der evangelischen Gläubigen wieder in den Schoß der Katholischen Kirche zurück zu führen, zurück zu treiben.

In den Jahren 1653/54 wurden auf Veranlassung des Kaisers in einer großangelegten Aktion der kaiserlichen Behörden in Gemeinsamkeit mit der katholischen Geistlichkeit und mit Unterstützung des Militärs den evangelischen Gläubigen in Schlesien ca. 700 ihrer Kirchen weggenommen. Eine speziell für diesen Zweck eingesetzte Kommission leitete diesen Vorgang unmittelbar vor Ort. Zur gleichen Zeit wurden die evangelischen Geistlichen und evangelischen Lehrer abgesetzt. In seinem im Jahre 1908 herausgegebenen Buch “Die Geschichte Schlesiens” bewertet Fedor Sommer diese Ereignisse wie folgt: „Der Gewaltakt, den diese Kommission mit der Wegnahme von etwa 700 Kirchen ausübte, hat das Habsburger Haus bei den durchweg protestantischen Schlesiern um alle Anhänglichkeit gebracht…“.[11]

Zunächst blieben die evangelischen Gläubigen im Fürstentum Wohlau und so auch im Kirchsprengel Gimmel von diesen Zwangsmaßnahmen weitgehend verschont. Noch war die protestantische Position des piastischen Liegnitzer Herzogshauses stark. Kaiser Leopold I (1657-1705) vermochte zu dieser Zeit auch noch nicht die besonderen Hoheitsrechte und Privilegien der Standesherrschaften außer Kraft zu setzen. Doch mit dem Tod von Herzog Johann Christian von Brieg und dann seines Sohnes Georg Wilhelm starb die letzte Piastenlinie in Schlesien 1675 aus. Nun konnten der Kaiser und die katholische Kirche in Liegnitz, Brieg und Wohlau ebenfalls die Gegenreformation ungehindert und umfassend entfalten.

Die fürstlichen Machtorgane aller Ebenen, die Stände, die Beamten, alle Richter und auch die Wohlauer Bürgerschaft huldigten am 11. und 12. März 1676 dem Habsburger Kaiser Leopold I. Schon 1675 hatten die kaisertreuen Behörden damit begonnen, die territoriale Macht- und Verwaltungsstruktur im Erbfürstentum Wohlau neu zu ordnen. Die bestehenden sechs Fürstentumskreise wurden nun als I. Wohlauischer-, II. Wintziger-, III. Herrnstädtischer-, IV. Rütznischer-, V. Steinauischer- und VI. Raudtnischer Kreis bezeichnet und ihr Grenzverlauf geringfügig korrigiert.[12]

Diese Maßnahmen dienten vor allem dazu, die bestehende territoriale Verwaltungs- und Machtstruktur im Wohlauer Land weiter im Sinne der uneingeschränkten Durchsetzung der Ziele des Habsburger Kaiserhauses zu verändern und zu stärken. Damit wurden die machtpolitischen Voraussetzungen geschaffen, um alle Register der Gegenreformation ziehen zu können. Die Veränderung der Macht- und Verwaltungsstrukturen ging z. B. mit gezielten Eingriffen in die bestehende Hierarchie der kirchlichen Leitungsgremien der evangelischen Kirche einher. Die evangelischen Konsortien wurden beurlaubt, neue, von der katholischen Geistlichkeit und katholischen Grundbesitzern dominierte Konsortien sowie neue Kirchenverfassungen geschaffen. Beginnend in den oberen Behördenrängen ersetzte man dann in den unteren Verwaltungsebenen alle mit dem evangelischen Glauben verbundenen Beamten durch katholische Bewerber. Danach erfolgte die “Bereinigung” der Bürgermeister- und Ratsstellen von “protestantischen Ketzern”.

Im weiteren Verlauf der Gegenreformation im Fürstentum Wohlau wurden nun evangelische Kirchen und Schulen geschlossen und in katholischen Besitz genommen, evangelische Gottesdienste und Rituale verboten und Gläubige verfolgt. Wie Pastor Ernst Boy berichtete, wurde der evangelischen Gemeinde Gimmel die Kirche schon bald nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges genommen. Sie kam wieder in den Besitz der Katholiken. Die Verbannung der evangelischen Christen des Kirchspiels Gimmel aus ihrer Kirche erfolgte offenbar nach 1675. In Winzig wurde die evangelischen Kirche am 15. Mai 1696 geschlossen.

Den evangelischen Christen in Herrnstadt ereilte das Schicksal der Schließung ihres Gotteshauses am 14. März 1698.[13] Das war übrigens der zweite Versuch der kaiserlichen Behörden. Der erste war gescheitert. Die evangelische Gemeinde hatte im März 1697 die 300 Soldaten aus Glogau, die die Schließung der Kirche durchsetzen sollten, mit tätlichen Protesten, mit Waffengewalt davon gejagt. Nun rückten 2000 Soldaten mit 7 Geschützen in Herrnstadt ein. Dagegen waren die Protestanten machtlos.

Nach den Untersuchungen von Fedor Sommer nahm man den Protestanten in den Fürstentümern Liegnitz, Brieg und Wohlau in der Zeit von 1675 bis 1707 ca. 110 Kirchen weg.[14]

Ein wesentlicher Bestandteil der Maßnahmen der Gegenreformation war die scharfe Zensur aller mündlichen und schriftlichen Äußerungen gegen den Klerus der katholischen Kirche, gegen die Verkündigungen des Katholizismus und für die Verteidigung der Reformation, der Lehren Martin Luthers. Strikt gingen die kaiserlichen Behörden und die katholische Kirche gegen die vielfältigen Aktivitäten der evangelischen Pastoren zur seelsorgerischen Betreuung ihrer Gemeindemitglieder vor. Sie arbeiteten Hand in Hand, wenn es darum ging, „ketzerische“ evangelische Schriften und Ideen aufzuspüren, zu verbieten und deren Verfasser, Initiatoren zu verfolgen. Es galt nun auch im Wohlauer Fürstentum das bereits am 24. November 1655 für die alten Erbfürstentümer erlassene kaiserliche Dekret zur strengen Zensur des gesamten Schriftgutes. Darüber hinaus waren alle in Schriften, Predigten und anderen öffentlichen Äußerungen - die sich  gegen die katholische Religion und Kirchenhierarchie richteten, für den Erhalt einer evangelischen Ordnung einsetzten und die kaiserliche Ordnung kritisierten - unter Strafe gestellt. Ihre Urheber wurden verfolgt, aufgespürt und hart bestraft.

Den geschichtlichen Verlauf dieser Ereignisse beschreibt Dorothee von Velsen in ihrem 1931 erschienen Buch „Die Gegenreformation in den Fürstentümern Liegnitz-Brieg-Wohlau“ detailliert. Danach fahndete die Wohlauer Regierung 1676 nach dem Autor einer Flugschrift zur Verteidigung des evangelischen Glaubens, „als welchen sie den Pastor Benjamin Textor in Gimmel gefasst zu haben glaubte“.[15]

Härteste Strafen wurden im Falle tatsächlicher oder „vermeintlicher“ Gotteslästerung und „Ketzerei“ verhängt, vor allem wenn sie von evangelischen Pastoren von der Kanzel herab erfolgte. Noch 1727 wurden solche „Gotteslästerer“ zu grausamen Strafen wie Zungenausreißen, Verbrennen verurteilt.

Im Guhrauer- und Wohlauer Land wurde auch Militär eingesetzt, um das seelsorgerische Wirken der evangelischen Pastoren in den Kirchen, bei Taufen, Trauungen, Beerdigungen und im häuslichen Bereich sowie auf heimlichen Gottesdienstplätzen in der freien Natur zu unterbinden und die abtrünnigen Protestanten wieder in den katholischen Glauben zu zwingen.[16]

Kaiser und Klerus versuchten so, die Ziele der Gegenreformation in konzertierter Aktion, auch mit inquisitorischer und militärischer Gewalt durchzusetzen. Bei alledem waren die verschiedenen Maßnahmen der Gegenreformation überdies oftmals darauf gerichtet, den Besitz von lutherischen „Ketzern“, von evangelischen Adligen und anderen Grundbesitzern in kaiserliches bzw. kirchliches Eigentum zu verwandeln. Nicht wenige kaiserliche und kirchliche Beamte suchten und fanden Gründe, um Hab und Gut von Protestanten in ihren Besitz zu bringen. In den Dokumenten werden die herausragende Präsenz der Oberämter und ihrer leitenden Mitarbeiter bei den oben beschriebenen Aktionen, besonders bei Änderung der Eigentumstitel von Besitzungen, genannt. Mancher Oberamtmann erschien nach solchen Vorgängen als der neue Besitzer von diesem oder jenem Rittergut, das vorher in der Hand von evangelischen Gutsbesitzern war.

1707 – 1740

Die evangelische Gemeinde Gimmel erhält ihre Kirche zurück - Schlaswiz heißt nun amtlich “Tscheschen Heyde”

Im Jahre 1707 kam es durch den Zwang der internationalen Ereignisse und den Druck des Schwedischen Königs Karl XII. – einer der Garanten des 1648 geschlossenen Westfälischen Friedens – zum „Alt-Ranstädter-Vertrag“.[17] Hierin musste sich der österreichisch-habsburger Kaiser Josef I. verpflichten, alle in den Fürstentümern Liegnitz, Brieg, Wohlau, Oels und Münsterberg den evangelischen Christen seit 1648 entzogenen 121 Kirchen herauszugeben. Von nun an sollte kein Protestant mehr dazu gezwungen werden, den katholischen Glauben anzunehmen. Er sollte auch nicht mehr am Erwerb von Grundeigentum gehindert werden. Evangelischen Waisen und Mündeln durften nicht mehr katholische Vormünder aufgedrängt werden.

Die evangelischen Christen der Kirchengemeinde Gimmel, die den Lehren Luthers auch in der für sie schweren Periode der Gegenreformation überwiegend treu geblieben waren, erhielten nach 1707 ihre in der Periode der Gegenreformation verlorene Kirche wieder zurück. So hatten seither auch die evangelisch Gläubigen aus Schlaswiz wieder ihre seelsorgerische Heimstatt. Zu dieser Zeit war der aus Fraustadt stammende Daniel Klesel der zuständige Pastor des evangelischen Kirchspiels von Gimmel. Ihm folgte von 1724 bis 1730 der in Breslau geborene Andreas Ulrici. Von 1730 bis 1746 war der in Freystadt geborene Magister George Heinrich Helwig der Pastor der evangelischen Kirchengemeinde von Gimmel.

Umbenennung des Dorfes „Schlaswiz“ in „Tscheschen Heyde“

In den Zeitabschnitt nach 1700 fiel die von Amtswegen verordnete Umbenennung des Dorfes „Schlaswiz“ in „Tscheschen Heyde“. Der genaue Termin und die historischen Umstände der Namensänderung konnten nicht ermittelt werden. Wahrscheinlich ist, dass der dem Dorf amtlich verordnete neue Name Tscheschen Heyde, dadurch zustande kam, dass Schlaswiz in dieser Geschichtsperiode zeitweilig zum Besitz der Grundherren des benachbarten Tscheschen gehört haben könnte. In früheren ortsgeschichtlichen Nachforschungen wurde von einer solchen Möglichkeit ausgegangen. Immerhin lag das schon wesentlich länger in einer Heide- Wiesen- und Waldlandschaft existierende Dorf Schlaswiz nur etwa 800 Meter vom später gegründeten Gut und Dorf Tscheschen entfernt.[18]

Für eine solche Deutung spricht, dass die damaligen Besitzer des Dominiums „Tscheschen“, die Herren von Stössel, zumindest in der Zeit der Habsburger Herrschaft in Schlesien, bei den fürstlichen Behörden, beim Landeshauptmann und seinem kaiserlichen Oberamt überaus einflussreich waren.[19] So übte der Grundherr von Tscheschen, Adam von Stössel, nach 1700 als Vertreter der Stände für einige Jahre zugleich das Amt des Landesältesten im Fürstentum Wohlau aus. Ab 1710 vertrat er als Mandator, als Deputierter das Erbfürstentum Wohlau - vor allem wohl die Interessen der Stände - in wichtigen Angelegenheiten in Wien am Hof des Kaisers.[20] Die „von Stössel“ gehörten in damaliger Zeit zur einflussreichen Ritterschaft des Wintzger Craysses des Fürstentums Wohlau.

In Kirchenangelegenheiten behielt allerdings die alte Ortsbezeichnung Schlaswiz (bzw. “Schlaßwitz” oder auch „Schlaschwitz“) weiterhin ihre Gültigkeit. So findet man sie in Dokumenten der evangelischen Kirche zu solchen Ereignissen wie Geburt, Taufe, Konfirmation, Eheschließung, Tod oder in anderen kirchlichen Mitteilungen bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Die zunächst alleinige Verwendung des Ortsnamens „Schlaßwitz“, wurde später durch die Verwendung verschiedener Formen einer Doppelnamen-Bezeichnung - wie zum Beispiel „Tscheschenheyde (auch Schlaßwitz genannt)“ - ersetzt.

Für die Dorfbewohner blieb der Name Schlaßwitz über alle Zeiten hinweg – bis ins 20. Jahrhundert hinein - immer ein „identitätsstiftender“ Faktor. Über diesen Tatbestand war zum Beispiel in der alten Schulchronik der Tscheschenheider Dorfschule der aus dem Jahre 1865 stammende Eintrag zu lesen:„In landräthlicher Beziehung führt dieses Dorf den Namen Tscheschenheide, in kirchlicher Einsicht den Namen Schlaschwitz; daher führt dieses Dorf zwei Namen, doch ist es gleich und eins, mit welchem Namen man es nennt!“ [21]

In der topographischen Karte “Principatus Silesiae WOLANI...”[22] von 1736 ist das Dorf und Dominium Tscheschen Heyde unter der folgenden Ortsbezeichnung eingetragen: “Schlaschwitz amtlich Tscheschen Heyde”. In dieser Karte ist auch das zu diesem Zeitpunkt noch zu Tscheschen Heyde gehörende “Sophienthal” unter dem topographischen Symbol “Villa” (herrschaftliches Anwesen) verzeichnet. Wann dieser Ort gegründet wurde und warum er den Namen “Sophienthal” erhielt, ist nicht bekannt.  

Der Ortname „Schlaschwitz“, wurde - wie der nachfolgende Ausschnitt aus der topographischen Karte von 1748 belegt – in manchen Dokumenten noch weiter verwendet.

 

Abb. 5 - Ausschnitt aus einer topografischen. Karte von 1748

Novissimum Silesiae Theatrum id est exactissimus superioris et Inferioris Silesiae, 1748 – 1KT: grenzkolorierter Kupferstich; 24 x 84 cm.

© Oberlausitzsche Bibliothek der Wissenschaften, Kte 21. [23]

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 Tscheschen Heyde – ein eigenständiges herrschaftliches Anwesen und Steuerobjekt

Eine wichtige Nachricht über die Existenz und den Zustand von Tscheschen Heyde nach den Wirren und dramatischen Folgen des Dreißigjährigen Krieges und der Periode der Gegenreformation liegt aus dem Jahre 1726 vor. Sie stammt aus einem handschriftlichem Dokument (Hs A73) der „Steuer-Rectifications-Hauptkommission“, das im Prozess der Vorbereitung und Durchführung einer Grundsteuerreform (1721-1740) in Schlesien erarbeitet wurde.[24]

Die längst überfällige Reform des Grundsteuersystems in Schlesien war mit dem Reskript (Kaiserlicher Erlass/ Order) vom 4. November 1721 durch Kaiser Karl VI. (1711 – 1740) angeordnet worden. Das Ziel dieses Vorhabens war, das bestehende System der „Schätzungssteuer“ in ein modernes, gerechteres Grundsteuersystem mit einer„indirekten Besteuerung“ umzuwandeln und so für die Österreichisch-Habsburger Monarchie stabilere Steuereinnahmen zu erzielen. Es ging um ein steuerliches System, das es allen Steuerbehörden - von der oberen Ebene über alle nachgeordneten Ebenen - ermöglichte, nach genauen und überall zutreffenden identischen Regeln/Kriterien die Steuersätze festzulegen und einzufordern. Der wissenschaftliche Wert dieser im Jahre 1975 von der Universität Wroclaw veröffentlichten historischen Dokumentation besteht unter anderem darin, dass nicht nur alle einzelnen Ortschaften des damaligen Schlesiens, sondern auch zahlreiche Dorfanteile und besondere Besteuerungsobjekte (Mühlen, Pfarreien, Scholtiseien, Kretschame…) mit großer „Genauigkeit und Vollständigkeit“ erfasst und nach Fürstentümern sowie nach den darin existierenden Kreisen geordnet wurden.[25] Es werden zwar nicht die Namen der Besitzer bzw. Eigentümer genannt, aber die vorgesehenen Besteuerungssummen dieser Besteuerungsobjekte ausgewiesen.

So erfahren wir zu Tscheschen Heyde einige überaus wichtige Daten:

o       Das Dominium Tscheschen Heyde gehörte zusammen mit den benachbarten Dominien/Dörfern Tscheschen, Gimmel und 41 weiteren Ortschaften bzw. Steuerobjekten zum Wintziger Crayss (Kreis).

o       Für Tscheschen Heyde als eigenständiges Steuerobjekt war durch die Grundherrschaft jährlich eine berichtigte Steuersumme für die aus dem Grundbesitz fließenden Einkünfte in Höhe von 416 Thl. (Thaler) und 17 Sgr. (Silbergroschen) zu zahlen. Die Grundherren von Tscheschen hatten 312 Th. und 13 Sgr. zu zahlen und die Herrschaft von Gimmel waren mit 885 Thl. und 1 Sgr. belastet.

o       Bedeutsam dürfte noch sein, dass für Tscheschen Heyde keine weitere Steuerart festgelegt war. Eine größere Anzahl von Grundherrschaften hatten für ihre Dörfer eine weitere Steuer, eine so genannte „Untertanen – Steuer“ abzuführen. Sie wurde offensichtlich dann erhoben, wenn in den Dörfern bäuerliche Besitzungen existierten. Solche gab es nach den vorliegenden Daten in Tscheschen Heyde zu dieser Zeit nicht.

o       Aus den vorliegenden Daten über die von den Gütern und ihren Dörfern im „Wintziger Kreis“ zu zahlenden Steuern lässt sich auch ableiten, dass sich diese Güter und Dörfer in den letzten vier Jahrzehnten der Herrschaft des Wiener Kaiserhauses in Schlesien offenbar ökonomisch gut entwickelten. Unter den 44 Ortschaften/Steuerobjekten des Wintziger Crayss rangierte Tscheschen Heyde mit seiner veranlagten Steuerhöhe an 19. Stelle.

 

In dieser Zeit dürfte im Auftrage des Gutsbesitzers von Tscheschen Heyde mit den Bauarbeiten zur Errichtung des Gebäudekomplexes einer neuen Gutsanlage - dem späteren etwa 800 Meter westlich von Tscheschen Heyde entfernt gelegenen Rittergut Sophienthal - begonnen worden sein. Das Baugeschehen zog sich jedoch offenbar über einen längeren Zeitraum hin. Als dann endlich die Gutsherrschaft von Tscheschen Heyde das neue Schloss in Sophienthal bezogen hatte, blieb es zunächst auch noch für die preußischen Behörden in der Verwaltungsstruktur, in den Amtsgeschäften und in steuerrechtlichen Zuordnungen bei dem Namen Tscheschen Heyde. Darin war das herrschaftliche Anwesen Sophienthal eingeschlossen

In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass sich die Schreibweise des amtlich verwendeten Dorfnamens “Tscheschen Heyde” etwa um 1757 zu “Tscheschenheyde” und ab 1818 zu “Tscheschenheide” änderte. In der Darstellung des geschichtlichen Verlaufs im folgenden “Vierten Abschnitt” wird diesem Sachverhalt Rechnung getragen.

 

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[1] Siehe hierzu: Fedor Sommer, Die Geschichte Schlesiens, 1908, Breslau, Pribatsch´s Buchhandlung, S. 35.

[2] Siehe. Richard Juhnke, Wohlau Geschichte des Fürstentums und des Kreises, 1965, Holzner Verlag, Würzburg, S. 141 f.

[3] Siehe historische Nachrichten von Gimmel, von Ernst Boy, ehemals Pastor in Gimmel, im Oktober 1804.

In: Guhrauer Kreiszeitung, Goldammer Verlag Würzburg, Nr. 10 u. 11/2001, Nr. 1, 2, 4, u. 5/2002.

[4] Dorothee von Velsen, Die Gegenreformation in den Fürstentümern Liegnitz-Brieg-Wohlau, 1931, M. Heinsius Nachfolger Leipzig, S. 23.

[5] Ebenda.

[6]Siehe: Historische Nachrichten von Gimmel, von Ernst Boy, ehemals Pastor in Gimmel, im Oktober 1804. In: Guhrauer Kreiszeitung, Goldammer Verlag Würzburg, Nr. 10 u. 11/2001, Nr. 1, 2, 4, u. 5/2002.

[7] Siehe: Klaus Liwowsky, Datenbank der evangelischen Kirchenbücher Schlesiens, in: http://www.genealogienetz.de/reg/SCI/kirchenbuecher/data/ort502.html und http://www.genealogienetz.de/reg/SCI/kirchenbuecher/base/index.html .

[8] Siehe: Historische Nachrichten von Gimmel, von Ernst Boy, ehemals Pastor in Gimmel, im Oktober 1804. In: Guhrauer Kreiszeitung, Goldammer Verlag Würzburg, Nr. 10 u. 11/2001, Nr. 1, 2, 4, u. 5/2002.

[9] Ebenda.

[10] Fedor Sommer: Die Geschichte Schlesiens, 1908, Breslau Pribatsch´s Buchhandlung, S. 65.

[11] Ebenda, S. 66.

[12] Siehe. Richard Juhnke, Wohlau Geschichte des Fürstentums und des Kreises, 1965, Holzner Verlag, Würzburg, S. 185 f.

[13] Siehe ebenda, S. 188 ff.

[14] Siehe: Fedor Sommer: Die Geschichte Schlesiens, 1908, Breslau Pribatsch´s Buchhandlung, S 69.

[15] Siehe: Dorothee von Velsen, Die Gegenreformation in den Fürstentümern Liegnitz-Brieg-Wohlau, 1931, M. Heinsius Nachfolger Leipzig, S. 71.

[16] Siehe ebenda.

[17] Siehe: Fedor Sommer: Die Geschichte Schlesiens, 1908, Breslau Pribatsch´s Buchhandlung, S. 70 f.

[18] Siehe: INDYKCJA DOMINIÓ, PODDANYCH I MIAST  SLASKA WEDl/UG „PIERWSZEJ REWIZJI” Z 1726 ROKU ... wydat: KAZIM: INDYKCJA DOMINIO, PODDANYCH I MIAST  SLASKA WEDl/UG „PIERWSZEJ REWIZJI” Z 1726 ROKU ... wydat: KAZIMIERZ ORZECHOWSKI, UNIVERSYTET WROCL/AWSKI, S. 117.

[19] Siehe: Dorothee von Velsen, Die Gegenreformation in den Fürstentümern Liegnitz-Brieg-Wohlau, 1931, M. Heinsius Nachfolger Leipzig, S. 38 f u. 153.

[20]  Siehe ebenda.

[21] Nach einem Textauszug aus der Schulchronik der Schule in Tscheschenheide aus dem Jahre 1865. In: Familienarchiv der Familie von Justizrat Dr. jur. Georg Ferdinand Moritz Baumert. Im Besitz von Frau Friederike Kuhl geb. Baumert, wohnhaft in Euskirchen.

[22] Siehe: PRINCIPATUS SILESIAE WOLANI in suos circulos WOHLAV, WINTZIG, HERRNSTADT, RÜTZEN, STEINAU und RAUDEN, divisi a I. W. WIELAND …A.R.S. MDCCXXXVI…

[23] Für die Verwendung dieses Kartenausschnitts in dieser Chronik liegt eine schriftliche Genehmigung der Oberlausitzschen Bibliothek Bautzen vor; siehe auch: Oberlausitzsche Bibliothek der Wissenschaften, Kte. VII 21, 1. SLUB/Deutsche Fotothek 2005, in: http://fotothek.slub-dresden.de/karten/index.html .

[24] Siehe: INDYKCJA DOMINIO, PODDANYCH I MIAST  SLASKA WEDl/UG „PIERWSZEJ REWIZJI” Z 1726 ROKU ... wydat: KAZIMIERZ ORZECHOWSKI, UNIVERSYTET WROCL/AWSKI, S. 117; TABELE  PODATKU GRUNTOWEGO I LUDNOSCI SLASKICH Z OKOLO 1765 ROKU, OPRACOWALI ZBIGNIEW KWANY I JAN WOSCH, WROCLAW. WARSZAWA. KRAKOW. GDANSK, ZAKLAD NARODWY IMIENIA OSSOLINSKICH, WYDAWNICTWO POLSKIEJ AKADEMII NAUK; 1975,(unter Nr. 143).

[25] Ebenda, S. 17.