Die Dörfer im Kreis Guhrau

 

Ereignisse aus der Geschichte der niederschlesischen Dörfer Birkenhain und Sophienthal im Kreis Guhrau

 

1310 bis 1947

 

Erinnerung an die ehemaligen deutschen Einwohner und ihre Geschichte

 

Autoren:

Dr. Hermann Wandschneider

Ingeborg Wandschneider geb. Baumert (aus Birkenhain)

Bad Orb 2007

 

Sechster Abschnitt

 

Die Menschen der Gemeinde Sophienthal unter den Bedingungen der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges

(1933 – 1945)

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1933

Die Errichtung der NS-Diktatur in Deutschland – grundlegende politische Veränderungen in Tscheschenheide und Sophienthal

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Mit diesem Akt des Reichspräsidenten war der Weg frei für den Prozess der Errichtung der Macht der NSDAP, der faschistischen Diktatur in Deutschland. „Wenn die Nationalsozialisten den 30. Januar 1933 als den Tag ihrer ‘Machtergreifung’ feierten, lag darin eine doppelte Verkürzung. Die Kanzlerschaft hatte Hitler nicht ergriffen oder erobert; sie war ihm ausgeliefert worden, ohne dass das bis in die letzten Tage hinein unabwendbar gewesen wäre. Ein umfassender Machteroberungsprozess begann erst jetzt; er dauerte rund 18 Monate.“[1]

Es handelte sich um einen tief greifenden Umbruch der politischen, ideologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse in ganz Deutschland, in dem alle demokratischen Parteien, Organisationen und Institutionen verboten, beseitigt wurden. Das hatte verhängnisvolle Folgen für die gesamte Lebenssituation der Menschen. Dieser länger währende Vorgang erfasste alle Provinzen, Kreise und Ortschaften in Deutschland, so auch Schlesien, den Kreis Guhrau, die Dörfer Tscheschenheide und Sophienthal.

Mit dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933, der dem Hitler-Regime als Vorwand für den Beginn massenhafter Verfolgung und Inhaftierung, Folter und Tötung Andersdenkender diente, wurde der staatliche Terror als ein bestimmender Wesenszug der faschistischen Diktatur in Deutschland entfaltet. Zuerst traf es die Kommunisten, sehr bald auch die Sozialdemokraten und andere Gegner der NS-Diktatur. Schon bald wurden die ersten Konzentrationslager errichtet. Es sollte nicht lange dauern, bis verschiedene Minderheiten und „missliebige“ soziale und religiöse Gruppierungen zu den Opfern der Diktatur gehörten.

Zugleich begann eine groß angelegte antisemitische Hetz-, Vertreibungs- und Verfolgungskampagne gegen die jüdischen Mitbürger und zur Aneignung ihres Besitzes in Deutschland und auch in Schlesien.[2] Sie führte über die in ganz Deutschland am 1. April 1933 organisierte Aktion des Boykotts jüdischer Geschäfte, Arzt- und Anwaltspraxen zu den Pogromen in der „Reichskristallnacht“ vom 9. zum 10. November 1938 und von dort zur millionenfachen Vernichtung der Juden in Deutschland und in den okkupierten Ländern Europas, zum Holocaust. In Schlesien stehen für diese Verbrechen die Namen der Konzentrationslager Auschwitz, Birkenau und Groß Rosen zur ewigen Mahnung.

Die nach der Machtantritt Hitlers in Gang gesetzte Maschinerie des staatlichen Terrors und der Hetze gegen alle Andersdenkenden wurde mit einer umfassenden demagogischen Agitations- und Propagandakampagne für ihn und seine politischen Ziele, für die Politik der NSDAP verknüpft. Den Wählern in Stadt und Land versprach man, alle ihre Wünsche und Forderungen nach Arbeit, Überwindung der Not, nach Ordnung und Sicherheit und nach einem besseren Leben in kürzester Zeit zu erfüllen.

Diese konzertierte Vorgehensweise war darauf angelegt, die Andersdenkenden auszuschalten, die Zweifelnden und Unentschlossenen in Angst zu versetzen und die Masse des Volkes dazu „zu verführen“, dem „Führer“ zu folgen.

In dieser Atmosphäre des Terrors, der Angst, Lähmung und der „Heilsversprechungen“ wurde die letzte Reichstagswahl in Deutschland am 5. März 1933 vorbereitet und durchgeführt. „Trotz der massiven Beeinflussung erfüllte das Ergebnis der nur noch halbwegs freien Wahl Hitlers Erwartungen nicht, da die NSDAP (43,9 Prozent) nur zusammen mit ihren Koalitionspartnern von der ‘Kampffront Schwarz-Weiß-Rot’ (acht Prozent) eine knappe Mehrheit erzielte.“[3] Immerhin hatten sich in dieser Situation, in der die Hetzjagd gegen die Kommunisten und andere Gegner des NS-Regimes schon auf vollen Touren lief, noch 12,3 Prozent der Wähler in Deutschland für die KPD und 18,3 Prozent für die SPD entschieden.

Dieser Wahlausgang veranlasste Hitler und seine NSDAP unmittelbar nach der Reichstagswahl die knappe Mehrheit zu nutzen, um die parlamentarische Macht auszuschalten.[4] Damit war der Weg frei für die Ausübung diktatorischer, terroristischer Macht unter Führung der NSDAP und zur Durchsetzung des „Führerprinzips“ in allen Bereichen der Gesellschaft.

In Schlesien entsprach der Ausgang der Reichstagswahl wohl eher den Erwartungen Hitlers, der NSDAP. In Breslau stimmten 50,2 Prozent und in Liegnitz 54,0 Prozent für die NSDAP.[5] Im Landkreis Guhrau entfielen von den insgesamt abgegebenen gültigen 22.940 Stimmen sogar 68 Prozent auf die NSDAP und 13,33 Prozent auf die DNVP (Deutsche Nationale Volkspartei), die sich unter dem Slogan „Kampffront Schwarz-weiß-rot“ an die Seite Hitlers gestellt hatte. Gegen die NSDAP und ihre Bündnispartner auftretende Parteien im Landkreis konnten nur geringe Teile der Bevölkerung für ihre Wahlziele gewinnen. Es stimmten für die SPD 7,79 Prozent, für das Zentrum 7,72 Prozent und für die KPD knapp 2 Prozent der Wählerinnen und Wähler.[6]

Über das damalige Wahlverhalten der Dorfbewohner von Tscheschenheide und Sophienthal liegen nur mündlichen Überlieferungen vor. Sie besagen, dass die Wähler dieser beiden Dörfer überwiegend ihre Stimme für die NSDAP abgaben.[7] Es scheint so, dass damals die Mehrzahl der Einwohner der beiden Dörfer den Versprechungen der NSDAP glaubte. Natürlich gab es in den beiden Dörfern und im Kreis Guhrau auch Menschen, die von Skepsis und Ängsten geplagt wurden. Doch auch sie ließen sich von der fatalen Grundstimmung dieser Tage treiben.

Es ist heute kaum möglich, alle Gründe der damaligen Wahlentscheidungen der Einwohner in Tscheschenheide und Sophienthal zu erfassen. Offenbar war es vor allem die anhaltende wirtschaftliche und finanzielle Notlage, in der sich die Familien aller sozialen Schichten seit Jahren befanden, die die Wähler zu ihrer Wahlentscheidung veranlasste. Hinzu kam, dass die Mehrheit der Einwohner von Tscheschenheide und Sophienthal durch das unmittelbare Erleben der Zerrüttung der Demokratie der Weimarer Republik, des Versagens der etablierten demokratischen Parteien bei der Lösung der dringenden Lebensfragen der Menschen  das Vertrauen in die Politik und Fähigkeiten der rasch wechselnden regierenden Parteien und Koalitionen längst verloren hatten.

Die in die beiden Dörfer, Tscheschenheide und Sophienthal, vor und nach der Reichstagswahl kommenden uniformierten NS-Agitatoren knüpften an diese Sorgen und Nöte der Menschen in demagogischer Weise an und versprachen ihnen, dass die Politik Hitlers zu raschen Veränderungen zu ihrem Wohle in den Dörfern führen würde.

Es scheint so, dass die große Mehrheit der älteren und jungen Menschen nicht ahnten bzw. nicht wahrhaben wollten, dass sie mit der Stimmabgabe für Hitler, den Weg für eine Diktatur bahnen halfen, die einige Jahre später den verbrecherischen Zweiten Weltkrieg auslösen und Zerstörung, Tod, Terror sowie Vertreibungen den Völkern Europas bringen würden. Erst viel später mussten die Einwohner die bittere Erkenntnis verkraften, dass es einen Zusammenhang zwischen der „Machtergreifung“ Hitlers, den vom NS-Regime entfachten Zweiten Weltkrieg und der folgenden eigenen Vertreibung aus der schlesischen Heimat gibt.

An die Spitze des entstehenden NS-Machtapparates im Kreis Guhrau mit seinen diktatorischen Strukturen war im Februar 1933 Landrat Friedrich Stucke berufen worden. Er lösteden Freiherrn v. Thielemann ab.[8]

Landrat Stucke hatte nun seine Entscheidungen, Weisungen, Tätigkeit im Kreis gemäß dem „Führerprinzip“ von der Kreisverwaltung über die Amtsbezirke bis zu den Landgemeinden durchzusetzen. Da er zugleich Kreisleiter der NSDAP war, konnte er sich auf das System der NSDAP und ihrer Gliederungen stützen. Wie in ganz Deutschland beseitigten auch im Kreis Guhrau die NS-Machtorgane nach den Reichstagswahlen das gesamte System der demokratischen Rechtsordnung der Weimarer Republik in den Städten und Dörfern vollständig. Die „Preußische Gemeindeordnung“ wurde außer Kraft gesetzt.

Das bekamen die Dorfbewohner von Sophienthal und Tscheschenheide sehr rasch zu spüren. Die bisherige gewählte Gemeindevertretung wurde suspendiert. Der Bürgermeister der Landgemeinde Sophienthal arbeitete nun unter der Aufsicht des Landrates und des obersten örtlichen Leiters der NSDAP. Was politisch, ideologisch und kulturell in den Dörfern Sophienthal und Tscheschenheide zu geschehen hatte, diktierte vor allem der Kreisleiter der NSDAP in Guhrau. Für die Durchsetzung seiner Weisungen war der Ortsgruppenleiter der Partei in Gimmel mit den in beiden Dörfern lebenden Parteimitgliedern verantwortlich. In Gimmel befanden sich auch alle anderen örtlichen Leiter und Instanzen der NS-Organisationen.

Für die Dorfbewohner in Sophienthal und Tscheschenheide begann eine Phase der Arbeit, des Lebens unter den Bedingungen der allgegenwärtigen Diktatur und der Unterordnung unter das „Führerprinzip“ in allen Bereichen des Lebens. Alle kommunalen Vorgänge, alle Prinzipien der landwirtschaftlichen Arbeit, alle Seiten der Arbeits- und Lebensweise der Menschen aller sozialen Schichtungen wurden zunehmend von der „nationalsozialistischen“ Ideologie, Politik und Organisation gleichgeschaltet und beherrscht. Als „Gemeinschaft“ der Landgemeinde Sophienthal gehörten sie nun zur großen „Volksgemeinschaft“ in Deutschland. So wurde es ihnen von der NS-Propaganda suggeriert und sie begannen daran zu glauben.

Am 1. Januar 1934 trat das neue „Preußische Gemeindeverfassungsgesetz“ in Kraft.[9] Das schon vorher auf der kommunalen Ebene praktizierte „Führerprinzip“ wurde nun per gesetzliche Order nachträglich sanktioniert. Der Bürgermeister trug nun als „Leiter der Landgemeinde“ den Titel „Gemeindeschulze“. Er wurde nicht mehr gewählt, sondern vom Landrat des Kreises - nach Genehmigung durch den Gauleiter der NSDAP - für sechs Jahre eingesetzt. Der Landrat übte auch die staatliche Aufsicht über die Gemeinde aus. In der Landgemeinde Sophienthal wurde der im Dorf Sophienthal ansässige Landwirt Oswald Jähn vom Landrat des Kreises Guhrau als „Gemeindeschulze“ eingesetzt.

Einen gewählten Gemeinderat gab es nicht mehr. An die Seite des Gemeindeschulzen in der Landgemeinde wurden so genannte „Gemeindeälteste“ ebenfalls durch den Landrat – nach der Genehmigung durch den Gauleiter in Breslau - gestellt. „Zu berufen waren:

Wer in der Landgemeinde Sophienthal zu diesen „erfahrenen und verdienten“ Gemeindeältesten gehörte, konnte nicht geklärt werden. In jedem Fall gehörte aber der örtliche Führer des „Reichsnährstands“, der zugleich Ortsbauernführer in der Landgemeinde war, zu den zu „berücksichtigenden“ Personen. Auch der Lehrer Max Balden dürfte zu diesem Personenkreis gehört haben. Er war nach 1933 zunächst weiterhin der zuständige Standesbeamte für Sophienthal im Amtsbezirk Lübchen.

Der „Reichsnährstand“ war eine das gesamte Leben in den Dörfern erfassende und dominierende staatliche Zwangsorganisation. Sie wurde auf der Grundlage des „Gesetzes über den vorläufigen Aufbau des Reichsnährstandes“ von September 1933 sehr bald auch in der Landgemeinde Sophienthal „installiert“. Per Gesetz wurde allen Landwirten und Bauern die Mitgliedschaft im „Reichsnährstand“ [11] befohlen. Das bedeutete für das Rittergut und für die Dörfer Sophienthal und Tscheschenheide, dass sowohl der Rittergutsbesitzer als auch alle 29 Landwirte, Bauern in den beiden Dörfern Mitglied in dieser Zwangsorganisation werden mussten. Über diesen Personenkreis wiederum, wurden faktisch alle in den beiden Dörfern wohnenden Familien dem Reglement des Reichsnährstandes unterworfen.

Der Ortsbauernführer trug hierfür eine herausgehobene politische, ideologische, organisatorische Verantwortung. Zugleich hatte er dafür zu sorgen, dass die zentral gesteuerte Kooperation zwischen den Landwirten, dem gesamten Bereich der landwirtschaftlichen Produktion in der Gemeinde und den zentralisierten Institutionen der Agrarwirtschaft (Molkerei, Zuckerfabrik, Fleischverarbeitung, Lagerwirtschaft etc.), des Landhandels und der landwirtschaftlichen Banken reibungslos funktionierte.[12]

1934/1935

Wirtschaftliche Fortschritte in der Landgemeinde Sophienthal – Hellmuth Schiller übernimmt das Rittergut

Im Jahre 1934 erhielten die Giese’schen Erben, die auf Grund der lang anhaltenden allgemeinen Wirtschaftskrise als Besitzer des Rittergutes Sophienthal mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert waren, tatkräftige Unterstützung in der Organisation sowie Führung der ökonomischen und sozialen Prozesse. Der gut ausgebildete, staatlich geprüfte Landwirt, Hellmuth Schiller, kam nach Sophienthal und übernahm als neuer Inspektor die Verwaltung des Gutes.

Gutsbesitzerin Lätitia Giese lernte nicht nur die fachliche Kompetenz und die umsichtige Tätigkeit ihres jungen Gutsverwalters schätzen, sondern auch seine menschliche Nähe. Beide fanden noch im Jahre 1934 zueinander und verlobten sich.

Abb. 24 - Foto vom Tag der Verlobung von Hellmuth Schiller und Lätitia Giese 1934

Von rechts nach links: Bräutigam, Braut, Meta Schiller (Mutter von Hellmuth Schiller), Agathe Giese (Mutter von Lätitia Giese), Konrad Keil u. Ehefrau Johanna geb. Schiller, Irmgard Marx geb. Giese, Edeltraud von Hohenhau geb. Giese, „Röschen“ Kunert (Kinderfrau der Familie Giese).

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Rolf Schiller aus Ravensburg.

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Am 9. April 1935 traten Hellmuth Schiller und Lätitia Giese vor den Traualtar der evangelischen Kirche in Gimmel, Kreis Guhrau. Pastor Dr. Haase erteilte dem Brautpaar den kirchlichen Segen zu ihrer Eheschließung. Die standesamtliche Urkunde unterzeichnete der für den Standesamtsbezirk Lübchen und so auch für Sophienthal zuständige Standesbeamte Bruno Baude.

Wie aus den vorliegenden Unterlagen des Privatarchivs der Familien Giese/Schiller[13] hervorgeht, erwarb Hellmuth Schiller durch die Eheschließung mit Lätitia Giese und durch die Ablösung eines Teils der auf dem Gut ruhenden Hypotheken und anderen Lasten aus seinem persönlichen Vermögen noch im Jahre 1935 den Rechtstitel auf den Besitz des Rittergutes Sophienthal. Der Gutsbesitzerwechsel erfolgte offenbar erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1935, denn in der offiziellen Publikation „Guhrauer Grenzbote 1936, Kalender für Stadt und Kreis Guhrau“ im Verzeichnis der „Güter im Kreis“ werden als Besitzer von Sophienthal noch „Giese Hugo, Erben“ ausgewiesen.[14] In dem Schlesischen Güteradressbuch 1937[15] erscheint dann der für das Rittergut „Sophienthal mit Vorwerk Birkenhain“ (vormals Tscheschenheide – Aut. d. Chronik) der Eintrag „Besitzer: Hellmuth Schiller, staatl. gepr. Landwirt“.

Der von ihm übernommene Besitz umfasste eine Gesamtfläche von 550 Hektar. Die landwirtschaftliche Produktion des Rittergutes nahm unter der Leitung des Rittergutsbesitzers Hellmuth Schiller sehr bald eine gute, stabile aufstrebende Entwicklung, die bis in das Jahr 1938 hinein anhielt. Doch nicht allein in diesem Umstand lagen die sich immer spürbarer abzeichnenden Fortschritte in allen Bereichen der landwirtschaftlichen Produktion in Sophienthal begründet. Auch in anderen Gutsbetrieben im Kreis Guhrau, in Niederschlesien zeigte sich eine solche Tendenz. Eine entscheidende Voraussetzung hierfür war offenbar, dass die lang anhaltende, dramatische Wirtschaftskrise durch einen allmählich einsetzenden allgemeinen Aufschwung in der deutschen Wirtschaft abgelöst wurde.[16]

Auf dem Rittergut in Sophienthal kam es zu Veränderungen in der Viehwirtschaft. Diese konzentrierte sich nun auf die Zucht der schwarz-bunten Ostfriesen-Rinder und auf die Rindvieh- und Schweinemast. Es gab wieder eine Schafzucht von etwa 200 Schafen. Die von den Vorgängern noch betriebene Pferdezucht stellte Schiller allerdings ein.

Abb. 25 - Blick in den Park des Rittergutes Sophienthal im Sommer 1937

Das aus dem Privatbesitz stammende Foto stellte Rolf Schiller aus Ravensburg zur Verfügung.

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Schwerpunkte in der Feldwirtschaft waren der Anbau von Roggen und Kartoffeln. Die Kartoffeln wurden zu einem großen Teil in der Brennerei und in der Kartoffelflockenfabrik verarbeitet. Die Abfallprodukte der Brennerei und der Kartoffelflockenproduktion wurden der Schweinemast zugeführt. In der Brennerei durften nach den staatlichen Vorgaben im Jahre 1937 aus Kartoffeln und Roggen immerhin 52.000 Liter Sprit gebrannt und abgesetzt werden. Stallungen, Scheunen und andere Gebäude wurden in dieser Zeit ausgebaut und saniert.

Wie Zeitzeugen berichteten, sollen sich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Gutsarbeiterinnen und Gutsarbeiter verbessert haben. Nach den Aufzeichnungen von Hellmuth Schiller verdreifachte sich der Umsatz der landwirtschaftlichen Erzeugnisse in den Jahren bis 1938.

Auch in den größeren und kleinen bäuerlichen Betrieben der Dörfer Sophienthal und Tscheschenheide setzte ab 1935/1936 ein spürbarer Aufschwung in der landwirtschaftlichen Erzeugung ein. So vergrößerte sich die Anzahl jener Landwirte, die ihre landwirtschaftliche Nutzfläche erweitern konnten. Manche von ihnen - wie zum Beispiel die Landwirtin Ida Goletz - konnten sich in den dreißiger Jahren ein Pferd kaufen. Die Besitzer größerer Bauernwirtschaften wie die von Wilhelm Baumert (mit annähernd 25 Hektar Acker-, Wiesen- und Waldflächen), Willi Graupe, Adolf Mundil, Karl Riegner konnten sehr bald ihren Bestand an Pferden erneuern bzw. weiter vergrößern. Die meisten Betriebe erweiterten ihren Viehbesatz bei Rindern und Schweinen. Dringende Bauarbeiten auf den Höfen, an Gebäuden und Stallungen konnten sich immer mehr Landwirte und Stellenbesitzer leisten.

Allerdings blieb für die Besitzer einiger kleinerer Landwirtschaftsbetriebe in den beiden Dörfern das Ochsen- oder Kuh-Gespann vor dem Pflug und anderen Ackergeräten, vor dem Kasten- oder Leiterwagen auch in diesen Jahren das Zugmittel, das sie sich leisten konnten oder aus Tradition weiter einsetzten. So war es bei den Familien Paul Förster, Albert Feld, Fritz Fischer und anderen.

Die wirtschaftliche und soziale Lage jener Familien, die ihren Lebensunterhalt auf kleinen landwirtschaftlichen Flächen erwirtschaften mussten, blieb weiterhin schwierig. Alle arbeitsfähigen Familienmitglieder mussten nach wie vor neben der Arbeit in der eigenen Landwirtschaft bei anderen Arbeitgebern in den Dörfern, in Handwerksbetrieben zusätzlich arbeiten, um ein einigermaßen erträgliches Auskommen der Familie und das Überleben des Hofes zu sichern.

 

 Abb. 26 - Landwirt Paul Förster mit Sohn Kurt beim Einfahren der Getreideernte

mit einem Zugochsen-/ Kuh-Gespann um 1937

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Ilse Voß geb. Förster aus Berlin, älteste Tochter von Paul und Frieda Förster.

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Die Geschichte der Familie von Paul und Frieda Förster steht als ein Beispiel für viele andere Familiengeschichten von Stellenbesitzern in Tscheschenheide und Sophienthal in der damaligen Zeit. Der Zimmermann Paul Förster (*1899) war um 1922 aus der Provinz Posen nach Tscheschenheide gekommen. Er lernte die aus dem benachbarten Tscheschen (ab 1936: Finkenheide) stammende Frieda Hoffmann (*1901) kennen und heiratete sie. Im Verlaufe der Ehejahre wurden ihre Kinder Kurt (*1925), Ilse (*1928) und Helga (*1938) geboren.

Die Familie Förster wollte sich in Tscheschenheide sofort der Landwirtschaft widmen. Doch zunächst war Paul Förster aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, sich auf seinen Beruf als Zimmermann zu besinnen. Die Familie war zu “ernähren” und für die Einrichtung der heimischen Landwirtschaft bedurfte es einer finanziellen Starthilfe. Dafür fand er in Potsdam, Provinz Brandenburg, die besseren Bedingungen.

Im Jahre 1932 kamen die Försters nach Tscheschenheide zurück. Nun begann für Paul Förster der beschwerliche Weg als Landwirt auf wenigen Morgen Land. Im Laufe der Jahre wurde eine kleine Erdbeerplantage angelegt, deren Ernte sich gut in Liegnitz und Breslau verkaufen ließ. Doch das reichte nicht immer zu einem ausreichenden Leben für die Familie. So war Paul Förster immer wieder gezwungen, besonders in den Wintermonaten auf Baustellen zusätzlich als Zimmermann zu arbeiten. Auch die Kinder mussten durch ihre Arbeit schon früh ihren Beitrag zum Familieneinkommen beitragen. Sohn Kurt erlernte den Beruf eines Maurers. Tochter Ilse hatte reichlich Arbeit auf dem Hof zu bewältigen. In der Familie lebte ebenfalls der Bruder von Frieda Förster, der blinde Bruno Hoffmann. Die Familie hatte ihn zu Beginn der NS-Herrschaft aus der Blindenanstalt in Breslau zu sich geholt. In Tscheschenheide/Birkenhain arbeitete er unermüdlich als Korbflechter. Seine Körbe wurden von den Einwohnern gerne gekauft. Sein Kundenkreis reichte bis Breslau, Liegnitz und Berlin.

1936

Die Gemeinde Sophienthal und ihre Einwohner – Umbenennung des Dorfes Tscheschenheide in Birkenhain

Mit der Einführung der vom nationalsozialistischen Staat verfügten „Deutschen Gemeindeordnung“ vom 30. Januar1935 war das bisher noch formell in Kraft befindliche föderalistische Gemeindeverfassungsrecht durch eine zentralisierte, einheitliche Regelung für alle Provinzen, Länder ersetzt worden.[17] Nachdrücklich wurde in der Präambel die untrennbare Einheit von Partei (NSDAP) und Staat (NS-Diktatur) herausgestellt. Als grundlegendes Staatsziel hatten die Gemeinden unter der Führung des Gemeindeleiters für die Schaffung einer „wahren Volksgemeinschaft“ zu wirken, „in der auch der letzte willige Volksgenosse das Gefühl der Zusammengehörigkeit findet“.[18] Dementsprechend wurde die Verrichtung der ehrenamtlichen Arbeit in der Gemeinde zur Pflicht eines jeden Einwohners erklärt.

Die Landgemeinden hießen nun Gemeinden. Die Landgemeinde Sophienthal hieß ab 1.April 1935 „Gemeinde Sophienthal“. Sie gehörte weiter zum Amtsbezirk Lübchen. Neu war, dass der „Gemeindeschulze“ nun wieder Bürgermeister genannt wurde. In der Gemeinde Sophienthal[19] übte dieses Amt weiter Oswald Jähn ehrenamtlich aus. Den Standesamtsbezirk Lübchen leitete weiterhin der Sophienthaler Müllermeister Bruno Baude. Sein Vertreter war der Brennereiverwalter Georg Peikert aus Lübchen. Lehrer Balden war die Verantwortung eines Schiedsmannes im Amtsbezirk Lübchen übertragen worden. Überdies führte er in der Gemeinde Sophienthal weiterhin standesamtliche Aufgaben durch.

Der für die Gemeinde Sophienthal zuständige Polizeibeamte war der in Gimmel stationierte Gendarmerie-Hauptwachtmeister - später Gendarmerie-Meister - August Ischdonat.

Das zur Gemeinde Sophienthal gehörende Dorf „Tscheschenheide“ wurde 1936 in „Birkenhain“ umbenannt.

Das gleiche geschah mit den Namen anderer Orte im Kreis Guhrau und in ganz Schlesien, wenn sie zu sehr an „slawische Urstände“ erinnerten, nicht „deutsch“ genug klangen.  So erhielt beispielsweise die im Nachbarkreis Wohlau gelegene Ortschaft „Sagritz“ ebenfalls den Namen Birkenhain. Der Nachbarort „Tscheschen“ wurde in „Finkenheide“ umbenannt. Insgesamt nennt Fritz Heinz in seinem „Heimatbuch des Kreises Guhrau“ die Namen von 21 umbenannten Dörfern. Es waren jedoch mit Tscheschenheide/Birkenhain 22 Dörfer.

Der neue Dorfname „Birkenhain“ soll von dem Namen der „Birkenallee“, die von jeher Tscheschenheide und Sophienthal miteinander verband, abgeleitet worden sein. Für die Bestätigung der neuen Ortsnamen war nach den Bestimmungen der neuen „Deutschen Gemeindeordnung“ der Reichsstatthalter in der jeweiligen Provinz zuständig. In Schlesien übte dieses Amt der Oberpräsident der Provinz aus, der zugleich das Parteiamt des Gauleiters der NSDAP innehatte. In diese Ämter war zu dieser Zeit Josef Wagner berufen.[20]

Nach der Umbenennung des Dorfes Tscheschenheide in Birkenhain, umfasste die Gemeinde Sophienthal die Dörfer Birkenhain und Sophienthal und das Rittergut Sophienthal. Der Sitz des Bürgermeisters befand sich weiterhin in Birkenhain.

 Abb. 27 - Ansichten aus der Gemeinde Sophienthal um 1934/35 

Die Ansichtskarte - mit den Fotos von dem Schloss des Rittergutes und von “Matzel’s Gasthof” in Sophienthal/ der Birkenallee von Tscheschenheide nach Sophienthal und der Schule in Tscheschenheide - wurde von Frau Gerda Weder geb. Seidel (+ 2005) für diese Chronik zur Verfügung gestellt.

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Die Gesamtfläche der Gemeinde Sophienthal (Rittergut und Dorf Sophienthal sowie Dorf Birkenhain) umfasste zu dieser Zeit insgesamt 825,23 Hektar.[21] Rechnet man aus dieser Gesamtfläche den Besitz des Ritterguts mit etwa 550 Hektar heraus, dann bleibt eine Fläche von ca. 275 Hektar. Diese befand sich überwiegend im Besitz der 29 Landwirte und anderer kleiner Stelleneigner der Dörfer Birkenhain und Sophienthal. Ein geringer Teil der Fläche war Gemeindeland. In der Gemeinde Sophienthal lebten nach den offiziellen Angaben des Jahres 1935/36 insgesamt 313 Personen.[22]

Um die Namen der Familien den damaligen Grundstücken, Höfen, Wohnhäusern in den beiden Dörfern und des Rittergutes[23] übersichtlicher zuordnen zu können, folgt ihrer Aufzählung der geografischen Lage der Gemeinde, wie sie im nachfolgenden Kartenausschnitt ersichtlich ist.

  

 Abb. 28 - Ausschnitt aus der Topographischen Karte 1:25.000 (TK25) ,Blatt-Nr. 4465 (Gimmel)

© Bundesamt für Kartographie und Geodäsie 2008

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Das Dorf „Birkenhain“ erstreckt sich in südlich – nördlicher Ausrichtung über eine Länge von ca. zwei Kilometern bis zum nördlich gelegenen Anwesen von Landwirt Wilhelm Baumert und dem Naturdenkmal (ND), ein über 150 Jahre alter ausladender Birnenbaum auf einer kleinen Anhöhe. Die Zuordnung der Namen der Haushaltsvorstände der Familien beginnt mit dem ersten Grundstück am südlichen Dorfeingang von Birkenhain (von Gimmel kommend – auf dem Kartenausschnitt unten/rechte Seite des Straßendorfes).

Einwohner in Birkenhain (Dorfstraße vom südlichen Eingang – östliche/ rechte Seite):

1.   Kliem, Karl  - Brennereiverwalter i. R. -;

2.   Scholz, Paul - Bürgermeister der Gemeinde Sophienthal –;

3.   Förster, Paul – Landwirt – / Hoffmann, Bruno -  Korbmacher (erblindet) -;

4.   Hoffmann, Emma – Witwe – / Hoffmann, Alfred  - Arbeiter -;

5.   Petzold, Emil – Landwirt –;

6.   Kretschmer, Marie – Landwirtin u. Gastwirtin - / Sandmann, Eduard – Landwirt –;

7.   Schöneich, Gustav – Landwirt –;

8.   Krügler, Karl – Arbeiter –/ Thiel, Felix - Arbeiter -;

9.   Baumert, Kurt – Maurer/Polier –;

10. Heinrich, Ernst – Landwirt –;

11. Fischer, Fritz – Schmied – ;

12. Krehl, Otto – RB.-Wagenaufseher a. D. –;

13. Schwithal, Gustav – Landwirt –;

14. Käbisch, Arthur – Landwirt –;

15. Knappe, Berthold – Landwirt –;

16. Schwarz, Wilhelm – Maurer –;

17. Graupe, Willi – Landwirt – ;

18. Fechner, Ernst – Landwirt –;

19. Baumert, Wilhelm – Landwirt -;

20. Eichkretscham: Familie Hanisch/ Kiefert – Landwirt/Gastwirt –

      (ab 1940: Kolakowski, Johann – Landwirt/Gastwirt – );

 
Birkenhain (Dorfstraße vom nördlichen Dorfeingang nach Süden – westliche Seite):

21. Fischer, Hugo – Landwirt – ;

22. Goletz, Ida – Landwirtin -;

23. Kajak, Stanislaus – Rentner -/ [Haus, Hof und Landwirtschaft waren bis 1939/40 im  Besitz von seinen Kindern, der Familie Kasenow - Kasenows verzogen 1939], Nachfolgender Besitzer ab 1939/40: Goletz, Alfred – Landwirt –;

24. Unger, Albert – Arbeiter - / Hampel, Marie – Auszüglerin -;

25. Kuhnke, Albert – Landwirt –;

26. Buls, Alfred – Polizeiwachtmeister a. D. -;

27. Petzold, Albert – Landwirt -;

28. Mundil, Adolf – Bauer –/ Pätzold, Oswald – Rentner -;

29. Lechel, Marie – Rentnerin -;

30. Balden, Max (Schulgebäude) – Lehrer -;

31. Rose, Heinrich – Müllermeister -;

32. Riegner, Karl – Landwirt, Gastwirt –/ Riegner, Berta – Witwe -;

33. Baumert, Richard – Arbeiter -;

34. Ziegelei des Rittergutes Sophienthal (stillgelegt).

 

Einwohner von Sophienthal (von Birkenhain kommend - rechte Seite):

1. Lanz, Reinhold – Landwirt u. Häusler –/ Kohla, Alfons – Arbeiter – Ehefrau (Schneiderin)

2. Seidel, Wilhelm – Arbeiter –;

3. Krügler, Hermann – Landwirt –;

4. Reinsch, …-…; (später Kindergarten)

5. Matzel, Arthur – Landwirt u. Gastwirt –;

6. Tschöpe, Max – Arbeiter -;

7. Reichelt, Richard – Landwirt -

8. Feld, Albert – Landwirt – ;

 

Sophienthal (von Birkenhain kommend – linke Seite)

9. Kohla, Karl – Rentner -/ Schuhmann, Elisabeth – Rentnerin -;

10. Anders, Berta – Witwe -;

11. Raedel, Fritz – Arbeiter -;

12. Nowak, Wilhelm – Häusler –/ Unger, Emma – Rentnerin -;

13. Lechel, Max – Arbeiter -;

14. Baude, Bruno (früher Müller u. Bäcker);

15. Jähn, Oswald – Landwirt -…/ Handtke, Heinrich – Arbeiter -;

16. Schlingsog, Hermann – Maurer -;

17. Fischer, Karl – Schmiedemeister -;

18. Mundil, Karl – Landwirt - ;

 

Rittergut Sophienthal – Gutsbesitzer: Schiller, Hellmuth

Beschäftigte mit Wohnungen auf dem Rittergut:

1. Junge, Bruno – Wirtschafter/Inspektor auf dem Rittergut - …;

2. Glowatz, Josef – Ackerkutscher -…/

3. Kaiser, Hermann – Ackerkutscher - …/

4. Keipert, Alois – Arbeiter -.

Fast alle Einwohner in der Gemeinde Sophienthal waren evangelische Christen. Sie gehörten nach wie vor zum Kirchspiel Gimmel. Zur evangelischen Kirchengemeinde sollen vor dem Zweiten Weltkrieg nach Überlieferungen ca. 1260 Mitglieder gehört haben.[24] Der dortige evangelische Pastor war Dr. Ewald Haase (1929 – 1940). Danach bekleidete für wenige Jahre Karl-Heinz Ermel dieses Amt.[25]

In der Gemeinde Sophienthal gab es ca. 10 katholische Christen. Sie gehörten ebenso wie die in Gimmel wohnenden ca. 20 Katholiken[26] zum Pfarrsprengel Köben. Bis 1945 soll Pfarrer Joseph Maul der zuständige Geistliche für Köben gewesen sein.

Die Recherchen ergaben, dass es in diesen und in den folgenden Jahren in der Mehrzahl der Familien in Birkenhain und Sophienthal kein Abrücken von ihrem christlichen Glauben gab. Die  Überlieferungen besagen, dass sich in diesen Jahren alle jungen Paare kirchlich trauen und ihre geborenen Kinder taufen ließen.

So fand die kirchliche Trauung von Alfred Hoffmann und Elisabeth Riegner im Jahre 1933 statt. Ihre Kinder Hans (*1934), Rosel (*1935), Walter (*1939) und Dieter (*1941) erhielten ihre Taufe in der evangelischen Kirche in Gimmel. Ein Jahr später ließen sich Kurt Baumert und Frieda Goletz kirchlich trauen. Die Kinder Ingeborg (*1935), Heinz (*1940) und Werner (*1944) wurden ebenfalls in Gimmel getauft. Im Jahre 1935 schlossen Fritz Fischer und Frieda Langner vor dem Altar den Bund der Ehe. Ihre Kinder Gerda (*1936) und Heinz (*1938) empfingen ebenfalls ihre Taufe.

Alle Mädchen und Jungen besuchten den Religionsunterricht und wurden konfirmiert. Nach wie vor gehörte die Teilnahme an den Gottesdiensten, kirchlichen Feiern und Ritualen zu den selbstverständlichen Verhaltensweisen der Familien. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Birkenhain etwa 50 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahre und im Dorf Sophienthal (ohne Rittergut) soll ihre Zahl etwa 28 betragen haben.

 Abb. 29 - Hochzeitspaar Fritz und Frieda Fischer geb. Langner 1935

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Gerda Nürblich geb. Fischer.

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1937

Die Schülerinnen und Schüler der Volksschule in Birkenhain

Die Schule in Birkenhain blieb auch nach 1933 einklassig. Die Schülerinnen und Schüler aller acht Klassenstufen wurden weiterhin mehr oder weniger gleichzeitig bzw. in zwei Gruppen im einzigen Klassenraum von Lehrer Max Balden unterrichtet. Seine Ehefrau erteilte den Handarbeitsunterricht für die Mädchen. Wie in den früheren Jahren gab es Unterweisungen in Gesang. In der Schule wurde geübt, was bei besonderen Anlässen in der Öffentlichkeit gesungen werden musste. Konzentrierten sich die öffentlichen Auftritte des Schulchores bis dato vorwiegend auf die Beerdigungen auf dem nah gelegenen Friedhof, erweiterte sich das Spektrum der öffentlichen Veranstaltungen beträchtlich. Nun mussten die Kinder zunehmend eine andere Art von Liedern singen, Lieder mit „völkischem“, „nationalsozialistischem“ Inhalt. Nicht nur Lehrer Balden, sondern auch die Eltern hatten nun per gesetzliche Order die Kinder „…körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen“[27].

Abb. 30 - Schüler der einklassigen Dorfschule in Birkenhain um 1936/37

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Horst Balden aus Bad Oldesloe.

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 Im Ergebnis der Nachforschungen konnten der Mehrzahl der auf dem Foto abgebildeten Kinder die folgenden Namen zugeordnet werden (in den Reihen jeweils von links nach rechts):

Obere Reihe: Lehrer Max Balden, Egon Kuhnke, Kurt Kaiser, Kurt Förster, Ernst Unger, Alfred Schwithal, Kurt Feld, Joachim Hoffmann, Erwin Kasenow;

Dritte Reihe: Gisela Kretschmer, (…?...), Elfriede Schlingsog, (…?...), Helene Thul, Frieda Anders, Ursula Balden, Erika Kiefert, (…?...), Gerda Mundil;

Zweite Reihe: (…?...), (...?...), Edith Kaiser, ... Krasel, Elisabeth Schlingsog, (...?...), (...?...), (.. .?..), Gerda Seidel, Thea Baumert;

Untere Reihe: Bernhard Fischer, Günter Hoffmann, Dieter Mai, Günter Balden, Horst Balden, Walter Mundil, Reinhardt Reichelt, Heinz Käbisch, Fritz Tittel, Horst Graupe, Friedrich Krügler.

Wie das Foto zeigt, trugen die Mädchen auch in der Schule zum Unterricht Schürzen. Das sah die Schulordnung im damaligen Birkenhain so vor. Diese Vorschrift fanden vor allem die größeren Mädchen nicht gerade zeitgemäß. Aber auch für die kleineren Schülerinnen war es keine „reine“ Freude, einen solchen „Fummel“ tragen zu müssen. Für manche von ihnen führte es im späteren Leben dazu, sich ein solches Kleidungsstück gar nicht erst anzuschaffen.

Ob die heranwachsenden Jungen und Mädchen der Dorfschule mit einer anderen Art in „Mode“ kommender Kleidung, der Uniform der Hitlerjugend, auch größere Sorgen hatten, ist heute nicht mehr so ganz sicher herauszufinden. Diese Uniform wurde ihnen von den neuen Machthabern im Zuge des Aufbaus der Hitlerjugend „beschert“. Mit dem vom Führer und Reichskanzler verkündeten „Gesetz über die Hitlerjugend“[28] vom 1. Dezember 1936 und den nachfolgenden „Rechtsverordnungen“ und allgemeinen Verwaltungsvorschriften wurde diese einzige, allumfassende, staatliche Jugendorganisation zügig aufgebaut.

Lag die Mitgliedschaft zunächst noch im Rahmen einer „freiwilligen“ Entscheidung der Eltern und ihrer Kinder, sollte sich dieser Status sehr bald ändern. Am 25. März 1939 wurde in der so genannten „Jugenddienstverordnung“[29] bestimmt, dass der Dienst in der Hitlerjugend „Ehrendienst am Deutschen Volk“ und eine zu erbringende Dienstpflicht aller deutschen Jugendlichen vom 10. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr sei. Die Jungen von 14 bis 18 Jahren hatten ihren Dienst in der „Hitler-Jugend“ (HJ) und die Mädchen der gleichen Altersgruppe im Bund deutscher Mädel (BDM) zu leisten. Die jüngeren Jungen und Mädchen ab dem10. Lebensjahr bis zum vollendeten 14. Lebensjahr „dienten“ im „Deutschen Jungvolk“ (DJ) bzw. im „Jungmädelbund“ (JM).

Die Erziehungsgewalt der Eltern über ihre Kinder wurde drastisch eingeschränkt und weitgehend in die Hände des NS-Staates und der NSDAP gelegt.[30] Der gesetzliche Vertreter war verpflichtet, seine Kinder zu den festgesetzten Terminen bei der Hitlerjugend anzumelden und dafür zu sorgen, dass sie der Einberufung zum „Dienst“ Folge leisten. Den Eltern und anderen Personen drohten Geldstrafen bis zu 150 Reichsmark oder Haft, wenn sie „böswillig einen Jugendlichen vom Dienst in der Hitler-Jugend“ abhielten oder abzuhalten versuchten. Die Ortspolizeibehörde hatte die Aufgabe, Jugendliche zu „veranlassen“ ihren Dienst-Pflichten in der Hitler-Jugend nachzukommen. Säumige Angehörige der Gliederungen der Kinder- und Jugendorganisationen waren, wenn erforderlich, ihren „Kameradschaften“ zuzuführen.

Die in Sophienthal und Birkenhain lebenden Jungen und Mädchen, die diesen Organisationen angehörten, mussten nun regelmäßig einmal in der Woche nach Gimmel zum Dienst. Das war für manche Familien, vor allem in der Erntezeit, eine große Belastung. Die größeren Jungen und Mädchen waren gerade in den Zeiten der Bestell- und der Erntekampagne fest eingeplante Arbeitskräfte. Da kam es schon gelegentlich vor, dass der Gendarmerie-Hauptwachtmeister August Ischdonat aus Gimmel in Birkenhain oder Sophienthal angeradelt kam, um diese oder jenen Eltern zu ermahnen, ihre “säumigen und disziplinlosen” Jungen oder Mädel zum nächsten Dienst „ohne wenn und aber“ zu schicken.

Allerdings soll die Darstellung des Zwangscharakter der NS- Massenorganisationen nicht den Eindruck erzeugen, dass alle hiervon betroffenen Personen, Familien während der zwölf Jahre der NS-Diktatur die Mitgliedschaft ihrer Kinder, der Jugendlichen in der HJ, dem BDM und deren Kinderorganisationen auch subjektiv als „Zwang“ und „Bedrohung“ empfunden haben. Sicherlich gab es auch in manchen Familien solche Empfindungen. Doch die historischen Recherchen zeitigten ein differenziertes Bild der damaligen Haltungen. Das trifft übrigens auch auf die ideologischen, politischen und sozialen Reaktionen der Erwachsenen auf den Zwangscharakter des NS-Machtsystems und seiner Organisationen zu.

Zunächst bestätigt sich auch in diesen beiden Dörfern, dass sehr schnell der allgemeine Zwang zur unbedingten Unterordnung und Anpassung begriffen und eine entsprechende Verhaltensweise von Alt bis Jung mehrheitlich angenommen, „erlernt“ wurde. Im Zuge der konkreten und unmittelbaren Erfahrungen mit der neuen Macht und ihren Zwängen sowie Wirkungsmechanismen wurde sehr schnell klar: Nur wenn man zu den „Willigen“, zu den „freiwillig Angepassten“ oder gar zu den „Anhängern“ des neuen Machtsystems gehört, hat man als Einzelner, als Familie eine Chance auf “Begünstigungen” durch das NS-Regime, auf ein besseres Leben, auf „gesellschaftliche“ Anerkennung.

Bei manchem Jugendlichen bildete sich nach einer Phase des „Abwartens“ bezüglich einer Mitgliedschaft in der HJ oder im BDM nicht selten eine solche Haltung heraus: “Ich und meine Familie gehörten lange genug zu den Ausgegrenzten, nun will ich auch zu den ’Anerkannten’ gehören, die ‘gebraucht’ werden.”

Die NS-Propagandamaschinerie förderte die Herausbildung einer solchen Haltung gezielt, demagogisch und skrupellos. Die Uniformierung, die Aufmärsche in Gimmel, die „kameradschaftlichen“ Zusammenkünfte, Sport und Spiel, Abende am Lagerfeuer und die so gezielt geförderte Illusion von der Zugehörigkeit zu einer„Gemeinschaft, einer jungen Elite von „Gleichgesinnten“ - denen der „Führer“ besondere Aufmerksamkeit und Anerkennung widmet - verfehlten nicht  ihre ideologische Wirkung. Die Erkenntnis, dass sie durch das NS-Regime missbraucht werden bzw. wurden, kam leider wesentlich später; viel zu spät!

1938

Einblicke in weitere Bereiche der Lebenssituation der Einwohner der Gemeinde Sophienthal

Ebenso wie in ganz Deutschlands war offenbar auch in der Gemeinde Sophienthal im zurückliegenden fünfjährigen Zeitraum des Wirkens der NS-Diktatur der Prozess der „Gleichschaltung“ des Lebens aller Einwohner mit der Ideologie und Politik des Hitlerregimes weitgehend vollzogen. Das „Führerprinzip“ und die „Gefolgschaft“ funktionierten im Alltagsleben in Birkenhain und Sophienthal.

Als neuer Bürgermeister wurde zu dieser Zeit Paul Scholz vom Landrat und Kreisleiter der NSDAP Friedrich Stucke eingesetzt. Der neue Bürgermeister war nicht nur für die ordnungsgemäße Erledigung der allgemein üblichen kommunalen Verwaltungsarbeiten verantwortlich. Gemäß der durch eine Reihe von Durchführungsbestimmungen fortgeschriebenen Gemeindeordnung von 1935 hatte der Bürgermeister unter der Aufsicht der örtlich zuständigen Führer der NSDAP und im Zusammenwirken mit der Partei und deren Massenorganisationen dafür zu sorgen, dass alle Einwohner in den beiden Dörfern der Gemeinde gemeinschaftlich ihre Pflichten für “Führer, Volk und Vaterland” erfüllten.[31] Das hieß in der Phase der bereits angelaufenen Kriegsvorbereitung, größte Arbeitsleistungen und höchste Ergebnisse in der landwirtschaftlichen Produktion zu gewährleisten. Auf der kommunalen Ebene entstanden so bereits in der Vorkriegszeit wesentliche Voraussetzungen für ein wirksames Zwangssystem des direkten Einflusses, der Reglementierung und Kontrolle, mit dessen Hilfe “Partei und Staat” auch auf der kommunalen Ebene in die Wirtschaftstätigkeit der Landwirte und anderen Stellenbesitzer und in alle anderen Lebensbereiche der Dorfbevölkerung eingreifen konnten. Vorrangig ging es zu dieser Zeit bereits darum, die Voraussetzungen für den vollständigen Übergang zum Selbstversorgungssystem aller Erzeuger von landwirtschaftlichen Produkten bei Getreide, Kartoffeln, Zucker und Fleisch zu schaffen.

Es gehörte ebenfalls zu den Pflichten des Bürgermeisters im Zusammenwirken mit dem Ortsbauernführer und anderen örtlichen Verantwortungsträgern dafür zu sorgen, dass im Bereich der Gemeinde immer bessere organisatorische, materielle und technische Bedingungen für den gesamten landwirtschaftlichen Produktions- und Verarbeitungszyklus entstehen. Das dürfte für Bürgermeister Paul Scholz in der Vorkriegszeit mit Schwierigkeiten verbunden gewesen sein. Vorliegende Unterlagen des damaligen Rittergutsbesitzers Hellmuth Schiller weisen aus, dass sowohl das Rittergut als auch eine Reihe landwirtschaftlicher Flächen von Landwirten in Sophienthal und Birkenhain besonders in den Jahren 1938/1939 von Überschwemmungen in den Land- und Teinitzgraben- Niederungen betroffen waren. So konnten sie keine so großen Ernteerfolge an den Landrat und Kreisleiter der NSDAP melden wie die Landwirte anderer schlesischer Gemeinden. (In den Abschnitten 1939 und 1941 sind Ursachen und Folgen dieser Problematik umfassender dargestellt.)

Als ein Fortschritt erwies sich für die Landwirte und anderen Stellenbesitzer, dass für die Gemeinde eine mit einem Aggregat zu betreibende Dreschmaschine angeschafft werden konnte. Sie stand den Landwirten und anderen Stellenbesitzern in beiden Dörfern während der Erntezeit zur Verfügung. Planung und Organisation für das Umsetzen der Dreschmaschine von Hof zu Hof lag in den Händen des Bürgermeisters. Dadurch hatte nun die vorher sehr beschwerliche Arbeit des Ausdreschens des Getreides während der Herbst- und Wintermonate mit Hilfe eines von Kühen, Ochsen oder Pferden im Kreis gezogenen Göpels, der den Antrieb für den Dreschsatz in Bewegung setzte, ein Ende. Die an den Göpel angespannten Zugtiere mussten vormals von den Kindern Stunde für Stunde im Kreis herumgeführt werden. Allerdings blieben die landwirtschaftliche Arbeit und das Leben in den beiden Dörfern auch weiterhin außerordentlich erschwert, weil es nach wie vor keinen Stromanschluss gab. Die Entscheidung gegen die Elektrizität aus dem Jahre 1925 wurde zum Leidwesen der Einwohner von den Verantwortlichen nicht mehr korrigiert. Die Petroleum-Lampe/-Laterne blieb auch weiterhin im Haus und in den Stallungen das wichtigste „Leuchtmittel“ in Birkenhain und Sophienthal.

Zu den Pflichten des Bürgermeisters gehörte ebenfalls, dafür zu sorgen, dass die auf den Höfen täglich erzeugte Milchmenge rechtzeitig zum Abtransport für die Fahrzeuge der Molkerei bereitstand. Darüber hinaus lag es in seiner Verantwortung, die Erfassung der Milchmengen der Erzeugerbetriebe und die finanzielle Abrechnung zwischen ihnen und der Molkerei zu organisieren. Diese Aufgabe musste der Landwirt Adolf Mundil aus Birkenhain ehrenamtlich ausführen. Er verwaltete überdies die Gemeindekasse. In den Stallanlagen seines Gehöftes stand auch der Bulle, zu dem alle Stellenbesitzer in Sophienthal und Birkenhain ihre  rindernden Kühe zum Decken hinführen konnten.

Lehrer Max Balden aus Birkenhain waren zwischenzeitlich die Aufgaben des Standesbeamten für den gesamten  Standesamtsbezirk Lübchen übertragen worden. Sein Stellvertreter war Polizeiwachtmeister a. D. Alfred Buls aus Birkenhain.

Dieses Amt hatte in der NS-Zeit einen hohen politischen Rang. Die allgemeinen standesamtlichen Aufgaben waren vor allem durch jene strengen Maßregeln dominiert, die sich aus den “Rassen- und Erbgesundheitsgesetzen” sowie aus dem zweiten Personalstandsgesetz vom 3. November 1937 ergaben.[32] Die Standesämter hatten unter anderem darüber zu wachen, dass Eheschließungen nur Personen vollziehen konnten, die aus “rassisch und erbgesundheitlich reinen” Familienstämmen kamen und “ehetauglich” waren. Bei der amtlichen Bestätigung der Geburten hatte der Standesbeamte nicht nur die Geburtsurkunde auszustellen und die Geburt ins Familienbuch einzutragen, sondern auch Hinweise auf das Vorliegen von Erberkrankungen nach den Bestimmungen des “Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” bzw. Verstöße gegen die gesetzlichen Vorgaben zur “Reinhaltung der deutschen, arischen Rasse” (Nürnberger Gesetze) zu registrieren und an die zuständigen Stellen weiter zu leiten. Hierbei hatte er mit den zuständigen Gesundheits- und den Sippenämtern zusammen zu arbeiten.

Im Rahmen des durch die NS-Politik und NS-Ideologie geprägten öffentlichen Lebens der Gemeinde musste auch die „Freiwillige“ Feuerwehr in diesen Jahren weitere Aufgaben übernehmen. Zu ihren Pflichten im Brandschutz, beim Hochwasserschutz an der Oder und zum Schutz der Bevölkerung im Katastrophenfall kamen während der bald folgenden Kriegszeit Aufgaben des Luftschutzes hinzu. Zu den kulturellen Verpflichtungen der Feuerwehr gehörte das Ausrichten der Feuerwehrbälle während der langen Wintermonate für alle Einwohner beider Dörfer in „Kretschmars Gasthaus“. Hier fanden auch Weihnachtsfeiern, Zusammenkünfte zum Erntedankfest, Heimat- und Tanzabende statt. „Kretschmars Gasthaus“ diente auch als Ort aller anderen politischen Veranstaltungen.

Freiluftveranstaltungen, Kinderfeste fanden auf Karl Riegners Wiese am Bräuergraben statt. Die Kinder nutzten wie überall die Freizeit zum Spiel und zum Erkunden der Landschaft, der näheren heimatlichen Umgebung. Allerdings nahmen Spiel und Spaß seit eh und je in den Dörfern einen nachgeordneten Rang im Leben der meisten Kinder ein. In den Frühjahrs- und Sommermonaten fuhren die Kinder häufig mit den Großeltern oder Eltern mit den Fuhrwerken zu den Wiesen und Feldern mit. Waren sie in einem Alter von über zehn Jahren oder hatten gar schon den Jugendlichen-Status erreicht, dann diktierten die festgelegten Arbeitspflichten in den Gehöften, auf dem Rittergut, auf den Feldern und Wiesen ihren Tagesrhythmus.

Damit vor allem die Gutsarbeiterinnen des Rittergutes, aber auch andere junge Mütter ihre Arbeitspflichten ungehindert erfüllen konnten, war in Sophienthal schon in der Vorkriegszeit ein Kindergarten eingerichtet worden. Auch im benachbarten Dorf Finkenheide  gab es eine solche Einrichtung. Im Jahre 1940 arbeitete Liesbeth Böhm, Tochter der Familie von Schlosser Karl Böhm aus Gimmel in dieser Kindertagesstätte. In den letzten Kriegsjahren war Ursula Balden - Tochter des Lehrerehepaars Balden aus Birkenhain - im Kindergarten in Finkenheide tätig.

Abb. 31 - Erntedankfest in Finkenheide im Jahre 1937

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Windfried Fiebag aus Börnsen bei Hamburg.

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Vielseitige Beziehungen zum Nachbarort Gimmel

Für die Einwohner von Birkenhain und Sophienthal war es von Vorteil, dass sich das benachbarte Gimmel mit seinen 653 Einwohnern in diesen Jahren als ein Ort mit einer größeren Anzahl von kleinen Unternehmen, Handwerksbetrieben und günstigen Verkehrsanbindungen zu einem wirtschaftlichen Zentrum weiter entwickelte.

Nachdem das Dorf Gimmel schon im Jahre 1932 aus dem Kreis Wohlau zum Kreis Guhrau gekommen war, gestalteten sich die traditionellen guten Beziehungen zwischen dem Rittergut Sophienthal, den Landwirtschaftsbetrieben in den Dörfern Sophienthal und Birkenhain und den Unternehmen, den Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben in Gimmel noch enger und kooperativer. In Gimmel gab es überdies eine größere Anzahl von Einkaufsmöglichkeiten, die die Einwohner von Birkenhain und Sophienthal gerne nutzten.

Maurerarbeiten gab man wie eh und je im traditionsreichen Bauunternehmen von Maurermeister Paul Röhricht in Auftrag. Weitere gute Adressen im Baugeschehen waren unter anderem das Baugeschäft (Sägewerk und Zimmerei) von Albert Schwindke, die Zementwarenfirma von Emil Nieke, die Bau- und Möbeltischlerei Kurt Ochlich und die für Dachdecker- und Klempnerarbeiten zuständige Firma Mühmel. Schmiedemeister Emil Springer unterhielt neben seiner Schmiede auch eine kleine Tankstelle. Auch die Stellmacherei von Ernst  Räder und der Betrieb von Malermeister Max Koch waren zu dieser Zeit wichtige Handwerksbetriebe. Schlosserarbeiten führte Karl Böhm aus und er reparierte auch Fahrräder, Motorräder und die wenigen Autos, die es in Gimmel und Umgebung gab. Mit einem umgebauten Transporter fuhr er in den Jahren der Vorkriegszeit und während des Zweiten Weltkrieges diejenigen Kinder und Jugendlichen aus Gimmel nach Guhrau, die dort das Gymnasium besuchten.[33]

Für richtig gehende Uhren und für den Betrieb von Radios sorgte Uhrmacher und Radiohändler Erich Liebehentschel. Hier konnten die Birkenhainer und Sophienthaler, die ein Radio besaßen, die dafür erforderlichen Akkus und Batterien für ihre Radios – meistens „Volksempfänger“ – kaufen. Die Frisöre Hoffmann und Emil Peschel kümmerten sich um die Haarfrisuren, den Haarschnitt und das Rasieren. Schuhe reparierten die Schuhmacher Albrecht Baer und Gustav Schwindke

Abb. 32 - Kopie einer Ansichtskarte von Gimmel um 1937

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In den kleinen Kaufhäusern von Rudolf Pfeiffer und Wilhelm Wagner und in dem Geschäft von Kaufmann Heinrich Wiemer kaufte man seine Lebensmittel, Drogeriewaren, Textilien, Eisenwaren und andere Waren des täglichen Bedarfs. Emil Pfeiffer betrieb außerdem am Bahnhof Nieder-Gimmel einen Kohlenhandel.

Fleischermeister Bundschuh sorgte für die Schlachterei und die Fleischwaren und die Bäckermeister Walter Dittrich und Albert Otto hatten ein reichhaltiges Angebot an Brot und Backwaren. Lieferant für gemahlene Getreideprodukte war der Kaufmann und Mühlenbesitzer Walter Schulz. Nach dem Einkauf in Gimmel oder nach dem Kirchgang kehrte man gelegentlich in die Gasthäuser von Max Kirsch, Albert Pätzold, Karl Peikert und Ewald Wagner ein. Im Saal des Gasthauses Wagner fanden außerdem regelmäßig Kino-Veranstaltungen statt.

Für die gesundheitliche Betreuung der Bevölkerung in Gimmel und Umgebung war der praktische Arzt, der Land-Doktor, Dr. med. Walter Marzodko unermüdlich tätig. Wie seit Jahrzehnten war immer noch die Hebamme Anna Schönfelder, die „Schönfelder“ zur Stelle, wenn es um die Geburt der neuen Erdenbürger ging. Sie hatte auch in diesen Jahren in Birkenhain und Sophienthal reichlich zu tun.

Wollten die Einwohner von Birkenhain und Sophienthal zum Zahnarzt oder zum Hals-Nasen-Ohren Arzt dann mussten sie allerdings den längeren und beschwerlicheren Weg nach Köben und die damit verbundene Überfahrt über die Oder mit der Fähre bewältigen.

1939

Beginn des Zweiten Weltkrieges

Mit dem Überfall auf das benachbarte Polen am 1. September 1939 durch die Armeen Hitlerdeutschlands begann der Zweite Weltkrieg. Für die Einwohner von Birkenhain und Sophienthal nahm dieser Krieg in unmittelbarer geografischer Nähe seinen Anfang. Bis zur damaligen deutschen Reichsgrenze zu Polen waren es nur knapp 25 Kilometer. Dadurch hatten die Einwohner der beiden Dörfer in den Tagen vor dem 1. September 1939 ab und an gehört, dass es im Kreisgebiet größere Truppenbewegungen der deutschen Wehrmacht gab. Doch die wenigsten der Dorfbewohner brachten diese Vorgänge mit einem bevorstehenden Einmarsch deutscher Truppen in Polen in Verbindung.

Vielmehr ging man mehrheitlich davon aus, dass notwendige Sicherungsmaßnahmen an der Reichsgrenze vorgenommen würden. Seit längerer Zeit hatte ja die NS-Propaganda immer wieder versucht, den Menschen glauben zu machen, dass von jenseits der östlichen Reichsgrenze, vom polnischen Staat Gefahren für Deutschland drohten.

Wie überall in Deutschland nahm auch die überwiegende Mehrheit der Einwohner in der Landgemeinde Sophienthal den nun von Hitlerdeutschland ausgelösten Krieg gegen Polen, vor allem die Rückeroberung der im Ergebnis des Versailler Vertrages verlorenen Gebiete Nieder- und Oberschlesiens an Polen mit Genugtuung auf. Der schnelle Vormarsch der deutschen Truppen und das rasche Ende des Polenfeldzuges stärkte die nationalistische „Hochstimmung“ im Lande und steigerte die Zustimmung zur Politik, zum außenpolitischen Kriegskurs des „Führers“, des NS-Staates beträchtlich.

Für die meisten Deutschen – so auch in der Gemeinde Sophienthal – gehörte die Frage nach den gewaltigen Opfern der polnischen Menschen während des mehrwöchigen Blitzkriegs und der folgenden brutalen deutschen Besatzungszeit in Polen zu den nicht diskutablen Themen. Das NS-Regime verhinderte, dass die Ausmaße dieser Verbrechen in der Zeit von 1939 bis 1945, denen „mehr als 6 Millionen Polen, darunter rund 3 Millionen Juden“[34] zum Opfer fielen, in der Öffentlichkeit bekannt wurden.

Durch das Kriegsgeschehen wurden jedoch auch in der Landgemeinde Sophienthal viele Familien sofort unmittelbar betroffen. Eine Reihe von wehrpflichtigen jungen Männern, die schon vor Kriegsbeginn zur Wehrmacht einberufen waren, kämpfte nun an der Front. Andere Männer des Dorfes erhielten ihre Einberufung sehr bald. Es dauert nicht allzu lange, bis die ersten erschütternden Nachrichten über an der Front gefallene Birkenhainer und Sophienthaler in den Familien, in den beiden Dörfern für Erschütterung, Trauer und Betroffenheit sorgten.

Mit dem Krieg erfolgte der Übergang zur Kriegswirtschaft, die zunächst noch als „friedensähnliche Kriegswirtschaft“ ausgegeben wurde um die Bevölkerung nicht in Unruhe zu versetzen.[35] Nach und nach wurde die gesamte Wirtschaft den Zwängen der Kriegsführung und den weitgesteckten verbrecherischen Kriegszielen zur Unterwerfung und Neuordnung Europas, zur Erringung der Weltherrschaft untergeordnet.

Staatliche Vorgaben für den Anbau, die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte, Ablieferungspflicht und Rationierung des Verbrauchs der eigenen landwirtschaftlichen Erzeugnisse, von Lebensmitteln und Konsumgütern (Textilien, Schuhe u. a.) prägten - wie überall in Deutschland - zunehmend den Lebensrhythmus, die Lebensweise der Landwirte, Gutsarbeiter, Handwerker und ihrer Familien in Birkenhain und Sophienthal im Verlaufe der Kriegsjahre.

Bereits zu Beginn des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1939 lernten die Landwirte die ersten kriegsrechtlichen Eingriffe in ihre Betriebe kennen. So erfolgte bei einigen Bauern die Beschlagnahme von Pferden zum Zwecke des Einsatzes in der Wehrmacht. Auch Karl Mundil aus Sophienthal musste sein einziges Pferd abliefern. Sein Sohn Adolf in Birkenhain, der über zwei Pferde verfügte, wurde verpflichtet, seinem Vater die erforderlichen Zugmittel für dessen landwirtschaftliche Arbeiten bereit zu stellen.

Gutsbesitzer Hellmuth Schiller aus Sophienthal gerät in Schwierigkeiten - polnische Zwangsarbeiter in Sophienthal

Vom Rittergutsbesitzer auf Sophienthal verlangte der Landrat das Verhalten und Auftreten eines „Wirtschaftsführers“ und dass er auf seinem Gut und in den Dörfern seiner Gemeinde für höchste Leistungen und Ergebnisse in allen Bereichen der landwirtschaftlichen Produktion sorgte.

Die ortsgeschichtlichen Untersuchungen ergaben, dass offenkundig über den partei-politischen Führungsweg der NSDAP schon seit Beginn des Zweiten Weltkrieges immer direkter in Wirtschaftsabläufe im Kreisgebiet, in den Gütern und Dörfern eingegriffen wurde. Dabei spielten die Parteistruktur, die in den Landwirtschaftsbetrieben und Ortsgruppen tätigen Funktionsträger und Mitglieder der NSDAP sowie der NS-Massenorganisationen als ideologische und organisatorische Multiplikatoren bei der Verbreitung der NS-Kriegspropaganda und als wirksames Informationszuträger-System – auch von unten nach oben - eine schändliche Rolle.

Die ersten polnischen sogenannten „Fremdarbeiterfamilien“ wurden schon am 20. Oktober 1939 zur Zwangsarbeit auf das Rittergut deportiert. Es handelte sich nach den von Rolf Schiller - Sohn des ehemaligen Gutsbesitzers Hellmuth Schiller – zur Verfügung gestellten Daten unter anderem um die polnischen Familien: Florkowscy, Glowacz (5 Pers.), Lasniak (7 Personen), Matysiak (2 arbeitende Pers.), Nabialek, Owczarek (6 Pers.), Stelmach (4 Pers.), und Osetek (2 arbeitende Personen und mehrere Kinder). Insgesamt sollen Angehörige von etwa 15 polnischen Familien zwangsweise auf dem Rittergut und bei Landwirten der Gemeinde Sophienthal gearbeitet haben. Die Einbeziehung der größeren polnischen Kinder in die zum Teil schweren landwirtschaftlichen Arbeiten gehörte zu dem von der NS-Führung in Berlin und Nürnberg befohlenen Programm der rücksichtslosen Ausbeutung der Arbeitskraft der polnischen Zwangsarbeiter, bei minimalen Versorgungsrationen.

Unter diesen polnischen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen soll auch ein polnischer Lehrer gewesen sein, der die deutsche Sprache beherrschte. Gutsbesitzer Schiller duldete zunächst die Initiative eines nach Sophienthal deportierten polnischen Lehrers, die Zwangsarbeiter in die Grundbegriffe der deutschen Sprache einzuweisen. Doch sehr bald gelangte dieser Vorgang durch Denunziation an die politische Öffentlichkeit außerhalb des Rittergutes und wurde unterbunden.[36] Nach den Überlieferungen von Marie Kapral, Tochter der damaligen polnischen Zwangsarbeiterfamilie Lasniak, spielte in dieser Beziehung der damalige Gutsinspektor eine unrühmliche Rolle.[37] Derartige geistige Aktivitäten von polnischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen widersprachen der NS-Rassenpolitik und den angeordneten „Umgangsregeln“ mit den Zwangsarbeitern. Wer sich von den Deutschen anders verhielt, lief Gefahr ins Visier von Strafverfolgungsbehörden, von Polizei oder Gestapo zu geraten.

Möglicherweise überschätzte Hellmuth Schiller seine Position, seine Autorität als Rittergutsbesitzer und unterschätzte die Gefährlichkeit von willfährigen, ideologisch verblendeten Zuträgern, aber vor allem wohl die Macht des Landrates zu dieser Zeit noch beträchtlich. Wie überall im Lande übte der Landrat als die oberste staatliche Instanz im Kreis zugleich in Personalunion die Funktion des Kreisleiters der NSDAP aus. Er verkörperte so auf der Kreisebene die von Hitler installierte sogenannte „Einheit von Partei und Staat“. Hellmuth Schiller hatte offensichtlich noch nicht erfasst, dass unter den Bedingungen des NS-Regimes, einer Diktatur, die politischen Machthaber auf allen Ebenen ihres Herrschaftssystems sehr wohl die Vollmacht hatten, willkürlich in die Eigentumsrechte und in die Wirtschaftsführung von Rittergutsbesitzern einzugreifen, wenn sie es für geboten hielten. Wer das nicht akzeptierte und so „auffällig“ wurde, brachte am Ende sich und seine Familie in eine durchaus gefährliche Lage.

Rittergutsbesitzer Hellmuth Schiller fiel in dieser Zeit überdies noch wegen eines anderen Vorgangs auf. Im Jahre1938 geriet er mit seinem Rittergut in eine schwierige wirtschaftliche Situation. Diese war durch die Auswirkungen von Hochwasserüberflutungen der Felder und Wiesen zwischen Land- und Teinitzgraben ausgelöst worden. Sie betraf nicht nur seinen Besitz, sondern auch den vieler kleiner und größerer Landwirtschaftsbetriebe seiner Gemeinde sowie auch anderer Güter und landwirtschaftlicher Betriebe im Gebiet zwischen Oder und Bartsch.

Eine der grundlegenden Ursachen für die Folgen der Hochwasserüberflutungen im Areal des Gutes und der Gemeinde Sophienthal waren offenbar die nicht gewarteten, nicht geräumten und so verstopften Hauptvorflutgräben Teinitz- und Landgraben. Dafür war - nach der schriftlich vorliegenden damaligen Meinungsäußerung von Hellmuth Schiller - der Landrat in seiner Eigenschaft als Deichverbands-Vorsitzender des Kreises verantwortlich.

Hatte Schiller für die 1938 erlittenen wirtschaftlichen Schäden und Einbußen noch eine angemessene Entschädigungssumme erhalten, bekam er für die  mit insgesamt ca. 73.000 RM bewerteten Schäden der Jahre 1939 bis 1941 - bis auf jährlich eingeräumte Steuerfreibeträge von ca. 1.200 RM - keine weiteren Entschädigungszahlungen.

Rittergutsbesitzer Schiller beschwerte sich nach Ablehnung seiner „Forderungen“ durch den Landrat auch beim Regierungspräsidium in Breslau über die Versäumnisse des Guhrauer Landrats als Deichverantwortlichem und über die seiner Auffassung nach unzureichende Berücksichtigung der Verluste des Rittergutes Sophienthal in den Jahren 1939 bis 1941 bei den Entschädigungszahlungen.

Er wurde jedoch abgewiesen. Er machte sich deshalb nicht nur im Landratsamt und bei der Führungsspitze der NSDAP in Guhrau unbeliebt, sondern wohl ebenfalls beim Gauleiter in Breslau. Dadurch befand sich Hellmuth Schiller nun in einer fortschreitenden prekären Situation mit weiter wachsenden Wirtschaftsverlusten und einer zunehmenden Schuldenlast. Überdies wuchs sich die Auseinandersetzung über die Verweigerung von weiteren Entschädigungszahlungen in Höhe von 70.000 RM - wie das H. Schiller sah und vehement einforderte - zu einem sich verschärfenden Konflikt mit dem Landrat und Kreisleiter der NSDAP des Kreises Guhrau aus.

Dieser konfrontierte nun seinerseits im Gegenzug den uneinsichtigen Rittergutsbesitzer aus Sophienthal mit den Vorwürfen der „mangelnden Bewirtschaftung“ seines Besitzes und der „Unfähigkeit zur Wirtschaftsführung“. Das waren Schuldzuweisungen, die nicht nur den Ruf von Hellmuth Schiller als Gutsbesitzer beschädigten und die Banken, Kreditanstalten von Kreditausreichungen an ihn abhielten, sondern ihn nun auch politisch in Bedrängnis brachten.

Für die Gutsbesitzerfamilie Schiller entstand so eine immer bedrohlichere Situation mit beträchtlichen materiellen und psychischen Belastungen sowie mit nicht kalkulierbaren existenziellen Gefahren. Das alles musste Ehefrau Lätitia Schiller in folgenden zwei Jahren nicht nur mit den beiden bereits geborenen Kindern ertragen, sondern unter den Bedingungen von drei weiterer Schwangerschaften, durch die sie 1939, 1940 und 1942 ihre Kinder Wolfgang, Horst und Rolf zur Welt brachte.

Abb. 33 -Lätitia Schiller mit ihren Kindern Christa (*1935), Horst (*1940), Rolf (*1942), Wolfgang (*1939) und Friedhelm (*1937) – außer Rolf wurden die anderen vier Kinder in Sophienthal geboren.

Das Foto stammt aus dem Jahre 1943. Es wurde in Rayschen bei Gimmel, Kreis Wohlau – in dem neuen Wohnort der Familie Schiller nach der erzwungenen Aufgabe ihres Gutsbesitzes – aufgenommen. Die Fotografie stellte Rolf Schiller aus Ravensburg für die Veröffentlichung in dieser Ortsgeschichte zur Verfügung.

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1940

Bedrohungen durch den politischen Kurs der NS–Diktatur zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“

Das Leben der Menschen in Birkenhain und Sophienthal wurde zunehmend vom Kriegsgeschehen bestimmt. Dem „Blitzkrieg“ gegen Polen folgte der Krieg Hitler-Deutschlands gegen Frankreich, Holland, Belgien und andere Länder. Auch wenn die Siege an den Fronten noch das Denken, Fühlen und Verhalten der Mehrheit der Einwohner in den beiden niederschlesischen Dörfern bestimmten, drängten sich ihnen zunehmend solche Gefühle wie Trauer, Sorge, Ängste, Ohnmacht gegenüber dem Geschehen auf.

Sie erwuchsen für einige Familien nicht nur aus dem Verlauf des Krieges, sondern auch aus innenpolitischen Maßnahmen, aus der NS-Gesundheitspolitik. Dazu gehörten für einige Familien in Birkenhain und Sophienthal die unmittelbaren Gefahren, die sich aus der immer rigoroseren und umfassenderen Durchsetzung der „Erbgesundheitsgesetze“ ergaben.

Schon am 14. Juli 1933 hatte Hitler das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“[38] verkündet. Das staatliche Gesundheitswesen, die medizinischen, biologischen Wissenschaften, die Ärzteschaft hatten nun über das Schicksal, über die Sterilisation von „Erbkranken“ zu entscheiden. In dem Gesetz wurde unter anderem bestimmt, dass die an erblichen Erkrankungen leidende Menschen (geistige Erkrankungen und schwere körperliche Missbildungen) durch Sterilisation daran zu hindern sind, Kinder zur Welt zu bringen.[39] Für den Landkreis Guhrau war das in der Kreisstadt Guhrau ansässige Gesundheitsamt zuständig. Die anfallenden Erbgesundheitsfälle wurden beim Erbgesundheitsgericht in Glogau verhandelt und entschieden.

In den folgenden Jahren wurde die „Erbgesundheitsgesetzgebung“ ständig verschärft, auf weitere Krankheiten ausgeweitet und so zum Instrument verbrecherischer „Euthanasie“ perfektioniert. Mit dem „Runderlaß des Reichsinnenministers“ zur Meldepflicht über „missgestaltete, erbkranke“ Neugeborene vom 19. August 1939 begann in Deutschland die staatlich organisierte systematische Selektion von Neugeborenen, Säuglingen und Kindern. Nun waren Hebammen, Ärzte und Gesundheitseinrichtungen verpflichtet, alle Kinder mit körperlichen Auffälligkeiten - die auf eine Erberkrankung hinwiesen - den Gesundheitsämtern zu melden. Auch die Namen derjenigen Kinder mussten nachträglich mitgeteilt werden, die in den Jahren zuvor mit solchen Auffälligkeiten geboren worden waren. Mit der 1939/40 eingeleiteten „Aktion T 4“[40] wurde die Praxis der Zwangssterilisation von Menschen mit so genannten Erbkrankheiten zu einem Programm der Euthanasie, der Tötung, Ermordung vieler als „unheilbar erbkrank“ eingestufter Menschen ausgeweitet. Damit war auch der „Kindereuthanasie“ in Deutschland der Weg gebahnt.

In Bezug auf die Benachrichtigung der Eltern war im „Runderlaß des Reichsinnenministeriums vom 1. Juli 1940“ bestimmt: „Sache der Amtsärzte ist es, die Eltern des in Rede stehenden Kindes von der  sich in der näher bezeichneten Anstalt bzw. Abteilung bietenden Behandlungsmöglichkeit in Kenntnis zu setzen und sie gleichzeitig zu einer beschleunigten Einweisung des Kindes zu veranlassen. Den Eltern wird dabei zu eröffnen sein, dass durch die Behandlung bei einzelnen Erkrankungen eine Möglichkeit bestehen kann, auch in Fällen, die bisher als hoffnungslos gelten mussten, gewisse Heilerfolge zu erzielen.“[41]

Im Weigerungsfall der Eltern wurde mit Entzug des Sorgerechts und anderen Zwangsmaßnahmen gedroht. Dabei waren die Gesundheitsbehörden angehalten, die Kinder frühzeitig von Mutter und Vater, von der Familie zu trennen, damit keine engen Beziehungen entstehen können. Für viele der betroffenen Kinder mit sogenannten Erberkrankungen, mit dem amtsärztlichen Befund eines “unwerten Lebens”, führte der Weg in eine Anstalt und von dort nicht selten in den angeordneten Tod.

Die Bedrohung durch die NS-Politik zur Verhütung und Ausmerzung von Erberkrankungen hatte um 1939/40 für etwa 6 Familien in Birkenhain und Sophienthal längst konkrete Gestalt angenommen. Überliefert ist, dass schon Mitte der dreißiger Jahre der erste Erwachsene aus der Gemeinde Sophienthal in die Mühlen der Durchführung der „Erbgesundheitsgesetze“ geraten war und in einer Anstalt verschwand. Im Jahre 1939 traf es die psychiatrisch kranke Tochter einer anderen Familie in Birkenhain. Sie wurde von den Gesundheitsbehörden in Guhrau in eine Anstalt überführt, in der sie schon kurze Zeit später verstarb. In der Öffentlichkeit sprach man darüber nicht, oder „nur hinter vorgehaltener Hand“.

Zwischenzeitlich hatten die zuständigen Reichsministerien neue „Krankheitsbilder“ in den Katalog der NS-Erbgesundheitsgesetze aufgenommen.[42] Dazu gehörte nun auch die angeborene beidseitige „Hüftverrenkung“, die angeborene beidseitige Hüftdysplasie mit Luxationsverläufen. Allerdings hatten einige bedeutende Wissenschaftler, Orthopäden ihrer Meinung Gehör verschaffen können, wonach sich gerade dieses Krankheitsbild in verschiedenen Ausprägungen und Schweregraden manifestiere und durch zeitgemäße medizinische Behandlungs- und Therapieverfahren in Einzelfällen erfolgreich zu beheben sei.[43] Daraus ergab sich dann die neue behördliche Einstufungsvorgabe, dass es „im Einzelfalle zu prüfen sein (wird), ob die Missbildung als eine schwere körperliche Missbildung im Sinne des Gesetzes anzusehen ist”.[44] Wie wissenschaftlichen Veröffentlichungen belegen, war bereits 1938 dazu übergegangen worden, Menschen mit diesem Leiden zwangsweise zu sterilisieren.[45] Auch Neugeborene und ältere Kinder mit derartigen Leiden gerieten nun ebenfalls in das Visier der „Fahnder“ der Gesundheitsbehörden.

In Birkenhain traf Ende 1939 bei Familie Kurt und Frieda Baumert ein Schreiben des Gesundheitsamtes Guhrau ein, dass die Familie in größte Bedrängnis brachte. Hatten Eltern und Großeltern bisher geglaubt, das Leiden ihrer nun vierjährigen Tochter, Enkelin Ingeborg sei nicht von den Erbgesundheitsgesetzen betroffen, so wurden sie nun schriftlich eines anderen belehrt. Die Gesundheitsbehörden in Guhrau hatten gemäß der veränderten Gesetzeslage angeordnet, Ingeborg Baumert wegen ihrer auffälligen Gehbehinderung einer Fachärzte-Kommission vorzustellen. Diese würde darüber entscheiden, ob das Leiden als schwere „Erberkrankung“ einzustufen sei und ob durch medizinische Maßnahmen eine grundlegende Besserung der gesundheitlichen Situation bei dem Kind erreicht werden könne. Die Zwangsuntersuchung musste bis Ende März 1940 erfolgt sein. Die Zustimmung der Eltern zu allen von der Kommission zu treffenden Entscheidungen wurde vorab eingefordert.

Dramatischer konnte es für die Familie Baumert nicht kommen. Der Ehemann und Vater war gerade zur Wehrmacht eingezogen worden. Die Ehefrau und Mutter erwartete ein Kind und fühlte sich in höchstem Maße von diesem Geschehen selbst in ihrer körperlichen Unversehrtheit bedroht. Eine Einstufung des Körperleiden der Tochter als schwere, unheilbare Erbkrankheit hätte nicht nur die vierjährige Tochter in großer Gefahr gebracht, sondern auch die Mutter. Ihr drohten bei einem solchen Einstufungsbescheid der Schwangerschaftsabbruch und die Zwangssterilisation.

Aus dieser Zwangssituation gab es nur den Ausweg, rasch eine Fachklinik zu finden, die berufen und bereit war, auf der Basis der privaten Kostenübernahme durch die Familie die Gehbehinderung der Ingeborg Baumert zu diagnostizieren, zu korrigieren, therapieren. Auf Grund der Familiensituation kümmerte sich die Großmutter, Ida Goletz, um die organisatorische und finanzielle Abwicklung des gesamten Verfahrens. Es wurde in der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums in Breslau realisiert.

 Abb. 34 - Ingeborg Baumert im März 1940 in Breslau 

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Ingeborg Wandschneider geb. Baumert.

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Die vorgeschriebene „Zwangsuntersuchung“ erfolgte im März 1940. Der Charakter einer schweren Erberkrankung wurde glücklicherweise nicht bestätigt. Als Erfolg versprechende Behandlungsmethodik wurde die unblutige Einrenkung des linken Hüftgelenks und eine zusätzliche Therapie des rechten Hüftgelenks bestimmt. Es war für Ingeborg B. und ihre Familie ein überaus glücklicher Tag. Natürlich konnte man jedoch in der Klinik nicht den Erfolg des Eingriffs voraussagen. Die Erfolgsquote solcher im 4./5. Lebensjahr behandelter Fälle lag damals nach 10 Jahren ab Eingriff bei 44 Prozent. So waren nicht alle Gefahren gebannt, die die Erbgesundheitsgesetzgebung noch bringen konnten.

Deshalb hatte sich die Familie auf eine Unterbringung der Tochter ab dem 12.Lebensjahr zur Ausbildung in einer Lehreinrichtung des Diakonischen Werkes in Breslau verständigt. Die Anmeldung und Regelung der vertraglichen Formalitäten dazu erfolgten ebenfalls in den Märztagen 1940.

In der zweiten Jahreshälfte 1940 wurden in Breslau der Eingriff durchgeführt und umfängliche Therapiemaßnahmen eingeleitet. Nach mehrmonatiger Lagerung im zunächst geschlossenen Gipsbett und anschließend in einer Gipsschale im häuslichen Bereich lernte Ingeborg Baumert bis zur Einschulung einen gleichförmigen Gang.

Einen solchen glücklichen Verlauf nahmen in dieser Zeit leider nicht alle Verfahren im Rahmen der Durchsetzung der NS-Erbgesundheitsgesetzgebung.[46]

Wie oft weitere Familien aus Birkenhain und Sophienthal in den Jahren von 1940 bis 1944 mit ihrem neugeborenen Nachwuchs mit den Gesundheitsbehörden wegen so genannter Erberkrankungen in Konflikt gerieten, ist nicht bekannt. Solche Vorgänge vollzogen sich immer fern vom öffentlichen Geschehen. Die betroffenen Familien wollten und durften darüber nicht sprechen. So blieb manches Schicksal bis zum heutigen Tag verborgen.

Die Lehren aus dem verbrecherischen Geschehen der Euthanasie sollten nie vergessen werden!

1941

Karl Wiedenroth - der letzte deutsche Gutsbesitzer in Sophienthal

Das Jahr 1941 brachte für die Einwohner von Birkenhain und Sophienthal weitere Kriegslasten und Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen auf dem Rittergut Sophienthal.

Der Zweite Weltkrieg wurde durch das NS-Regime nach den Blitzkriegsiegen im Osten, Westen, Norden und Süden Europas nun erneut im Osten ausgeweitet. Am 22. Juni 1941 erfolgte der Angriff der deutschen Armeen gegen die Sowjetunion. Sie überschritten in breiter Front den im besetzten Ostpolen gelegenen Fluss Bug und stießen auch in die baltischen Republiken Litauen, Estland und Lettland vor.[47] Hitler wollte den Kriegsplan „Unternehmen Barbarossa“ ebenfalls als Blitzkriegsvariante umgesetzt sehen. Die NS-Propaganda schwor die deutschen Angriffsarmeen an der Ostfront und die deutsche Bevölkerung an der „Heimatfront“ darauf ein. Die große Mehrheit der Deutschen, sicherlich auch in Birkenhain und Sophienthal, glaubte daran. Doch es sollte anders kommen. Die zunächst rasch und erfolgreich vorangetriebenen militärischen Angriffsoperationen blieben vor Moskau stecken.

Mit dem Krieg gegen die Sowjetunion hatte in gewisser Weise der sich im Herbst 1941 auf dem Rittergut Sophienthal vollziehende Eigentümerwechsel zu tun.

Der bisherige Gutsbesitzer Hellmuth Schiller verkaufte am 1. September 1941 sein Rittergut Sophienthal an Karl Wiedenroth. Nach den vorliegenden Unterlagen aus dem Privatarchiv der Familie Schiller, war es offensichtlich ein Verkaufsvorgang, der durch den Landrat des Kreises mehr oder weniger erzwungen wurde. Es war der Abschluss des im obigen Abschnitt zum Jahr 1939 beschriebenen Vorgangs, der in den seit 1938 wiederkehrenden Hochwasserüberflutungen im Areal zwischen Land- und Teinitzgraben seine Entstehungsursache hatte und der durch behördlich verweigerte ausreichende Entschädigungszahlungen in einen sich ständig verschärfenden Konflikt zwischen Gutsbesitzer Schiller und der politischen Führung des Kreises Guhrau mündete.[48]

Bereits im ersten Halbjahr 1941 sah sich deshalb Hellmuth Schiller gegen seinen Willen veranlasst, sein Rittergut Sophienthal deutschlandweit zum Verkauf anzubieten. Die öffentliche Ausschreibung des Gutsbesitzes, das Verkaufsangebot mit detaillierter „Gutsbeschreibung“ erschien in dem „Angebotskatalog der Banken und Kreditanstalten in Deutschland“ unter der Registriernummer: 1.312 mit dem Titel „Brennerei-Rittergut mit größerem Waldbestand in Niederschlesien. Sophienthal Kreis Guhrau“. Die Kaufpreisforderung war mit 430.000 Mark ausgewiesen. Der angegebene Einheitswert belief sich hingegen auf 216.000 Mark. Die Summe der auf dem Gutsbesitz aufgenommenen Hypotheken betrug 140.000 Mark, hinzu kamen Deichlasten.

Für dieses Angebot interessierte sich etwa zeitgleich Landwirt Karl Wiedenroth, Rittergutsbesitzer in Temnick in Pommern. Dieser musste ebenfalls - wie Hellmuth Schiller in Sophienthal, allerdings aus anderen Gründen – auf staatliches Verlangen sein Eigentum an Grund und Boden in Temnick aufgeben. Er hatte das Gut 1928 nach dem Tod seines Vaters, des  Oberamtmanns Eberhard Wiedenroth, übernommen. Da sein Vater schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts drei von dem Fürsten Radcivil in Schlesien gepachtete Güter erfolgreich bewirtschaftete, wuchs sein Sohn Karl Wiedenroth im Verlaufe vieler Jahre in die Aufgaben zur Leitung größerer landwirtschaftlicher Wirtschaftseinheiten hinein.

Dadurch war es ihm möglich das Rittergut Temnick erfolgreich weiter zu führen, bis er es in der Zeit der Vorbereitung des Krieges gegen die Sowjetunion seinen Besitz an die deutsche Wehrmacht abtreten musste. Der bisherige Besitz von Wiedenroth in Temnick lag in einem strategisch günstigen Areal, das für den Bau eines Militärflugplatzes und die Stationierung sowie den Einsatz von Einheiten der deutsche Luftwaffe gegen Kriegsziele in der damaligen Sowjetunion besonders geeignet und deshalb von „kriegswichtiger“ Bedeutung war. Nach vorliegenden Dokumenten des Amtsgerichts Norenberg in Pommern vom 30. Mai 1942 unterzeichneten Karl Wiedenroth und der Beauftragte der staatlichen preußischen Forstverwaltung den notariellen Vertrag zum Verkauf, zum Übergang des in der Gemarkung Temnick, Klein Grünow und Cremmin gelegenen Gutsbesitzes von Karl Wiedenroth an den Preußischen Staat am 20. August 1941.

Geeigneten Ersatz fand der aus einer Gutsbesitzerdynastie stammende Karl Wiedenroth in Sophienthal. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er gewiss nicht, dass der Erwerb und die Bewirtschaftung des im Nordosten Schlesiens gelegenen Rittergutes zu einer kurzen historischen Episode mit einem tragischen Ende werden  sollte.

Für Hellmuth Schiller war der Verkauf seines Gutes in Sophienthal das Ende eines mehrjährigen vergeblichen Kampfes um den Familienbesitz. Er verlor ihn gegen den Landrat und Kreisleiter der NSDAP, gegen die politisch Mächtigen im Kreis Guhrau und im Landesbauernverband in Breslau. Sie beriefen sich in ihrem Vorgehen gegen Gutsbesitzer Schiller auf die Zwänge der Kriegswirtschaft und griffen direkt in die Wirtschaftsführung und Eigentumsrechte der Gutsbesitzerfamilie ein.

Den Kaufvertrag für den Grundbesitz im Areal von Sophienthal und Birkenhain – Urkundenrolle Nummer 197, Jahr 1941 – unterschrieben Hellmuth Schiller und Karl Wiedenroth am 1. September 1941 in Winzig vor dem Notar Dr. Wilhelm Joppich. Am 17. November 1941 erfolgte durch das Amtsgericht Herrnstadt die rechtskräftige Eintragung des Eigentümerwechsels für die im Areal von Sophienthal und Birkenhain liegenden Grundstücke des Gutsbesitzes in das Grundbuch von „Schlaßwitz Gut-Sophienthal, Band I, Blatt Nr.1 und Birkenhain Band I, Blatt 25“.[49]Der zwischen Hellmuth Schiller und Karl Wiedenroth vereinbarte Kaufpreis von 320.000 Mark war vorab vom Landrat Friedrich Stucke festgesetzt worden. Bereits einige Monate vorher, am 15. April 1941, hatte der Landrat per Einschreiben-Brief den Gutsbesitzer Hellmuth Schiller ultimativ aufgefordert, sein Gut innerhalb eines Monats zu verkaufen. Einen dieser Forderung entsprechenden Vertragsabschluß mit einem solventen Käufer hatte der Landrat am 15. August 1941 zurückgewiesen, da es sich beim Käufer um einen “Nichtlandwirt” handelte. Am Ende bekam das Kaufangebot von Landwirt und Rittergutsbesitzer Karl Wiedenroth - das von Johannes Kupp, Bankgeschäft und Gütervermittlung aus Kolberg/ Pommern unterbreitet und von Landrat Friedrich Stucke genehmigt wurde – den Zuschlag.[50]

Nach dem Verkauf des Rittergutes Sophienthal zogen Hellmuth Schiller und seine Ehefrau Lätitia – die ihr fünftes Kind erwartete – mit den anderen vier Kindern in ein angemietetes Wohnhaus in Rayschen bei Gimmel im Kreis Wohlau. Zu dieser Zeit wurde Hellmuth Schiller dienstverpflichtet und anschließend zur Wehrmacht eingezogen. Rückblickend auf die Auseinandersetzung um den Erhalt des Rittergutes Sophienthal schrieb er in einem Brief vom 13. Februar 1945 an seine auf der Flucht befindenden Ehefrau und fünf Kinder die folgenden Zeilen: „Du weißt, dass ich in dem Kampf um Sophienthal viel gelitten u. gelernt habe u. im Geiste diesen Kampf oft mit dem des Krieges verglichen habe. Geht letzterer auch so aus, d.h. dass wir mit Haut und Haaren eben so rauskommen, dann soll es gut sein.“[51]

Die Beschreibung des Kaufobjektes „Rittergut Sophienthal Kreis Guhrau“

mit der Nr.1.312 vermittelt sehr detaillierte Daten[52], Informationen über den Gutsbesitz, über das Inventar und den guten Zustand aller seiner Bereiche. Danach umfasste der Grundbesitz des Gutes Sophienthal eine Gesamtfläche von etwa 560 Hektar. Davon waren ca. 200 ha Ackerland, ca. 9 ha Grünland und ca.300 ha Wald. Die restliche Fläche von ca. 51 ha umfasste Gräben, Wege, Park und Gartenland.

Die Qualität der Ackerflächen wurde „als teils leichter, teils sehr guter Mittelboden – der auch für den Anbau von Zuckerrüben und Weizen geeignet ist“ - bewertet. Im Jahre 1941 hatte der vorherige Gutsbesitzer Schiller die Felder mit Kartoffeln (55 ha), Roggen (45 ha), Hafer-Gerste (25 ha), Mais (9 ha), Zucker- und Futterrüben (6 ha) und auf einer größeren Fläche mit Futtersaaten bestellen lassen. Zur Verkaufsmasse gehörten 7 Pferde, 15 Kühe, 2 Zugochsen, 4 Jungochsen, 1 Bulle, 5 Böcke, 200 Mutterschafe und etwas Nachzucht.

Die technische Ausstattung des Gutes umfasste unter anderem eine guts-interne Stromversorgungsanlage, einen neuen Deutz-Diesel-Trecker, einen kompletter Dreschsatz, eine Saatreinigungsanlage, zwei Lanz-Roder, Binder usw. Die gutseigene Brennerei befand sich in einem guten Zustand. Sie hatte den Rang eines kriegswichtigen Produktionszweiges. Die staatlich erteilten Brennrechte beliefen sich auf 51.200 Ltr. pro Jahr.

An einem großen Park lag das alte stilvolle traditionsreiche Herrenhaus, dessen prominentester Gast – wie schon weiter oben dargestellt - immerhin der Preußische König Friedrich II., Friedrich der Große während des Siebenjährigen Krieges im November 1759 war.[53]

Zum Rittergut gehörte ein großer, geschlossener, rechteckig angeordneter Wirtschaftsgebäudekomplex, der in massiver, schwerer Bauweise errichteten war. Hierin befanden sich, wie es in der Inventarbeschreibung hieß, „genügend Leutewohnungen“ für die Gutsarbeiterfamilien.

Auch der zum Gut gehörende Wald befand sich in einem sehr guten Zustand. Seine Charakteristika lauteten: Überwiegend mitteljährige Baumbestände an Kiefern, Laubwald und Mischwald/ sehr guter Wuchs/ überwiegend ausgezeichnete Schonungen/ guter Wildbestand und ausgezeichnete Jagdbedingungen.

Karl Wiedenroth, seine Ehefrau Roswitha geb. Hartmann und die Kinder Eberhardt (*1924) und Roswitha (*1929) fanden so auf dem Rittergut Sophienthal beste Lebensbedingungen in einer schönen niederschlesischen Landschaft vor.

 

Abb. 35 -Gutsbesitzer Karl Wiedenroth und Ehefrau Roswitha

Die Fotos stammen aus dem Privatbesitz von Dr. Henning Wiedenroth aus Würzburg.

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Nach vorliegenden Überlieferungen war das zwischenmenschliche Verhältnis von Karl Wiedenroth zu den Gutsarbeiterfamilien sowie zu den anderen Einwohnern der Gemeinde distanziert aber korrekt. Es entsprach den damals üblichen Umgangsformen zwischen Angehörigen aus unterschiedlichen sozialen Schichten auf dem Lande.

Seine Tochter Roswitha Wiedenroth gewann rasch zu anderen jungen Leuten aus Sophienthal, Birkenhain, Gimmel und anderen Nachbarorten eine größere Nähe. Zusammen mit Horst Balden aus Birkenhain und weiteren Gymnasiasten aus Gimmel fuhr sie ab 1941 an den Schultagen mit dem von Karl Böhm gelenkten Schulbus zum Gymnasium in Guhrau und zurück nach Sophienthal. Nach den Erinnerungen von Horst Balden - der diese Fahrgelegenheit seit 1938 nutzte – gehörten folgende Schülerinnen und Schüler zu dieser Fahrgemeinschaft: Inge Opitz aus Rayschen, Renate Scholz, Karl-Heinz Röhrricht, Hubert Hirschel, Ekkehard Marzodko aus Gimmel. Weitere Gymnasiasten stiegen in Lübchen, Herrnlauersitz, Kittlau und Groß-Osten in den Personentransporter.

 Abb.36 – Tochter Roswitha Wiedenroth

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz vonDr. Henning Wiedenroth aus Würzburg.

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Der Sohn der Gutsbesitzerfamilie, Eberhard Wiedenroth, wurde bald nach seiner Ankunft in Sophienthal zur Wehrmacht einberufen.

Nach den vorliegenden Überlieferungen konzentrierte sich Karl Wiedenroth auf die kontinuierliche wirtschaftliche Weiterentwicklung des Ritterguts. Die an hohen Ergebnissen orientierte landwirtschaftliche Produktion organisierte und leitete er nach den damaligen Prinzipien modernen Wirtschaftens in großen Einheiten. Der aus Pommern nach Schlesien gekommene Karl Wiedenroth gehörte hier offenbar zu jenen Gutsbesitzern, „die ihren Betrieb und seine Probleme beherrschen und die Zügel fest in der Hand hielten, auch wenn sie sich, wie fast stets, einen Inspektor oder einen älteren Assistenten hielten…“.[54] Diesem Leitungsstil - der von Alfred Henrichs in seinem Buch „Als Landwirt in Schlesien“ beschriebenen Gutsbesitzer - entsprachen die von Wiedenroth innerhalb seines Rittergutes eingeführte strenge Arbeitsordnung und eine gut aufeinander abgestimmte Arbeitsteilung.

Zur Organisation der Arbeit der vorwiegend polnischen Zwangsarbeiterfamilien und der französischen Kriegsgefangenen setzte Karl Wiedenroth schon sehr bald den französischen Kriegsgefangenen Le Claire als “Vorarbeiter” ein. Er blieb mit dieser Aufgabe bis zum Januar 1945 betraut. Die etwa 15 polnischen Zwangsarbeiterfamilien und die ca. 15 – 20 französischen Kriegsgefangenen waren in getrennten Gemeinschaftsräumen untergebracht und gefangen gehalten.

Wie überall in Deutschland bewirkten auch in Sophienthal die kriegsrechtlichen Bestimmungen des NS-Regimes besonders für die polnischen Zwangsarbeiter und ihrer Familien schwere und erbärmliche Arbeits- und Lebensverhältnisse. Sie arbeiteten in den Stallanlagen, auf den Feldern, in den Wiesen und in der Forstwirtschaft des Rittergutes und mussten dabei mit einer größeren Anzahl von deutschen Gutsarbeiterfamilien zusammenwirken. Dabei achteten sowohl die militärischen Wachmänner als auch andere deutsche „Aufpasser“ des Gutes und der Gemeinde darauf, dass zwischen den deutschen Arbeiterinnen sowie Arbeitern und den Zwangsarbeiterinnen sowie Zwangsarbeitern die vorgeschriebenen rassistischen Abgrenzungsmaßregeln strikt eingehalten wurden.

1942/43

Die Lasten des Krieges erschweren die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bevölkerung immer mehr

Das Scheitern der Blitzkriegsstrategie in den Kämpfen vor Moskau und die nun eingeleiteten Vorstöße der Verbände der deutschen Wehrmacht, der Waffen-SS und anderer Einheiten auf Stalingrad und hin zum Kaukasus führten zu Engpässen in der Versorgung der deutschen Soldaten in den harten Wintermonaten 1941/42. Nicht nur die deutschen Truppen an der Ostfront, sondern auch die deutsche Bevölkerung wurde nun noch intensiver auf einen bald nahenden Sieg über den „Bolschewismus“ eingeschworen.

Dazu diente nun auch das schon im September 1933 vom NS-Regime ins Leben gerufene „Winterhilfswerk“ für Notleidende in Deutschland. Im Winter 1941/42 wurde die Sammel- und Spendenaktion für die Soldaten an der Ostfront genutzt. Gesammelt wurden Geld, Wolldecken, warme Winterbekleidung und Skier sowie andere Utensilien. Wie in ganz Deutschland, so strickten auch in der Gemeinde Sophienthal manche Mädchen, junge und alte Frauen Handschuhe, Puls- und Nierenwärmer, Socken, Schals, Kopfschützer für die Soldaten an der Ostfront.

Ebenfalls erfolgte ab Winter 1941/42 eine verstärkte Mobilisierung der Bevölkerung zu zusätzlichen Leistungen in der Arbeit für den Krieg und den angeblich „bevorstehenden Sieg“.

Rationierungsmaßnahmen bei Lebensmitteln, Textilien, Brenn-/Heizmaterialien und anderen Produkten wurden verschärft. Die Ablieferungspflicht aus der landwirtschaftlichen Produktion erreichte neue Dimensionen und erfasste alle Haushalte in den ländlichen Ortschaften. Die für den Selbstbehalt pro Kopf der Familien zustehenden Fleischmengen bei der Hausschlachtung von Vieh wurden drastisch eingeschränkt. In den beiden Dörfern gehörte ein Großteil der Familien zur Gruppe der Selbstversorger. Es handelte sich um die Landwirte und anderen Stellenbesitzer, die auf Grund ihres Viehbestandes und der Erzeugung von Getreide und anderen landwirtschaftlichen Produkten keine Lebensmittelkarten für Fleisch, Milch, Brot, Nährmittel erhielten. Ebenso gab es bei den Kleiderkarten Einschränkungen. Die Rationierung und der „freiwillige“ Verzicht bei allen Dingen des täglichen Bedarfs durchzogen zunehmend den gesamten Lebensrhythmus der Menschen.

Diese Maßnahmen wurden rücksichtslos von den NS-Behörden und ihren aus den  Massenorganisationen rekrutierten Helfern zu einer weiteren Säule der totalen Reglementierung und Kontrolle der Bevölkerung in Stadt und Land nach den Bestimmungen des „Kriegsrechts“ ausgebaut und genutzt. Kontrollen über die Einhaltung der Ablieferungs- und Rationierungsnormen gehörten zum Alltag.

Auch die Familien in Birkenhain und Sophienthal mussten immer größere materielle, finanzielle Lasten tragen. Besonders gravierend wirkte sich für die Landwirtschaftsbetriebe und für die Existenzsicherung der Familien in allen Gehöften in diesen Kriegsmonaten aus, dass innerhalb kurzer Zeit die meisten Männer ab dem 17./18. Lebensjahr zum Reichsarbeitsdienst, zur Wehrmacht, zu den verschiedenen militärischen Einheiten eingezogen wurden. Auf den Bauernhöfen blieben nur die alten Männer und die männlichen Jugendlichen bis zum 16./17. Lebensjahr zurück.

In einer Reihe von Landwirtschaftsbetrieben mussten nun die Frauen die Leitung der Betriebe und die schwere landwirtschaftliche Arbeit der Männer übernehmen. So erging es zum Beispiel Hedwig Goletz (*1912 in: Hirschfeldau bei Sagan). Ihr Ehemann Alfred Goletz wurde im Jahre 1942 zum Militär eingezogen. Nun musste die junge Mutter des 1941 geborenen Sohns Armin zusammen mit ihrer Schwiegermutter, Ida Goletz (*1882), die gemeinsame Landwirtschaft bewältigen.

Allerdings erhielten eine Reihe dieser Landwirte, Familien auf Antrag beim Bürgermeister französische Kriegsgefangene, polnische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen zugeteilt, die einen Großteil der schweren Arbeiten auf den Feldern und Gehöften übernehmen mussten.

Für andere Frauen aus Familien, die keine eigene bäuerliche Wirtschaft hatten und nicht auf dem Rittergut Sophienthal arbeiten mussten, wurden nun solche saisonalen Arbeiten wie das Spargelstechen, die Beeren- und Obsternte in den Plantagen benachbarter Dörfer, Güter (Finkenheide, Gansahr, Klein Wiersewitz, Sorge) in den Rang einer „Dienstverpflichtung“ erhoben. Diese Arbeiten waren vor dem Krieg schon immer von den jungen Frauen der Gemeinde Sophienthal zum Zwecke des Gelderwerbs und als Beitrag zur Versorgung der Familien „freiwillig“ ausgeführt worden. Doch nun gehörten sie zum Instrumentarium der kriegswirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen.

Die Jugendlichen, die seit 1939/40 die Schule verlassen hatten und sich in einer Lehrausbildung bei Maurermeister Röhricht in Gimmel befanden, mussten nun bereits im 2. oder 3. Lehrjahr die Arbeitsaufgaben eines Gesellen ausführen. So erging es Kurt Förster, Reinhard Reichelt und anderen. Sie waren im Jahre 1942 mit den ebenfalls aus Sophienthal und Birkenhain stammenden jungen Maurer-Gesellen Kurt Feld, Alfred Schwithal, Joachim Hoffmann zu umfänglichen Bauarbeiten auf dem benachbarten Rittergut in Finkenheide eingesetzt.

Doch mit dieser friedlichen Arbeit war es für sie bald vorbei. Einer nach dem anderen erhielt in den Jahren 1942/43 seine Einberufung zum Arbeitsdienst, zur Wehrmacht oder als Flakhelfer in einer Einheit der Luftabwehr.

Aber auch die jugendlichen Mädchen waren gefordert. Sie mussten unmittelbar nach dem Ende der Schulausbildung ihr „Pflichtjahr“ in den landwirtschaftlichen Betrieben innerhalb der Gemeinde Sophienthal oder in anderen Betrieben, Institutionen des Kreises antreten. Gisela Kretschmer verließ 1942 die Schule, machte anschließend ihr Pflichtjahr. Danach begann sie eine Ausbildung zur Bürofachkraft. Gerda Mundil begann nach Abschluss der Volksschule im Jahre 1943 eine landwirtschaftliche Ausbildung auf dem Hof ihrer Eltern.

Ilse Förster gehörte ebenfalls zu den Mädchen, die im Jahre 1943 in der evangelischen Kirche in Gimmel konfirmiert wurden und die Volksschule beendeten. Sie musste in der kleinen Landwirtschaft ihrer Eltern in Birkenhain arbeiten und die Arbeitskraft ihres zur Wehrmacht eingezogenen Bruders Kurt „ersetzen“.

Auch von den Jungen und Mädchen in den Gliederungen der Hitlerjugend unterhalb des 14. Lebensjahrs erwartete der NS-Staat ein immer größeres Pensum an landwirtschaftlichen Arbeiten und die Übernahme anderer zusätzlicher Pflichten an der „Heimatfront“ nach der Schule und in den Ferien.

 

 Abb. 37 -  Ilse Förster am Tag der Konfirmation im Jahre 1943  

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Ilse Voß geb. Förster aus Berlin.

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Zu den wachsenden Lasten kamen für viele Familien in den Kriegsjahren das persönliche Leid und die Trauer. Besonders seit den lang anhaltenden Kämpfen um Stalingrad und der Anfang 1943 folgenden Einkesselung sowie Vernichtung der 6. Armee der deutschen Wehrmacht durch die Rote Armee stieg auch in Sophienthal und Birkenhain die Zahl der Kriegstoten und der sogenannten Vermissten von Monat zu Monat.

Immer mehr Familien erhielten die pathetische schriftliche Mitteilung, dass der Ehemann, der Vater, der Sohn, der Onkel in den Kämpfen an den Fronten „für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod“ gestorben war. Die eine oder andere „Gefallenen-Nachricht“ überbrachten der Bürgermeister oder der Ortsgruppenleiter der NSDAP persönlich. Doch das konnte die Trauer und das Leid auch nicht verkleinern.

Zu den im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges Gefallenen und Vermissten aus der Gemeinde Sophienthal gehörten unter anderem:

Kurt und Bruno Feld, Heinz und Fritz Matzel,

Paul Reichelt, Reinhard Reichelt, Ernst Unger,

Alwin Mundil, Richard Baude, Willi Schumann,

Alfons Kohla, Hermann und Herbert Fischer.

Max Lechel aus Dorf Sophienthal ereilte das gleiche traurige Schicksal. Er war 37 Jahre alt, als er 1944 in den Kämpfen an der Ostfront sein Leben lassen musste. Er hinterließ seine schwerkranke Ehefrau Berta Lechel geb. Förster und seine drei Kinder Manfred (*1932/+2002), Ruth (*1935) und Walter (*1939).

 Abb. 38 - Max Lechel aus Sophienthal im Jahre 1939

Die Veröffentlichung des Fotos erfolgt mit dem Einverständnis von Frau Ruth Berges aus Leipzig,

Tochter von Max Lechel.

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Max Lechel wurde im Jahre 1907 geboren. Er verlebte seine Kindheit in Tscheschenheide und besuchte hier auch die Volksschule. Danach erlernte er den Maurerberuf. Bis zum Wintereinbruch arbeitete er in den folgenden Jahren jeweils in seinem Beruf in Gimmel und in der weiteren Umgebung und während der Wintermonate hatte er seinen Arbeitsplatz in der Oderschifffahrt im Bereich des Verladens und des Transportes der im oberschlesischen Bergbau geförderten Steinkohle. So war es auch noch, als er schon geheiratet und eine Familie gegründet hatte. Max Lechel wohnte mit seiner Familie zunächst in Tscheschenheide/Birkenhain und ab 1936 in Sophienthal.

Seine Mutter, Marie Lechel, bewohnte bis zu ihrem Tode im Jahre 1943 das älteste Haus in Tscheschenheide/Birkenhain. Hierin war auch Max Lechel aufgewachsen. Sein Vater war in den dreißiger Jahren gestorben. Das gegenüber der Schule stehende alte Fachwerkhäuschen war etwa um 1820 errichtet worden und noch mit Stroh gedeckt. In dem Haus befanden sich zwei kleine Zimmer, ein Raum mit dem Backofen und den sich anschließenden Stallungen für die Ziegen und die Kleintiere. Alles befand sich unter einem Dach. In den Kindheitserinnerungen von Ruth Berges geb. Lechel erscheint dieses Haus „in seiner Art als einmaliges Bauwerk, in dem wir uns als Kinder himmlisch fühlten“![55]

Andere junge Männer, wie zum Beispiel der Familienvater Kurt Baumert, gerieten in Stalingrad in russischer Kriegsgefangenschaft. In den Kämpfen um Breslau zum Ende des Zweiten Weltkrieges ereilte Horst Balden ein ähnliches Schicksal. In solchen Fällen erhielten die betroffenen Familien eine „Vermisstenmeldung“ und blieben über Jahre mit diesem ungewissen und ungeklärten Schicksal allein.

Was in einer solchen Situation den Familien blieb, war eine immer wieder von Trauer, Zweifeln zerrissene trügerische Hoffnung auf eine Rückkehr des Verschollenen.

Juli 1944 - Januar 1945

Die letzten Monate im heimatlichen Birkenhain und Sophienthal

Der Sommer 1944 neigte sich dem Herbst zu. Die Stimmung in den Dörfern, Birkenhain und Sophienthal, in den Familien wurde durch den dramatischen Verlauf des Krieges, durch die sich nun schon seit Monaten in Russland in „planmäßigen Rückzugsbewegungen“ befindlichen deutschen Truppen immer mehr getrübt. Die Rote Armee drängte die zum „Blitzkrieg“ in die Sowjetunion drei Jahre vorher eingefallenen Armeen Hitlers mit anhaltend wirkungsvollen militärischen Aktionen in Richtung der deutschen Reichsgrenze zurück. Mit der Landung der alliierten Truppen an der Küste der Normandie am 6. Juni 1944 und der Überwindung des als unüberwindlich gepriesenen Atlantikwalls war nun eine zweite Front im Westen entstanden. Auch sie konnte nicht von den deutschen Verbänden gehalten werden. Die angloamerikanischen Invasionsstreitkräfte rückten allmählich in immer breiterer Front in Richtung der deutschen Westgrenze voran.[56]

Je länger der Krieg dauerte, je öfter Todes- ,Vermissten- und Verwundetenmeldungen von den Fronten, aus den Lazaretten diese oder jene Familie erreichten, umso mehr fühlten sich die Menschen mit solchen in ihrem Inneren bohrenden Fragen konfrontiert: „Wofür das alles?“, „Warum musste unser Vater, Großvater, Ehemann, unser Sohn sterben?“ oder „Was kommt noch alles auf uns zu?“ Diese und andere Fragen blieben jedoch in den vier Wänden des Heimes, in der Verschwiegenheit der „geschlossenen Familien“. Niemand traute sich, seinen Schmerz, seine Trauer, seine Ohnmacht, seine Fragen und Gedanken in die Öffentlichkeit zu tragen, in die noch vorhandene Weite der niederschlesischen Heimat hinaus zu schreien!

Doch nicht nur die Nachrichten von den Fronten des Krieges erschreckten die Menschen in Birkenhain und Sophienthal. Zu ihnen drangen nun auch die Meldungen von flüchtenden Deutschen in langen Trecks vor den vordringenden Truppen der Roten Armee. Die Ängste um die an den Fronten kämpfenden Angehörigen, um die Zukunft, um die Existenz der Familien nahmen allmählich einen beherrschenden Platz im Denken und Fühlen von zunehmend mehr Menschen ein. In mancher Familie schlugen Tränen, Trauer über die Nachricht über den „Heldentod“ des geliebten Angehörigen in Empörung, Wut über den schrecklichen Krieg um.

Aber das wendete die Schicksalsschläge, die die Familien trafen, nicht ab.

Von einem solchen Schicksalsschlag blieb auch die Familie des Gutsbesitzers von Sophienthal nicht verschont. Anfang September 1944 erreichte Karl Wiedenroth, seine Ehefrau Roswitha und Tochter Roswitha die Nachricht vom Tod des geliebten Sohnes und Bruders.

Eberhard Wiedenroth war im Monat seines 20. Geburtstages, am 26. August 1944 in den Kämpfen an der Ostfront in Lettland gefallen.

 Abb.39 - Eberhard Wiedenroth im Jahre 1943

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Dr. Henning Wiedenroth aus Würzburg.

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Diese Nachricht löste nicht nur große Trauer aus, sondern erschütterte den Gutsbesitzer Wiedenroth offenbar zutiefst. In einem Brief an seinen Vetter vom 12. September 1944 schrieb er für die Zeit und Stimmung im Lande erstaunlich offen über seine Gefühle, seine sich wandelnde Haltung zum Kriegsgeschehen: „Schönen Dank für … das Entgegenkommen, ev. etliche Sachen von uns zu Hause aufnehmen zu wollen. Wie das nun alles wird, wissen wir noch nicht. Ist ja auch ziemlich gleichgültig. Ich habe alles Interesse verloren, weil ich Dir leider mitteilen muss, dass Eberhard tot ist. Er fiel am 26/8. in Lettland. Damit ist der Krieg für mich erledigt und gleichgültig geworden..., ich wünsche Dir alles Gute, vor allen Dingen, daß der Saukrieg bald zu Ende ist.“[57]

Hätten Einwohner von Birkenhain und Sophienthal, die Gutsarbeiter und Gutsarbeiterinnen damals von solchen Briefinhalten ihres Rittergutsbesitzers gewusst, dann hätten sie sich zumindest gewundert. Immerhin ergibt sich aus den Zeilen von Karl Wiedenroth eine Haltung zum Krieg, zum offiziell propagierten „Endsieg“, die nach der Verkündung des „Totalen Krieges“ durch „Reichspropagandaminister“ Goebbels wohl schon den Kriegsrechtstatbestand des „Defätismus“ weit überschritt. Auch der Hinweis im Brief darauf, dass man in der Rittergutsfamilie begonnen hatte, Vorsorge zu treffen, falls es mit dem „Sieg“ nichts werden sollte, gehörte in den Bereich der Hochverrats und konnte zur Inhaftierung oder gar zum Tod führen.

Schon vor dem Tod seines Sohnes hatte Karl Wiedenroth zu Hitlers Kriegspolitik, zum „Sieg“ ernsthafte Zweifel gehegt und sie einem Brief anvertraut. In seinem Brief vom 6. August 1944 schrieb er an seinem Vetter die folgenden Zeilen: „Es gibt soviel Arbeit, daß man gar nicht zum Schreiben kommt. Außerdem drückt der Krieg doch gewaltig. Eberhard ist seit März wieder draußen - obwohl noch nicht geheilt …Die Ernte ist ganz leidlich, aber weit zurück, da Maschinen u. der umgebaute Holzgastrecker viel versagten. Rüben und Kartoffeln stehen gut…Im Übrigen spitzen sich hier die Verhältnisse dramatisch zu. Die Russen drücken anscheinend stark auf Schlesien und wir leben hier in großer Sorge was die nächste Zeit bringen wird.

Eben habe ich Raum zur Verfügung gestellt für 300 Mann (Schanzarbeiter), nachdem man jahrelang an keine befestigte Stellung hinter der Front gedacht hat! Bei uns im Weltkrieg war eine solche Linie im Rücken eine fundamentale Selbstverständlichkeit! ... Deine Ernteaussichten sind doch sicher wieder gut. Es steht wohl auch überall im Reiche besser als im vergangenen Jahr. Meine Hackfruchternte jedenfalls war katastrophal, Raps und Wintergerste ebenso. Dies Jahr (kommt) doch alles anders. Hoffentlich können wir es auch noch ernten…“[58]

Die Recherchen ergaben, dass in dieser Zeit auf dem Rittergut Sophienthal die Zwangsbedingungen der französischen Kriegsgefangenen gewisse Lockerungen erfuhren. Berichtet wurde darüber, dass von Rittergutsbesitzer Karl Wiedenroth, von den Bediensteten des Rittergutes und von den politisch Verantwortlichen der Gemeinde im Verlaufe der Kriegsjahre zunehmend „geduldet“ wurde, wenn deutsche Landarbeiter und andere Einwohner der Dörfer versuchten, die Lage der polnischen Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und der französischen Kriegsgefangenen durch vielfältige Gesten des Mitleids und Mitmenschlichkeit zu lindern. „Man sah darüber hinweg“, wenn diese geschundenen Menschen Kleidungsstücke, Schuhe und auch Lebensmittel von einzelnen Einwohnern, Familien unter dem „Siegel der Verschwiegenheit“ erhielten.

Der Wachmann der Gefangenen und die politisch Verantwortungsträger in der Gemeinde ließen es ebenfalls gelegentlich zu, wenn die französischen Kriegsgefangenen am Sonntag bei verschiedenen Familien in Sophienthal zusätzliche Arbeiten in den Stallungen und auf dem Hof ausführten. In den Jahren 1943/44 gab es nur einen Wachsoldaten auf dem Rittergut in Sophienthal. Es handelte sich um Max Willner aus Breslau. Vor dem Krieg hatte er seinen Lebensunterhalt als Artist verdient.

Zu den geduldeten Dienstleistungen der französischen Kriegsgefangenen gehörte auch das Zerkleinern des Wintervorrats an Holz. So führte zum Beispiel der französische Kriegsgefangene Le Claire derartige Arbeiten regelmäßig im Gehöft der Familie von Elisabeth Hoffmann in Birkenhain aus. Auf dem nachfolgenden Foto aus der Zeit des Spätsommers 1944 ist eine solche Situation eingefangen.

 Abb.40 -Grete Riegner (*1922) mit Wolfgang Hoffmann (*1940) – Sohn von Elisabeth Hoffmann geb. Riegner – und dem franz. Kriegsgefangenen Le Claire (*ca. 1918) – mit Hund „Minka“.

Das Foto stammt aus dem Nachlass von Elisabeth Hoffmann und wurde von ihrem Sohn Hans Hoffmann aus Saalfeld für diese Chronik zur Verfügung gestellt.

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Doch die politische Situation in der Gemeinde Sophienthal war in diesen Monaten nicht in allen Fällen durch „Duldung“ allen Geschehens gekennzeichnet. Überliefert ist beispielsweise, dass es im Spätsommer 1944 zu einem Ereignis im Hause von Frieda Baumert kam, das offenbar nicht nur die unmittelbar betroffene Familie aufschreckte. Als die Familie Baumert an einem frühen Nachmittag vom Ernteeinsatz auf den Feldern von Großmutter nach Hause kam, fand sie die Räumlichkeiten des Hauses in einem durchgewühlten Zustand vor. Alle Schränke, Schubladen, Betten, Truhen und andere Behältnisse waren offenbar systematisch durchsucht worden, Auf den Fußböden lagen Wäsche und Papiere zerstreut herum. Schmuck, Geld, Fotosammlungen lagen an ihrem Platz, waren jedoch offensichtlich von fremden Händen „durchgesehen“ worden. Auch das batteriebetriebene Radio im Wohnzimmer gehörte offenbar zu den untersuchten Gegenständen.

Frieda Baumert und ihre Kinder betrachteten entsetzt das vorgefundene Chaos. Sie spürten in diesem Augenblick die noch nicht zuzuordnende, aber zu erahnende unbekannte Quelle der Bedrohung. Raten konnte in dieser Situation nur die überaus erfahrene und furchtlose Mutter und Großmutter. Als diese sich den Vorfall schildern ließ, war ihr klar, dass es sich nicht um einen Einbruch von kleinen Kriminellen gehandelt haben konnte. So gingen nach Meinung von Ida Goletz nur Leute vor, die “von staatswegen“ eine letzte Warnung aussprachen. Es war eben im Spätsommer 1944 nicht allgemein so, dass Mitleid und verbotene Hilfe für Gefangene, Zwangsarbeiter toleriert wurden. Schon gar nicht blieben defätistische Äußerungen zum Kriegsgeschehen, wie sie manchmal in geselliger Runde z.B. im inoffiziellen Frauentreff bei einer Freundin in Sophienthal locker über die Zunge sprudelten, auch tatsächlich in den vier Wänden, des “Tatortes“ blieben.

In dieser prekären und gefahrvollen Situation für die ganze “Sippe“ war keine Zeit für eigenständige Analysen des Vorgefallenen und schon gar nicht für unbedachtes Gerede im Dorf. Ida Goletz drängte ihre Tochter dazu, sich sofort zu Gendarmerie-Meister August Ischdonat in Gimmel zu begeben und ihm die ganze Sache zu schildern und um seinen „freundschaftlichen“ Rat zu bitten. Ida Goletz war sich sicher, dass Ischdonat längst von dem Vorgefallenen wusste. So war es wohl auch. Jedenfalls erteilte er Frieda Baumert den dringenden Rat, die Unordnung in ihrer Wohnung zu beseitigen und nicht über die Angelegenheit zu reden. Sie solle alles vergessen, sich künftig so verhalten, wie es sich für „Volksgenossinnen“ gehört. Es sei doch noch nichts passiert!

Nun wusste man in den Häusern der Familie von Frieda Baumert und Ida Goletz, dass unauffälliges „Wohlverhalten“ in Wort und Tat, Schweigsamkeit und eine zurückgezogene Lebensart in Zeiten des “Totalen Krieges“ und unbedingter Staatsräson im öffentlichen Bereich zu den Überlebensregeln gehören!

Viele Einwohner von Birkenhain und Sophienthal spürten, das in den letzten Monaten des fünften Kriegsjahres vieles anders war, als sonst! Eine eigenartige dumpfe Spannung, Angst und Unruhe hatten die Menschen ergriffen. Selbst die Kinder fühlten sich mehr und mehr von dieser immer bedrohlicher wirkenden und nicht zu deutenden Situation gepackt.

In der Schule, im Unterricht wurde immer öfter „vom heldenhaften Kampf der deutschen Wehrmacht an der Ostfront gegen die vergeblich angreifenden russischen Truppen“ und vom „Endsieg“ gesprochen. Heldenerzählungen über „unsere tapferen Soldaten“ und über den „Heldentod“ der Gefallenen für „Führer, Volk und Vaterland“ richteten sich besonders an die älteren Schüler, an die 12 bis 14 jährigen Jungen der einklassigen Schule. Immerhin hatten in diesen Wochen die meisten älteren Jugendlichen des Dorfes, die 16 und 17 jährigen Jungen ihre Schulbänke in den höheren Lehranstalten in Guhrau oder Breslau, ihre Arbeitsplätze auf dem Gut, den elterlichen Höfen oder in den nahe gelegenen Betrieben gegen den Dienst in der Wehrmacht, als Flakhelfer vertauschen müssen. Darunter befanden sich unter anderem Horst Balden, Kurt Förster, Walter Mundil. Letzterer hatte nach der Maurerlehre bei der Firma Röhricht in Gimmel im Oktober 1943 ein Studium an der Staatsbauschule in Breslau begonnen. Doch bereits im Juli 1944 wurde er zunächst zum Arbeitsdienst einberufen. Kurze Zeit später erhielt er seinen Einberufungsbefehl zur Wehrmacht.

Aber auch von den bisher als „kriegsuntauglich“ eingestuften älteren Männern der Gemeinde Sophienthal wurden nun einige für den seit Ende September 1944 im Aufbau befindlichen „Volkssturm“ rekrutiert. Sie hatten in Gimmel oder in Guhrau ihre  wöchentlichen militärischen Ausbildungskurse am Karabiner, an der „Panzerfaust“, zum Bau von Panzersperren sowie verschiedene militärische Übungen zu absolvieren.

Andere Männer im höheren Lebensalter hatten auch weiterhin ihre Arbeitspflichten zu erfüllen. Dazu gehörte unter anderem Schmiedemeister Karl Fischer (*1876). Er verrichtete auch noch in seinem 69. Lebensjahr wie eh und je die anstrengenden Schmiedearbeiten für das Rittergut und für die Landwirte in der Gemeinde Sophienthal. Seine Söhne Hermann (*1910), Gerhard (*1917), Georg (*1919), Herbert (*1923) und Bernhard (*1926) waren während der Kriegsjahre zur Wehrmacht einberufen worden. Hermann und Herbert Fischer gehörten zu den Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Sohn Fritz (*1907) wurde nicht zur Wehrmacht eingezogen, sondern zunächst zur Arbeit in einem Betrieb bei Steinau an der Oder und später in Berlin „dienstverpflichtet“.

Das Näherrücken des Krieges blieb den Einwohnern in Birkenhain und Sophienthal auch deshalb nicht verborgen, weil im Spätherbst in Birkenhain eine Kolonne von überwiegend russischen Kriegsgefangenen, die von deutschen Soldaten bewacht wurden, tiefe Gräben ausheben und darin dicke Kabel verlegen mussten. Sie hatten sich mit ihren ausgeschachteten Gräben über viele Kilometer immer näher an Birkenhain herangearbeitet. Als sie Ende Oktober 1944 mit ihren schweren Arbeiten im Dorf fertig waren, mussten sie ihre Erdarbeiten Kilometer um Kilometer - sich immer weiter vom Dorf entfernend - fortsetzen.

Für die Einwohner von Birkenhain war die tagelange Anwesenheit dieser erbärmlich anmutenden, bedauernswerten ausländischen „Schanzarbeiter“ ein Vorgang, der bis heute bei den noch lebenden Einwohnern und deren Nachkommen im Gedächtnis haften geblieben ist. Die Erwachsenen und Kinder, erlebten damals, wie eine größere Gruppe von geschundenen jungen und älteren Männern bei kaltem Spätherbstwetter mit den ersten Bodenfrösten in zerschlissener, nicht wärmender Kleidung, zum Teil ohne festes Schuhwerk - manche waren sogar barfuss - schwerste Schanzarbeiten vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit verrichten mussten.

Wenn sie sich abends an der Straßenkreuzung bei Riegners Gasthof, im Bereich der Schule sammelten und auf ihren Abtransport ins Lager warteten, erklangen nicht selten aus einem anschwellenden vielstimmigen  Männerchor, fremde, schwermütige und doch sehr schön klingende Lieder.

Alles, was mit diesen Schanzarbeiten zusammenhing, geschah unter dem Siegel der Geheimhaltung und unter schärfster Bewachung der bis zum Umfallen schuftenden Gefangenen. Der Kontakt mit den Schanzarbeitern wurde immer wieder strikt unterbunden.

Trotzdem geschah in diesen Tagen oftmals Merkwürdiges! In der Dunkelheit begannen hier und da Dorfbewohner alte Männerschuhe und warme zusammengerollte Kleidungsstücke an den Grabenrand zu legen. Natürlich geschah das soweit vom eigenen Grundstück entfernt, dass der „Spender“ kaum ermittelt werden konnte. Kamen die Gefangenen am frühen Morgen an ihre Arbeitsplätze, fanden sie die Sachen vor.

Nicht selten wurden sie ihnen jedoch von den Wachleuten entrissen. Doch es gab auch einige, die darüber hinwegschauten. Es wurden von den Einwohnern auch Brotstücke durch den Zaun nach draußen gereicht. Das besorgten die Kinder meistens. Für sie war es dann besonders erschreckend, wenn die Brotbrocken rasch von den Männern verschlungen wurden, damit es die Wachmannschaften nicht merkten. Sahen diese es jedoch, wurde die Nahrung im Sand von ihnen zertreten und die aufgefallenen Gefangenen wurden dann von den Aufsehern mit dem Gewehrkolben traktiert.

Man erzählte sich im Dorf, dass diese Arbeiten mit der Errichtung des “Ostwalles– “Barthold-Linie“ genannt[59] - zusammenhängen würden. An dieser viele Kilometer langen Befestigung, die sich auch hinter Guhrau im Bereich der früheren deutschen Reichsgrenze entlang zog, mussten die Männer des Volkssturms und die Jungen aus der Hitlerjugend “Schanzarbeiten“ leisten. An der Bartsch hatte man ebenfalls damit begonnen, eine weitere “Befestigungslinie“ auszuheben.

Doch der “Ostwall“ sollte nach der NS-Propaganda, nach der Argumentation örtlicher Funktionsträger kein “Verteidigungswall“ sein. Vielmehr würden von hier aus neu formierte Truppenverbände gegen die Russen aufbrechen, sie “vernichten“ und den “Endsieg“ herbeiführen.

Alle diese Ereignisse überschatteten die nahenden Weihnachtstage 1944. Selbst bei den Schulkindern, die in die Weihnachtsferien entlassen wurden, kam keine rechte Freude auf. Doch die tief verschneite, frostige Winterlandschaft lockte die Kinder zum Winterspaß, zum Schlittenfahren und zum Schlittschuhlaufen aus den Häusern. Hiervon existiert noch ein Foto, vielleicht eines der letzten Bilder, die in Birkenhain von deutschen Einwohnern während der Weihnachtstage 1944 mit der Kamera erfasst wurden.

 Abb. 41 - Die Kinder Walter und Dieter Hoffmann mit dem Schlitten in der Schneelandschaft vonBirkenhain um Weihnachten 1944.

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz von Elisabeth Hoffmann geb. Riegner (+2006).

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 Der dramatische Verlauf des Krieges, die Kämpfe im Bereich der alten Ost-Grenze Schlesiens führte in diesen Tagen und Wochen dazu, dass die sonst üblichen Abläufe des Weihnachtsfestes und des Jahreswechsels nur sehr eingeschränkt vollzogen wurden.

In vielen Familien gab es natürlich noch eine Weihnachtsbescherung für die Kinder. Doch sie fiel in diesen Notzeiten spärlich aus und beschränkte sich auf nützliche, gestrickte, wärmende Kleidungsstücke.

Wie groß die Anzahl der Gläubigen war, die nach Gimmel durch den Schnee stapften, um an der traditionellen Christvesper in der evangelischen Kirche teilzunehmen, ist nicht genau überliefert. Bekannt ist auch nicht, welcher Pastor in Gimmel predigte und mit den Gläubigen betete. Pastor Ermel, der Seelsorger des Kirchspiels Gimmel, war an der Ostfront gefallen.

In den meisten Familien gab es sicherlich wie immer am späten Heiligabend schlesische Mohnklöße. Als Mittagsmahl am ersten Weihnachtstag wurden sonst traditionell Eisbein, Hirsebrei und Sauerkraut gereicht. In welchen Familien das der Fall war, ist nicht überliefert.

In den Familien dürfte die “Weihnachtsstimmung“  von der quälenden und unheilvollen Ahnung überschattet gewesen sein,  dass die Weihnacht 1944 die letzte in der schlesischen Heimat, in Birkenhain und Sophienthal sein könnte?!

Einige wenige Familien aus der Gemeinde, die nicht mit der Landwirtschaft befasst waren, soll diese Ahnung vorsorglich zu einer Reise, zum Weihnachtsbesuch zu Verwandten ins Innere Deutschlands veranlasst haben. Dazu gehörte auch die Familie von Alfred Buls. Da er als einziger Einwohner aus Birkenhain einen Personenkraftwagen besaß, konnte er diese „Winterreise ohne Heimkehr“ unauffällig unternehmen.

Solche Reisen konnte in diesen Tagen nur derjenige antreten, der keine Furcht vor politische Risiken hatte oder vor derartigen Gefahren „geschützt“ war.

Eigenmächtiges Verlassen des Heimatdorfes galt auch für die Zivilbevölkerung als „Flucht vor dem Feind“ und erfüllte den kriegsrechtlichen Tatbestand des „Hochverrats“. Sowohl der Kreisleiter der NSDAP in Guhrau, als auch seine nachgeordneten Funktionsträger in Gimmel und in der Gemeinde Sophienthal hielten sich zu dieser Zeit noch strikt an die Weisung, an die „Durchhalteparolen“ des in Breslau residierenden Gauleiters der NSDAP Karl Hanke: „Wer die schlesische Heimat verlässt, zweifelt an den Endsieg und ist als Hochverräter mit dem Tod zu bestrafen!“

Bis in den Monat Januar 1945 hinein verkündete die NS-Führung den Menschen im Kreis Guhrau und anderswo in Schlesien: Es ist „…ausgeschlossen, dass hier jemals ein Feind hinkommt. Wenn einer die Pferde wildmachen will, den werde ich sofort erschießen lassen!“[60]

So wäre es in den Tagen um den 15. Januar 1945 beinahe Karl Riegner in Birkenhain ergangen. Nach mündlichen Überlieferungen hatte Riegner in seiner Scheune für seinen heimlich vorbereiteten Fluchtwagen eine aufsetzbare Überdachung angefertigt. Diese unheilvolle Tat wurde einigen führenden Leuten im Dorf bekannt. Sie zeigten Karl Riegner jedoch nicht bei den „Oberen“ des Kreises an. Er erhielt allerdings eine ernsthafte Verwarnung und hatte den Befehl zu befolgen, das Planwagendach unverzüglich zu beseitigen, zu zerstören.

Krampfhaft wurde hingegen in den Tagen der ersten Hälfte des Monats Januar 1945 in Birkenhain und Sophienthal versucht - wie von den NS-Kreisbehörden in Guhrau befohlen - ein normales Leben der „Dorfgemeinschaften“ zu gewährleisten. Dazu gehörte auch, dass nach dem Jahreswechsel, nach den Weihnachtsferien der Schulbetrieb wieder für wenige Tage aufgenommen wurde.

Quälende Unruhe, Existenzängste und Ohnmacht gegenüber dem unaufhaltsam auf den Kreis Guhrau und so auch auf Birkenhain und Sophienthal zurollenden Kriegsgeschehen beherrschten nun vollständig das Leben der Menschen. Die „Gerüchteküche“ brodelte unentwegt. Die NS-Propaganda versuchte sie mit den Parolen von der bevorstehenden Wende des Krieges und dem Beginn einer großen Angriffsoperation der deutschen Truppen mit Unterstützung von „Wunderwaffen“ zur Vernichtung des Feindes zu ersticken. Immer weniger Menschen glaubten daran!

Unbeeindruckt von diesem Geschehen verließ Rittergutsbesitzer Karl Wiedenroth mit Ehefrau und Tochter noch zur rechten Zeit Sophienthal mit geeigneten Transportmitteln, einem Teil seines Hausrats und mit 4 Pferden. Der Kriegsgefangene Le Claire fuhr offenbar das Transportfahrzeug, einen Trecker mit Anhängern und kehrte dann nach Sophienthal zurück. Der Gutsbetrieb wurde in den verbleibenden Januartagen 1945 bis zum bitteren Ende von beauftragten deutschen Gutsarbeitern aufrechterhalten.

 

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[1] Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Deutschland 1933-1945 Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, © Bundeszentrale für politische Bildung, 1992 Bonn, S. 15.

[2] Siehe auch: Winfried Irgang, Werner Bein, Helmut Neubach: Schlesien - Geschichte, Kultur und Wirtschaft, 1995 Köln, Verlag Wissenschaft und Politik, [Historische Landeskunde – deutsche Geschichte im Osten; Bd. 4. Herausgegeben von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen], S. 230 u. 234.

[3] Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Deutschland 1933-1945 Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, © Bundeszentrale für politische Bildung, 1992 Bonn, S. 21.

[4] Siehe ebenda.

[5] Siehe: Helmut M. Müller, Schlaglichter der deutschen Geschichte, In Zusammenarbeit mit Karl Friedrich Krieger, Hanna Vollrath und Meyers Lexikonredaktion, Zweite, aktualisierte und erweiterte Auflage, 1990 Bonn,  Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, © Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG und Mannheimer Morgen Großdruckerei und Verlag GmbH, Mannheim, S. 18.

[6] Prozentuale Berechnung durch die Autoren dieser Chronik nach den statistischen Angaben, die von Michael Rademacher auf seinen Internetseiten „Geschichte Preußen, Provinz Schlesien, Kreis Guhrau unter der Web-Adresse: http://www.literad.de/regional/publik.html veröffentlicht waren.

[7] Nach schriftlicher Information für diese Chronik durch den ehemaligen Einwohner aus Tscheschenheide, Kurt Förster. Unterlagen bei den Autoren dieser Chronik.

[8] Siehe auch: Rolf Jehke, Herdecke, Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874 – 1945, Guhrau/Luebchen (1815/1818),  in: http://www.territorial.de/ndschles/guhrau.htm ;  Siehe: http://dirk.steindorf-sabath.com/ Stadt und Kreis Guhrau/Der Kreis/Die Menschen/Landräte

[9] Siehe: Preußisches Gemeindeverfassungsgesetz vom 15. Dezember 1933. Aus: Wikipedia, der freien Enzyklopädia, in: http://de.wikipedia.org .

[10] Ebenda.

[11] Siehe: Schlesische Güteradressbücher 1870 – 1937, Digitale Quellen zur schlesischen Kulturgeschichte, Hrsg.: Museum für schlesische Landeskunde im Haus Schlesien Königswinter-Heisterbacherrott/ Martin Opitz-Bibliothek Herne; 2004, CD 1 von 2. Wissenschaftliche Einführung von Dr. Stephan Kaiser, Zur Entwicklung der Rittergüter.

[12] Siehe ebenda.

[13] Unterlagen des Privatarchivs der Gutsbesitzerfamilien Giese und Schiller bei Rolf Schiller in Ravensburg. Kopien im Besitz der Autoren der vorliegenden Ortsgeschichte.

[14] Guhrauer Grenzbote 1936 Kalender für Stadt und Kreis Guhrau, Verlag: A. Ziehlke Guhrauer Druckerei G.m.b.H., Guhrau.

[15] Siehe: Schlesisches Güteradressbuch 1937, Verzeichnis sämtlicher Rittergüter sowie der größeren Landgüter der Provinzen Nieder- und Oberschlesien, Fünfzehnte Ausgabe, Breslau 1937, Verlag von Wilh. Gottl. Korn, S. 121. In: Schlesische Güteradressbücher 1870 – 1937, Digitale Quellen zur schlesischen Kulturgeschichte, Hrsg.: Museum für schlesische Landeskunde im Haus Schlesien Königswinter-Heisterbacherrott/ Martin Opitz-Bibliothek Herne; 2004, CD 1 von 2. 

[16] Siehe unter anderem: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Deutschland 1933-1945 Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, © Bundeszentrale für politische Bildung, 1992 Bonn, S. 146.

[17] Siehe: Deutsche Gemeindeordnung – Wikipedia, in: http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Gemeindeordnung .

[18] Siehe: Deutsche Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935. Ursprüngliche Fassung unter Berücksichtigung der Durchführungsbestimmungen bis 1945. In: http://www.verfassungen.de/de/de33-45/hinweis.htm .

[19] Siehe: Guhrauer Grenzbote 1936, Kalender für Stadt und Kreis Guhrau, Druck und Verlag: A. Ziehlke Guhrauer Druckerei G.m.b.H. Guhrau, Bez. Breslau, 3. Heimatlicher Teil, Behörden und Wirtschaftsverbände.

[20] Siehe: Winfried Irgang, Werner Bein, Helmut Neubach, Schlesien:  Geschichte, Kultur und Wirtschaft, 1995, Verlag Wissenschaft und Politik; (Publikationsreihe: Historische Landeskunde, Deutsche Geschichte im Osten, Band 4, Herausgegeben von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen), S. 231.

[21] Siehe: Guhrauer Grenzbote 1936, Kalender für Stadt und Kreis Guhrau, Druck und Verlag: A. Ziehlke Guhrauer Druckerei G.m.b.H. Guhrau, Bez. Breslau, 3. Heimatlicher Teil, Behörden und Wirtschaftsverbände.

[22] Siehe ebenda.

[23] Nach:  Einwohnerbuch 1941, I. Teil, Stadt und Kreis Guhrau, Seite 1 – 134; II. Teil, Stadt und Kreis Fraustadt einschließlich der Stadt Schlichtingsheim, Seite 135 – 202, Breslauer Verlags- und  Druckerei G.m.b.H., S. 124 f.; Standort: Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Signatur: 1: Tb 4135 <a> - 1941. Schriftliche Zuordnung der Einwohner zu den Dörfern Birkenhain u. Sophienthal sowie zum Rittergut durch Horst Balden, Kurt Förster, Elisabeth u. Hans Hoffmann, Kurt Mundil, Gerda Reda geb. Mundil – Unterlagen befinden sich bei den Autoren.

[24] Nach Aufzeichnungen von Elly Richter geb. Nowak, ehemalige Einwohnerin in Gimmel. Aufz. Befinden sich bei den Autoren.

[25] Siehe: Dirk Steindorf-Sabath, Die Dörfer im Kreis Guhrau, Gimmel, in: http://dirk.steindorf-sabath.com .

[26] Nach Aufzeichnungen von Elly Richter geb. Nowak, ehemalige Einwohnerin in Gimmel. Aufz. Befinden sich bei den Autoren.

[27] Gesetz über die Hitlerjugend (1.12.1936), in: http://www.documentArchiv.de/ns/1936/hj_ges.html .

[28] Ebenda.

[29] Siehe: Zweite Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Hitlerjugend (Jugenddienstverordnung) vom 25. März 1939, in: http://www.verfassungen.de/de/de33-45/hitlerjugend36.htm .

[30] Ebenda.

[31] Siehe: Deutsche Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935. Ursprüngliche Fassung unter Berücksichtigung der Durchführungsbestimmungen bis 1945. In: http://www.verfassungen.de/de/de33-45/hinweis.htm .

[32] Diese Darstellungen beziehen sich auf die entsprechenden Gesetzestexte und wissenschaftliche Darstellungen dazu.

[33] Ebenda.

[34] Helmut M. Müller, Schlaglichter der deutschen Geschichte, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, Redaktion: Rüdiger Thomas; © Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, S. 283.

[35] Siehe: Rolf-Dieter Müller, Grundzüge der deutschen Kriegswirtschaft 1939 bis 1945. In: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Deutschland 1933-1945 Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, © Bundeszentrale für politische Bildung, 1992 Bonn, S. 360 ff.

[36] Nach mündlichen Überlieferungen von der in Sophienthal geborenen Ruth Lechel (verh. Berges) aus Leipzig.

[37] Siehe: Unterlagen aus dem Privatarchiv der Familie Schiller – bei Rolf Schiller in Ravensburg; Kopien befinden sich bei den Autoren der vorliegenden Chronik.

[38] Siehe: Reichsgesetzblatt, Teil I, 1933, Nr. 86, S. 529 ff.

[39] Siehe ebenda.

[40] Siehe: Quellen zur Geschichte der Euthanasie – Verbrechen 1939 – 1945 in deutschen und österreichischen Archiven. Ein Inventar des Bundesarchivs bearbeitet von Dr. Harald Jenner; in: http://www.bundesarchiv.de/findbuecher/stab/euth/Inventar_euth_doe.pdf . Die Bezeichnung „T 4 – Aktion“ war eine Tarnbezeichnung, die aus der Adresse des Sitzes der leitenden Behörde dieses verbrecherischen Programms - dem Reichsausschuss - in Berlin in der Tiergartenstraße 4 abgeleitet war. Die „T 4-Aktion“ war ursprünglich „nur“ auf betroffene Erwachsene in Anstalten gerichtet. Doch sehr bald wurden auch Kinder einbezogen, die sich bereits in Anstalten befanden bzw. nach dem seit 1939/40 geltenden Melde- und Einstufungsverfahren in solche Anstalten verbracht wurden bzw. sich dort schon befanden.

[41] Runderlaß des Reichsinnenministeriums vom 1.7.1940, IV b 2140/1079 Mi.; nachzulesen unter anderem bei: Ernst Klee, Dokumente zur Euthanasie, 1997 Frankfurt, Verlag Fischer, S. 300.

[42] Siehe hierzu: Gütt – Rüdin – Ruttke, Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Gesetze und Erläuterungen, 1936, 2. Aufl., Erläuterungen zu dem Kapitel: Schwere erbliche Missbildung, Abschnitt: die sog. Hüftgelenksverrenkung, S. 168; Faber, Die Hüftgelenksverrenkung, eine Erbkrankheit!, Zbl. Chir. 1938, Nr. 17; Gaugele, Die Hüftgelenksverrenkung eine Erbkrankheit?, Zbl. Chir. 1937, Nr. 17.

[43] Siehe: Zeitschrift für Orthopädie und ihre Grenzgebiete, Begründet als ‚Zeitschrift für Orthopädische Chirurgie’, Offizielles Organ der Deutschen orthopädischen Gesellschaft, 70. Band, 1940 Stuttgart, Ferdinand Enke Verlag, S. 235 ff, bes. S. 331!

[44]Gütt, Arthur / Rüdin, Ernst / Ruttke, Falk: Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Gesetze und Erläuterungen, Zweite neubearbeitete Auflage, J. F. Lehmanns Verlag, München 1936, Erläuterungen zu dem Kapitel: Schwere erbliche Missbildung, Abschnitt: die sog. Hüftgelenksverrenkung, S. 168ff.

[45] Erbgesundheitsgerichte im 3. Reich, Das Erbgesundheitsgericht Bayreuth und seine Tätigkeit von 1934 bis 1944, Die Justiz und die Euthanasie, von Oberamtsrat a.D. Helmut Paulus, ersch. In: Historischer Verein für Oberfranken, Archiv für Geschichte von Oberfranken, Bd. 80, Bayreuth 2000, S. 355 ff., Abschn. 13.2. In: http://www.justiz.bayern.de/ag-bayreuth/aufsatz/erbges/erbgesu06.html.  

[46] Wissenschaftliche Quellen gehen von mehr als 10.000 Opfern der NS-Kindereuthanasie in Deutschland aus. Siehe: Quellen zur Geschichte der Euthanasie – Verbrechen 1939 – 1945 in deutschen und österreichischen Archiven. Ein Inventar des Bundesarchivs bearbeitet von Dr. Harald Jenner; in: http://www.bundesarchiv.de/findbuecher/stab/euth/Inventar_euth_doe.pdf .

[47] Siehe hierzu: Helmut M. Müller, Schlaglichter der deutschen Geschichte, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, Redaktion: Rüdiger Thomas; © Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, S. 280 ff.

[48] Siehe Darstellung des Vorgangs im Unterabschnitt dieser Chronik: 1939 – Der zweite Weltkrieg beginnt/ Gutsbesitzer Hellmuth Schiller aus Sophienthal gerät in Schwierigkeiten.

[49] Das Amtsgericht. Herrnstadt, den 21. 11. 1941, Geschäftsnummer: Schlaßwitz Gut. Dokument bei Dr. Henning Wiedenroth, Würzburg, Kopie bei den Autoren dieser Chronik.

[50] Diese Darstellung ergibt sich aus den vorliegenden amtlichen Dokumenten aus dem Nachlass von Karl Wiedenroth und aus den Aufzeichnungen von Hellmuth Schiller und einem Briefwechsel zwischen Lätitia Schiller und Karl Wiedenroth  aus dem Jahre 1970 - Kopien aller Schriftstücke bei den Autoren der Chronik.

[51] Siehe Brief von Hellmuth Schiller an Lätitia Sch. vom 13.2.1945. Im: Privatarchiv der Familie Rolf Schiller in Ravensburg, Kopie bei den Autoren der vorliegenden Ortsgeschichte.

[52] Gutsbeschreibung Nr. 1.312. Brennerei – Rittergut mit größerem Waldbesitz in Niederschlesien, Sophienthal Kr. Guhrau, angefertigt von: Johannes Krupp, Bankgeschäft und Gütervermittlung, Kolberg i. Pom…Dokument bei Dr. Henning Wiedenroth, Würzburg, Kopie bei den Autoren dieser Chronik.

[53] Siehe: Vorliegende Chronik, Abschnitt: 1757/ Der Siebenjährige Krieg erreicht Sophienthal und Tscheschenheyde – "Friedrich der Große" in Sophienthal.

[54] Alfred Henrichs, Als Landwirt in Schlesien, 5. unveränderte Auflage, © 2003 DLG - Verlags-GmbH, Frankfurt/Main, S. 198.

[55] Darstellungen zum Lebenslauf von Max Lechel nach den Überlieferungen seiner Tochter Ruth Berges geb. Lechel aus Leipzig.

[56] Siehe: Helmut M. Müller, Schlaglichter der deutschen Geschichte, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, © Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 1990, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, S. 296 f.

[57] Brief von Karl Wiedenroth an seinem Vetter Hans Heinrich vom 12/9.1944. Original des Briefes bei Dr. Henning Wiedenroth in Würzburg; Kopie bei den Autoren dieser Chronik.

[58] Brief von Karl Wiedenroth an seinem Vetter Hans Heinrich vom 6/8.1944. Original des Briefes bei Dr. Henning Wiedenroth in Würzburg; Kopie bei den Autoren dieser Chronik.

[59] Der Name soll von der in dem nationalsozialistischen Geschichtsroman beschriebenen Titelfigur „Vogt Barthold“ abgeleitet sein, der angeblich eine große Rolle bei der deutschen Besiedlung Schlesiens zur Zeit der Herzogin Hedwig spielte.

[60] Rolf O. Becker, Niederschlesien 1945, Die Flucht .- die Besetzung …, 2. Auflage 1974 bei Aufstieg-Verlag, München, S. 57/58.