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Die Dörfer im Kreis Guhrau

Ereignisse aus der Geschichte der niederschlesischen Dörfer Birkenhain und Sophienthal im Kreis Guhrau

 

1310 bis 1947

 

Erinnerung an die ehemaligen deutschen Einwohner und ihre Geschichte

 

Autoren:

Dr. Hermann Wandschneider

Ingeborg Wandschneider geb. Baumert (aus Birkenhain)

Bad Orb 2007

Siebenter Abschnitt

Flucht und Vertreibung aus den niederschlesischen Heimatdörfern Birkenhain und Sophienthal

(20./21. Januar 1945 – Juni 1947)

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20./21. Januar 1945 …

Der befohlene „Rückzug“ aus Birkenhain und Sophienthal

Die Benachrichtigung

Das bittere Ende für die Einwohner von Birkenhain und Sophienthal kam plötzlich, aber nicht überraschend. Der näher kommende, grollende Geschützdonner hatte seit Tagen die unverkennbaren Zeichen des hereinbrechenden Kriegsgeschehens in den Kreis Guhrau angekündigt. Trotzdem hofften nicht wenige Einwohner bis zuletzt, dass sie vom Schicksal der „Flucht“ aus ihren Heimatdörfern verschont bleiben könnten. Sie hielten es für undenkbar, Haus und Hof, ihren Besitz, ihre schlesische Heimat zu verlassen. So ließ sich beispielsweise Ida Goletz am Morgen des 20. Januars 1945 – einem Samstag - nicht davon abhalten, den ersten großen Waschtag im neuen Jahr durch das Einweichen der Wäsche der Familie vorzubereiten. Bei einigen anderen Familien soll es ähnliche Aktionen gegeben haben.

Doch in den Nachmittagsstunden des 20. Januar 1945 begannen sich die Ereignisse in Birkenhain und Sophienthal zu überschlagen. Alle Haushaltsvorstände – in der Mehrzahl der Familien hatten die Ehefrauen diese Rolle übernommen, da die Ehemänner eingezogen bzw. gefallen oder vermisst waren -  wurden durch Bürgermeister Paul Scholz und seine Beauftragten aufgefordert, sich um 17:00 Uhr im „Gasthof Sandmann“ - früher „Kretschmer“ - zu versammeln. Immerhin gab es bei dieser Benachrichtigung, entgegen der Weisungen der politischen und militärischen Führung des Kreises Guhrau, einen inoffiziellen, „vertraulichen“ Hinweis auf die bevorstehende „zeitweilige Räumung“ der Dörfer.

Zugleich erhielten jene Familien, die noch über Pferdegespanne verfügten, vorab die Information, dass sie sofort damit beginnen sollten ihre Gespanne und Wagen für einen „zeitweiligen Rückzug“ aus den Dörfern vorzubereiten. Das Anbringen von Überdachungen an den Wagen wurde strikt untersagt. Die Gespannführer hatten sich bereit zu halten, um beim Eintreffen einer entsprechenden Aufforderung unverzüglich mit ihren Pferden bzw. mit ihrem Pferd zum „Beschlagen“ in der Schmiede von Karl Fischer in Sophienthal zu erscheinen.Immerhin war es im Winter unter normalen Umständen üblich, dass die Pferde ohne Hufeisen, „barfuss“ in den Ställen standen. Doch nun sollten die Pferde die beladenen Fuhrwerke durch tief verschneite Landschaften und über vereiste Straßen und Wege viele Kilometer ziehen. Dafür mussten sie mit speziell gefertigten Hufeisen mit Stollen beschlagen werden. Für das Gelingen dieser Aktion in etwas mehr als 12 Stunden gab es einen überaus glücklichen Umstand. Schmiedemeister Karl Fischer konnte sich an diesem dritten Wochenende im Januar 1945 auf die fachmännische Hilfe seines Sohnes Fritz stützen. Fritz Fischer, der als dienstverpflichteter Spezialist in Berlin stationiert war, weilte zufällig an diesem Wochenende zu einem Kurzurlaub bei seiner Familie in Birkenhain, bei Ehefrau Frieda und den Kindern Gerda und Heinz. Dadurch standen nun zwei Schmiede zum Beschlagen der Pferde zur Verfügung.

Ebenso besuchte der Dienstverpflichtete Alfred Kretschmer seine Familie. Auch der Wehrmachtsangehörige Alfred Goletz weilte zu Besuch bei seiner Frau Hedwig, seinem kleinem Sohn Armin und seiner Mutter Ida Goletz. Der Gefreite Kurt Förster war an diesem Wochenende ebenfalls zu einem Kurzurlaub nach Birkenhain gekommen, um seine Mutter, seine beiden Schwestern Ilse und Helga und den blinden Onkel Bruno Hoffmann besuchen. Er befand sich als Verwundeter im Lazarett in Thielau jenseits der Oder.

 Abb. 42 - Frieda Förster mit ihrem Sohn Kurt – 1944

Das Foto stellte Tochter Ilse Voß geb. Förster zur Verfügung.

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 Wenigstens diese Männer konnten ihren Familien in den schweren Stunden der Vorbereitung der bevorstehenden „Evakuierung“ helfen. Die kurze Zeit bis zum Beginn der Versammlung im „Gasthof Sandmann“ nutzten natürlich auch alle anderen Familien, um sich auf das Verlassen ihrer Wohnstätten, ihrer Dörfer vorzubereiten.

 “Befehl zum zeitweiligen Rückzug” der Dorfbevölkerung in den Aufnahmekreis Lüben!

Um 17:00 Uhr des 20. Januar 1945 hatten sich die meist weiblichen Vertreter aller Familien beider Dörfer im Saal des „Gasthauses Sandmann“ eingefunden. So wie während des bisherigen Kriegsverlaufs waren es erneut vor allem die Frauen aus Birkenhain und Sophienthal, denen nun per Befehl die wohl größte Last und Verantwortung ihres Lebens übertragen wurde. Sie vor allem mussten die „Evakuierung“ ihrer Familien und der beiden Dorfgemeinschaften realisieren. Niemand fragte sie in dieser Schicksalsstunde danach, ob sie sich dazu überhaupt in der Lage fühlten! Die Mütter und Großmütter und die wenigen alten Männer wollten danach auch gar nicht gefragt werden. Für sie ging es nun um die Durchführung der wichtigsten existenziellen Aufgabe: Ihre Kinder, Enkelkinder Eltern und Großeltern in Sicherheit zu bringen!

Diese Haltung konnte natürlich nicht die Ängste, seelischen Nöte, die längst alle Menschen zutiefst bedrückten, “hinwegwischen”. Die Angst vor den nun in Schlesien eingedrungenen Truppen des Feindes, der Roten Armee, die seit Tagen die Einwohner von Birkenhain und Sophienthal erfasst hatte, nahm nun für sie, vor allem für die Frauen die Qualität einer unmittelbaren drohenden Gefahr für Leib und Leben sowie für ihr Hab und Gut an. Sie fürchteten die Rache der Russen und hatten nach den ihnen zugänglichen Nachrichten über das Kriegsgeschehen auch allen Grund dazu.

In dieser Grundstimmung nahmen sie die von Bürgermeister Paul Scholz vorgetragenen Einzelheiten des Befehls der politischen und militärischen Führung des Kreises Guhrau über die „zeitweilige Evakuierung der Bevölkerung aus den Ortschaften des Kreises“ zur Kenntnis. Ebenso gefasst hörten sie sich das Verlesen der einzuhaltenden Verhaltensregeln, der angedrohten Strafmaßnahmen bei Verweigerungs- und Fehlverhalten und des detaillierten Ablaufplans der Aktion an.

Als Termin der „zeitweiligen Räumung“ der beiden Dörfer und des Abmarsches der Einwohner wurde der 21. Januar 1945, 07:30 Uhr bestimmt. Der Treck aus Birkenhain und Sophienthal sollte sich mit dem in Gimmel bereits formierten Treck der Einwohner dieser Ortschaft und weiterer angrenzender Dörfer vereinen. Als Ziel des “gemeinsamen Trecks der Ortsgruppe Gimmel” – so die offizielle Bezeichnung - war von der Einsatzleitung in Guhrau die ca. 60 Kilometer entfernte Ortschaft „Groß Kotzenau“ im Kreis Lüben festgelegt worden. Der Kreis Lüben war der befohlene „Aufnahmekreis“ für die Einwohner des Kreises Guhrau.

Die Haushaltsvorstände in Gimmel erhielten zeitgleich (mit der Veranstaltung in Birkenhain) durch ihren Bürgermeister Paul Röhricht im Saal von „Peikerts Gasthaus“ über die am 21. Januar 1945 zu erfolgende Räumung des Ortes gleichlautende Informationen.[1] Für 08:00 Uhr war in Gimmel der Abmarschtermin des mit den Einwohnern und Fuhrwerken aus Birkenhain und Sophienthal zu vereinigenden Trecks bestimmt. Für die Durchführung dieser Aktion in der “gesamten Ortsgruppe Gimmel” war offensichtlich Paul Röhricht verantwortlich.

Auch in dieser dramatischen Stunde wurde nicht von der zu organisierenden „Flucht“ vor der in Schlesien eingedrungenen Roten Armee gesprochen, sondern von der „zeitweiligen Räumung der Dörfer“ und vom „zeitweiligen Rückzug der Einwohner des Kreises Guhrau in den festgelegten Aufnahmekreis Lüben“ jenseits der Oder.[2]

Zwei angeordnete „Rückzugs-Routen“ nach Groß Kotzenau

Die Einwohner von Birkenhain, Sophienthal und von Gimmel sollten sich zu dem befohlenen Ziel „Groß Kotzenau“ im Aufnahmekreis [Rückzugskreis] Lüben auf zwei Routen begeben.

Als Hauptroute galt die Streckenführung: Birkenhain – Gimmel – Rayschen – Krischütz – Wischütz - Krehlau – Liebdorf – Steinau/Oder – Tauer – Zedlitz – Lüben - Groß Kotzenau. Diese Route war vorrangig für den Treck der Pferdefuhrwerke aus Birkenhain, Sophienthal und Gimmel und angrenzenden Ortschaften vorgesehen. Diesen Weg mussten aber auch jene Einwohner zu Fuß bewältigen, aus deren Familien den älteren Angehörigen und Kindern Mitfahrerplätze auf den verschiedenen Fuhrwerken zugewiesen worden waren.

Die zweite Route führte von Birkenhain/Sophienthal über Alt Heidau – Oderkretscham/ Fährstelle (Übersetzen mit der Fähre zum gegenüberliegenden Oderufer) - Köben – Raudten – Lüben nach Groß Kotzenau. Diese Route sollten vorwiegend die Einwohner von Sophienthal und ein Teil der Familien aus Birkenhain nehmen, für die kein Platz auf den Fuhrwerken vorhanden war und die sich zu Fuß mit ihren auf Fahrrädern, Handwagen und Kinderwagen beladenen Habseligkeiten nach Groß Kotzenau begeben mussten.

Nach den Einlassungen der Verantwortlichen der Gemeinde in der Veranstaltung sollte die Rückkehr der Einwohner von Groß Kotzenau nach Birkenhain und Sophienthal spätestens in 6 Tagen erfolgen. Für diesen Zeitraum waren von den Einwohnern für sich die erforderlichen Lebensmitteln und für die Pferde ausreichend Futter mitzunehmen.

In diesen Tagen der Abwesenheit der Dorfbewohner würden die herangeführten deutschen Eliteeinheiten zusammen mit allen anderen Angriffskräften der Wehrmacht durch eine „Großoffensive“ die vordringenden „bolschewistischen“ Truppen zurückgeworfen und vernichtend geschlagen haben! Unmittelbar danach würden die Einwohner des Kreises wieder in ihre Dörfer und Städte „planmäßig zurückgeführt“. In etwa dieser Diktion gaben Bürgermeister Scholz und der Ortsbauernführer die NS-Parolen des Kreisleiters der NSDAP an die Einwohner von Birkenhain und Sophienthal weiter. Die Notwendigkeit der „Räumung“ der Dörfer wurde vor allem damit erklärt, dass die deutschen Truppen für ihre „Großoffensive“ volle Bewegungsfreiheit brauchten.[3]

Die Zurückbleibenden

Deshalb sei es erforderlich - so erklärte der Bürgermeister - dass bis zum Eintreffen der deutschen Elitetruppen im Areal der Gemeinde Sophienthal einige ältere „Volksgenossen“ in den Dörfern zurückbleiben müssen. Sie seien für die Sicherung der beiden Dörfer und des Rittergutes sowie für deren ordnungsgemäße Übergabe an die „bald“ eintreffenden deutschen Einheiten verantwortlich. Gleichzeitig hätten sie die Aufgabe, die zurückbleibenden Tiere in den Gehöften zu füttern. Auf dem Rittergut in Sophienthal wären die französischen Kriegsgefangenen angewiesen, diese Dienste gemeinsam mit den polnischen Zwangsarbeitern auszuführen.

Zu den älteren und zum Teil schwerbehinderten Einwohnern, die nun auf Grund der Weisung des Bürgermeisters in den Dörfern zurückbleiben mussten, gehörten unter anderem Wilhelm Baumert, Stanislaus Kajak, Oswald Pätzold, Emil Petzold und Emma Hoffmann aus Birkenhain. Aus den Überlieferungen verschiedener Zeitzeugen ergibt sich, dass der Bürgermeister diese Personen offenbar deshalb benannte, weil sie ohnehin nicht bereit waren, ihr Dorf zu verlassen. Oswald Pätzold drückte seine Haltung zur befohlenen „Räumung“, zur „Flucht“ mit den Worten aus: „Ich verlasse meine Heimat nicht! Wer seine Heimat freiwillig verlässt, hat kein Recht mehr auf sie!“[4]

Eine ähnliche Motivation veranlasste Landwirt Wilhelm Baumert im Dorf zu verbleiben. Gegenüber seiner Tochter Gertrud, verehelichte Gloss, aus dem benachbarten Hünern hatte er schon Tage vor dem 20./21. Januar 1945 erklärt, dass er seinen Hof, seinen Besitz auf keinen Fall verlassen würde. Das sei er seinen Ahnen, die dieses Land kultiviert hätten und auf dem Friedhof begraben seien, schuldig. Hier hatte er auch seine Ehefrau Bertha, geb. Kügler, im Herbst 1941 zur letzten Ruhe geleitet. Er erlaubte niemanden aus seiner Familie, das Thema einer „Flucht“ aus der Heimat in seiner Gegenwart überhaupt zur Sprache zu bringen.

Den zurückbleibenden älteren Leuten, wurden einige Jugendliche zugeordnet. Sie sollten gemeinsam mit ihnen die zurückbleibenden Viehbestände in den Stallungen der Gehöfte in Birkenhain und Sophienthal während der Abwesenheit ihrer Besitzer versorgen. Zu ihnen gehörten unter anderem Gisela Kretschmer und Gerda Mundil. Außerdem erklärten sich die beiden Wochenendurlauber Fritz Fischer und Alfred Kretschmer bereit, bis zum 22. Januar die Jugendlichen bei der Fütterung der Tiere zu unterstützen. Sie wurden erst an diesem Tag in ihren Betrieben zurückerwartet.

Die letzten Stunden vor dem „Aufbruch“

Mit den Informationen, Weisungen zur Zusammenstellung des Trecks, der Reihenfolge der Pferdefuhrwerke, zu den benannten Wagenführern bzw. Wagenführerinnen und den zu transportierenden Personen sowie der zu ladenden Habe endete die letzte politische Aktivität in der deutschen Gemeinde Sophienthal.

Die Teilnehmer eilten sofort zu ihren Familien, zu ihren Gehöften. Bis zur Räumung der beiden Dörfer blieben nur noch knapp 13 Stunden. Das war ein viel zu kurzer Zeitraum, um alle notwendigen persönlichen Sachen in dem vorgeschriebenen begrenzten Umfang zu verpacken sowie die Fuhrwerke für den Treck bzw. die Schlitten, Handwagen, Fahrräder, Karren für den Transport der Habe vorzubereiten.

Einen überaus großen Arbeits- und Zeitaufwand erforderte die Vorbereitung der erforderlichen Futtermengen für die zurückbleibenden Tiere und der Stallanlagen für die nächsten 6 Tage. Zwischenzeitlich mussten die Pferde von ihren Besitzern in die Schmiede in Sophienthal zum Beschlagen mit den vorgefertigten Hufeisen geführt werden. Diese Arbeiten zogen sich über viele Stunden hin und konnten durch die unermüdliche Arbeit von Karl und Fritz Fischer bis in die frühen Morgenstunden des 21. Januars 1945 rechtzeitig abgeschlossen werden.

21. – 22. Januar 1945

Auszug aus Birkenhain und Sophienthal - der Leidensweg von Flucht und Vertreibung beginnt

Der Treck formiert sich

Am 21. Januar 1945 zwischen 06:00 – 07:00 Uhr formierte sich der Treck am Dorfausgang, auf der Landstraße von Birkenhain nach Gimmel. Die Landschaft war von einer 30 cm hohen Schneedecke überzogen. Es war bitter kalt, die Temperaturen lagen unter minus 15 Grad. Unter der Last der sich formierenden Fuhrwerke hörte man die knirschenden Geräusche der gefrorenen Schneedecke auf der Landstraße. Die harten Witterungsbedingungen an diesem Morgen dürften bei vielen Menschen die aufgestaute Unzufriedenheit und Ohnmacht über das Verbot, die vorhandenen Fuhrwerke mit stabilen Planüberdachungen zu versehen, beträchtlich gesteigert haben.

Während viele große und kleinere politische „Führer“ im Regierungsbezirk Breslau, im Kreis Guhrau sich und ihre Familien mit Hilfe bestehender „politisch-persönlicher Beziehungsgeflechte“ und politischer „Netzwerke“ rechtzeitig und komfortabler in Sicherheit brachten, mutete man den anderen Menschen unnötige und unerträgliche Erschwernisse für ihre Trecks, ihre „Flucht“ zu. Auch in der Gemeinde Sophienthal gab es einige wenige politische Funktionsträger, die ihren „Rückzug“ in die Tiefe des Reiches schon frühzeitig planen konnten und auf „abgesonderten Wegen“ von der vorher gepriesenen „Dorfgemeinschaft“ auch erreichten.

Der Treck formierte sich in etwa in der Reihenfolge der Fuhrwerke der Landwirtsfamilien Scholz, Graupe, Mundil/Käbisch, Riegner, Rose, Sandmann/Kretschmer, Kolakowski, Heinrich, Kuhnke, Schwithal, Goletz. Dem schlossen sich aus Sophienthal unter anderem die Fuhrwerke der Familien Jähn, Matzel, Krügler an. Zu den Familien der Halter der Fuhrwerke stiegen nun die eingeteilten Frauen mit ihren kleinen Kindern und alten Leute aus anderen Familien auf die Fuhrwerke. So fuhren zum Beispiel auf dem von einem Pferd gezogenen Wagen der Familie Goletz: Alfred Goletz (er lenkte bis Steinau den Wagen – von dort aus begab er sich zu seiner Wehrmachtseinheit), seine Ehefrau Hedwig mit Sohn Armin, seine Mutter Ida Goletz, seine Schwester Frieda Baumert mit ihren drei Kindern Ingeborg, Heinz und dem noch im Kinderwagen liegenden Werner. Dem Fuhrwerk von Landwirt Kuhnke wurden die alte Frau Krehl und die Kinder Gerda und Heinz Fischer zugeteilt.

Ein Teil der Dorfbewohner musste allerdings den Weg nach Groß Kotzenau zu Fuß bewältigen. Sie reihten sich überwiegend mit den auf ihren Schlitten, Handwagen, Fahrrädern aufgetürmten und verschnürten Habseligkeiten, zwischen den Fuhrwerken ein. Unter ihnen befand sich auch der elfjährige Hans Hoffmann. Für ihn begann nun der längste Marsch seines Lebens. Zunächst musste er - mit seinen Kinderfüßen in viel zu großen Stiefeln und sein bepacktes Fahrrad schiebend - die annähernd 60 Kilometer bis Groß Kotzenau zurücklegen. Doch dabei sollte es nicht bleiben! Es war in der Stunde des Beginns dieses langen Marsches für ihn sicherlich von Vorteil, dass er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass er noch viele weitere Kilometer in den nächsten Tagen und Wochen zu Fuß zurücklegen musste.

Birkenhainer und Sophienthaler Einwohner zu Fuß auf dem Weg zur Oder und weiter... Köben, Raudten, Lüben nach Groß Kotzenau

Ein kleinerer Teil der Birkenhainer Einwohner hatte sich schon vor der „offiziellen Verabschiedung“ zu Fuß auf den Weg zur etwa 6 km entfernten Fährstelle an der Oder begeben, um sich von dort nach Köben übersetzen zu lassen. Am gegenüberliegenden Oderufer sollten sie dann gemeinsam mit den sich aus Sophienthal „zurückziehenden Personen“ weiter nach Groß Kotzenau marschieren. Unter ihnen befand sich auch die Familie Förster - Ehefrau Frieda mit den beiden Töchtern Ilse (*1929) und Helga (*1938) sowie der blinde Bruno Hoffmann (Bruder von Frieda Förster). Begleitet wurden sie bis zur Köbener Seite der Oder von dem Sohn, Bruder und Neffen Kurt Förster, der wieder ins Lazarett nach Thielau zurückkehren musste.

Die Familie Förster hatte bis zuletzt darum gekämpft, mit ihrem Ochsen-/Kuhgespann die Fahrt nach Groß Kotzenau antreten zu dürfen. Das wurde ihr jedoch strikt untersagt. So fügten sie sich in das Schicksal des Fußmarsches mit Handwagen und Schlitten. Allerdings reihte sich Familie Förster jenseits der Oder nicht sofort in den sich in Richtung Raudten in Bewegung setzenden Treck ein. Frau Förster stellte in Köben fest, dass sie noch einige wichtige Dinge in Birkenhain für das Überleben in der Fremde vergessen hatte. Sie ließ ihre Töchter Ilse und Helga und ihren Bruder Bruno mit der Habe in Köben zurück und fuhr noch einmal mit der Fähre zum rechten Ufer der Oder hinüber und begab sich nach Birkenhain. Die Frage, ob diese plötzliche und kaum nachvollziehbare „Rückkehr nach Hause“ rationalen Gründen folgte, oder vielmehr von der Ahnung über einen dauerhaften Verlust der Heimat gesteuert wurde, kann selbst die heute 82 jährige Tochter Ilse nicht beantworten. Sicher ist nur: Frieda Förster nahm es trotz Verbot der Behörden und des unkalkulierbaren Kriegsgeschehens an der Oder auf sich, zum eigenen Gehöft zurückzukehren und allein in aller Stille von Birkenhain Abschied zu nehmen. Gegen Mittag desselben Tages war sie wieder bei ihrer Familie in Köben und begab sich nun mit ihnen auf den beschwerlichen Weg nach Groß Kotzenau.

Besonders schwer wurde dieser lange Marsch nach Groß Kotzenau für den blinden Bruno Hoffmann. Er konnte sich nur an dem Handwagen festhalten, der von Frieda Förster und Tochter Ilse gezogen wurde. Auf den unbekannten schnee- und eisglatten Wegen und Straßen mit ihren vielen, holperigen Fahrspuren kam Bruno Hoffmann immer wieder ins Stolpern und brauchte Orientierungshilfe. Oft musste die sechsjährige Helga Förster ihren Onkel bei der Hand nehmen.

 Abb.43 - Bruno Hoffmann um 1958

Das Foto stellte Ilse Voß geb. Förster zur Verfügung.

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Der damals achtzehnjährigen Ilse Förster sind diese Strapazen tief im Gedächtnis haften geblieben. In ihren Erinnerungen schrieb sie bewegt über diese Ereignisse. Sie hatte diesen Weg in Halbschuhen antreten müssen. Andere passende Lederschuhe hatte sie nicht im Besitz. Auch an ausreichender geeigneter warmer Winterkleidung für solche Art von „Winterwanderungen“ fehlte es. In den Kriegsjahren gehörten Schuhe und Kleidung zur rationierten Mangelware, die man nur auf Kleiderkarte beziehen konnte.

In manchen anderen Familien sah es damals mit der Winterbekleidung und dem geeigneten Schuhwerk ebenfalls nicht sonderlich gut aus. Lange Hosen und Anoraks waren bei Mädchen und Frauen zu dieser Zeit ohnehin verpönt. Das Winterschuhwerk wurde in Familien mit mehreren Kindern vom älteren Kind an die nachfolgenden Geschwister „weitergegeben“. Dadurch passten die Schuhe den aktuellen Träger/Trägerinnen häufig nicht und waren auf Grund des beträchtlichen Alters nicht sonderlich gut für lange Fußmärsche unter den widrigen Umständen des Winters geeignet. Wer sich heute über die Situation der sich auf der Flucht befindenden Trecks und den Zustand der Winterbekleidung der Flüchtenden aus dem Kreis Guhrau ein Bild machen möchte, der findet in dem im Jahre 2004 von Lucia Brauburger verfassten Buch „Abschied von Lübchen - Bilder einer Flucht aus Schlesien/ Mit Fotografien von Hanns Tschira“[5] eine erschütternde und  einzigartige zeitgeschichtliche Bilddokumentation. Die Einwohner der nur wenige Kilometer von Birkenhain und Sophienthal entfernt liegenden Ortschaft Lübchen im Kreis Guhrau erfuhren erst in der Nacht vom 20. zum 21. Januar 1945 von der angeordneten Räumung ihres Ortes.

Familie Feld aus Sophienthal, die am Abend vorher im „Gasthof  Sandmann“ von Bürgermeister Scholz ebenfalls angewiesen worden war, dass sie nicht mit ihrem Kuhgespann die Fahrt nach Groß Kotzenau antreten dürfe, hatte sich entgegen dieser Anordnung schon in den Nachtstunden mit ihrem beladenen Kuhgespann zur Oderfähre begeben und sich nach Köben übersetzen lassen. Andere Familien aus Sophienthal hatten ebenfalls bereits in den Nachtstunden diesen Weg mit ihren bepackten Schlitten, Handwagen und anderen Transportmitteln für ihre Habe eingeschlagen. Dazu gehörten auch die Familien Lechel, Seidel und andere. In der Reihenfolge, wie die Familien von Fährmann Pohl übergesetzt wurden, formierten sie sich auf der Köbener Seite der Oder gruppenweise und zogen in Richtung Raudten weiter. Die Sicherheitslage erforderte, dass die übergesetzten Fuhrwerke und Personengruppen sofort den Bereich der Fährstelle verließen. Die Gefahr des Angriffs von sowjetischen Flugzeugen auf die Flüchtenden in diesem strategisch wichtigen Bereich war akut. Immerhin nutzten Einheiten der deutschen Wehrmacht diese Fährverbindung ebenfalls für ihre militärischen Transporte und den Nachschub.

Während die „Flüchtenden“ aus Birkenhain und Sophienthal in den frühen Morgenstunden des 21. Januar 1945 noch nicht allzu lange auf das Übersetzen mit der Oderfähre warten mussten,  änderte sich diese Situation im Verlaufe der nächsten Stunden. Die aus anderen Ortschaften ankommenden Trecks stauten sich über längere Zeiträume im Bereich der Fährstelle. Im Bericht über die Flucht der Einwohner aus Lübchen ist die folgende Situationsbeschreibung festgehalten: „Es dauerte lange, bis der gesamte Treck übergesetzt hat, da immer nur wenige Wagen auf der kleinen Holzfähre Platz haben und Treibeis die Überfahrt zusätzlich erschwert. Den Wartenden setzt an jenem Morgen aber nicht nur die Kälte zu. Sie haben Angst vor dem, was kommt, und sorgen sich um die Zurückbleibenden.“[6]

Bitterer Abschied!

Als sich am frühen Morgen des 21. Januars 1945 der Treck der Einwohner von Birkenhain und Sophienthal formiert hatte, mussten sie noch die Verabschiedungszeremonie durch die politisch Verantwortlichen der Gemeinde über sich ergehen lassen.

Sie verließen nun verbittert, traurig und von Existenzängsten geplagt einen Ort, in dem ihre deutschen Vorfahren vor 650 Jahren auf Einladung der damaligen weltlichen und kirchlichen Grundherren des Glogauer-/ Guhrauer- und Wohlauer Landes angekommen waren.

Sie blicken schmerzlich auf das zurück, was sie nun verlassen mussten:

o       Eine über Jahrhunderte von mehr als 20 Generationen deutscher Familien geschaffene und entwickelte deutsche Kulturlandschaft rechts der Oder in einem Areal von annähernd 825 Hektar Land - fruchtbares Ackerland, Waldflächen mit einem guten Nutzholzbestand, Wiesen, Gärten;

o       die Anlagen eines großen traditionsreichen Rittergutes mit einem großen Parkgelände und einem Grundbesitz, der annähernd 68 Prozent der Gesamtfläche des Areals der Gemeinde Sophienthal umfasste;

o       ihre Schule, die sie alle besucht hatten und in der sie für ihren Lebensweg vorbereitet wurden;

o       die in Sophienthal und Birkenhain errichteten 52 Gehöfte mit massiven Wohnhäusern und Stallanlagen, Scheunen – Wohnraum, Möbel und Hausrat für annähernd 250 Personen (nach dem Stand von 1940/41);

o       Viehbestände in der Größenordnung von ca. 90 Rindern, 100 Schweinen, 200 Schafen und eine größere Anzahl von Ziegen und von Geflügel;

o       landwirtschaftliche Maschinen und Geräte im Bereich des Rittergutes und auf den Gehöften von 29 Landwirten und weiteren Stellenbesitzern und

o       nicht zuletzt die Grabstätten ihrer verstorbenen Familienangehörigen, ihrer Ahnen.

Als der Treck der Birkenhainer und Sophienthaler nach einigen hundert Metern kurz vor Gimmel, an dem links der Landstraße liegenden uralten Friedhof vorbei zog, beschlich wohl vielen von ihnen die bittere Ahnung, dass sie die Gräber ihrer dort bestatteten Vorfahren nicht wieder sehen werden. Doch Zeit für solche Gedanken der schmerzenden Trauer blieb ihnen nicht. Sie mussten pünktlich in Gimmel sein um sich - wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß - in den größeren Treck der „Ortsgruppe Gimmel“ einzureihen.

Von Gimmel nach Steinau an der Oder

Schon rollten die Fuhrwerke auf die evangelische Kirche in Gimmel zu. Auch hier reichte es an diesem Morgen bei den an ihrer Kirche vorbeiziehenden Gläubigen nur zu einem flüchtigen Gebet, zu einem Hilferuf an Gott!

Nach den Erinnerungen von Kurt Mundil und anderen Zeitzeugen herrschte auf der Dorfstraße in Gimmel zu dieser Stunde ein „schreckliches Durcheinander“. Der Treck der abrückenden Einwohner von Gimmel hatte es schwer sich zu formieren, da die aus den anderen Ortschaften eintreffenden Menschen mit ihren Fuhrwerke in die Ortschaft hinein drückten. Bürgermeister Paul Röhricht hatte als Verantwortlicher für den Treck der gesamten Ortsgruppe einige Mühe, das chaotische Geschehen in Gimmel zu ordnen. Dazu gehörte auch, den gesamten Treck in Marschblöcke aufzuteilen und die Verantwortlichen der Fuhrwerke darauf zu orientieren, dass sie während der Fahrt die Reihenfolge einhalten und ein Auseinanderreißen der „Treckordnung“ vermeiden sollten.

Zwischen 08:00 und 09:00 Uhr setzte sich der vereinte Treck des Bereiches Gimmel mit seinen annähernd 900 bis 1000 Menschen – vorwiegend Frauen, Kindern, alten Leuten und wenigen jüngeren Männern - in Richtung Steinau an der Oder in Bewegung. Allerdings wurde es von Stunde zu Stunde immer schwieriger, ein gleichmäßiges Vorankommen der Fuhrwerke, der „Flüchtenden“ und ihr Zusammenbleiben in der festgelegten Reihenfolge zu sichern. Das hatte jedoch immer wieder vielerlei gravierende Folgen. Familienverbände wurden zeitweilig auseinander gerissen. Das auf verschiedenen Fuhrwerken geladene Gepäck von den zu Fuß flüchtenden Einwohnern war plötzlich nicht mehr erreichbar.

Die erbarmungslose Durchsetzung der vorgegebenen Befehlslage: allen Einheiten der Wehrmacht und anderen militärischen Verbänden unverzüglich freie Durchfahrt zu gewähren, führte immer wieder zum Stopp und zum Auseinanderreißen des Trecks. Die Feldgendarmerie auf ihren Motorrädern mit Beiwagen, die so genannten „Kettenhunde“, waren immer dann sofort zur Stelle, wenn die Fuhrwerke der „Flüchtenden“ nicht schnell genug die schmale Fahrbahn für Panzer und andere Militärfahrzeuge räumten. Nicht selten rutschte bei diesen halsbrecherischen Manövern das eine oder andere Fuhrwerk von der glatten Fahrbahn in verschneite Straßengräben und musste dann durch gemeinschaftliche und zeitraubende Anstrengung wieder in den Treck eingeordnet werden. Andererseits sorgten die Angehörigen der Feldgendarmerie ebenso wie auch die Verantwortlichen von vorbeifahrenden Militärtransporten dafür, dass die hinter und zwischen den Fuhrwerken zu Fuß „Flüchtenden“ auf dieses oder jenes Fuhrwerk steigen konnten, wenn noch Platz vorhanden war und die Pferde den Wagen noch ziehen konnten.

Doch die Teilnehmer des Trecks lernten nicht nur auf der Wegstrecke nach Groß Kotzenau, sondern auch auf ihren weiteren Fluchtwegen die anderen „Zeugnisse“ des Handelns der „Feldgendarmerie“ kennen. Das waren jene jungen Soldaten ohne Marschbefehle und Urlaubsscheine, die man auf dem Weg in Richtung Westen aufgegriffen hatte und kurzerhand wegen „Fahnenflucht“ per Strick an Chausseebäumen stranguliert, in den Tod befördert hatte. Schaudernd und machtlos zugleich wandten sich die Vorbeifahrenden ab. Für Mitleid blieb keine Zeit. Sie mussten weiter, weiter …

Nachdem sich der immer länger werdende Treck durch die Ortschaften Rayschen, Krischütz, und Wischütz in geringem Tempo bewegt hatte, kam es nach 10 Kilometern in dem Dorf Krehlau zu einem länger andauernden Stau. Es gab offenbar Schwierigkeiten mit dem Einordnen des zu dieser Zeit aus Richtung Winzig kommenden Trecks am Ende des vorbeiziehenden Trecks aus Gimmel.

Chaotisch wurde es kurz vor der Oderbrücke in Steinau. Hier traf der Treck aus Gimmel in den Nachmittagsstunden ein. Er hatte annähernd 6 Stunden für eine Strecke von ca. 20 Kilometer gebraucht. Die Menschen befanden sich in einem Zustand der Erschöpfung und Erregung. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt kam an der Straßeneinmündung aus Richtung Wohlau ein weiterer Treck an, dessen Teilnehmer sich in einer ähnlichen Stimmung befanden. Die ankommenden Fuhrwerke versuchten vor dem Treck aus Gimmel die Oderbrücke zu erreichen. Zumindest erschien es den Gespannführern aus Gimmel so. Zwischen einigen der Gespannführer aus beiden Trecks kam es zu Auseinandersetzungen. „Sie schlugen mit Peitschen aufeinander ein. Für die Trecks aus Birkenhain, Sophienthal und Gimmel war es wohl ein Glücksfall, dass der sich auf dem Rückzug befindende Wehrmachtsangehörige Walter Röhricht – Sohn des Bürgermeisters von Gimmel – in das Geschehen regulierend eingriff und die Gespannführer veranlassen konnte, ihre Fuhrwerke geordnet in die Brückeneinfahrt zu lenken. Er brachte die Trecks ziemlich geschlossen über die Oder …“ Diese aus den Erinnerungen von Walter Mundil (*1933) stammende Darstellung der damaligen Ereignisse wird auch in den überlieferten Erlebnisberichten anderer Zeitzeugen aus Birkenhain und Gimmel bestätigt.

Wenn sich die Situation zu diesem Zeitpunkt vor der Oderbrücke so dramatisch zuspitzte, dann lag es auch daran, dass Pioniereinheiten der deutschen Wehrmacht an den Brückenpfeilern und im Fahrbahnbereich damit beschäftigt waren, die lang gestreckte Brückenanlage zur Sprengung vorzubereiten. Dadurch geriet ein Teil der Menschen, die aus verschiedenen Richtungen mit ihren Fuhrwerken über die Oderbrücke drängten, in Panik. Sie glaubten, die Sprengung stünde kurz bevor und sie würden dann nicht mehr die Oder überqueren können. Wie sich in den folgenden Tagen zeigen sollte, kam es zur Sprengung der Eisenbahnbrücke in Steinau. Auch die Straßenbrücke wurde zwischen den überraschend schnell vorrückenden Truppen der Roten Armee, die hier einen „Brückenkopf“ errichteten wollten, und den Soldaten der deutschen Wehrmacht schwer umkämpft. Durch verschiedene Sprengversuche mit so genannten Schnellladungen in „letzter Minute“ wurde die Straßenbrücke über die Oder schwer beschädigt. Zu den Verteidigern der Oderbrücke gehörte auch der oben genannte Walter Röhricht. Er fiel am 25. Januar 1945.

Von Steinau nach Groß Kotzenau

Nach dem Überqueren der Oderbrücke in Steinau setzte der Treck aus Birkenhain, Sophienthal und Gimmel seinen Marsch in Richtung Lüben fort. Doch mit der Bewältigung jedes weiteren Kilometers erlahmten die Kräfte der Menschen und der Pferde immer mehr. Kurz vor der Ortschaft Tauer gab es einen plötzlichen Halt.

Die Treckteilnehmer aus Birkenhain wurden durch die Hilferufe von Frau Krügler, die mit ihren kleineren Kindern auf eines der Fuhrwerke mitfuhr, aufgeschreckt. Ihre kleine Tochter Waltraud (Traudl) drohte durch die Einwirkung des starken Frostes und des Schneetreibens zu erstarren, zu erfrieren. Glücklicherweise konnte durch rasche Hilfe das Schlimmste abgewandt werden. In einem nahe gelegenen Gehöft unterstützten die Bewohner Frau Krügler in ihrem Bemühen, ihr Kind aus der prekären Situation zu befreien: es aus der vereisten Kleidungshülle zu befreien, zu wärmen, die Lebensgeister zu wecken und mit warmer Nahrung und Kleidung zu versorgen. Dieses Ereignis führte dazu, dass es in der Ortschaft Tauer zu einer längeren Ruhepause kam. Die Gespannführerinnen und zahlreiche Helfer kümmerten sich um die Pferde, tränkten, fütterten und pflegten sie. Vor allem mussten die Hufe der Pferde nachgesehen und gereinigt werden. Das Zaumzeug, das Pferdegeschirr, die Wagenräder, der Zustand der Fuhrwerke mussten geprüft und gegebenenfalls repariert werden. Unterstützung fanden die Flüchtenden durch zahlreiche Einwohner von Tauer. Sie reichten warme Getränke und ermöglichten den Müttern ihre Babys in den Häusern trocken zu legen, zu versorgen und sich wenigsten für kurze Zeit an den Öfen zu wärmen. In Tauer und in den anderen Ortschaften jenseits der Oder, die die Trecks in dieser Nacht durchfuhren, gab es noch keinerlei Vorbereitungen für eine Räumung. Nicht wenige Einwohner dieser Ortschaften wollten es noch nicht glauben, dass die russischen Truppen die Oder überschreiten könnten.

Gegen 04:00 Uhr des 22. Januar 1945 setzte sich der Treck wieder in Bewegung. „Groß Kotzenau“ sollte so rasch wie möglich erreicht werden. Doch bis dahin waren noch annähernd 30 km zu bewältigen. Die verbleibende Zeit bis zum Verblassen der Dunkelheit der Nacht bot für die Menschen, für den Treck den besten Schutz gegen die Gefahren aus der Luft. Immer wieder waren die Flüchtenden auf ihren Wegen von Ost nach West mit den Marschkolonnen der deutschen Wehrmacht vermischt und gerade dadurch in diesen Tagen und Wochen den Angriffen der russischen Luftwaffe ausgesetzt.

Nachdem der Treck der Einwohner von Gimmel, Birkenhain und Sophienthal im Verlaufe des Vormittags die Kreisstadt Lüben durchfahren hatte, erreichte er am 22. Januar 1945 in den Nachmittagsstunden endlich die Ortschaft Groß Kotzenau.

Die dort eingesetzten Helfer kümmerten sich darum, die erschöpften Ankömmlinge, ihre Pferde und Fuhrwerke so gut als möglich unterzubringen und ihre Versorgung zu sichern. Ein größerer Teil bekam Gemeinschaftsunterkünfte (Scheunen, Schule, Gasthöfe) zugewiesen. Andere wiederum wurden in verschiedenen Gehöften, in Wohnhäusern der einheimischen Familien untergebracht. Einige wenige Familien hatten das besondere Glück, in einem Landgasthof nächtigen zu dürfen.

Nun begann für die Neuankömmlinge das Warten auf die anderen Einwohner, auf Verwandte und Nachbarn aus ihren Heimatdörfern, die sich noch überwiegend zu Fuß auf der Wegstrecke von der Köbener Fährstelle durch die Ortschaft Raudten und Lüben nach Groß Kotzenau befanden. Sie sorgten sich um das Geschehen in Birkenhain und Sophienthal, um das ungewisse Schicksal der zurückgebliebenen Angehörigen. Noch hofften sie auf eine schnelle Heimkehr, klammerten sich an die offiziellen Ankündigungen von einem vorübergehenden Aufenthalt in Groß Kotzenau. Spätestens durch das Erlebnis der Vorbereitung der Sprengung der Eisenbahn- und Straßenbrücken in Steinau verstärkte sich jedoch bei zunehmend mehr von ihnen die quälende Ahnung, dass man sich in Groß Kotzenau nicht in einem zeitweiligen “Rückzugsraum“ befand, sondern dass die große Flucht in die Ungewissheit bereits begonnen hatte. Diese Gedanken wurden durch vielerlei Nachrichten, Gerüchte ständig genährt. Sie stammten häufig von Einwohnern anderer Ortschaften von rechts der Oder, die sich erst später mit ihren Trecks auf den Weg in den festgelegen „Aufnahmekreis“ begeben durften und im Verlaufe der Abendstunden des 22. Januars 1945 oder an den nächsten Tagen durch Groß Kotzenau zogen. Auch die Birkenhainer und Sophienthaler, die von der Fährstelle Köben kommend in Groß Kotzenau eintrafen, wussten eine ganze Reihe von beunruhigenden Neuigkeiten des Kriegsgeschehens im Kreis Guhrau und in den Kreisen Militsch und Namslau zu berichten.

Am 23. Januar 1945 trafen überraschend Gerda Mundil und Gisela Kretschmer, die das Vieh in Birkenhain füttern sollten, bei ihren Angehörigen in Groß Kotzenau ein. Sie hatten noch am Abend des 21. Januars Birkenhain verlassen und berichteten nun, dass die Front im Verlaufe des Tages das Stadtgebiet von Guhrau erreicht hätte und der Fährbetrieb über die Oder für die Zivilbevölkerung gesperrt werden sollte. Einer der älteren Einwohner aus Birkenhain, der erst am 24. Januar in Groß Kotzenau eintraf – es könnte Emil Petzold gewesen sein - kommentierte die Kriegssituation im Bereich zwischen Herrnstadt und der Oder gegenüber Ida Goletz traurig mit den Worten: „Ida, nach Birkenhain kommen wir nicht wieder zurück. Unsere Heimat ist verloren!“ Doch so einer Aussage wollten weder Ida Goletz noch andere Einwohner aus den Heimatdörfern Birkenhain und Sophienthal glauben schenken. Die tief verwurzelte Heimatliebe ließ in ihrem Denken und Fühlen nur den Willen und die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zu! Aus dieser Gefühlslage heraus schöpften sie immer wieder Kraft und Zuversicht, auch wenn sie durch den nicht aufzuhaltenden Vormarsch der Roten Armee in Richtung Berlin immer weiter von ihrer schlesischen Heimat fort getrieben wurden.

Sowjetische Panzer an der Oder

Während die in Groß Kotzenau weilenden Flüchtlinge noch auf eine baldige Rückkehr in ihre Heimatdörfer hofften, rückten die sowjetischen Truppen bereits in das Zwischenstromland von Bartsch und Oder ein, drangen zur Oder vor und besetzten alle Ortschaften in diesem Gebiet, darunter auch Birkenhain, Sophienthal und Gimmel.

Es waren die Armeen jenes Landes, das 1941 Opfer des heimtückischen Überfalls Hitlerdeutschlands geworden war, dadurch ungeheure Kriegsverbrechen und große Zerstörungen erleiden musste und deren Zahl an Kriegstoten sich in diesen letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges auf 20 Millionen zu bewegte. Besonders aus diesen Ursachen erwuchsen Hass und auch ungezügelte Racheakte gegen die deutsche Zivilbevölkerung, vor allem gegen unschuldige Frauen.

Die sich auf schlesischem Boden in breiter Front entfaltende Offensive der Roten Armee und der ihr angeschlossenen polnischen Militäreinheiten bewegte sich trotz erbitterten Widerstands größerer deutscher Truppenteile unaufhaltsam in westlicher und nordwestlicher Richtung vorwärts. Die zur 1.Ukrainischen Front unter Marschall Konew gehörende 13. Armee und die mit ihr zusammenwirkende  4.Panzer-Armee drangen aus dem Raum Militsch und Trachtenberg kommend in zwei Angriffskeilen über Winzig und über Herrnstadt zur Oder vor.

Die über Winzig vordringenden sowjetischen Einheiten erreichten am 24. Januar 1945 den Oderübergang bei Steinau und versuchten hier, einen Brückenkopf zu errichten.

Truppen der zweiten sowjetischen Angriffsspitze, überquerten - nach der Einnahme und weitgehenden Zerstörung von Herrnstadt - die Bartsch und drangen bis zur Oder vor. In einem breiten Uferbereich südlich und nördlich der Oderfährstelle gegenüber der Stadt Köben begannen sie mit ihrer militärischen Operation zur Errichtung eines zweiten Brückenkopfes an der Oder. Nach sowjetischen und polnischen Quellen dauerte der Kampf um die Errichtung, Sicherung und den Ausbau des Köbener Brückenkopfs bis zum 29. Januar 1945. Ihr strategisches Ziel, diesen Brückenkopf ständig zu erweitern und ihn mit dem Steinauer Brückenkopf zu vereinen, gelang ihnen in den folgenden Tagen und Wochen. Das war mit schweren und verlustreichen Kampfhandlungen mit Einheiten der Deutschen Wehrmacht im Raum Lübchen (rechts der Oder) und Köben – Raudten (links der Oder) verbunden. Beide Seiten setzten dabei auch Flugzeuge ein. In seinem Buch „Die Flucht – Niederschlesien 1945“ schreibt Rolf O. Becker zu diesen Kämpfen: „Schon am 23. Januar erreichen und überschreiten sowjetische Truppen bei Köben die Oder! Andere russische Verbände dringen von Norden und Nordwesten her ins Kreisgebiet ein und haben es bis zum 25. Januar vollständig besetzt. Viele Zerstörungen in den Orten des Kreises, der vor 1939 in 110 Gemeinden 39 800 Einwohner zählte, gehen nicht auf diese primären Kampfhandlungen zurück, sondern auf die Durchbruchskämpfe einer deutschen Kampfgruppe, die sich, schon abgeschnitten, noch den Weg nach Westen freikämpfte.“[7] Es handelte sich hierbei zunächst vor allem um Teile der Fallschirmpanzerdivision „Hermann Göring“. Zu derartige Kampfhandlungen kam es jedoch in dem Gebiet zwischen Oder und Bartsch und in unmittelbarer Nähe von Birkenhain und Sophienthal zwischen Einheiten der Sowjetarmee und versprengten Gruppen deutscher Soldaten bis zum Frühjahr 1945 immer wieder. Diese grausamen Scharmützel endeten offenbar für viele junge deutsche Soldaten mit dem Tod.

Die Ortschaften Birkenhain, Sophienthal, Finkenheide, Gimmel und andere Nachbardörfer befanden sich spätestens ab 24./25. Januar 1945 in der Hand von sowjetischen Einheiten der  4.Panzerarmee und der 13.Armee der 1.Ukrainischen Front. Nachfolgende Truppen der Roten Armee richteten in unmittelbarer Nähe von Gimmel in den folgenden Wochen eine zentrale Nachschub- und Versorgungsbasis ein, die über einen längeren Zeitraum existieren sollte. Sie diente vor allem für den Nachschub der weiter und weiter auf Berlin vordringenden sowjetischen Armeen der 1.Ukrainischen Front. Doch von hier aus dürften auch jene russischen Einheiten über fast zwei Monate versorgt worden sein, die die zur Festung erklärte Stadt Glogau eingekesselt hatten und gegen die deutschen Verteidiger - bis zu deren Kapitulation am 1. April 1945 - kämpfen mussten.

25. bis 29. Januar 1945

Stationen des  weiteren Fluchtweges bis nach Forst

Die Stadt Sagan – das nächste Ziel

Die Kampfhandlungen an der Oder führten dazu, dass die sich in Groß Kotzenau befindenden Einwohner von Birkenhain, Sophienthal und Gimmel am 25. Januar 1945 überstürzt zur großen Flucht gen Westen aufbrechen mussten. In den Nachmittagsstunden erhielten sie die Aufforderung von ihren Bürgermeistern, ihren Treckführern, sich in kürzester Frist zum Verlassen des Ortes in Richtung Sagan fertigzumachen. Mit hereinbrechender Abenddämmerung verließ der Treck der „Ortsgruppe Gimmel“ den zeitweiligen Aufenthaltsort in großer Eile. Die Einwohner von Groß Kotzenau sollten sich in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages auf denselben Weg begeben.

Die Zeitzeugen Elisabeth und Hans Hoffmann erlebten diesen Aufbruch des Trecks so: „Am frühen Abend gab es Alarm. Es hieß, dass die Russen die Oder überquert hätten. Von nun an ging alles drunter und drüber. Es war dunkel und bitter kalt. Einheiten der Wehrmacht zogen sich ebenfalls zurück, andere deutsche Truppen fuhren Richtung Oder und nahmen dabei keinerlei Rücksicht auf die Flüchtlingstrecks.“[8]

Der Treck aus Birkenhain, Sophienthal und Gimmel reihte sich nun unwiderruflich in den Zug der nach Hunderttausenden zählenden Flüchtenden aus Schlesien ein. Ihr weiterer Fluchtweg führte über ca. 50 km durch Primkenau und Sprottau nach Sagan. Sie kamen auf dieser Wegstrecke nur sehr langsam voran. Schneetreiben, bittere Kälte, eisglatte Straßen zehrten an den Kräften der Menschen und der Pferde. Immer häufiger mussten kürzere und längere Rastpausen eingelegt werden.

Der Verlauf des Krieges veranlassten manche Flüchtenden, Entscheidungen zur Meisterung der Ereignisse des Augenblicks und über ihr weiteres Schicksal selbst zu treffen. Zu denen, die das schon auf dem Wege nach Sagan taten, gehörten Ida Goletz, Hedwig Goletz und Frieda Baumert mit ihren Kindern bzw. Enkelkindern. Kurz hinter Sprottau trennten sie sich von dem Treck der Gemeinschaft. Sie setzten mit ihrem Fuhrwerk ihre Fahrt nun alleine in nördlicher Richtung über eine Nebenstraße zum Dorf Hirschfeldau fort. Von dort wollten sie die Mutter und die Schwester von Hedwig Goletz mit ihrem Fluchtwagen mitnehmen. Diese Entscheidung sollte dramatische Folgen haben, über die in einem gesonderten Abschnitt der Chronik berichtet wird.

Nach etwa 20 Stunden erreichte der Treck aus Gimmel am 26. Januar 1945 in den späten Nachmittagsstunden Sagan. Dort herrschten beinahe chaotische Verhältnisse. Die Flüchtlingstrecks drängten in die Stadt. Neuformierte Verbände der Wehrmacht, der Waffen-SS und anderer militärischer Gliederungen bahnten sich ihren Weg in Richtung Oder-Front und Freystadt. Zeitweilig wurde die Stadt für durchziehende Trecks gesperrt.

Die Flüchtenden aus Birkenhain, Sophienthal und Gimmel wurden an die Peripherie von Sagan zu einem Bunker im Bereich des Flugplatzes geleitet. Dort konnten sie sich für eine Nacht von den Strapazen der zurückliegenden 24 Stunden erholen. Sie fanden für einige Stunden einen Schlafplatz. Auch die Pferdefuhrwerke fanden in einer Halle des Flughafens einen Platz. Die geschundenen Pferde konnten getränkt und gefüttert werden und vor der Kälte geschützt neue Kräfte sammeln. Schon am nächsten Morgen sollte der gemeinsame Treck nach Forst weiter ziehen.

In Sagan verließen einzelne Flüchtende und Familien die Schicksalsgemeinschaft ihres noch gemeinsamen Trecks. Einige Kranke und Erschöpfte konnten mit ihren Begleitpersonen noch am 26. Januar 1945 in den Abendstunden mit dem Zug die Stadt Sagan in Richtung Forst verlassen. Unter ihnen befand sich auch die damals achtzehnjährige Elly Nowak aus Gimmel. Sie musste ihren kranken dreijährigen Neffen per Bahn nach Forst bringen. Das wurde für sie eine Irrfahrt, da der Zug nicht in Forst hielt. Erst in Eilenburg konnte sie den Zug verlassen und mit dem kleinen Neffen die Rückfahrt nach Forst antreten. Dort kam sie an, als die Mehrzahl der Flüchtenden aus Gimmel sich bereits auf dem Wege ins Erzgebirge befand. Erst nach etwa 14 Tagen gelang es Elly Nowak einen Teil des Trecks aus Gimmel im Erzgebirge ausfindig zu machen und ihren kranken Neffen Fritz in die Arme seiner Mutter legen.[9]

Von Sagan nach Forst

Der Gemeinschaftstreck aus dem Bereich Gimmel setzte am Morgen des 27. Januars 1945 seine Flucht fort. Das nächste von den Behörden festgelegte Ziel war die Stadt Forst.

Die Bedingungen für die Bewältigung dieser Wegstrecke verschlechterten sich weiter. Vor allem den Pferden fiel es immer schwerer, die zum Teil überladenen Fuhrwerke über die vereisten Landstraßen zu ziehen. Immer mehr Tiere bekamen Probleme mit ihren Hufen, wurden krank. Auch die Menschen befanden sich unterdes in einem Dauerzustand der körperlichen und seelischen Überforderung. Vor allem die Alten und Kinder waren davon betroffen.

Die Straße war auf der ganzen Länge von Sagan über Sorau nach Forst mit den Fuhrwerken und den zu Fuß Flüchtenden der Trecks sowie mit Militärfahrzeugen der Wehrmacht überfüllt. Immer wieder kam es zu Staus. Die Anzahl der Unterbrechungen, die durch russische Tieffliegerangriffe hervorgerufen wurden, nahm ebenfalls zu.

Nach einer Ruhe- und Übernachtungspause in Sorau traf der Gemeinschaftstreck der „Ortsgruppe Gimmel” am 29. Januar 1945 in Forst ein. Schlesien lag nun hinter Ihnen. In den Hallen auf dem Gelände des Vieh- und Schlachthofes in Forst waren Notunterkünfte für die Flüchtenden eingerichtet worden. Auf Strohlager fanden sie einen Platz zum Ausruhen und Schlafen. Die ankommenden Flüchtlinge wurden hier gesundheitlich betreut und mit einer warmen Mahlzeit sowie Getränken versorgt.

Auch die überstrapazierten Pferde wurden tierärztlich untersucht. Das Ergebnis war für einige Wagenführer aus Birkenhain und Sophienthal niederschmetternd. Nach den von Hans Hoffmann übermittelten Überlieferungen seines Großvaters Karl Riegner, sollten gemäß der tierärztlichen Verfügung eine größere Zahl von Pferden sofort der Notschlachtung zugeführt werden. Die Gespannführer und deren Familien sollten ebenso wie alle anderen bislang auf den Wagen mitfahrenden Personen den weiteren Fluchtweg per Bahn bzw. auf bereitgestellten Lkw zurücklegen. Dieser Forderung widersetzten sich Karl Riegner und andere Gespannführer/ -führerinnen. Nach heftigen Debatten erreichten sie, dass die Pferde tierärztlich versorgt wurden und nach einer Ruhepause die Treckfuhrwerke nur mit halber Last weiter ziehen durften. Das bedeutete aber auch, dass die überwiegende Anzahl der Flüchtlinge aus dem niederschlesischen Birkenhain und Sophienthal mit ihrem Gepäck nun mit Bahn bzw. Lkw weiterfahren  mussten.

29. Januar – 20. Februar 1945

Auf dem Weg nach Blumenau im Erzgebirge

Für die Flüchtlinge aus dem Raum Gimmel aber auch aus anderen Ortschaften des Kreises Guhrau sowie aus anderen niederschlesischer Kreisen war das Erzgebirge als „Aufnahmegebiet“ bestimmt worden.

In Forst musste sich der noch recht große Gemeinschaftstreck der “Ortsgruppe Gimmel” auflösen. Die zuständige Leitstelle veranlasste, dass die Fuhrwerke in kleineren Gruppen über den festgelegten weiteren Fluchtweg zum vorgegebenen Ziel fortsetzten. Das geschah offenbar vorrangig aus kriegstaktischen und logistischen Gründen. Aber auch der gesundheitliche Zustand der Pferde, die Weiterfahrt der Fuhrwerke mit verringerter Last und die Weiterreise des größten Teils der Flüchtlinge mit der Bahn und anderen Transportmitteln führte zu dieser Veränderung. Das bedeutete, dass die Einwohner aus Birkenhain und Sophienthal ebenso wie die aus Gimmel und anderen Ortschaften nun getrennt auf verschiedenen Fahrtrouten, mit unterschiedlichen und zum Teil wechselnden Transportmitteln sowie nach von einander abweichenden Zeitplänen in die vorgesehenen Aufnahmeorte im Erzgebirge gelangen mussten. Das Ziel für die meisten Birkenhainer und Sophienthaler Flüchtlinge war die Ortschaft Blumenau bei Olbernhau. Der größte Teil von ihnen traf dort um den 20. Februar 1945 ein.

Aus den überlieferten Informationen von Zeitzeugen ergibt sich, dass es offenbar eine zentral geleitete und funktionierende Organisation der Aufnahme, Verteilung und Weiterleitung der ankommenden Trecks gab. So mussten die Treckführer die schon zu Beginn des Abmarsches aus den Heimatdörfern anzufertigenden Listen über die Teilnehmer der Trecks bei den jeweiligen örtlichen Leitstellen der Etappenendpunkte des Fluchtweges in korrigierter Form vorlegen. Dadurch wurden alle Personen, Fuhrwerke sowie eingetretene Veränderungen erfasst, registriert und alle diese Daten an zentrale Stellen weitergegeben. Überliefert ist, dass die einzelnen Trecks auch nach einem Nummerierungssystem erfasst waren. Helfer aus verschiedenen NS-Organisationen arbeiteten dabei mit Angehörigen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) vor Ort, innerhalb der Kreise, der Provinzen/Länder und auf zentraler Ebene zusammen. Eine überaus wichtige Rolle erfüllte der Suchdienst des DRK bei der Zusammenführung von Familien, die während des Verlaufs der Flucht auseinandergerissen wurden. Mit Hilfe des Suchdienstes des DRK gelang es häufig, verloren gegangene Personen rasch wieder aufzufinden und zu ihren Familien zurück zu führen.

In solche Situationen gerieten während der Flucht einige Familien aus Birkenhain und Sophienthal. Schon auf dem Wege nach Forst waren Familien vom Treck getrennt worden. So gelangte Familie Seidel aus Sophienthal nicht nach Forst, sondern nach Weißwasser. Wie Gerda Weder geb. Seidel im Jahre 2003 berichtete, setzten sie von dort ihre „Reise“ per Bahn fort. Um in das Erzgebirge zu gelangen, waren sie mehr als 14 Tage unterwegs.[10] Noch länger dauerte die Fahrt für die aus Sophienthal kommende Familie Lechel. Nach den Erinnerungen von Ruth Berges geb. Lechel kamen Frau Lechel und ihre Kinder erst Mitte März 1945 in Blumenau im Erzgebirge an.[11]

Auf der Fahrt von Forst ins Erzgebirge hatten Frieda Förster und Tochter Ilse den zeitweiligen „Verlust“ von Familienangehörigen zu beklagen. Die sechsjährige Tochter und Schwester Helga war zusammen mit dem blinden Onkel Bruno Hoffmann im Gewühl der in die Züge drängenden Flüchtlinge verschwunden. Es sollte einige Tage dauern, bis mit Hilfe des Suchdienstes des DRK die Familie Förster vereint war. Mit einem ähnlichen Schicksal musste die Familie von Frieda Fischer aus Birkenhain fertig werden. Die Kinder Gerda und Heinz, die im Verlaufe der weiteren Flucht von ihrer Mutter getrennt wurden, kamen nicht im Erzgebirge an, sondern in Bayern. Auch sie wurden vom DRK zu ihrer Familie zurückgeführt. Allerdings vollzog sich diese Aktion erst Mitte März 1945.

Von jenen Familien, die die weitere Fluchtstrecke ins Erzgebirge mit den Pferdefuhrwerken zurücklegten, waren mehr als 200 Kilometer unter widrigen winterlichen Straßenverhältnissen in einer ungewohnten Berglandschaft zu meistern. Keines der Fuhrwerke verfügte über geeignete Bremsvorrichtungen. Das verlangte von den Tieren und den Menschen größte Anstrengungen. Die damalige Situation, die die Teilnehmer des Trecks erlebten, hat die Zeitzeugin Gerda Reda geb. Mundil wie folgt beschrieben: „In Forst blieben wir 2 Tage, weil die Pferde krank waren …Wir Birkenhainer fuhren dann mit Zwischenaufenthalten nach Kamenz. Da alle Fuhrwerke über keine Bremsvorrichtungen verfügten, gab es viele kaum zu bewältigende Situationen. Doch die Probleme nahmen mit jedem neuen Streckenkilometer und steigenden Höhenmetern immer dramatischere Formen an. Von Kamenz fuhren wir über Königsbrück nach Meißen und überquerten die Elbe. Weiter ging die Fahrt in Richtung Freiberg und dann nach Blumenau bei Olbernhau im Erzgebirge. Von dieser Fahrt durch die Gebirgslandschaft bei Schnee- und Eisglätte habe ich noch jahrelang geträumt. Bergauf mussten sich die Pferde mit der Last der beladenen Fuhrwerke hoch quälen. Meistens blieb nur der Gespannführer auf den Wagen. Alle anderen mussten häufig neben den Fuhrwerken herlaufen. Am schwierigsten waren die „Abfahrten“ in die Talsohlen der Straßen. Um die nötige Bremskraft herbeiführen zu können, banden wir die Räder mit Ketten zusammen und nutzten dicke Äste als zusätzliche Bremsmittel. Es war ein Wunder, dass wir alle ohne größere Schäden das Ziel erreichten!“[12]

Nicht alle Birkenhainer und Sophienthaler Familien, die mit dem Treck bzw. nach mehr als zweiwöchigen Irrfahrten mit der Bahn ins Erzgebirge gelangten, fanden in Blumenau Platz für eine zeitweilige Aufnahme. Einige von ihnen wurden deshalb von den Behörden in umliegende Ortschaften eingewiesen. So waren zum Beispiel die Familie von Schmiedemeister Karl Fischer im damaligen Obersaida und Familie Förster in Sorgau untergebracht.

Was die geflüchteten Einwohner aus Birkenhain und Sophienthal noch nicht wussten...

Die im Erzgebirge angekommenen Niederschlesier waren immer noch von der Hoffnung erfüllt, dass ihr Aufenthalt in Blumenau bzw. in den Nachbardörfern nur von kurzer Dauer sein würde. Noch war ihnen nicht bewusst, dass sie am Ende Heimatvertriebene sein würden.

Sie erfuhren nicht, dass bereits zum Zeitpunkt ihres Eintreffens im Erzgebirge dieses Schicksal für Millionen Einwohner Schlesiens, Ost- und Westpreußens und Pommerns bereits erschreckende Konturen anzunehmen begann. Auf der Konferenz in Jalta auf der Krim vom 4. bis 11. Februar 1945 hatten sich die Staatschefs der Sowjetunion, der USA und Großbritanniens bereits im Grundsatz darüber verständigt, dass es nach dem Sieg über Hitlerdeutschland zu einer beträchtlichen Westverschiebung der Grenzen Polens kommen würde. Eine Rückkehr der vor den sowjetischen Armeen Geflüchteten in die Heimat war dadurch bereits vorab - vor der dann im August 1945 durch die Siegermächte im Potsdamer Abkommen besiegelten Entscheidung über die Abtrennung der deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße an Polen und an die Sowjetunion – ausgeschlossen worden.

Die geflüchteten Einwohner aus Birkenhain und Sophienthal wussten zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht, dass die von der Sowjetunion, von Stalin unterstützten polnischen politischen Kräfte und deren staatliche Organisationen, ihre begonnenen Vorbereitungen intensivierten, “die Gebiete östlich der nach wie vor unbekannten Westgrenze zu übernehmen”[13]. Wie Wlozimierz Borodziej in der Einleitung zum Band 1 der von ihm gemeinsam mit Hans Lemberg herausgegebenen vierbändigen Dokumentedition unter dem Titel „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945 – 1950, Dokumente aus polnischen Archiven...” schreibt, war schon im Artikel I des Beschlusses des staatlichen Verteidigungskomitees (GOKO) der UdSSR Nr. 7585 vom 20. Februar 1945 der “Verlauf der Grenze – bis zum Zeitpunkt einer Festlegung der definitiven Grenzen Polens bei einer künftigen Friedenskonferenz – entlang der Oder und der ‘westlichen’ Neiße” vorgesehen.[14] Die Durchsetzung dieser politischen Absicht zielte auch darauf ab, dem wiederherzustellenden polnischen Staat einen territorialen Ausgleich für den Verzicht jener ehemals ostpolnischen Gebiete anzubieten, die die Sowjetunion im September 1939 – gemäß der im Geheimprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt getroffenen Abmachungen - annektiert hatte. Dieses polnische Territorium wollte Stalin unter keinen Umständen wieder an Polen zurückgeben.[15] Auf der Konferenz der Alliierten in Jalta hatte Josef W. Stalin bereits erreicht, dass Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt ihre Zustimmung gaben, die sogenannte Curzonlinie als die künftige Ostgrenze Polens festzulegen. Im Gegenzug sollte dann Polen im Westen einen “beträchtlichen” Gebietszuwachs erhalten.[16] Mit der Entscheidung vom 13. Februar 1945, “Polen und Juden aus den westlichen Republiken der UdSSR” umzusiedeln[17] - auszusiedeln – leitete die Sowjetunion die Planungen und den Prozess der Organisation zur Umsetzung ihres Vorhabens zur Westverschiebung ihrer Staatsgrenze auf Kosten Polens ein. Die polnischen Menschen sollten, sobald Hitlerdeutschland besiegt war, in die sogenannten “wiedergewonnenen Gebiete”, in die eroberten ostdeutschen Provinzen “umgesiedelt” werden. Das setzte voraus, die Deutschen zu vertreiben. Zu diesem Zweck hatte die Provisorische Polnische Regierung damit begonnen, die erforderlichen Führungs- und Organisationsgremien zu schaffen. “Am 2. Februar (1945) rief die Provisorische Regierung ein Büro für die Westgebiete beim Präsidium des Ministerrates ins Leben – der Keim der für die Übernahme der neuen Gebiete verantwortlichen zentralen Strukturen.[18]

Offenbar auch unter der Sicht dieses historischen Kontextes forderte Wladislaw Gomulka, Erster Sekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei, auf einer ZK-Sitzung im Februar 1945: “Das wesentliche Problem, das wieder ein Gegenstand der Zusammenfassung aller Kräfte, der Konzentration der gesamten Gesellschaft im Umfeld dieser Westprobleme werden muß, ist das Problem der E n t d e u t s c h u n g [Hervorhebung im Orig.] der historischen polnischen Lande...”[19] Diese von der polnischen kommunistischen Führung vorbereitete strategische Konzeption hatte “nicht nur” die Vertreibung der Deutschen und die Verhinderung der Rückkehr der geflüchteten Deutschen in ihre Heimat zum Ziel, sondern auch die Ausmerzung aller ideellen und weitgehend aller materiellen Tatbestände, Spuren aus der über Jahrhunderte historisch gewachsenen deutschen Kulturlandschaft.

Nähert sich der Leser dieser Chronik dem “Konzept von der Entdeutschung”, kommt er allerdings nicht an dem historischem Geschehen des Überfalls der Armeen Hitlerdeutschlands auf Polen im September 1939 und dem folgenden Vernichtungsfeldzug gegen das polnische Volk bis zum Januar/Februar 1945 unter der ideologisch verbrämten Leitlinie von der “Germanisierung” Polens vorbei. Es ist denkbar, dass Gomulkas Konzept die Antwort auf Hitlers Programm sein sollte?!

Die dramatischen Konsequenzen und Lasten des Krieges mussten nun in Schlesien die 4,5 Millionen deutschen Schlesier, vor allem die Frauen, Kinder und alten Menschen tragen und ertragen. Von ihnen waren ca. 2,5 Millionen vor der Roten Armee geflohen. Die Zahl derjenigen, die eine zeitweilige Rückkehr schafften, soll etwa 1 Million betragen haben. Nach Schätzungen waren so nach Kriegsende (Mai/Juni 1945) immerhin noch bzw. wieder etwa 2,5 Millionen Schlesier in ihren Heimatorten anwesend/angekommen. Das waren etwa 54,1 Prozent der Deutschen, die vor 1939 in Schlesien gelebt hatten.[20]

Offenbar waren polnische politische Kräfte Ende Januar/Anfang Februar 1945 auf örtlicher Ebene in Teilen des besetzten Schlesiens schon mit konkreteren administrativen Schritten befasst, um in den “wiedergewonnenen Gebieten” vollendete Tatbestände zu schaffen. Folgt man den Darstellungen in der Broschüre “Informator o miescie i gminie Góra”, die “von der Gòraer Stadtverwaltung anläßlich der 700-Jahrfeier im Jahr 2000” herausgegeben wurde, dann begannen polnische Behörden bereits am 28. Januar 1945 in der Stadt Guhrau und in Teilen des Kreisgebietes damit, eigene Verwaltungs- und Machtstrukturen zu installieren. In der Broschüre heißt es unter dem genannten historischen Datum: “Góra kommt in die Grenzen des polnischen Staates. Die Stadt wird der Kreissitz in der “Breslauer Woiwodschaft.”[21] Allerdings dauerte es wohl bis Anfang Mai 1945 bis diese Verwaltungsorgane in jenen Teilen des Kreises arbeitsfähig waren, in denen nicht die sowjetische Armee die militärische Hoheit ausübte. Nach den Recherchen waren die Heimatortschaften Birkenhain, Sophienthal, Gimmel und andere Dörfer in der Umgebung von Gimmel in den Monaten bis mindestens September/Oktober 1945 von den dort stationierten sowjetischen Versorgungseinheiten beherrscht.

*****

Die ins Erzgebirge geflüchteten und in Blumenau und in umliegende Dörfer einquartierten Einwohner aus Birkenhain und Sophienthal erlebten am 8. Mai 1945 den Einmarsch der Truppen der Roten Armee. Ein Teil von ihnen begab sich Ende Mai/ Anfang Juni 1945 auf den unsicheren Weg zu ihren niederschlesischen Heimatdörfern. Doch nur wenige schafften den Weg über Neiße und Oder bis nach Hause.

Zu denen, die frühzeitig nach Birkenhain gelangten und gemeinsam mit anderen Rückkehrern in den Prozess der “Entdeutschung” gerieten, gehörten auch Ida Goletz und Frieda Baumert mit ihren drei Kindern. Sie traten diesen verhängnisvollen Weg aus dem niederschlesischen Hirschfeldau an. Dem Verlauf dieser leidvollen Wegstrecke bis zur Vollendung der Vertreibung der letzten deutschen Einwohner aus der Gemeinde Sophienthal wird nun in der Chronik weiter nachgegangen.

26. Januar 1945 bis Mitte April 1945

Zwei Familien aus Birkenhain in ihrem zeitweiligen niederschlesischen Aufenthaltsort Hirschfeldau bei Sagan und die schicksalhaften Folgen

Auf dem Weg nach Hirschfeldau

Wie schon im Abschnitt „Von Groß Kotzenau nach Sagan“ kurz berichtet wurde, trennten sich Ida Goletz geb. Fischer, Schwiegertochter Hedwig Goletz geb. Rutsch mit ihrem Sohn Armin und Tochter Frieda Baumert mit ihren drei Kindern Ingeborg, Heinz und Werner von dem Gemeinschafts-Treck ihrer Heimatorte schon kurz hinter Sprottau.

Sie begaben sich mit ihrem von einem Pferd gezogenen Fluchtwagen in den Morgenstunden des 26. Januar 1945 auf diesen Umweg von der vorgeschriebenen Fluchtroute, weil Hedwig Goletz mit ihrem Gespann ihre in Hirschfeldau wohnende Familie abholen und in Sicherheit bringen wollte. So fuhren die beiden Familien zielstrebig in nördlicher Richtung weiter. Für die nun eingeschlagene Wegstrecke über die kleinen Ortschaften Hirtendorf – Wittgendorf – Rückersdorf  bis nach Hirschfeldau waren etwa 25 Kilometer zurückzulegen. Hätten sie den Weg über Sagan gewählt, dann wären es bis Hirschfeldau ca. 38 Kilometer gewesen.

Diese kürzere Strecke wollten sie bis zum Abend des 26. Januar 1945 schaffen. Doch daraus wurde nichts. Die winterlichen Straßenverhältnisse dieser weniger befahrenen Nebenstraße waren so schwierig, dass das Pferd mit dem schweren Fluchtwagen nur mühsam vorankam. Immer wieder mussten Pausen eingelegt werden. Bis in die späten Abendstunden hatte man erst zwei Drittel der Strecke zurückgelegt. Zur Dunkelheit hatte sich noch Schneetreiben gesellt. Eine längere Ruhe- und Schlafpause war dringend erforderlich.

Zu später Stunde fanden sie in einem abgelegenen Gehöft überaus freundliche und hilfsbereite Menschen, die sie in ihrem Haus für diese Nacht bei sich aufnahmen. Ohne lange Umstände ließ die Hausherrin die frierenden Gestalten in die Wärme der Küche eintreten. Für das Pferd wurde rasch ein Stallplatz freigemacht und Wasser sowie Futter bereitgestellt.

Den Ehemann der Hausbesitzerin bekamen die Ankömmlinge zunächst nicht zu sehen. Er befand sich im Schlafzimmer und ließ sich von seiner Ehefrau die wichtigsten Informationen über die Ankömmlinge zurufen. Währenddessen legte sie Holzscheite in das Feuerloch des Herdes, zündete diese an, um Wasser für die Zubereitung eines wärmenden Getränks und zum Waschen zu erhitzen. Nachdem die nächtlichen Gäste ihre Wintermäntel, Mützen und Handschuhe abgelegt hatten, wurden sie vom schwerstbehinderten Hausherrn ins Schlafzimmer gebeten. Er hatte in Kämpfen an der Ostfront seine beiden Beine bis in den Bereich seiner Oberschenkel verloren, als er das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht hatte. Für die Kinder war der Anblick dieses geschundenen Mannes, der sie vom Bett aus freundlich begrüßte, schockierend und mitleiderregend. Einen Menschen ohne Beine hatten sie noch nicht zu Gesicht bekommen.

Als er von den Ankömmlingen hörte, dass sie aus dem niederschlesischen Birkenhain kamen und auf der Flucht vor den Russen seien, die schon die Oder bei Köben und Steinau überquert hätten, wollte er diese Nachricht zunächst nicht glauben. Er zeigte sich überzeugt davon, dass die Deutsche Wehrmacht die Russen aus Schlesien wieder hinauswerfen werde!

Doch mit weiteren politischen Gesprächen fühlten sich Ida und Hedwig Goletz und Frieda Baumert überfordert. Für sie war die rasche Versorgung  der Kinder das dringendste Bedürfnis. Vor allem der jüngsten Flüchtling, der sieben Monate alte Werner, musste durch seine Mutter gestillt werden. Alle hatten Hunger, brauchten Wärme und Schlaf. Die beiden Familien aus Birkenhain erlebten bei ihren Gastgebern größte selbstlose Fürsorge und Mitmenschlichkeit. Sie wurden von ihnen mit allem Lebensnotwendigen versorgt und überließen den fremden Flüchtlingen ihre Betten, ihr Schlafzimmer für die Nacht.

Als sie sich am anderen Morgen nach einem reichlichen Frühstück von ihren Gastgebern verabschiedeten und ihren Fluchtwagen bestiegen, rief ihnen der im Hausflur auf seinen Beinstumpfen hockende Mann traurig zu, dass er und seine Ehefrau leider nicht fliehen können. Sollten die Russen doch kommen, würden sie ihn sicherlich erschießen?!

Die beiden Familien aus Birkenhain nahmen nun den letzten Teil der Wegstrecke nach Hirschfeldau in Angriff. Die winterlichen Straßenverhältnisse hatten sich nicht gebessert. Sie erwiesen sich in den Morgenstunden des 27. Januar 1945 noch schwieriger, als tags zuvor. Die nächste Ortschaft, die sie durchfahren mussten, war Rückersdorf. Von hier aus erreichten sie nach einigen Stunden Fahrt die von Freystadt nach Sagan führende Landstraße. Nun waren nur noch wenige Kilometer zu bewältigen und das Ziel war in den Nachmittagsstunden erreicht.

In Hirschfeldau angekommen...

Ihre Überraschung war groß, als sie in das Oberdorf der sich über annähernd 4 Kilometer erstreckenden Ortschaft Hirschfeldau einzogen. Die winterliche Ortschaft machte für die Ankömmlinge, gemessen an ihren bisherigen Fluchterlebnissen, einen fast beschaulichen Eindruck. Abgesehen von der Anwesenheit von deutschen Soldaten im Dorf und den sich auf der Landstraße Sagan – Freystadt bewegenden Wehrmachtseinheiten herrschte keine übermäßige Kriegshektik. Von Aktionen zur Vorbereitung der Flucht der Dorfbevölkerung gab es keine äußerlich wahrnehmbaren Anzeichen.

Mit der Verarbeitung dieser ersten oberflächlichen Eindrücken beschäftigt, trafen die beiden Flüchtlingsfamilien aus Birkenhain wenig später bei ihrer Verwandtschaft, bei der Familie Rutsch in Ober-Hirschfeldau ein. Zuerst wurde das Pferd versorgt. Ein vorläufiger Unterstellplatz für das Pferd und den Wagen war schnell gefunden. In der Zwischenzeit begaben sich die überraschend eingetroffenen Flüchtlinge von jenseits der Oder in die Wohnung der Gastgeberin. Es gab beiderseits ausreichend Gesprächsbedarf. Als Hedwig Goletz ihrer Mutter von dem Grund der Fahrt nach Hirschfeldau berichtete, reagierte diese überrascht und aufgebracht. Die Aufforderung, mit dem Pferdewagen der Tochter gemeinsam mit den anderen Birkenhainer Ankömmlingen von Hirschfeldau weiter ins Innere Deutschlands zu fliehen, wies Frau Rutsch mit starken Worten empört zurück. Für sie stand fest, dass sie freiwillig ihren Heimatort nicht verlassen würde.

So dachten offenbar am 27. Januar 1945 noch eine ganze Reihe der alteingesessenen 950 Einwohner des Dorfes und der zahlreich anwesenden Flüchtlinge. Gutsbesitzer Crüsemann hielt sich ebenfalls noch in seinem Schloss in Ober-Hirschfeldau auf. Später schrieb er in seinen Erinnerungen über diese Situation: “Nicht einer von meinen Leuten, nicht einer von den alteingesessenen Bauern hatte die Heimat verlassen.”[22] Allerdings zog er es dann doch vor, “seine Leute” zu verlassen und sich unmittelbar nach dem Einmarsch der Roten Armee gen Westen “abzusetzen”. Das hätten offenbar schon vorher nicht wenige der Menschen in Hirschfeldau gerne getan. Doch sie warteten vergeblich auf den Befehl der politischen und militärischen Führung ihres Kreises – oder ihres Gutsbesitzers? - der es ihnen gestattete, ihr Dorf zu verlassen, sich in Sicherheit zu bringen.

Die in Hirschfeldau vorgefundene, nicht erwartete Situation führte, “verführte” die Familien Goletz und Baumert aus Birkenhain dazu, ihr Vorhaben zur Fortsetzung ihrer Flucht in Richtung Westen zu überdenken. Besonders Ida Goletz kam mehr und mehr zu der Meinung, dass es keinen Sinn mehr machen würde, unter den eingetretenen Kriegsbedingungen sich noch weiter von dem niederschlesischen Heimatdorf zu entfernen. Sie war sich unterdessen ziemlich sicher, dass es unsinnig wäre, so wie vorher beabsichtigt, gemeinsam mit Familie Rutsch dem Treck der Birkenhainer und Sophienthaler Flüchtlinge hinterher zu fahren.

Alle Ankömmlinge aus Birkenhain, drei Erwachsene und vier Kinder fanden vorerst in der kleinen Wohnung von Familie Rutsch einen eingeengten Schlafplatz. Für die Notverpflegung der nächsten Tage reichten die auf dem Fluchtwagen mitgeführten Lebensmittel, die durch den Frost tief gefroren und in einem guten Zustand waren. Darüber hinaus gab es eine bescheidene Unterstützung durch die örtlichen Hilfskräfte, die sich um die Flüchtlinge kümmerten. Diese Lösung war jedoch nur für ganz kurze Zeit für die Gastgeber und die Gäste zumutbar und tragfähig, so glaubten sie zumindest.

Ida und Hedwig Goletz sowie Frieda Baumert verinnerlichten in den Tagen in Hirschfeldau eine Erfahrung, die sie schon während des hinter ihnen liegenden 110 Kilometern Fluchtweg zunehmend bedrückender gespürt hatten: “Verlust der Heimat und die damit eintretende Besitzlosigkeit führen den Einzelnen in eine Situation permanente existenzieller Not, fortschreitender sozialer Hilfebedürftigkeit und schwer zu ertragender sozialer Abhängigkeiten.” Sich damit nicht abfinden zu wollen, wurde zunehmend zu einem bestimmenden Motiv des Verhaltens und Handelns der beiden Birkenhainer Familien. Ida Goletz sah nur einen Ausweg, um nicht noch mehr diesem bedrohlichen Zustand zu verfallen. Sie wollte so schnell wie möglich und unter Hinnahme aller Erschwernisse in ihr niederschlesisches Heimatdorf zurückkehren!

Doch zunächst hieß es abzuwarten, was in Hirschfeldau in den Tagen bis zum 10./11. Februar 1945 noch auf sie zurollen würde! Am Ende blieb ihnen nur noch, zu beten und zu hoffen! Worauf?

Sie hofften auf das Überleben im Sog des grausamen Kriegsgeschehens, in dem sie sich nun sehr rasch befinden sollten. Unaufhaltsam gerieten die Einwohner und Flüchtlinge in die unmittelbare lebensbedrohliche Situation, die entsteht, wenn die Zivilbevölkerung von der Front überrollt wird und in die Hände der gegnerischen, siegenden Armeen fällt. Wie überall in Schlesien war man nun auch in Hirschfeldau der Roten Armee ausgeliefert.

10./ 11. Februar 1945: “Die Russen sind da...!”

So oder so ähnlich dürfte der erschrockene Ruf in vielen Familien in Hirschfeldau gelautet haben, als man in der in den frühen Morgenstunden vorsichtig aus den von ihnen freigehauchten, zugefrorenen Fensterscheiben auf die Dorfstraße, auf die Gutshöfe in Ober- und in Nieder-Hirschfeldau hinauslugte. So war es jedenfalls bei der Familie Rutsch und ihren Gästen aus Birkenhain. Schon in den frühen Nachtstunden war für alle Anwesenden die bedrohliche Realität des Wechsels des Militärs in Hirschfeldau offenkundig geworden: Die deutsche Wehrmacht hatte das Dorf mit ihren Fahrzeugen und dem Kriegsgerät fluchtartig verlassen und Panzereinheiten der Roten Armee waren eingerückt. Die Erwachsenen und größeren Kinder hatten sich vorsorglich angekleidet. Sie harrten wartend auf das “Ungewisse”, auf die Racheaktionen der Russen! Doch zunächst kamen keine der gefürchteten Soldaten der Roten Armee in die Wohnhäuser! Doch das sollte sich bald ändern.

In ihrem im Jahre 2003 erschienen Buch über “Das Waldhufendorf Hirschfeldau bei Sagan und die niedere Straße...”[23] vermitteln die Verfasser, Inge und Lothar Küken, vielfältige detaillierte Einblicke in die damalige Situation während des Einmarsches der Roten Armee in Hirschfeldau und in die folgenden Monate des Lebens der Menschen unter den Bedingungen sowjetischen ”Kriegs- und Besatzungsrechts”. Im Ergebnis ihrer Recherchen kommen die beiden Autoren zu folgender Darstellung der Ereignisse in den Tagen vom 10. bis 12. Februar 1945: “Am Abend des 10. Februar wurde es ernst. Der Feuerschein der Front kam deutlich näher. Detonationen aus der Umgebung ließen Baulichkeiten in HIRSCHFELDAU erschüttern. Die erst einquartierte bayrische Panzerdivision räumte sofort wieder den Ort und mit ihr zogen alle weiteren Wehrmachtsangehörigen in Richtung Westen. Es war kurz nach Mitternacht, der Lärm der dröhnenden Panzermotoren nahm an Stärke zu. Gegen 1.30 Uhr war NIEDER-HIRSCHFELDAU bereits von Panzerspitzen der Roten Armee überrollt. Von der Kurve bei Burkerts bis zum Ortsausgang in Richtung Schönbrunn fand man später vier erschossene deutsche Soldaten. Offensichtlich hatten sie den Anschluß zu ihrer Einheit verpaßt und sich den Kampftruppen gezeigt. Die rollenden Kampftruppen kannten kein Pardon... Am 11. Februar erfüllte dann...Maschinengewehrfeuer die frühen Morgenstunden in HIRSCHFELDAU. Russische Panzereinheiten mit ihren T 34 rollten mit enormer Geschwindigkeit als Kolonne durch den Ort. Auch die errichteten Panzersperren am Ortseingang bildeten kein Hindernis für die sich bewegende Kriegsmaschinerie. Gesichert durch Sturmgeschütze setzte noch am gleichen Tag gegen Mittag der Durchzug motorisierter Truppen ein und sperrte die Dorfstraße bis in die Nacht. Im Verlaufe des Nachmittags brannten Stallungen und Scheune des Landwirts Pätzold. Niemand getraute sich ins Freie. Der Durchzug bespannter Kolonnen von Rotarmisten begann im Morgengrauen des 12. Februar....”[24]

Ein Teil dieser Einheiten begann mit der “Besitzergreifung” des Dorfes und mit der Einrichtung der militärischen Kommandanturen und großangelegten Stützpunkten im Bereich der beiden Güter in Ober- und in Nieder-Hirschfeldau für die eintreffenden Versorgungseinheiten der Roten Armee. Diese in Hirschfeldau für einen längeren Zeitraum stationierten Einheiten übten die örtliche Militärdiktatur aus. Wie allgemein üblich, fand auch die im sowjetischen “Eroberungsszenario” der deutschen Ortschaften vorgesehene dreitägige Durchsuchungs- und Plünderungsaktion aller Häuser, Wohnungen, Gehöfte, Stallungen, Scheunen und anderer Gebäude im Dorf statt. Dazu gehörte auch, dass die durchziehenden und zeitweilig anwesenden sowjetischen Soldaten das Vieh aus den Ställen der Einwohner von Hirschfeldau in die Stallanlagen der beiden Güter, in die Versorgungsstützpunkte der Sowjetarmee trieben und damit ihre Versorgungsdefizite auffüllten. Besonders die Pferde der Landwirte und Flüchtlingsfamilien waren gefragte Beutestücke. Auch die Birkenhainer Familien Goletz und Baumert verloren ihren “schwarzen Hans”, der sie nach Hirschfeldau gezogen hatte und sie - nach den bei ihnen noch keimenden Hoffnungen - auch wieder in ihr Heimatdorf zurückbringen sollte.

Die befohlene dreitägige Räumung der Gehöfte und Häuser im Ortskern von Hirschfeldau hatte zum kurzfristig befohlenen Termin zu erfolgen. Von den Einwohnern durften nur die nötigsten Dinge des täglichen Bedarfs, wenige Nahrungsmittel und Decken mitgenommen werden. Nach den überlieferten Erinnerungen der Familien Rutsch, Goletz und Baumert dürfte diese Aktion am 12. Februar in den Morgenstunden begonnen und sich bis zum 15. Februar 1945 erstreckt haben. Alle Dorfbewohner mussten sich zu den festgelegten Gehöften der nahegelegenen Forsthäuser bzw. Vorwerke begeben. Sie wurden in der Zeit ihrer Anwesenheit von sowjetischen Soldaten bewacht. Niemand der hier zwangsweise eingewiesenen Personen durfte diese Areale in den drei Tage verlassen. Wer es trotzdem wagte, wurde erschossen. So erging es dem Besitzer des Bürgerschen Hofes.[25] Zwischenzeitlich waren auch andere Männer des Dorfes in die Hände der sowjetischen Besatzer gefallen.

Hunderte Dorfbewohner mussten eng zusammengepfercht in Scheunen, Stallungen und den anderen  Räumlichkeiten ihrer Zwangsaufenthaltsorte während der nächsten Tage voller Angst und Schrecken kampieren. Unter ihnen befanden sich viele junge Mütter mit ihren Babys, die noch gestillt werden mussten. Viele von ihnen waren spätestens am zweiten Tag in der prekären Situation, dass ihr Milchfluss zu versiegen begann. Frieda Baumert aus Birkenhain durchlebte diese traumatisierenden Stunden und Tage. Es gab für die Mütter kaum Möglichkeiten, sich so zu ernähren, wie es für die kleinen Erdenbürger erforderlich gewesen wäre. Es gab keine Milch für die Mütter und Babys, es fehlte auch an der geeigneter Nahrung zum “Zufüttern” für die Kleinen. Auch die größeren Kinder konnten nur unzureichend ernährt werden. Für sie hatte eine Zeit begonnen, in der sie häufig vom Hunger geplagt wurden und das Betteln nach Brot, nach Nahrungsmitteln bei den sowjetischen Soldaten und bei bessergestellten Deutschen zum Alltag gehörte. Doch das waren nicht die einzigen existenziellen Sorgen, die die Mütter, alle Frauen seit dem Einmarsch der Russen in Hirschfeldau, in Schlesien plagten.

Während dieser Tage des Aufenthalts in den Zwangsunterkünften und der “Plünderung” im Dorf  begann für viele Frauen und Mädchen das über Wochen anhaltende Martyrium der Vergewaltigungen, der vielfältigen entwürdigenden Misshandlungen durch einzelne Soldaten oder Gruppen von Angehörigen der Sowjetarmee. Diese Art von zu verabscheuenden Taten, von Kriegsverbrechen traf Frauen aus Hirschfeldauer Familien und Flüchtlingsfamilien, darunter auch der aus Birkenhain stammenden. Niemand konnte den geschundenen Frauen helfen. Sie und ihre Familienangehörigen, selbst die Kinder mussten die furchtbare Erfahrung im Zusammentreffen mit den Siegern verkraften: Wer sich zur Wehr setzt und wer den Vergewaltigern entgegen tritt, begibt sich in Todesgefahr, wird erschossen oder erschlagen. So blieb es für längere Zeit in Hirschfeldau, in Schlesien und anderswo im besetzten Deutschland. Auch in den folgenden Wochen, Monaten der zwangsweisen Verpflichtung zu schweren Arbeitsleistungen in den Versorgungslagern der Roten Armee in Hirschfeldau und in der näheren sowie weiteren Umgebung hielten diese Übergriffe an.

Die dem sowjetischen Kriegsrecht unterliegende Ordnung in Hirschfeldau zwang alle arbeitsfähigen Deutschen zur Arbeit für das Militär. Dadurch waren zugleich fast alle Familien im Dorf erfasst und unter Kontrolle des Militärs, auch ihre Versorgung. Es galt das Prinzip “Wer nicht arbeitet, bekommt nichts zu essen!” Die Arbeitskräfte erhielten in der Folgezeit bescheidene Lebensmittelrationen und einen Zuschlag für ihre Kinder und ihre alten Familienangehörigen. Zumindest besagen das die den Autoren bekannten Überlieferungen aus den Familien Goletz und Baumert.

Für sie gab es bald nach der Rückkehr ins Dorf eine Lösung ihres Wohnungsproblems. Frieda Baumert hatte in diesen Tagen die ältere Einwohnerin eines kleinen freistehenden Wohnhauses in der Nähe von Kirche und Spritzenhauses der Feuerwehr im Oberdorf  kennengelernt. Da sie alleine in ihrem Haus wohnte und offenbar auch nicht frei von Ängsten war, hatte sie angeboten, dass Frieda Baumert und deren drei Kindern sowie deren Mutter und Großmutter, Ida Goletz, vorübergehend zu ihr ins Haus  ziehen. Sie stellte ihr großes Zimmer zur Verfügung und gestattete die Mitbenutzung ihrer Küche. Die Familie empfand es als ein großes Glück, 30 Tage nach Beginn der Flucht aus Birkenhain wieder einen eigenen beheizbaren Wohnraum mit ausreichend Schlafplatz für fünf Personen zu haben. Nun konnten sie ihre kargen Mahlzeiten und heißen Getränke selbst zubereiten. Die Gefahren für Leib und Leben waren zwar nicht gebannt, aber sie gewannen im niederschlesischen Hirschfeldau zeitweilig etwas an “Bodenhaftung”. Auch für Frau Rutsch brachte der Auszug von fünf Personen eine große Erleichterung. Sie hatte nun nur noch zusätzlich zur eigenen Familie ihre Tochter Hedwig Goletz und Enkelsohn Armin zu beherbergen.

Frieda Baumert und Hedwig Goletz gehörten zu jenen arbeitsfähigen Frauen und Mädchen im Dorf, die ebenfalls zunächst “zu schweren Arbeitsleistungen herangezogen wurden, mitunter in weit entlegenen Orten, ungeachtet der Kinder, die zurückblieben und ungeachtet der Schikanen, die ihnen nach Beendigung der Arbeitsleistungen auf dem Heimweg bevorstanden”.[26] Hinzu kamen noch die schweren Stallarbeiten und das Melken der nun “armeeeigenen” Kuhbestände und viele andere Tätigkeiten in den Versorgungslagern der Roten Armee. Da Frieda Baumert ihren Sohn auch noch in den anbrechendem Frühlingsmonat stillen und ihre beiden anderen Kinder versorgen musste, ermöglichten ihr verantwortliche Angehörige der sowjetischen Kommandantur in den militäreigenen Versorgungslagern in Ober-Hirschfeldau, in unmittelbarer Nähe zu ihrer Wohnung zu arbeiten.

Von deutschsprechenden Offizieren erfuhren die in den Versorgungslagern arbeitenden Frauen oft die einzigen zuverlässigen Informationen über den Verlauf der Kriegshandlungen in Schlesien und im Kampf um Berlin. Ausser den immer wieder kommunizierten Worten russischer Soldaten: “Hitler bald kaputt!”, vernahmen sie so die Nachrichten, dass am 1. April 1945 die deutschen Verteidiger der “Festung Glogau” kapituliert hatten und auch die “Festung Breslau” bald in die Hände der Roten Armee fallen würde.

Vorbereitungen zur Rückkehr nach Birkenhain...

Das sich nun täglich immer mehr abzeichnende Ende des grausamen zweiten Weltkrieges, entfachte vor allem bei Ida Goletz die Hoffnung und den Willen, so rasch wie möglich nach Birkenhain zurückzukehren. Schwiegertochter Hedwig Goletz hielt nicht viel von solchen abenteuerlichen Ideen. Sie fühlte sich in ihrem Geburtsort mit Sohn Armin in der Obhut ihrer Mutter und Schwester, der Familie Rutsch gut aufgehoben. Sie wollte hier auf ihren Ehemann, Alfred Goletz, warten.

Frieda Baumert, die schon zu diesem Zeitpunkt ein Übermaß an Leiden ertragen hatte, war dagegen, nach Birkenhain zurückzukehren. Immer wieder versuchte sie, ihre Mutter Ida Goletz, von deren Vorhaben abzubringen. Sie hatte auf Grund ihrer Erfahrungen seit dem Einmarsch der Roten Armee in Hirschfeldau, wohl die klarsten Vorstellungen über die Risiken eines solchen Unternehmens. Sie kannte am besten die Gefahren für Leib und Leben, die ihr als junge Frau, ihren Kindern und auch ihrer Mutter drohten. Doch am Ende sollte ihr Aufbegehren gegen das resolute Drängen ihrer Mutter ohne Erfolg bleiben.

Als geschichtsbewusste Frau argumentierte Ida Goletz im Familienkreis oft so: “Wo sollen wir wohl hin, wenn die Russen Schlesien und andere Teile Deutschlands besetzt halten. Die Russen sind hier in Hirschfeldau und sie sind auch in Birkenhain. Aber sie werden sich in einiger Zeit wieder in nach Rußland zurückziehen. In den zurückliegenden Jahrhunderten war Schlesien von vielen Mächten zeitweilig besetzt, aber immer zogen die Besatzer wieder ab und immer blieben die Schlesier im Besitz ihrer Heimat. Die Russen waren doch schon als Verbündete Österreichs im Siebenjährigen Krieg, im Jahre 1759 in Gimmel, in Sophienthal und im damaligen Tscheschenheide und richteten dort viel Unheil an. Dann haben sie sich mit Preußen verbündet und sind friedfertig wieder abgezogen. Auch während der Befreiungskriege gegen Napoleon (1812-1813) sind sie durch unseren Kreis mehrfach gekommen und am Ende wieder nach Rußland zurückgekehrt.[27] So wird es auch nach diesem Weltkrieg wieder sein! Also ist es für uns das Vernünftigste, so rasch als möglich nach Birkenhain zurückzukehren. Da kommen wir vielleicht noch zur rechten Zeit an, um unsere Felder zu bestellen. Dort haben wir Haus und Hof, hier und woanders haben wir nichts und sind Hilfsbedürftige bis zu unserem Ende!” Völlig undenkbar war für Ida Goletz jedoch, dass Schlesien nach dem Krieg dauerhaft an Polen fallen würde.

Die nicht zu erschütternde Heimatliebe und auch die Hoffnung, ihr Sohn Alfred würde nach Kriegsende unter allen Umständen nach Birkenhain kommen, ließ den Willen zur raschen Rückkehr in ihr niederschlesisches Heimatdorf  bald zur Tat werden. Der Verlust von Pferd und Wagen war für Ida Goletz kein Grund, wenigsten vorläufig noch in Hirschfeldau zu verbleiben. Sie war der Meinung: “Da laufen wir eben die 100 Kilometer. Unser bisschen Gepäck laden wir auf einen Handwagen!”

Nach dem 20. April 1945 waren die Vorbereitungen für den Rückmarsch der Familie soweit gediehen, dass es losgehen konnte. Der Handwagen war beschafft. Frieda Baumert konnte bei der sowjetischen Kommandantur des Versorgungsstützpunktes in Hirschfeldau einen “Propusk”, ein offizielles militärisches Begleitdokument, ein Passierschein für den Weg nach Birkenhain erwirken. In dieser Situation war es für die “Rückkehrer” von erheblichem Vorteil, dass die zwischen Hirschfeldau und Gimmel stationierten sowjetischen Versorgungseinheiten zum gleichen Befehlsbereich, zu den Armeen der 1.Ukrainischen Front gehörten und deshalb miteinander verbunden waren. Also lautete das von der Kommandantur in Hirschfeldau vorgegebene Ziel: “Versorgungsstützpunkt der Sowjetarmee in Gimmel”. Auch die Marschroute und die sowjetischen Meldepunkte, Kommandanturen waren vorgegeben. Dort mussten sie sich nicht nur melden, sondern auch übernachten. Es herrschte immerhin noch Krieg. Der verhängte Ausnahmezustand verbot es den Deutschen, sich in der Zeit von 18:00 bis 09:00 Uhr auf den Straßen zu bewegen.

Ende April bis September 1945

Rückkehr einiger deutscher Familien in ihr nun fremdes Heimatdorf Birkenhain – Existenz unter den Bedingungen zeitweiliger sowjetischer Militärpräsenz im Gebiet um Gimmel

Am 25. April 1945war es soweit: Ida Goletz, Frieda Baumert und die drei Kinder Ingeborg, Heinz und Werner begaben sich von Hirschfeldau aus auf den unsicheren Rückweg zu ihrem heimatlichen Dorf Birkenhain!

Vor ihnen lag eine Wegstrecke von mehr als 100 Kilometer, die sie nun zu Fuß bewältigen mussten. Die von den sowjetischen Behörden vorgegebene Route orientierte die fünf Rückkehrer auf annähernd die gleiche Streckenführung, die sie während ihrer Flucht bis nach Hirschfeldau mit dem Pferdefuhrwerk zurückgelegt hatten. Sie führte in der ersten Etappe durch die Ortschaften Wittgendorf – Hirtendorf – bis zu einem großen Gut in der Nähe von Sprottau. Allerdings durften sie Sprottau nicht durchqueren, sondern mussten über Land- bzw. Waldwege um das  Stadtgebiet herum zum Tagesziel „wandern“. Ähnliche Auflagen wurden ihnen auch für die nächsten zwei Tagesmärsche auferlegt. Sie sollten die Chaussee, die über Primkenau – Kotzenau - Lüben nach Steinau führte, weitgehend meiden. Diese diente den Truppen der Roten Armee vor allem als Nachschubtrasse. So blieb den Rückkehrern nichts anderes übrig, ihren Handwagen mit dem Rest der Habe und den darauf untergebrachten beiden kleinen Jungen im Alter von 10 Monaten und 5 Jahren Kilometer um Kilometer über holperige, beschwerliche Wald- und Flur-/Landwege zu ziehen. Dadurch verlängerte sich die Rückmarschstrecke.

Weder die gutgemeinten Mahnungen der Verwandten und neuen zeitweiligen Bekannten, noch die vom sowjetischen Kommandanten geäußerten Bedenken hatten Ida Goletz und Frieda Baumert von der Rückkehr in ihr Heimatdorf abhalten können. Auch jetzt, während der Strapazen, der kräftezehrenden Tagesmärsche blieben ihre Motivation und ihr Wille zur Bewältigung der Wegstrecke bis nach Birkenhain ungebrochen. Allerdings waren vor allem bei Frieda Baumert weiterhin erhebliche Zweifel an der Richtigkeit einer so frühzeitigen Rückkehr vorhanden. Während des „Rückmarsches“ durch die vom Krieg gezeichneten, verwüsteten niederschlesischen Landschaften, Straßen, Dörfer und Städte kam es zwischen Mutter und Tochter über diese Zweifel immer wieder zu Diskussionen. Die vielen erschreckenden und Angst machenden Erlebnisse, mit denen sowohl die beiden Erwachsenen als auch die drei Kinder auf der Wegstrecke von Hirschfeldau nach Birkenhain konfrontiert wurden, boten genügenden Anstoß dafür.

Sie sahen die Leichen, die Überreste unzähliger toter deutscher Soldaten und auch von Zivilpersonen. Sie kamen an zerschossenem und liegengebliebenem Kriegsmaterial aller Art, an umgestürzten und zerbrochenen Fluchtwagen, an Tierkadavern und diversen Überresten von weggeworfener und zerstörter Habe von Flüchtlingen vorbei, die in den Straßengräben, auf Wiesen, Feldern und in Wäldern reichlich herumlagen. Immer wieder wurden die fünf Rückkehrer von Schüssen, von Maschinengewehrfeuer und Detonationen von Granaten in der näheren und weiteren Umgebung aufgeschreckt und in Angst versetzt. Offenbar gab es Ende April 1945 noch eine Reihe von deutschen Soldaten, von kleineren Einheiten der deutschen Wehrmacht, die in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges versuchten, sich nach Westen durchzuschlagen. Zu diesem Zeitpunkt verlief die Frontlinie in etwa durch die Kreise Strehlen – Reichenbach – Schweidnitz – Landeshut – Hirschberg bis nach Görlitz. Auf ihrem gefährlichen Weg durch ein Gebiet, das von der Roten Armee besetzt war, gerieten die deutschen Soldaten nicht selten in einen Hinterhalt sowjetischer Einheiten oder in eine Situation offener Kampfhandlungen mit ihnen. Für nicht wenige deutsche Soldaten endeten diese „Begegnungen“ und Gefechte mit dem Feind tödlich. Hart umkämpft wurde zu diesem Zeitpunkt noch die von der NS-Führung zur Festung erklärte schlesische Hauptstadt Breslau.

Die fünf Rückkehrer hatten jedoch mit den vielen sowjetischen Militäreinheiten, die ihnen auf den Landstraßen und Wegen begegneten, weniger Probleme als in Hirschfeldau. Sie spürten bei jedem dieser Zusammentreffen, dass sie offenbar durch den von der sowjetischen Kommandantur in Hirschfeldau ausgestellten „Passierschein“ auf der gesamten Strecke bis nach Hause weitgehend geschützt waren. Bei allen Kontrollen ihrer Identität fand dieses Papier volle Akzeptanz. Das stärkte ihre Hoffnung, dass die Rückkehr nach Birkenhain und die Absicht, dort unter „zeitweiliger“ sowjetischer Besatzung neu anzufangen, doch wohl richtig und zu bewältigen sei.

In dieser Stimmung legten sie um die 20 Kilometer am Tag zurück. Das Wetter meinte es mit ihnen überaus gut. Die Wärme dieser Frühlingstage überdeckten ihre weiterhin vorhandenen existenziellen Sorgen in manchen Augenblicken, doch lindern konnten sie diese nicht. Besonders dann, wenn die Frühlingssonne in den Mittags- und Nachmittagsstunden mit voller Kraft herunterstrahlte, wurden die kleinen und großen „Wanderer“ durch die Kriegslandschaft von dem aufkommenden Durst mehr gepeinigt, als durch das wachsende und nur notdürftig zu befriedigende Hungergefühl. Für die neunjährige Ingeborg wurde dieser Marsch auf Grund ihres 1940 nur halbwegs korrigierten beiderseitigen Hüftleidens zu einer immer größeren Quälerei.

Aber zum Ausruhen blieb wenig Zeit. Sie mussten weiter, um rechtzeitig zum festgelegten Meldepunkt der jeweiligen Tagesetappe - am Ort der jeweiligen sowjetischen Kommandantur der stationierten Versorgungseinheiten - anzukommen. Dort konnten sie für eine Nacht in einer Scheune, einer Halle übernachten. Hier trafen sie auch mit anderen Familien zusammen, die entweder noch als Flüchtende gen Westen unterwegs waren oder ebenfalls in ihr niederschlesisches Heimatdorf zurück wollten. Diese Räumlichkeiten wurden von russischen Soldaten bewacht. Meistens bekamen sie sogar etwas zu essen und zu trinken. Am besten erging es ihnen, wenn die jüngeren Frauen noch zum Melken der auf den Gütern zusammengetriebenen Kühe beordert wurden. Dann brachten sie zumindest ein Gefäß mit frischer Milch mit, das für die ganze Familie reichte. So erlebten es zumindest die Angehörigen der Familie Goletz/Baumert in den drei „Melde- und Raststationen“ der Roten Armee, die in der Nähe von Sprottau (25. April 1945), Primkenau (26. April 1945) und Groß Kotzenau (27. April 1945) lagen.

Von ihrem am 27. April 1945 erreichten letzten Meldepunkt vor der Oder - einer Gutshofanlage, die zu der ihnen schon von der Flucht her bekannten Ortschaft Groß Kotzenau gehörte - waren es noch etwa 50 Kilometer bis Birkenhain. Beim Empfang des signierten Passierscheins am nächsten Morgen wurde ihnen mitgeteilt, dass sie im Verlauf des Vormittags mit einem Militär-Konvoi der Roten Armee bis Steinau mitfahren konnten! Diese Mitteilung löste Erstaunen aber nicht unbedingt Freude bei ihnen aus. Immerhin sollten sie sich das erste Mal in ihrem Leben auf ein Militärfahrzeug der feindlichen sowjetischen Macht begeben. Viele Bedenken und Fragen plagten die beiden Frauen! Lieferten sie sich und ihre Kinder bzw. Enkelkinder den feindlichen Besatzern nicht in unverantwortlicher Weise aus? Durfte man sich als Deutscher überhaupt auf solch ein Angebot einlassen?

Doch seit dem 12. Februar 1945 war ihr Leben ohnehin von den Zwängen des Kriegs- und Besatzungsrechts der sowjetischen Siegermacht dominiert. Dabei hatten sie in ausreichendem Maße erfahren müssen, dass sie nur dann überleben können, wenn sie sich dem Regime der Sieger bedingungslos unterwerfen. Sie hatten in den zurückliegenden Wochen und Monaten die bittere Lektion lernen müssen, dass es zu den vorrangigen Lebens- und Überlebensprinzipien dieser dramatischen Zeit gehört: Gegenüber den Handlungen der Besatzer niemals Widerstand zu leisten und keine Geste des Mitgefühls oder der Hilfe durch Angehörige der Sowjetarmee zurückzuweisen. Am Ende aller Überlegungen und Bedenken entschieden sich Ida Goletz und Frieda Baumert doch, sich mit den Kindern auf die Ladefläche eines der sowjetischen Lastkraftwagen heben zu lassen. Den Ausschlag für diese Entscheidung gab die Aussicht, etwa 30 Kilometer  weniger laufen zu müssen und möglicherweise noch an diesem Tag, am 28. April 1945 bis Birkenhain zu gelangen.

Noch in den Vormittagsstunden erreichten sie als mitfahrende deutsche Familie auf einem russischen Militärfahrzeug die durch die Kampfhandlungen im Januar/Februar 1945 stark zerstörte Stadt Steinau. Die Oder überquerten sie über die Planken einer offenbar vom sowjetischen Militär errichteten Ponton-Brücke. Gleich hinter Steinau, an der Abzweigung der Landstraße nach Wohlau war die Fahrt für die Familie Goletz/Baumert zu Ende. Sie mussten das Militärfahrzeug verlassen. Danach setzte der Militärkonvoi in Richtung Wohlau seine Fahrt fort.

Die fünf Rückkehrer nahmen die letzte Wegstrecke von etwa 20 Kilometer in Angriff. Sie waren nun, nachdem sie die LkW-Fahrt ohne Schaden überstanden hatten, doch froh, sich auf das Fahrangebot der Russen eingelassen zu haben. Je näher die beiden Frauen und auch die Kinder dem Ziel ihres langen Rückweges näher kamen, desto mehr steigerten sich bei ihnen Unruhe und Ängste.

Es war unterdes schon später Nachmittag geworden, als sie Gimmel erreichten.

Das ihnen vertraute Dorf mit der unzerstörten evangelischen Kirche war durch die Kriegsereignisse zwar nicht zerstört, aber von den Kriegsereignissen, Plünderungen der Sieger auffallend gezeichnet. Es war kein Ort mehr, in dem man verweilen mochte. Deshalb waren sie froh, als sie die russische Kommandantur gefunden hatten, in der sie sich melden mussten. Alle Personen, auch die drei Kinder, wurden registriert. Ihren Aufenthaltsort in Birkenhain, ihre Gehöfte mussten sie genau benennen. In der Gemeinde Sophienthal war keine sowjetische Einheit stationiert.

Frieda Baumert erhielt die unmissverständliche Mitteilung von dem diensthabenden Offizier, dass sie zur Arbeit in den Einrichtungen der sowjetischen Besatzungsmacht in Gimmel und Umgebung verpflichtet sei und sich am 30. April 1945 zur Arbeitsaufnahme in der Kommandantur zu melden hatte. Ida Goletz hingegen gestattete man aus Altersgründen, dass sie die drei Enkelkinder während der Abwesenheit ihrer Mutter versorgen durfte. Ebenso wie in Hirschfeldau galt nun auch hier die Regel: Das zwangsweise arbeitende Familienmitglied erhielt nicht nur für sich eine tägliche Lebensmittelration, sondern bekam auch für seine Familienangehörigen, besonders für die Kinder einen knapp bemessenen Zuschlag an Grundnahrungsmitteln.

So waren alle fünf Rückkehrer in den Kommandanturbereich der Roten Armee in Gimmel eingeordnet. Sie waren damit über mehrere Monate den Befehlen und Zwangsmaßnahmen dieser sowjetischen Einheiten unterworfen. Das bedeutete zugleich, dass sie ebenso wie andere zurückkehrende Deutsche in dem Bereich Gimmel den im Kreis Guhrau im Aufbau befindlichen polnischen Verwaltungs- und Machtorganen weitgehend entzogen waren. Das betraf auch die übrigen Dörfer und Güter, die im militärischen Verantwortungsbereich der sowjetischen Kommandantur lagen.

Erst nach der Regelung aller Formalitäten konnten die fünf Rückkehrer in ihr Dorf weiter ziehen. Die nahende Dunkelheit hüllte bereits die Konturen der heimatlichen Landschaft ein, als sie an dem alten Friedhof vorbeizogen und endlich „ihr“ heimatliches Dorf Birkenhain erreichten. Sie spürten eine unheimliche Ruhe und Leere, wie sie das schon beim Durchqueren von Gimmel empfunden hatten. Als sie ihr Grundstück, das  Gehöft der Baumerts erreichten und die Verwüstungen in den Räumlichkeiten in Augenschein nahmen, überwältigte die Frauen die Traurigkeit. Doch sie hatten erst einmal das Dach ihres eigenen Hauses nach mehr als drei Monaten über den Kopf. Bettgestelle und eine Reihe anderer Möbelstücke in den Räumlichkeiten befanden sich noch in einem nutzbaren Zustand. Ledercouch, Radio, Uhren und viele andere Gegenstände fehlten. Überall lagen aus den Schränken gerissene Wäsche- und Kleidungsstücke herum. In der Küche fand sich für jeden ein Stuhl. Küchenschrank und Küchentisch waren noch brauchbar. Selbst einige Töpfe, Pfannen und auch Geschirrbestände waren noch vorhanden.

Für die Kinder und die beiden Frauen war nach einer Notversorgung aus den mitgebrachten Nahrungsmitteln der Schlaf das dringendste Bedürfnis. Großmutter und Mutter übernahmen im Wechsel eine Art Nachtwache. Sie mussten ja damit rechnen, in ihrem Dorf während der Nachtstunden in Gefahr zu geraten!

Abb. 44 - Elternhaus von Ingeborg Baumert im ehemals deutschen Birkenhain

Das Foto entstand am 21. März 1992 - 45 Jahre nach der Vertreibung aus der niederschlesischen Heimat. Es war die einzige Fahrt der Mitautorin dieser Chronik in das heutige polnische Ślęsów.

*****

Erkundung der Lage in Birkenhain und Sophienthal

Die beiden Frauen und die Kinder erlebten eine Nacht, die ruhig und ohne Drangsal verlief. Allerdings regte sich schon in dieser ersten Nacht nach ihrer Rückkehr durch das Erleben eines von „Totenstille“ und von einer unheimlichen Leere erfassten Dorfes ein unbestimmtes, aber bedrohliches Gefühl, in einem ihnen fremd gewordenen Ort angekommen zu sein.

Also lag es für sie nahe, am ersten Morgen nach ihrer Rückkehr ihr Dorf zu erkunden. Sie wollten in Erfahrung bringen, welche Narben das Kriegsgeschehen und die sowjetischen Besatzer und andere Plünderer in den letzten drei Monaten ihrem Dorf, ihrer Gemeinde zugefügt hatten. Vor allem wollten sie herausfinden, ob ihr Schwiegervater und Großvater Wilhelm Baumert die zurückliegende Zeit überlebt hatte und wie es den anderen im Dorf verbliebenen alten Einwohnern ergangen war!

So begab sich die Familie schon am frühen Vormittag des 29. April 1945 nach einer ersten Aufräumaktion im Haus, in den Stallungen und auf dem Hof auf einen „Dorfspaziergang“. Natürlich wollten sie wissen wie es um Haus und Hof von Ida Goletz und von Alfred Goletz stand und gleich nachschauen, was aus dem alten Kajak geworden war.

Schon auf der Dorfstraße konnten sie sehen, dass die Häuser des Dorfes durch das Kriegsgeschehen keinen größeren Schaden genommen hatten. Allerdings standen die Tore und Haustüren in den meisten Grundstücken offen bzw. hingen in einem desolaten Zustand in den Tor- bzw. Türangeln. Manche Fenster waren zerschlagen und verschiedentlich erblickten die fünf Rückkehrer auf den Höfen herumliegende zerstörte Möbelstücke. Wie auf dem eigenen Hof, gab es offensichtlich im ganzen Dorf kein einziges Exemplar eines lebenden Nutz-oder Haustieres mehr.

Zuerst suchten die fünf Rückkehrer das Haus von Alfred Goletz auf. Die Wohnung im Erdgeschoß befand sich in einem noch zuträglichen Zustand. In seiner kleinen Wohnung im Obergeschoß des Hauses fanden sie Stanislaus Kajak vor. Er hatte das Kriegsgeschehen und die bisherige russische Besatzungszeit in den drei Monaten seit dem 21. Januar 1945 überlebt. Doch er befand sich in einem erbarmungswürdigen, von Krankheit und Hunger gezeichneten Zustand. Vom alten Kajak erfuhren die Rückkehrer nun aus „erster Hand“, was sich in den letzten drei Monaten im Dorf zugetragen hatte. Er selbst war auf Grund seiner Behinderung und der damit einhergehenden akuten Erkrankung nicht in der Lage gewesen das Haus und das Grundstück zu verlassen. Er überstand glücklicherweise ohne „Blessuren“ die Einnahme des Dorfes durch die Russen am 25./26. Januar 1945. Ebenso glimpflich kamen auch Emma Hoffmann und Oswald Pätzold durch die Kriegswirren im Bereich der Gemeinde Sophienthal. Allerdings wurden die beiden nach dem Einsetzen des Frühjahrtauwetters im Monat März 1945 durch das russische Militär zum Zwangsarbeitseinsatz in andere Teile des Kreises verbracht. Emma Hoffmann hatte bis zu diesem Zeitpunkt den alten Kajak versorgt. Danach musste er alleine zurechtkommen. Für sein Überleben war nicht unerheblich, dass er die polnische Sprache beherrschte. Stanislaus Kajak war froh, dass er nun wieder deutsche Dorfbewohner in seiner Nähe hatte. Ida Goletz übernahm die Versorgung des Kranken.

Die anschließende Besichtigung des Gehöftes, des Wohnhauses von Ida Goletz, ergab das Bild eines durch eine Umzugfirma völlig leer geräumten Anwesens. Im ganzen Haus gab es kein einziges Möbelstück, keinen Hausrat und keine zurückgelassen Wäsche und Kleidung mehr. Ida Goletz war zunächst fassungslos. Dann ließ sie sich zu der beinahe absurd wirkenden, sarkastischen Bemerkung hinreißen: „Mein Haus war offenkundig so gut eingerichtet, dass  diejenigen Personen, die hier ausgeräumt haben, alles gebrauchen konnten und mitgenommen haben!“

Das Wichtigste war nun, in Erfahrung zu bringen, ob Wilhelm Baumert noch lebte. Deshalb begab sich die Familie zum Gehöft des Schwiegervaters und Großvaters am Ende des Dorfes, rechts neben der Brücke über den Teinitzgraben. Wohngebäude, Stallungen und Scheune standen noch, wiesen jedoch ähnliche Verwüstungen auf, wie die anderen im Januar 1945 verlassenen Bauernhöfe im Dorf. Nichts deutete darauf hin, dass Wilhelm Baumert sich in den letzten Monaten hier aufgehalten haben könnte. Doch schon sehr bald erfuhren sie von seinem grausamen Schicksal in den letzten Januartagen 1945.

Wie die weitere Besichtigung der beiden Ortschaften Birkenhain und Sophienthal in diesen Tagen ergab, hatten in der Gemeinde keine größeren Kampfhandlungen stattgefunden. Deshalb war es für die fünf Rückkehrer zunächst umso weniger nachvollziehbar, warum sie im Areal der beiden Dörfer und der Gutshofanlagen in Sophienthal auf so viele sterbliche Überreste deutscher Soldaten trafen. Nicht wenige von ihnen waren ganz offensichtlich erst in den letzten Frühlingswochen erschossen worden.

Zwangsarbeitseinsatz im sowjetischen Kommandanturbereich Gimmel

Aber schon in den folgenden Tagen erfuhren sie mehr über das Schicksal der überwiegend sehr jungen deutschen Soldaten, die in dieser Gegend den Tod fanden. Diese inoffiziellen Nachrichten brachte Frieda Baumert von ihren schweren Zwangsarbeitseinsätzen im Bereich zwischen Gimmel, Finkenheide, Hünern, Sorge und Gansar mit nach Hause. Wie die meisten Deutschen, die in den Nachbardörfern zurückgeblieben bzw. in diesen Tagen zurückkehrten, musste auch sie in den ersten Wochen nach ihrer Rückkehr unter der Aufsicht von Angehörigen der Roten Armee die vielen sterblichen Überreste deutscher Soldaten einsammeln und in Massengräbern in der Nähe der kleinen Ortschaft Sorge, einem Ortsteil von Hünern, beerdigen. Hierbei erzählten manche der schon länger als „Totengräber“ eingesetzten Frauen und alten Männer, dass die Russen bis zur Oder keine Gefangenen gemacht hätten!? Diese traurige und traumatisierende Schwerstarbeit gehörte zu den ersten „Sühnearbeiten“, die die deutschen Frauen und wenigen älteren Männer hier seit dem im Monat März einsetzenden Tauwetter vollbringen mussten.

Zu dieser kleinen Schar gehörte auch die in Sorge wohnende Gertrud Gloss, Tochter von Wilhelm Baumert. Es war schon wie ein kleines Wunder, als sich Gertrud Gloss und ihre Schwägerin Frieda Baumert am Rande der großen Massengräber überraschend trafen und umarmen konnten. Doch angesichts des sie umgebenden Elends und des Umganges mit den hundertfachen Ergebnissen des Todes, die sie nun beide gemeinsam mit anderen Frauen und ein paar alten Männern der schlesischen Erde übergaben, war für den Genuss des plötzliche eingetretenen Augenblicks der Freude kein Raum in den geschundenen Seelen der beiden Frauen vorhanden. Sie waren durch ähnliche Leidenswege seit dem Einmarsch der Roten Armee in Schlesien gezeichnet. Ebenso wie Frieda Baumert hatte auch Gertrud Gloss die Grausamkeiten des nun endlich zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges seit der Eroberung Schlesiens durch die Rote Armee auf heimatlichen Boden ertragen müssen, über die sie ihre Schwägerin informierte.

Wilhelm Baumert war, wie Gertrud Gloss berichtete, von Soldaten der Roten Armee Ende Januar 1945 in der Veranda seines geräumigen Bauernhauses erschossen worden. Der Tochter blieb nur noch die traurige Aufgabe, ihren Vater und den Großvater ihrer Kinder im Hausgarten zu bestatten. Der zu dieser Zeit tief gefrorene Boden ließ zunächst nur ein flaches Notgrab zu. Erst nach Einsetzen des Tauwetters im März konnte sie ihn in einer tiefer ausgehobenen Grabstätte auf seinem Grund und Boden der heimatlichen schlesischen Erde übergeben, die er niemals verlassen wollte.

Als an diesem Ort der Trauer Anfang Mai 1945 Frieda Baumert, ihre Kinder sowie Ida Goletz von ihrem Schwiegervater, Großvater, Verwandten Abschied nehmen wollten, fanden sie voller Entsetzen eine geschändete Grabstätte vor. So wurde aus der vorgesehenen stillen Trauerandacht eine erneute Bestattung der sterblichen Überreste von Wilhelm Baumert.

Um den 10. Mai 1945 hatten die deutschen Frauen und älteren Männer ihre schwere, barmherzige Trauerarbeit an den Massengräbern der getöteten deutschen Soldaten in dem Waldgebiet bei Sorge bewältigt.

Arbeit im Bereich der Versorgungswirtschaft der Roten Armee

Nun wurde ihre Arbeitskraft, in den landwirtschaftlichen Gütern im Kommandanturdistrikt Gimmel dringend gebraucht. Obwohl in dieser Zeitspanne eine Reihe deutscher Familien aus ihren Fluchorten hinter der Oder und Neiße in ihre Heimatorte zurückkehrten, reichte ihre Zahl wohl nicht aus, alle ehemaligen Rittergüter im Raum Gimmel zu bewirtschaften.

So blieb zum Beispiel das im Januar 1945 von seinem Besitzer und den Arbeitskräften verlassene Rittergut ebenso wie das Dorf Sophienthal der weiteren Ausplünderung und Verwahrlosung überlassen. Nach den überlieferten Informationen der polnischen Familie Lasniak[28] verließen die noch im Januar 1945 auf dem Rittergut verbliebenen Angehörigen der ehemaligen polnischen Zwangsarbeiterfamilien erst nach dem Eintreffen der russischen Kampftruppen Sophienthal. Wie Maria Kapral geb. Lasniak später berichtete, wurde ihre Schwester durch russische Soldaten auf dem Gelände des Ritterguts Sophienthal Ende Januar 1945 erschossen.

Die nun von den wenigen arbeitsfähigen Deutschen aus Birkenhain in den Sommermonaten des Jahres 1945 täglich zu leistenden Arbeiten waren vielfältig und wechselten.

o       Im Gut Gimmel und dessen Außenstellen waren vor allem die zusammengetriebenen Rinderbestände sowie die auf dem Durchtrieb gen Osten befindlichen Viehherden versorgen und die in diesen Beständen befindliche große Anzahl von Kühen melken. Diese Arbeiten zogen sich häufig bis in die späten Abendstunden hin und mussten schon in den frühen Morgenstunden wieder aufgenommen werden. Sie waren jedoch für die deutschen Familien, vor allem für die Kinder überlebenswichtig. Sie kamen so in diesen Wochen und Monaten in den Genuss von reichlich frischer Milch. Sie reichte häufig auch noch für die Zubereitung von Saurer Milch, „Schlippermilch“ und Quark.

o       Sie wurden auch dazu eingesetzt, gemeinsam mit sowjetischen Soldaten aus den verlassenen oder noch von deutschen Familien bewohnten Gehöften alle vorhandenen Getreide-, Stroh- und Heuvorräte einzusammeln, auf Kraftfahrzeugen zu verladen und zu den Versorgungsstützpunkten in und um Gimmel zu transportieren. Nichts durfte zurückbleiben.

o       Ab Anfang Juni kamen die Arbeiten in der Heumahd in den Wiesen an der Oder und im Bereich der Güter von Gimmel, Finkenheide, Sophienthal hinzu. Danach folgten die Erntearbeiten auf jenen Feldern, deren Saat noch im Herbst 1944 von den Deutschen in den Boden eingebracht worden war.

o       Zu den während der gesamten Zeit von Mai bis Anfang September 1945 zu leistenden Arbeiten gehörten unter anderem das Verpacken bzw. Einsacken von Versorgungsgütern für die Einheiten der Roten Armee und für die Bevölkerung in der Sowjetunion. Für diese Zwecke waren von den Frauen die erforderlichen Behältnisse anzufertigen und zu reparieren.

Zu den aus Birkenhain eingesetzten Arbeitskräften gehörte nun nicht mehr nur Frieda Baumert, sondern auch Gertrud Gloss und einige wenige in diesen Wochen zurückkehrende Einwohner. Sie war mit ihren drei Söhnen nach Abschluss des Zwangseinsatzes zur Bestattung der sterblichen Überreste deutscher Soldaten in den Massengräbern im Waldgebiet bei Sorge vorübergehend zu Frieda Baumert nach Birkenhain gezogen. Frieda Baumert und ihre Schwägerin Gertrud Gloss hatten nun auch einen gemeinsamen Weg zu den von dem sowjetischen Militär angeordneten Arbeitsstätten in Gimmel. Ab Mitte Mai gehörten zu ihnen auch Emma Hoffmann und Oswald Pätzold. Beide waren bis dahin von den sowjetischen Militärbehörden an anderen Orten im Kreis Guhrau zur Bestattung der Leichname deutscher Soldaten in Massengräbern eingesetzt und nun wieder nach Birkenhain zurückgekehrt.

Weitere geflüchtete Einwohner kehren nach Birkenhain zurück

Anfang Juni 1945 kamen die beiden im Januar 1945 aus Birkenhain geflohenen Familien Kolakowski und Krügler in ihren Heimatort zurück. Die Erwachsenen dieser Familien mussten ebenfalls in den landwirtschaftlichen Gütern arbeiten. Landwirt Johann Kolakowski und seine Ehefrau hatten sich mit ihren großen und kleinen Kindern Tadeus, Julia, Maria, Helene und (einem weiteren namentlich nicht bekannten Kind) noch rechtzeitig von ihrem zeitweiligen Aufenthaltsort im Erzgebirge aus auf den langen und schwierigen Weg in die schlesische Heimat begeben. Frau Krügler hatte sich ihnen mit ihren Kindern Hildegard, Herbert, Werner, Heinz und Waltraud(Traudel) angeschlossen. Sie gelangten noch über die Neiße bei Görlitz, bevor diese von den polnischen Streitkräften Anfang Juni abgeriegelt wurde.

Dem polnischen Militär war schon vor dem Potsdamer Abkommen die Sicherung der Demarkationslinie an Oder und Lausitzer Neiße von der Roten Armee weitgehend übertragen worden. Zu dieser Zeit gestalteten sich die Verhältnisse an der Neiße chaotisch, weil Hunderttausende Schlesier in ihre Heimat zurückkehrten bzw. zurückkehren wollten. In Publikationen finden sich zur damaligen Rückkehrbewegung der Schlesier in ihre Heimatorte in den Monaten Mai, Juni, Juli 1945 unterschiedliche Zahlenangaben. Während in deutschen Quellen die Anzahl der zurückkehrenden Schlesier mit etwa einer Million beziffert wurde, „…gingen polnische Autoren davon aus, dass nur ca. 300.000-400.000 Personen zurückgekehrt sind“[29]. Das kann damit zusammenhängen, „...daß in polnischen Regierungskreisen nicht selten aus politischer Ratio die Zahlen bewußt zu niedrig angesetzt wurden“[30].

Die Sperrung der Oder-Neiße Linie verhinderte, dass andere aus Birkenhain und Sophienthal ins Erzgebirge geflüchtete Einwohner die Rückkehr in ihre Heimatdörfer nicht mehr schafften. Zu denen, die zu diesem Versuch erst im Monat Juni 1945 mit ihren Fuhrwerken oder Handwagen aus ihren Aufenthaltsorten im Erzgebirge aufgebrochen waren, gehörten unter anderen die Familien Förster, Sandmann, Scholz, Graupe, Käbisch, Mundil, Fischer, Kuhnke, Schwithal, Seidel. Auch Gutsbesitzer Karl Wiedenroth soll dazu gehört haben. Ebenso hatte sich Karl Riegner mit seinem Enkel Hans Hoffmann auf den Weg gegeben.[31]

Zur Lebenssituation der Deutschen in Birkenhain bis September 1945

In den Frühjahrsmonaten hatte sich noch ein alleinstehender älterer Einwohner in Birkenhain eingefunden. Sein Name und die Umstände seiner Rückkehr konnten leider nicht eindeutig geklärt werden. Er war an einer lebenszerstörenden, stark schmerzenden Geschwulst im Gesichtsbereich erkrankt. Niemand konnte helfen, auch nicht die in der Naturheilkunde bewanderte Ida Goletz. Er beendete seine Leiden Ende Mai 1945 durch den Freitod. Seine letzte Ruhestätte fand er vor seinem Haus. Für die Deutschen im Distrikt Gimmel gab es sowohl in den Monaten sowjetischer Besatzung bis Ende September 1945, als auch in der folgenden Zeitspanne unter der Herrschaft der polnischen Administration keine Möglichkeiten einer medizinischen, ärztlichen Versorgung. Ihre Behandlung im Krankheitsfall war in dem entstehenden polnischen Gesundheitssystem nicht vorgesehen.

So erlebten es zumindest die 25 Deutschen, die seit Anfang Juni 1945 in Birkenhain anwesend waren. Darunter befanden sich 6 Frauen, 3 Männer und 16 Kinder/Jugendliche.

Sie gehörten zu den etwa 600 Deutschen, die sich nach Angaben der polnischen Quelle „Góra Reviev“ zu dieser Zeit im Kreis Guhrau befunden haben sollen. Bis zum Monat August 1945 soll sich diese Anzahl auf 800 erhöht haben.[32] Nach einem offiziellen handschriftlichen Dokument des Aussiedlungsdepartements des MOZ, Referat Statistik über die Anzahl der deutschen Bevölkerung in den “wiedergewonnenen Gebieten” vom 14. Februar 1946 wird die Zahl der Deutschen im Kreis Góra (Guhrau) mit 1.001 angegeben. Sie kann wohl als eine realitätsnahe Aussage gewertet werden. Sie macht jedoch auch deutlich, dass im Kreis Guhrau - gemessen an anderen niederschlesischen Kreisen - sehr wenige Deutsche zu diesem Zeitpunkt anwesend waren.[33] Beispielsweise wurde zeitgleich von den polnischen Behörden für den Nachbarkreis Wolów (Wohlau) die Anwesendheit von 19.609 Deutschen registriert.[34]

In den ersten Wochen nach Kriegsende wurde die Lebenssituation der Deutschen in Birkenhain durch das uneingeschränkte Diktat der sowjetischen Militärbehörden im Raum Gimmel bestimmt. Die sich im Kreisgebiet im Aufbau befindenden polnischen Behörden hatten offensichtlich keinerlei Einfluss auf das Geschehen im Distrikt der russischen Kommandantur Gimmel. Aus den Überlieferungen der damals in Birkenhain anwesenden deutschen Familien geht hervor, dass es in ihrem Dorf bis in den Monat September 1945 hinein keine unmittelbare Präsenz von polnischen Behörden, Milizionären oder Angehörigen polnischer Militäreinheiten gab. Der zwangsweise Einsatz der arbeitsfähigen Deutschen zur Arbeit im Areal von Gimmel wurde ausschließlich von der dortigen sowjetischen Kommandantur angeordnet, koordiniert und streng kontrolliert. Auf Grund der geringen Anzahl von arbeitsfähigen deutschen Frauen, älteren Männer sowie Jugendlichen wurde zur Bewältigung der Arbeit in den russischen Militärlandwirtschaftsgütern jede Arbeitskraft dringend gebraucht. Über den direkten Kontakt mit den dort arbeitenden Deutschen und durch das System einer Zuteilung von einigen Grundnahrungsmitteln an die Arbeitenden, die die Anzahl ihrer Familienmitglieder, vor allem ihrer Kinder weitgehend berücksichtigte, befanden sich die deutschen Familien in ihrer Gesamtheit unter der Kontrolle und „Obhut“ des sowjetischen Militärs. Es bestand eine umfassende Meldepflicht über alle die Deutschen, ihre Familien und ihr Dorf betreffenden Ereignisse und Vorkommnisse. Dazu gehörte vor allem die Pflicht, über neu eintreffende Personen und ebenso über Abwanderungen von Deutschen zu informieren. Frau Emma Hoffmann agierte als Kontaktperson in Angelegenheiten der Deutschen im Dorf zur sowjetischen Kommandantur. Sie beherrschte die polnische Sprache und verfügte über Russischkenntnisse.

Die in Birkenhain lebenden Deutschen befanden sich in den Monaten der Unterordnung unter die sowjetischen Militäreinheiten in einer für sie sehr widersprüchlichen und nicht immer zu deutenden Situation. Sie waren einerseits den Zwangsmaßnahmen der russischen Besatzer bis hin zur direkten körperlichen und entwürdigenden Gewaltanwendung ausgeliefert. Andererseits erlebten sie zunehmend die Rolle der sowjetischen Kommandantur in Gimmel als “zeitweilige Schutzinstanz” vor der Willkür von Angehörigen der polnischen Miliz und blieben vor den schon im Juli/August in anderen Teilen des Kreises Guhrau und Niederschlesiens einsetzenden „wilden“ Vertreibung von Deutschen durch die polnische Administration verschont.

Während der Arbeit in den Gütern am Standort der Kommandantur waren die Frauen meistens vor entwürdigenden Übergriffen durch sowjetische Armeeangehörige geschützt. Doch schon auf dem Heimweg oder spätestens zu Hause wurden viele von ihnen über Wochen immer wieder Opfer von Vergewaltigungen durch oftmals alkoholisierte Angehörige der Roten Armee, die wohl auch aus anderen sowjetischen Kommandanturbereichen stammten. Niemand konnte den betroffenen Frauen in diesen Situationen helfen. Auch die Anwesenheit der Kinder im selben Raum, hielt die Vergewaltiger nicht von ihrem verbrecherischen Vorhaben ab. Die deutschen Frauen waren diesem fürchterlichen, entwürdigenden Geschehen ausgeliefert. Nur wenn sie sich nicht zur Wehr setzten, hatten diese geschundenen Frauen und Mädchen in den Wochen des zu Ende gehenden zweiten Weltkrieges und der anbrechenden Nachkriegszeit in Birkenhain eine Chance zu überleben! Diese bittere Erfahrung musste man auch in der zeitweiligen „Großfamilie Baumert/Goletz/Gloss“ machen. Bei einem dieser Überfälle auf die jüngeren Frauen, stellte sich Großmutter Ida Goletz den beiden alkoholisierten russischen Unholden in den Weg. Sie wurde zu Boden geschlagen und verlor das Bewusstsein. Sie hatte so am Ende noch Glück und überlebte.

Manchmal konnten sich die Frauen im Dorf, wenn sie die einzeln oder in Gruppen ins Dorf einfallenden Uniformierten rechtzeitig wahrnahmen, durch eine rasche Flucht aus dem Küchenfenster, aus der Hintertür des Hauses in Sicherheit bringen. Allerdings führte das für die zurückbleibenden Familienmitglieder häufig zu äußerst bedrohlichen Situationen. Gerade die Anwesenheit von kleinen Kindern signalisierte den Eindringlingen, dass dazu eine junge Mutter gehört, die gerade „entwischt“ war.

Allerdings ergibt sich sowohl aus überlieferten Erinnerungen von Zeitzeugen als auch aus anderen Quellen, dass die Kommandeure sowjetischer Truppenteile verschiedentlich versuchten, den zügellosen und brutalen Übergriffen auf deutsche Frauen und Mädchen Einhalt zu bieten. Etwa ab Juli 1945 verringerte sich im Distrikt Gimmel die permanente Bedrohungslage für Frauen und jugendlichen Mädchen offenbar spürbar. Es scheint so, dass in dieser Zeit auch von den übergeordneten militärischen Führungsebenen der Roten Armee in Schlesien Maßnahmen eingeleitet wurden, um diesen Erscheinungen „grober Disziplinlosigkeit“ und „Verwahrlosung“ in ihren Truppenteilen entschieden vorzugehen. Dazu wurden sie offensichtlich auch von offizieller polnischer Seite gedrängt. Opfer von Vergewaltigungen und anderen Gewaltakten wurden in dieser Zeit auch polnische Frauen und Mädchen im Kreis Guhrau, wie in dem “Fragment der Chronik zur Stadt und dem Kreis Gorá” der polnische Autor berichtet.[35]

Insgesamt betrachtet war und blieb die politische und soziale Situation für die wenigen deutschen Einwohner in Birkenhain in der Zeit der Anwesenheit der sowjetischen Truppen im Raum Gimmel durch Zwang und Rechtlosigkeit gekennzeichnet. Das heißt allerdings nicht, dass sich jeder einzelne Rotarmist, jeder Offizier der Sowjetarmee gegenüber den Deutschen, im Kontakt mit ihnen als gewalttätiger, von Hass erfüllter Mensch verhielt. Es gab offenkundig in der Kommandantur in Gimmel eine Reihe von russischen Offizieren, die sich um die Verbesserung der Versorgung der deutschen Familien, vor allem der Kinder kümmerten.

Natürlich reichte das Deputat, das die in den „Militärwirtschaften“ der sowjetischen Kommandantur arbeitenden Frauen und Männer erhielten, nicht zu einer ausreichenden Ernährung ihrer Familien. Da sich jedoch die deutschen Familien zu diesem Zeitpunkt noch uneingeschränkt auf ihren Grundstücken bewegen konnten und ihnen die Nutzung ihrer Gärten und der nach den Plünderungen verbliebenen Reste an landwirtschaftlichen Produkten, eingeweckten Nahrungsgütern nicht verwehrt war, brauchten sie während der Monate sowjetischer Besatzung noch nicht zu hungern. Allerdings gab es schon spürbare Engpässe bei einigen Versorgungsgütern, besonders bei Bekleidung der Kinder und der Erwachsenen. Immerhin hatten in diesem Bereich die Plünderer zum Teil ganze Arbeit geleistet. Außerdem lagen die letzten Einkäufe der Familien unter den Bedingungen der deutschen Kriegswirtschaft schon fast ein ganzes Jahr zurück.

Im Juli 1945 starb Stanislaus Kajak. Sein Leichnam  wurde von der kleinen Schar der Einwohner des Dorfes auf dem evangelischen Friedhof Gimmel der schlesischen Erde übergeben. Die Worte der Trauer und des Gedenkens sprach Johann Kolakowski. Einen deutschen Seelsorger gab es in Gimmel schon seit Ende 1944 nicht mehr. So waren die zurück gebliebenen und zurückgekehrten Gläubigen in Birkenhain, Gimmel und Umgebung in ihrer Not allein in ihrer Zwiesprache mit Gott. Auch der Zugang zu ihrer evangelischen Kirche war ihnen verwehrt. Zunächst gehörte sie zur Kriegsbeute der Roten Armee, im Herbst 1945 nahmen dann polnische Katholiken dieses Gotteshaus in ihren Besitz.

Doch die wenigen Deutschen befanden sich nicht nur in einer religiösen, geistlichen Notlage. Sie lebten nun schon seit langem in einer Situation eines andauernden geistig-kulturellen Ausnahmezustandes. Sie waren von allen deutschen Kommunikationsquellen abgeschnitten und erhielten über das Nachkriegsgeschehen im besiegten, besetzten Deutschland und über die Pläne sowie Aktivitäten der Siegermächte zur Herbeiführung einer Nachkriegs- und Friedensordnung in Deutschland und Europa so gut wie keine verlässlichen Informationen. Dadurch war für Gerüchte und realitätsferne „Erzählungen“ viel Freiraum vorhanden.

Die einzige offizielle Nachrichtenquelle war für sie die sowjetische Kommandantur in Gimmel. Die wenigen deutsch sprechenden Offiziere der Kommandantur übermittelten ihnen die Inhalte von Befehlen, Anordnungen. Von ihnen erhielten sie auch  dürftige Informationen über

o       das politische Vorgehen der Siegermächte zur Beseitigung des Hitlerismus und seiner Machtgrundlagen in Deutschland,

o       die Schaffung von Besatzungszonen im ehemaligen „Reichsgebiet“ und

o       die vorgesehene Räumung der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße von ihren deutschen Einwohnern

Doch offensichtlich vermochten die deutschen Einwohner von Birkenhain zunächst die politische Tragweite dieser Vorgänge und die daraus für ihre persönliche, familiäre Situation im fernen Niederschlesien erwachsenden bedrohlichen Konsequenzen nicht zu erfassen. Sie glaubten in den ersten Nachkriegsmonaten immer noch daran, dass man ihnen die schlesische Heimat nicht nehmen würde. Erst als sie von den Beschlüssen der Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 von den Offizieren der sowjetischen Kommandantur in Gimmel erfuhren, wurde ihnen bewusst, dass ihnen das Schicksal der Vertreibung aus ihrer schlesischen Heimat bevorstand.

Diese bittere Erkenntnis wurde auch dadurch gestärkt, dass die polnischen Behörden in Guhrau mit offensichtlicher Duldung der Kommandeure der Roten Armee in den Sommermonaten des Jahres 1945 ihre Verwaltungshoheit auf einen immer größeren Teil des Kreisgebietes ausdehnten. Schon im Juli 1945 richteten polnische Sicherheitsorgane in der benachbarten Ortschaft Hünern einen Stützpunkt ein.

Ende August/Anfang September 1945 begannen die sowjetischen Versorgungseinheiten in Gimmel mit den Vorbereitungen zur Auflösung ihrer militärischen Einrichtungen und ihres Abzuges in den westlichen Teil Niederschlesiens, in das Grenzgebiet zur Tschechoslowakei.

Den Einwohnern von Birkenhain wurde angeboten, dass man sie mit den Militärkonvois in Richtung Westen mitnehmen würde. Obwohl die sowjetischen Offiziere vor einem Bleiben der Deutschen unter der nun folgenden polnischen Herrschaft nachdrücklich warnten, wollte sich jedoch keiner der deutschen Einwohner von Birkenhain auf ein solches schwer zu kalkulierendes „Abenteuer“ mit Angehörigen der Siegermacht einlassen.

Aus den Überlieferungen ergibt sich überdies, dass die von Niemanden zu beantwortenden existenziellen Fragen - Wo sollen wir hin? Wer nimmt uns auf, wenn wir uns noch einmal auf den Weg nach Westen begeben? - die leidgeprüften Menschen faktisch lähmten! Hinzu kam, dass in jeder der verbliebenen deutschen Familien noch auf die Rückkehr von Familienangehörigen aus der Gefangenschaft gewartet wurde.

Sie alle befanden sich am Ende in einem Zustand der Handlungsunfähigkeit  und mussten das Schicksal der vor sich gehenden gewaltsamen Inbesitznahme ihrer unmittelbaren  niederschlesischen Heimat durch die polnische Administration über sich ergehen lassen.

Oktober 1945 bis November 1946

Die deutschen Einwohner unter den Bedingungen der polnischen Administration und der Ansiedlung polnischer Familien

Abzug der sowjetischen Versorgungseinheiten aus dem Distrikt Gimmel 

Im September 1945 begannen die sowjetischen Versorgungseinheiten im Distrikt Gimmel damit, ihre Kommandantur, ihre Militärstützpunkte und die für die Versorgung der Truppen der Roten Armee genutzten landwirtschaftlichen Güter zu räumen.

In anderen Teilen des Kreises Guhrau existierten jedoch weiterhin eine Reihe der im ersten Halbjahr 1945 eingerichteten Stützpunkte der Sowjetarmee. Nach heute einsehbaren polnischen Zeitdokumenten[36] scheinen Präsenz und Einfluss der Roten Armee von hier aus auf das gesamte Geschehen im Kreisgebiet von Guhrau nach wie vor so groß gewesen zu sein, dass dies immer wieder den Unmut der polnischen Behörden hervorrief.

Der Übergang der Macht von den sowjetischen Truppen im Bereich Gimmel an die sich im Aufbau befindenden behördlichen Stützpunkte der polnischen Administration vollzog sich in einem mehrwöchigen Zeitraum. In diesen Wochen existierte in diesem Bereich eine Art „Machtrivalität“ zwischen den sowjetischen Militärkommandanten und den polnischen Kreisbehörden. Die wenigen deutschen Arbeitskräfte aus Birkenhain und den anderen Dörfern zwischen Gimmel und Hünern, die in den sowjetischen Militärlandwirtschaftsbetrieben arbeiteten, wurden erst zum Ende des Abzugs der russischen Einheiten an die sich etablierenden polnischen Verwaltungen der Güter, Landwirtschaftsbetriebe und Behördenstellen in Hünern und Gimmel übergeben.

Die Auswirkungen des politischen Kurses der „Entdeutschung“ auf die noch anwesenden deutschen Einwohner in Birkenhain

Mit der Übernahme des gesamte Bereiches von Gimmel und Umgebung mit allen darin bislang der sowjetischen Besatzungsmacht unterstellten Ortschaften, Gütern durch die polnischen Behörden des Kreises Guhrau gerieten nun die noch anwesenden deutschen Einwohner in einen staatlich gelenkten Prozess der Ausdehnung und Installation der Grundlagen des polnischen Staats- und Gesellschaftssystems. Er war durch zwei miteinander verflochtene Vorgänge - die „Polonisierung“ und die „Entdeutschung“ – charakterisiert. Dieser politische Kurs hatte nicht nur die Ausweisung aller hier noch anwesenden Deutschen zum Ziel, sondern war darüber hinaus auf die vollständige Beseitigung aller politischen, ökonomischen, ideellen und materiellen Grundlagen, aller Spuren der deutschen Identität gerichtet.

Darin sahen die politisch führenden Kräfte des neu formierten und sich gen Westen ausdehnenden polnischen Staates die entscheidende Bedingung, um in ganz Schlesien, in allen deutschen Gebieten östlich der Demarkationslinie an Lausitzer Neiße und Oder den politischen, ökonomischen, sozialen und ideologischen „Raum“ für eine umfassende und unumkehrbare „Polonisierung“ zu schaffen. In dem „Runderlass Nr. 16 des Wojewodschaftsamtes für Öffentliche Sicherheit von Niederschlesien über die Beseitigung von Spuren des Deutschtums…“ vom 27. August 1945 wurde die Durchsetzung dieses zentralen Anliegens der polnischen politischen Führung in der Wojewodschaft Wroclaw (Breslau) nachdrücklich angemahnt. In dem Dokument heißt es unter anderem: „E[s ist e]ine breit angelegte Aktion der Entdeutschung der Westgebiete durch[zu]führen, eine Polonisierung und Demokratisierung dieser Gebiete vor[zu]nehmen, [man muss] sich um die Beseitigung von Spuren des Germanentums bemühen, denn von diesem Handeln wird unsere politische Position auf der Friedenskonferenz abhängen.“[37]

Ein wesentlicher Bestandteil dieses politischen Kurses war eine breit gefächerte gewaltsame Vorgehensweise der polnischen Behörden gegen die Deutschen, “um ihr Leben so zu erschweren, dass sie die Ausweisung aus ihrer Heimat als einzigen Ausweg aus ihrer Lage herbeisehnen”.[38]

Bei der Durchsetzung aller Maßnahmen dieser Politik war es für die polnischen Behörden unerheblich, ob ihr Handeln zur Durchsetzung dieser und weiterer Maßnahmen gegen die Deutschen, durch das Völkerrecht, das Potsdamer Abkommen oder durch Gesetze, Dekrete, Weisungen der polnischen Staatsführung „rechtlich“ gedeckt waren - oder auch nicht. Es galt zu dieser Zeit das „Recht der Sieger“ in den vielfältigen Varianten der Deutung bzw. Beugung des „Rechts“ gegen die Deutschen. Die verschiedenen Behörden und deren Mitarbeiter handelten auf allen Herrschaftsebenen nach den Maßstäben des Ermessens. „Das Fehlen einer rechtlichen Regelung eröffnete die Möglichkeit, die Politik gegenüber den Deutschen völlig willkürlich zu gestalten“[39], schätzt der polnische Historiker Włodzimierz Borodziej ein.

Die vielfältigen Methoden und Maßnahmen des Kurses der „Erschwerung des Lebens“ - die zur zentral gelenkten politischen Aktion der sogenannten „Entdeutschung“ gehörten - setzten die von den polnischen Regierungsstellen berufenen Staroste (Landräte) überall in Schlesien rigoros durch. Sie waren auch für den Aufbau der Miliz, den Einsatz der einzelnen Kommandanten, die Rekrutierung des Personenbestandes und auch für deren Verhalten und dienstlichen Handlungen gegenüber den noch anwesenden deutschen Einwohner politisch verantwortlich.

Wie sich aus Zeitdokumenten der polnischen Kreisverwaltung in Guhrau (Góra Śląska) ergibt, lag diese politische Verantwortung zumindest für den Zeitraum vom Frühsommer 1945 bis weit ins Jahr 1946 bei dem Beauftragten der polnischen Regierung für die Stadt und den Kreis Guhrau, Starost August Herbst.[40]

So gerieten nach dem Übergang der Macht an die polnische Administration im Bereich Gimmel/Hünern im September 1945 alle noch in Birkenhain anwesenden deutschen Einwohner wie die Angehörigen der Familien Baumert/Goletz, Krügler und Kolakowski sowie Emma Hoffmann und Oswald Pätzold nun in eine noch schwerer zu ertragende und sich weiter verschärfende Lebens- und Leidenssituation.

Die Deutschen waren bereits ihrer grundlegenden staatsbürgerlichen Rechte beraubt![41]

Das Eigentum an Haus, Hof, Grund und Boden der Deutschen war de facto von der polnischen Administration konfisziert, enteignet. Zunächst durften die Familien Baumert/Goletz, Kolakowski und Krügler sowie Emma Hoffmann und Oswald Pätzold in ihren Häusern verbleiben. Die landwirtschaftliche Nutzung ihrer Acker- und Gartenflächen war ihnen jedoch untersagt, da die Ansiedelung polnischer Familien auch in Birkenhain wie im gesamten Bereich Gimmel bevorstand. Die deutschen Einwohner von Birkenhain wurden noch zeitweilig geduldet, weil sie für die verbleibende und noch nicht feststehende Zeitdauer ihres Aufenthaltes in der ihnen faktisch bereits genommenen schlesischen Heimat vor allem als Zwangsarbeitskräfte zu dienen hatten. Außerdem schien es der polnischen Administration in Guhrau bis zur Ansiedelung von polnischen Familien offenbar nützlich zu sein, dass in den fast menschleeren Dörfern noch einige Deutsche anwesend waren und so durch ihre Anwesenheit partiell dem Verfall und vielleicht der weiteren Ausplünderung der unbewohnten Häuser und Gehöfte durch herumziehende nichtdeutsche Personen im Wege stehen könnten.

Der Bewegungsraum für die zur Arbeit gezwungenen Personen war im Grunde durch die Wege zu den jeweils festgelegten Arbeitsplätzen oder zu den zunächst noch wechselnden Standorten der für sie zuständigen Behörden begrenzt. Das waren in der Regel die Stützpunkte der Sicherheitskräfte, der Miliz. Der Zugang zu den hinter Gimmel und Hünern liegenden territorialen Bereichen und auch zur Kreisstadt Guhrau war ihnen weitgehend verwehrt. Es bestand eine Registrierungspflicht für die noch anwesenden Deutschen bei den polnischen Behörden. Wollten sich Deutsche im Kreisgebiet und über die Kreisgrenzen hinaus bewegen, dann mussten sie einen behördlichen Passierschein beantragen.

Die deutschen Familien befanden sich jetzt in einer zeitlich nicht begrenzten „Warteschleife“, in deren Verlauf ihre Ausweisung aus ihrer Heimat erfolgen sollte. Wann und wie das vor sich gehen sollte, blieb ihnen verborgen. Ihre dürftigen Informationen hierüber erhielten die deutschen Familien über ihre arbeitenden Familienmitglieder, die diesen als Anweisungen der polnischen Behörden übermittelt wurden.

Die noch anwesenden deutschen Einwohner in Birkenhain und in den anderen Ortschaften des Kreises Guhrau, waren nun Zivilgefangene, Internierte in den Grenzen ihrer bisherigen Heimatorte.

Im Zuge ihrer späteren Einordnung in das „Heer der auszuweisenden Deutschen“ aus Schlesien nannte man sie dann folgerichtig Repatrianten und den Gesamtvorgang ihrer Ausweisung aus ihrer „Heimat“ in die vier Besatzungszonen der Siegermächte in Deutschland - Repatriierung. Im Duden findet sich dazu die folgende Worterklärung: „repatriieren (lat.) (die frühere Staatsangehörigkeit wieder verleihen; Kriegs-, Zivilgefangene in die Heimat entlassen)…“

Ausbau, Veränderungen der Macht- und Verwaltungsstruktur der polnischen Administration im Kreis Guhrau

Für alle in Birkenhain und in den anderen Ortschaften des Bereiches Gimmel/Hünern noch lebenden Deutschen wurde dieses gewaltsame Diktat in dem Maße erlebbar, wie es den polnischen Behörden gelang, ihre Machtstrukturen im gesamten Kreisgebiet zu etablieren und zu festigen und vor allem in allen deutschen Ortschaften polnische Familien anzusiedeln.

In die schrittweise Ausdehnung der polnischen Macht- und Verwaltungsstruktur im ehemaligen deutschen Kreis Guhrau wurden ab September 1945 nun auch die Dörfer Gimmel, Birkenhain, Sophienthal und andere Ortschaften der Bereiche Gimmel und Hünern einbezogen.[42] Der Fortgang des Ausbaus der kommunalen Machtstrukturen richtete sich dabei vor allem nach den wachsenden Erfordernissen der Verwaltungsarbeiten auf Grund der sich in diesen Dörfern im Verlaufe der folgenden Monate in immer größerer Anzahl ansiedelnden polnischen Einwohner.

Aus Dokumenten zur Entwicklung der Macht- und Verwaltungsstruktur im Kreis ergibt sich, dass am 31. Juli 1945 in Hünern bereits mit dem Aufbau einer Art Amtsbezirksverwaltung für 12 Ortschaften begonnen wurde. Ebenso war eine solche Verwaltungsstelle in Gimmel vorgesehen. Allerdings gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine Zuordnung einzelner Gemeinden. Hierüber konnte die polnische Kreisbehörde erst in den folgenden Wochen entscheiden, nachdem die sowjetischen Truppen hier das Terrain räumten und die Ansiedlung polnischer Familien beginnen konnte.

Dokumentarisch belegt ist, dass man offenbar zunächst vorgesehen hatte, von Gimmel  die Dörfer Birkenhain, Sophienthal, Finkenheide und weitere 10 Ortschaften zu verwalten. Doch schon nach wenigen Monaten, zu Beginn des Jahres 1946, entschied sich die polnische Kreisbehörde, diese Ortschaften der kommunalen Verwaltungsstelle in Hünern zuzuordnen. In Hünern hatte man - nach den Überlieferungen ehemaliger deutscher Einwohner – ebenfalls schon frühzeitig Stützpunkte der Miliz und anderer polnischer Sicherheitsorgane eingerichtet.

Ab 1. Februar 1946 galt im polnischen Kreis Guhrau (powiat górowski) eine neue amtliche Gliederung des Kreises, nach der die Ortschaften Gimmel, Birkenhain, Sophienthal, Finkenheide und alle anderen Dörfer des Bereiches Gimmel verwaltungsmäßig offiziell zu Hünern  kamen. Dieser große Amtsbezirk umfasste nun insgesamt 20 Dörfer und 7 Ortsteile bzw. Vorwerke.[43]

Allerdings erfuhren die anwesenden Deutschen nur sehr wenig von den Beschlüssen der polnischen Administration und ihrer Realisierung im Kreis. Sie waren von diesem Geschehen ausgeschlossen.  

Leidvolle Erlebnisse mit der polnischen Miliz

Umso mehr erlebten und durchlitten sie im täglichen Arbeits- und Lebensablauf die Wirkungen dieser Maßnahmen, die die örtlichen Beauftragten der polnischen Kreisverwaltung in den Dörfern und landwirtschaftlichen Gütern mit Unterstützung der polnischen Miliz und anderer Sicherheitskräfte gewaltsam gegen sie durchsetzten.

Nach den Erlebnissen der aus Dahsau stammenden Familie von Kurt Blaschey hatte 1945 die Miliz im „Gasthof Wende“ in Hünern ihr Quartier bezogen.[44] Doch sie hatten hier nicht nur ihre Unterkunft, sondern auch ihre Räumlichkeiten, in denen sie aufgegriffene unliebsame Deutsche „verhörten“, verprügelten und einsperrten. In dieser Zeit machte so mancher Deutsche aus den Bereichen Hünern und Gimmel leidvolle „Bekanntschaften“ mit der gefürchteten Miliz und mit anderen Sicherheitsleuten.

Dieses Schicksal ereilte in Birkenhain als erste deutsche Einwohnerin die dreißigjährige Frieda Baumert geb. Goletz. Sie arbeitete zu diesem Zeitpunkt, als die polnischen Behörden die exekutiven Aufgaben in Gimmel und Hünern bereits übernommen hatten, noch in Einrichtungen der bislang von der Roten Armee betriebenen landwirtschaftlichen Güter in der Nähe von Gimmel.

Sie wurde von der Miliz festgenommen, weil ihr Bruder, Alfred Goletz, auf der Suche nach seiner Familie in ihr Haus gekommen war und sich nach Meinung der polnischen Miliz illegal in Birkenhain aufhielt. Überdies legte man ihr zur Last, dass sie ihren Bruder auf Grund eines vertraulichen Hinweises aus der sowjetischen Einheit von seiner bevorstehenden Verhaftung durch polnische Sicherheitsleute warnen konnte. Dadurch gelang es Frieda Baumert, ihren Bruder zu warnen, so dass er noch rechtzeitig vor dem Eintreffen der Miliz aus Birkenhain fliehen konnte.

Die Verhaftung von Frieda Baumert war für ihre drei Kinder sowie für ihre Mutter, Ida Goletz, eine Katastrophe. Frieda Baumert war das einzige Familienmitglied, das durch Arbeit das Überleben der Familie sichern konnte. Sie hatte seit dem Tag der Flucht am 21. Januar 1945 alle Familienmitglieder sicher durch die unkalkulierbaren und Existenz bedrohenden geschichtlichen Abläufe manövriert. Nun musste die ganze Familie alleine durchkommen. Die Ernährerin der Familie hatte man abgeholt und keiner wusste, was mit ihr geschah und ob sie wiederkommen würde! Niemand war da, der ihnen helfen konnte.

Die Ungewissheit über das Schicksal der Verhafteten mussten Ida Goletz und ihre Enkelkinder fünf Tage und Nächte ertragen. Am sechsten Tag nach der Verhaftung kam Frieda Baumert fürchterlich von der Miliz zugerichtet zu ihrer Familie zurück. Bei den Kindern erstarrte die aufkeimende Freude über die ersehnte Heimkehr ihrer Mutter bei deren Anblick und ging in einen Zustand des kindlichen Entsetzens, der Abscheu gegen die Miliz, gegen die Polen - die ihrer Mutter unsagbares Leid angetan hatten – über. Sie verinnerlichten den Anblick des geschundenen Körpers ihrer Mutter, der vom Kopf bis zu den Beinen hinunter mit unzähligen und großflächigen Hämatomen und Schwellungen gezeichnet war. Angehörige der Miliz und zivile Sicherheitsleute hatten Frieda Baumert in ihren Kellerräumen fünf Tage und Nächte immer wieder zum Verhör gezerrt, mit unsinnigen und zum Teil unverständlichen Fragen konfrontiert und sie dabei immer wieder mit Fäusten und Knüppeln geschlagen. Ihrer geschockten Familie sagte sie nach ihrer Heimkehr: „Sie haben mich nicht nur immer wieder verprügelt und getreten, sondern mir auch den Keim des Todes eingepflanzt!“

Durch die von der polnischen Administration verordnete Verweigerung des Zugangs von „erkrankten“ Deutschen zu den entstehenden polnischen Gesundheitseinrichtungen begann für Frieda Baumert im September 1945 ein sich über Jahre hinziehender Prozess des langsamen Sterbens. Mit dem Fortschreiten der schweren und bis zur Vertreibung im Juni 1947 nicht behandelten und danach nicht mehr zu heilenden Krankheit glitt sie Jahre später in einen Zustand der Umnachtung und starb in einer psychiatrischen Klinik. Gott nahm die evangelische Christin zu sich, die die schwerste Zeit ihres Lebens - vom 21. Januar 1945 bis zum Sommer 1947 – ohne ihre Kirche, ohne geistlichen Beistand und ohne humanitäre Hilfe durchleiden musste. –

Abb. 45 - Frieda Baumert mit ihren Kindern Werner, Heinz und Ingeborg  

Das Foto entstand 1948, ein Jahr nach ihrer Vertreibung, in dem neuen zeitweiligen Wohnort Schwerin/ Mecklenburg.

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Doch zunächst war es weiterhin Frieda Baumert, die die unendlich vielen Schikanen der polnischen Administration ertrug und durch schwere Arbeitsleistungen, durch besonnenes, umsichtiges und selbstloses Handeln das Überleben ihrer drei Kinder, ihrer ganzen Familie unter den bedrohlichen Lebensverhältnissen in der ihnen immer fremder werdenden schlesischen Heimat ermöglichte.

Verschärfte Bedingungen der Zwangsarbeit in den landwirtschaftlichen Betrieben und Einrichtungen

Die wenigen arbeitsfähigen Erwachsenen und heranwachsenden Jugendlichen waren nun zur Zwangsarbeit in den der polnischen Administration unterstehenden landwirtschaftlichen Gütern in Gimmel, Finkenheide, Hünern und anderen Ortschaften verpflichtet. Für die Leitung der landwirtschaftlichen Güter in den Bereichen Gimmel und Hünern wurden bereits in den Monaten Juli/August/September 1945 staatliche Beauftragte eingesetzt. Diesen unterstanden nun auch die arbeitsfähigen Deutschen dieser Dörfer.

Die bislang unter der Obhut der sowjetischen Kommandantur arbeitenden Deutschen aus Birkenhain, Gimmel und anderen Ortschaften verloren nach dem Abzug der Einheiten der Roten Armee nicht nur ihre bisherige „Besatzungs- und Ordnungsmacht“ sowie ihren „militärischen Arbeitgeber“, sondern auch ihre Einbindung in das sowjetisch-militärische Zuteilungssystem von lebenswichtigen Grundnahrungsmitteln für sich und ihre Familien. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der deutschen Familien verschlechterten sich dadurch dramatisch.

Die arbeitenden Deutschen erhielten nun nur noch für die von ihnen geleistete Arbeit in den Landwirtschaftsbetrieben ein äußerst knapp bemessenes Deputat an landwirtschaftlichen Produkten. Sie bekamen auch keine Lohnzahlungen. Die Anzahl der von ihnen zu versorgenden Familienmitglieder wurde nicht mehr berücksichtigt. Besonders gravierend für die Lebenssituation der deutschen Familien war, dass sie nicht in die polnischen staatlichen Versorgungs- und Sozialsysteme einbezogen und von der Betreuung in den entstehenden polnischen medizinischen Einrichtungen im Kreis ausgeschlossen waren. Sie wurden so durch die Verweigerung von existenziellen humanitären Hilfemaßnahmen in eine sich mehr und mehr nach unten bewegende Spirale des Hungerns, der gesundheitlichen und sozialen Not und des Verarmens gedrängt.

Dazu trug ab Herbst 1945 beträchtlich bei, dass mit der Einführung des Złotys als allgemeines Zahlungsmittel den Deutschen der Zugang zu den sich nun in polnischer Hand befindenden wenigen Einkaufsstätten für Lebensmittel und Konsumgüter verwehrt war.[45] Die Deutschen aus Birkenhain erhielten für ihre Arbeit nur Deputat, das auf Grund der allgemein katastrophalen Wirtschaftslage im Kreis Guhrau nicht regelmäßig ausgeteilt wurde. So war  eine beständige Minimalversorgung der deutschen Einwohner mit Grundnahrungsmitteln nicht gewährleistet. Es galt das Prinzip, mit dem Vorhandenen zuerst die polnischen Ansiedler zu versorgen.

Engt man den Blick in Bezug auf die sich immer dramatischer gestaltende Situation der Versorgung der Deutschen in der damaligen Zeit „nur“ auf die 20 Einwohner von Birkenhain oder auf die sich im Kreis Guhrau noch Anfang des Jahres 1946 befindenden 1000 Deutschen ein, dann kann man die Dimension der leidenden Deutschen vor ihrer Vertreibung nicht ausreichend erfassen. Deshalb wird hier darauf hingewiesen, dass sich im Januar/Februar 1946 zum Beispiel im Nachbarkreis Wohlau noch ca. 22.000 Deutsche und in der gesamten Region der Wojewodschaft Wroclaw, in Niederschlesien noch 1,23 Millionen deutsche Einwohner aufgehalten haben. So kann man es zumindest in einer von den polnischen Behörden angefertigten „Aufstellung über die Anzahl der deutschen Bevölkerung in den wiedergewonnenen Gebieten zum 14. Februar 1946“ nachlesen.[46]

Um vor allem mit Beginn des Winters 1945/46 das Überleben sichern zu können, blieb den Einwohnern in Birkenhain nichts weiter übrig, damit zu beginnen, die ihnen verbliebenen materiellen Gegenstände gegen Lebensmittel einzutauschen. Das war der Einstieg in die entwürdigende und bedrückende Form der „Bettelei“ bei polnischen Familien. Nur wenige waren dafür ansprechbar. Wenn sich polnische Familien darauf einließen, dann begaben sie sich in Gefahr. Kontaktaufnahmen zu Deutschen waren unerwünscht. Später verschärfte sich die Notlage der deutschen Einwohner weiter, so dass man auch um etwas Brot betteln musste, ohne materielle Güter zum Eintauschen anbieten zu können.

Doch ihr Leidensweg sollte noch mehr als 20 Monate, mehr als 600 Tage andauern. In dieser Zeitspanne ging der Prozess ihrer Verarmung weiter.

Ansiedlung polnischer Familien in Birkenhain

Noch während des Abzuges der sowjetischen Versorgungseinheiten aus Gimmel und Umgebung begann in den Dörfern dieses Teils des Kreises die Ansiedlung von polnischen Familien. Von den bis Ende August 1945 in das Kreisgebiet transportierten bzw. zugewanderten 16243 polnischen Bürgern waren in der Gemeinde Gimmel zu diesem Zeitpunkt erst 12 polnische Siedler in den ehemals deutschen Besitzungen angesiedelt worden. In Finkenheide sollen bis dahin 11 und in Sophienthal 3 polnische Familien eingetroffen sein. Am 30. November 1945 weisen polnische Dokumente 193 Polen im Verwaltungsbereich Gimmel aus. Einen Monat später waren es bereits 362.[47]

Sie gehörten zu jenen etwa zwei Millionen Polen, die aus den ehemaligen ostpolnischen Gebieten jenseits des Flusses Bug stammten. Nicht wenige von ihnen, die in den Dörfern angesiedelt wurden, hatten keine Ausbildung in einem landwirtschaftlichen Beruf oder Erfahrung in der Arbeit auf bäuerlichen Betrieben. Gerade dadurch kam es zu zusätzlichen Schwierigkeiten in ihrer Tätigkeit und Entwicklung als Landwirte in der vorgefundenen deutschen Kulturlandschaft, in den von ihnen in Besitz genommenen deutschen Höfen.[48]

In Birkenhain begann - nach den Überlieferungen der damals noch anwesenden deutschen Einwohner - die Ansiedlung polnischer Familien erst Ende September 1945. Es kam zu dieser Zeit die erste Gruppe polnischer Familien nach Birkenhain/Sophienthal. Sie nahmen zunächst annähernd ein Viertel der von den deutschen Einwohnern im Januar 1945 verlassenen Gehöfte in Besitz. Es handelte sich um etwa 10 bis 12 Familien mit ca. 50 bis 60 Personen, die Ende September 1945 nach Birkenhain auf Lastkraftwagen der Roten Armee gebracht wurden. Zu ihrem ohnehin dürftigen Umzugsgut gehörten jeweils eine Kuh und auch einige Stück Federvieh. Damit nahm nun auch in diesen deutschen Ortschaften der Prozess der Polnisierung seinen unaufhaltsamen Lauf.

Die Mehrzahl dieser Familien wurde von den zuständigen polnischen Behörden in die Häuser und Höfe im unteren, nördlichen Teil des Dorfes Birkenhain eingewiesen. Darunter waren unter anderem die Gehöfte der Landwirte Willi Graupe, Alfred Goletz, Ernst Fechner, Albert Kuhnke, Arthur Käbisch, Albert Knappe, Gustav Schwithal, Albert Petzold. Der größte Bauernhof in Birkenhain, das Gehöft des im Januar erschossenen Wilhelm Baumert wurde in den Jahren 1945/46 nicht von polnischen Ansiedlern in Besitz genommen. Gründe dafür sind nicht bekannt. Nach Überlieferungen polnischer Siedler wurden das Wohnhaus und die Stallgebäude nach und nach abgerissen und als Baumaterial von verschiedenen polnischen Familien genutzt. So verfuhr man später auch mit den Besitzungen von Karl Riegner, Ida Goletz, Hugo Fischer und mit anderen Gehöften.

Auch in den folgenden Monaten, bis zum Frühjahr 1946, kamen vereinzelt weitere polnische Familien ins Dorf. Darunter waren einige wenige ehemalige polnische Zwangsarbeiterfamilien, die während der Jahre des Zweiten Weltkrieges auf dem Rittergut Sophienthal gearbeitet hatten und die die noch anwesenden deutschen Einwohner kannten.

Andere polnische Ansiedler wiederum verließen nach kurzer Zeit den Ort. Sie waren wohl mit dem Leben und den Schwierigkeiten in der dörflichen Einöde und mit der Schwere der landwirtschaftlichen Arbeit in den Nachkriegsmonaten überfordert.

Die im September/Oktober 1945 beginnende Ansiedlung der polnischen Familien, ihre ständige Präsenz im Dorf und ihr politisches Zusammenwirken mit den Angehörigen der polnischen Administration sowie mit den Sicherheitsorganen versetzten die wenigen deutschen Einwohner in eine ihre Existenz unmittelbar bedrohende und immer unerträglichere Lage.

Es entstand nun eine politische und soziale Situation in ihrem unmittelbaren Lebensbereich des Dorfes und der näheren Umgebung, in der sie nun nicht mehr nur der Willkür der polnischen Behörden ausgeliefert waren, sondern auch der Dominanz und dem feindseligen Verhalten der polnischen Siedler.

Wachsendes Unbehagen, Ohnmacht und Trauer aber auch Zorn, Hass auf „die sich in ihrem deutschen Dorf breit machenden Polen“ erfassten und bestimmten überwiegend die Gefühle, das Denken und die innere Haltung dieser Deutschen. Ihr Verhalten und Handeln im öffentlichen Raum war hingegen von betonter Zurückhaltung, Unauffälligkeit und demonstrativer Unterwerfung unter die ihnen „übergestülpten“ und gegen sie gerichteten neuen Machtverhältnisse geprägt. Sie hatten bereits in den zurückliegenden acht Monaten ihres Lebens unter der Herrschaft der Roten Armee lernen müssen, dass die Sicherung ihrer Existenz, ihres Überlebens bedingungslose Unterwerfung verlangten.

Der Umstand, dass in den Ortschaften im Raum Gimmel nur sehr wenige deutsche Einwohner anwesend waren, erschwerte deren Arbeits- und Lebenssituation in besonderer Weise. Sie waren nun als kleine Minderheit dem ganzen aufgestauten Hass, den Rachegefühlen der Angehörigen der polnischen Administration, der Miliz und anderer Sicherheitsorgane sowie der sich nun ansiedelnden polnischen Familien beständig und für längere Zeit ausgesetzt. In Birkenhain standen den nun noch anwesenden 20 deutschen Einwohnern - darunter befanden sich 2 Männer, 5 Frauen, 1 männlicher Jugendlicher und 2 weibliche Jugendliche sowie zehn Kinder- zunächst etwa 50 bis 60 polnische Ansiedlern gegenüber.

Die polnischen Behörden und die Mehrheit der polnischen Ansiedler betrachteten und behandelten diese tagtäglich erreichbare deutsche Personengruppe als persönliche Feinde, als persönlich Verantwortliche und Schuldige für die Verbrechen des Hitler-Regimes im Zweiten Weltkrieg gegen das polnische Volk. Auch ihre Trauer und Wut über die Okkupation ihrer ostpolnischen Heimat durch die Sowjetunion und über ihre dadurch herbeigeführte Vertreibung „kanalisierten“ viele der polnischen Ansiedler über ihre abweisende, feindselige Haltung gegenüber den deutschen Einwohnern. Dabei ist auch in Betracht zu ziehen, dass die polnischen Ansiedler durch die Propaganda der herrschenden politischen Kräfte des polnischen Staates zur unerbittlichen Feindschaft, zu tiefem Hass und nicht selten zu inhumanen Handlungsweisen gegenüber den noch im Kreis Guhrau lebenden Deutschen angestachelt, aufgefordert, verpflichtet wurden.

Das bekamen auch die Deutschen in Birkenhain und in den anderen Dörfern des Bereiches Gimmel zu spüren. Sie machten mit den polnischen Behörden im Kreis Guhrau ähnliche Erfahrungen wie ihre Landsleute in anderen Dörfern und Städten im polnisch beherrschten Niederschlesien.

Allerdings gab es auch unter diesen schwierigen politischen, ideologischen und sozial-ökonomischen Verhältnissen einzelne kleine, fast unmerkliche Lichtblicke von vorübergehend aufkeimender Mitmenschlichkeit zwischen einzelnen sich in Birkenhain ansiedelnden polnischen Familien und einzelnen Deutschen.

Weitere Schritte der polnischen Administration zur Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Einwohner

Für die Familie Baumert/Goletz und die anderen deutschen Familien in Birkenhain wurden die Existenzbedingen in den folgenden Wochen und Monaten immer komplizierter. Auf ihre Lage traf mehr und mehr jene historische Einschätzung zu, die polnische und deutsche Wissenschaftler im Ergebnis ihrer historischen Analysen der damaligen Verhältnisse niederschrieben: „Je mehr polnische Siedler nach Niederschlesien kamen und je weiter die Etablierung der Verwaltung voranschritt, um so stärker begannen Maßnahmen zu greifen, die zur Stigmatisierung und Diskriminierung der Deutschen dienen sollten.“[49]

Zu diesen Maßnahmen, die auch die deutschen Einwohner von Birkenhain und in anderen benachbarten Dörfern ihres Kreises nach dem Eintreffen polnischer Siedler ertragen mussten, war die Einführung der Kennzeichnungspflicht für die Erwachsenen, Jugendlichen und auch für die größeren Kinder. Verlangt wurde von ihnen das ständige Tragen einer mindestens 10 cm breiten weißen Armbinde auf der Oberbekleidung des rechten Armes in Höhe des Unterarmes. Die zur Arbeit verpflichteten Erwachsenen mussten auf ihre Armbinde den Buchstaben „N“ (für Niemiec – Deutscher) aufzeichnen. Zuwiderhandelnden drohte eine Inhaftierung oder eine Geldbuße.[50] Die in polnischen Archiven zugänglichen Dokumente aus dieser Zeit und einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen hinreichend die vorliegenden Berichte der damals noch anwesenden betroffenen deutschen Einwohner, wonach es der politische Führung der Wojewodschaft Wroclaw offenkundig sehr schnell gelang, die Kennzeichnungspflicht der Deutschen flächendeckend durchzusetzen.

Aus den Überlieferungen von den zunächst noch in Birkenhain wohnenden deutschen Einwohnern ergibt sich, dass sie derartige Armbinden zumindest bis zu ihrer Überführung in ein Sammellager im Oktober/November 1946 tragen mussten. Für sie war die Kennzeichnung mit der weißen Armbinde ein Akt tiefster Diskriminierung, Demütigung, Erniedrigung und Entwürdigung. Besonders die älteren Einwohner litten darunter und drohten daran zu zerbrechen. Je länger sie dieses stigmatisierende Symbol tragen mussten, das sie als Feinde, als schuldbeladene Unpersonen kennzeichnete, umso mehr waren sie über ihre durchweg inhumane Behandlung verbittert. Sie fühlten sich nicht nur als „Ausgestoßene“, sondern wurden von den Angehörigen der polnischen Administration und von der überwiegenden Anzahl der polnischen Siedler auch im täglichen Lebensablauf so behandelt. Aus den Überlieferungen ergibt sich, dass die deutschen Einwohner auf Grund ihrer isolierten Lage und ihrer Abschottung von den deutschen Kommunikationsquellen im besetzten Deutschland, nicht begreifen konnten, dass es keine deutsche oder internationale politische Institution, keine Kircheninstanz gab, die sich für ihre Leidenssituation und inhumane Behandlung interessierten und Hilfe leisteten.

Die polnischen Ansiedler in Birkenhain, Sophienthal, Gimmel und anderen benachbarten Dörfern hielten die Kennzeichnung der Deutschen zunächst offensichtlich für richtig. Sicherlich waren sie auch deshalb dieser Meinung, weil sie ja selbst oder andere Familienmitglieder als Zwangsarbeiter auf deutschen Rittergütern, in deutschen Bauernhöfen, in der deutschen Kriegswirtschaft während der NS-Zeit, während des Zweiten Weltkrieges unter unmenschlichen Bedingungen die sie stigmatisierende Kennzeichnung „P“ ebenfalls ertragen mussten.

Allerdings beteiligten sich nicht alle an diskriminierenden Handlungen gegen die deutschen Einwohner, wenn sie diesen begegneten.

Dieser Akt der demütigenden Kennzeichnungspflicht trug dazu bei, dass die wenigen deutschen Einwohner immer mehr ausgegrenzt und in die soziale Isolation getrieben wurden. Sie waren nun stigmatisierte, ausgegrenzte, nur widerwillig geduldete Deutsche in einer sich nach polnisch geprägten politischen und soziokulturellen Maßstäben entwickelnden dörflichen Lebenswelt.

In der Folge beschränkten die deutschen Einwohner ihren Aufenthalt vorwiegend auf „ihre“ Wohnhäuser und Gehöfte, die nicht mehr die ihren waren. In den öffentlichen Raum des Dorfes und dessen Umgebung begaben sie sich nur dann, wenn es dafür zwingende Gründe gab. Die deutschen Kinder der Familien Baumert und Krügler trafen sich zum Spiel nur noch im umfriedeten Bereich ihrer Grundstücke und Gärten.

Die Ängste vor

o       der Miliz und den Angehörigen anderer polnischer Behörden,

o       den fremden polnischen Menschen und der sich durch ihre Anwesenheit immer spürbarer ausbreitenden Fremde und Bedrohlichkeit im bisherigen Heimatdorf,

o       den immer wieder auftauchenden Angehörigen der Roten Armee im jetzt polnisch beherrschten Bereich Gimmel/Hünern, die immer noch für die deutschen Frauen und jugendlichen Mädchen eine Gefahr darstellten und

o       vor einer plötzlich über sie hereinbrechenden Vertreibung

hatten längst die Gefühlswelt, das Denken und Verhalten der deutschen Kinder ergriffen.

Von polnischen Kindern im Dorf wurden sie gemieden, gedemütigt. Die Ängste der Erwachsenen waren auch zu den ihren geworden. Sie überwucherten ihre kindliche Unbekümmertheit und “machten ihre Seelen krank”. Sie kannten bereits die Not und das Leid in vielen ihrer Erscheinungen.

Nun mussten sie mit weiteren Belastungen und neuen Ausgrenzungen fertig werden. Ihre Mütter, Großmütter mussten ihnen nun verständlich machen, dass es in ihrer schlesischen Heimat von den polnischen Behörden nicht mehr geduldet werde, wenn die deutschen Einwohner in der Öffentlichkeit „ihres“ Dorfes die deutsche Muttersprache sprechen.

Sie mussten auch begreifen, dass den deutschen Kindern der Zugang zur Schule und zu einem deutschen Schulunterricht verwehrt wurde.

Die unmittelbar vor der Flucht am 21. Januar 1945 geschlossenen deutschen Schulen durften nicht wieder für deutsche Kinder geöffnet werden. Die Schule in Birkenhain befand sich im Herbst 1945 ohnehin in einem ausgeplünderten Zustand. Die Organisation eines deutschen kollektiven Schulunterrichtes durch deutsche Eltern galt im Verständnis der polnischen Behörden als eine Form des Widerstands gegen den polnischen Staat.

In den 23 polnischen Schulen, die im Herbst 1945 im Kreisgebiet eröffnet wurden und die zunächst 1426 polnische Kinder besuchten, durften keine deutschen Kinder unterrichtet werden. Die wenigen polnischen Schulkinder aus Birkenhain und Sophienthal besuchten in Gimmel „ihre“ Schule.[51]

So ergab sich in dieser Zeit für die deutschen Kinder der Familien Baumert/Goletz und Krügler eine häufig unmittelbar erlebbare seelisch verletzende Situation der Ausgegrenztheit. Während diese Kinder hinter dem Zaun standen, sahen sie die polnischen Kinder die zur Schule gingen bzw. von dort zurückkehrten und mussten sich dann deren Beschimpfungen anhören. Dieser Zustand dauerte bis zur Ausweisung der Familien aus Schlesien, bis zum Abtransport in ein Sammellager im Oktober/November 1946.

Diese lange Zeit des „verordneten Ausschlusses“ von der Schulpflicht, die auch noch während des Aufenthaltes in einem Sammellager bei Guhrau bis Juni 1947 andauern sollte, führte dazu, dass die deutschen Kinder insgesamt 30 Monate, 2 ½ Jahre, keine Schule besuchen konnten.

In diesem langen Zeitraum blieb den Müttern, der Großmutter nur die Möglichkeit, gestützt auf ihre zurückliegenden Schulkenntnisse, ihrem Wissen und ihren Erfahrungen ihren Kindern und Enkelkindern behilflich zu sein, dass bereits erworbene Schulkenntnisse nicht verloren gehen und ihre geistige Entwicklung vielseitig zu unterstützen. Alles das konnte nur im häuslichen Bereich vor sich gehen. Allerdings waren in damaliger Zeit keinesfalls die Bedingungen gegeben, um etwa einen privaten Schulunterricht zu improvisieren.

Dafür fehlten unter anderem auch schon seit der Rückkehr nach Birkenhain die materiellen Voraussetzungen. In den geplünderten Häusern fanden damals die deutschen Ankömmlinge keinerlei verwertbares deutsches Schriftgut - keine Schulbücher, keine schöngeistigen Bücher, keine kirchlichen Gesangbücher - und ebenso keinerlei Schreibutensilien. Wie auf dem Rittergut in Sophienthal hatten auch in den Wohnhäusern in Sophienthal und Birkenhain schon die Soldaten, die Angehörigen der Roten Armee in der Zeit vom 25. Januar bis zum April 1945 bei ihren Plünderungsaktionen ganze Arbeit geleistet. Deutsches Schriftgut wurde wohl durchweg wie gefährliches feindliches, faschistisches Gedankengut betrachtet, in die Gehöfte, ins Freie befördert und dort den Naturgewalten des Winters und des Frühlings zur Vernichtung überlassen bzw. in anderer Weise gezielt zerstört. Ebenso verfuhr man zu jener Zeit oder auch viel später mit den Kirchenbüchern der evangelischen Kirche in Gimmel und mit den standesamtlichen Unterlagen in Lübchen.

Unter solchen erbärmlichen Bedingungen erwies sich Kommunikation, eine gezielte bildungsorientierte Gesprächsführung zwischen den Erwachsenen und ihren Kindern als wichtigste Quelle zur Rettung und zur Anreicherung des Wissens der Kinder. Aus der jeweiligen Situation des Geschehens heraus wurde über viele Lebensprobleme, Ängste, Gefahren, Auswege aus der Not gesprochen. Erzählungen über zurückliegende geschichtliche Ereignisse, über die Ahnen, Vorfahren aber auch von Märchen, Sagen gehörten zum Alltag, besonders in den Abendstunden. Wiederkehrend wurde das 1 x 1 auswendig gelernt und abgefragt. In Bezug auf die deutsche Sprache wurden Worte buchstabiert und Worträtsel gelöst. Für Schreibübungen und zum Zeichnen, Malen fehlten Papier und Schreib- bzw. Malstifte.

Erwachsene wie die Kinder mussten damals die bittere Erfahrung machen, das nicht nur Hunger und Durst, nicht nur die materielle Verarmung einen unerträglichen Leidensdruck erzeugen, sondern auch die geistige Not.

Und die Kinder mussten damals die für sie unfassbare Erfahrung machen, dass der polnische Staat sie - die deutschen Kinder - unabhängig von ihrem Alter zu den Schuldigen für die Verbrechen der Hitlerdiktatur hinzu zählte und sie in Bezug auf Versorgung, Gesundheitsbetreuung, Bildung etc. ähnlich wie ihre Mütter und Großmütter exemplarisch abstrafte.

In den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz (vom 2. August 1945) war jedoch im Artikel XIII bestimmt, dass die Überführung der deutschen Bevölkerung aus den seiner Verwaltung unterstellten deutschen Ostgebiete – in ”ordnungsgemäßer und humaner Weise” zu erfolgen habe.[52]

Es sollte niemals vergessen werden: Auch die Kinder der „ausgewiesenen“ Elterngeneration der Schlesier haben das Leid der Vertreibung und die inhumane Behandlung durch die damalige polnische Administration ebenso wie ihre Eltern und Großeltern unmittelbar erlebt, durchlitten und wurden davon traumatisiert. Auch sie waren, sind und bleiben Betroffene dieser dramatischen Folge des Zweiten Weltkrieges.

Die deutschen Städte und Dörfer im Kreis Guhrau (powiatu górowskiego) erhalten polnische Ortsnamen

Der 1. November 1945 markiert im Kreis Guhrau jenen Tag, an dem die Beschlüsse der polnischen Administration zur Ausmerzung der deutschen Ortsnamen und ihre Ersetzung durch polnische Ortsbezeichnungen offiziell in Kraft traten. Die Arbeiten der polnischen Kreisbehörden an diesem „Projekt“ hatten im ersten Halbjahr 1945, also schon vor der Potsdamer Konferenz, begonnen.

Aus vorliegenden polnischen Dokumenten[53] ergibt sich, dass die Erarbeitung von Vorschlägen zu den polnischen Ortsnamen in mehreren Etappen vor sich ging. Ein Ziel war dabei, für möglichst viele Ortschaften zu solchen Namen zu gelangen, die den Eindruck vermitteln, dass die deutschen Dörfer und Städte polnischen Ursprungs sind und im Verlauf der Geschichte den Polen von Deutschen geraubt wurden und nun wieder in den Besitz des polnischen Volkes zurückkehrten. Das heißt, dass mit der Einführung polnischer Ortsnamen die politische Argumentation von einer historischen Rechtmäßigkeit der nun erfolgenden polnischen Besiedelung der sogenannten „wiedergewonnenen Gebiete“ zusätzlich legitimiert werden sollte.

Gemäß diesem Anliegen erhielt auch im Kreis Guhrau eine große Anzahl der deutschen Dörfer und Städte Ortsnamen aus slawischer Vorzeit bzw. aus der Zeit, in der die damaligen schlesischen Dörfer und Städte zu deutschem Recht ausgesetzt wurden.[54] Dabei wurde häufig die Schreibweise der neuen, alten Namen „polonisiert“. So wurde aus dem Namen der Stadt Guhrau das nun polnische „Góra Śląska“. Das Dorf Gimmel erhielt den Namen „Jemielno“, der offensichtlich dem Ortsnamen seiner erstmaligen urkundlichen Nennung (12. April 1218), nämlich „Gemelno“, nachempfunden war.[55]

Ähnlich verfuhr man mit dem Dorf Birkenhain, das bis 1936 - etwa fünfhundert Jahre lang - die deutsche Ortsbezeichnung „Tscheschenheide“ getragen hatte. Die polnische Kreisverwaltung hatte zunächst für das Dorf Birkenhain den polnischen Ortsnamen „Wojciechów“ festgelegt. Doch durch Intervention der im September 1945 in Guhrau eingetroffenen Regierungsbeauftragten änderte man – ähnlich wie bei Ortsnamensvorschlägen anderer Dörfer - in Übereinstimmung mit der Wojewodschaftsleitung in Wroclaw (Breslau) den Ortsnamen auf „Ślęszów“ ab.[56]

Dieser neue polnische Ortsname war offensichtlich eine Adaption des erstmals im Jahre 1310 urkundlich erwähnten Namens des Dorfes „Slesow“. Auch im Verfahren zur Festlegung eines polnischen Namens für das Gut und das Dorf Sophienthal gab es eine nachträglich behördliche Änderung. Zunächst sollte Sophienthal „Ustronie“ heißen. Doch am Ende erhielt dieser Ort den polnischen Namen „Zdziesławice“. Die Ortschaft mit ihrem darniederliegenden Rittergut wurde verwaltungsmäßig von Birkenhain/Tscheschenheide, von „Ślęszów“ getrennt und zeitweilig mit Altheidau „Majówką“ vereint und unter dem Ortsnamen „Zdziesławice z Majówką“ geführt.[57]

Da der langwierige Entstehungsvorgang des Rittergutes Sophienthal im 17. Jahrhundert seine Anfänge hatte und das Dorf Sophienthal als sogenanntes „Koloniedorf“ im Preußischen Schlesien um 1787 entstand, wollten die damaligen polnischen Namensgeber in „Góra“ 1945/1946 sicherlich nicht mit der gefundenen Ortsbezeichnung „Zdziesławice“ dem deutschen Sophienthal polnische Ortsnamensursprünge unterstellen!

Alle diese neuen polnischen Ortsnamen für die ehemals deutschen Städte und Dörfer erscheinen in jenen polnischen Dokumenten, in denen die zum 2. Februar 1946 wirksam werdende neue Verwaltungsstruktur des Kreises verkündet wurde.[58]

Ein ungewöhnliches Angebot an die noch anwesenden deutschen Einwohner in Birkenhain (Ślęszów)

Nachdem nun durch das Projekt „Polnische Ortsnamen“ die deutschen Ortsbezeichnungen, gelöscht, ausgemerzt waren, stand nur noch der letzte Akt der Durchführung der „Entdeutschung“ in „Ślęszów“, „Zdziesławice z Majówką“ und anderen Dörfern im Kreis aus: die Ausweisung, die Vertreibung der restlichen deutschen Einwohner aus ihren Heimatorten. Doch die ließ zumindest für die noch in Birkenhain, „Ślęszów“ wohnenden Deutschen weiterhin auf sich warten. Bis zum Monat März 1946 geschah nichts. Es gab keine Informationen auf den polnischen Arbeitsstellen für die dort arbeitenden Frauen und Mädchen über das weitere Schicksal ihrer Familien.

Scheinbar günstiger war die Situation für die Familie Kolakowski. Sie hatte sich offenbar schon frühzeitig darum bemüht, in die polnische Staatsangehörigkeit zu gelangen. Die polnische Regierung hatte schon im Verlaufe des Jahres 1945 die Möglichkeit eingeräumt, dass  Deutsche mit eventuell zurückliegenden polnischen Wurzeln, mit polnischen Sprachkenntnissen oder anderen vorgegebenen Merkmalen einen Verifizierungsantrag zur Erlangung der polnischen Staatsbürgerschaft stellen dürfen. Diesen Kreis von Antragsberechtigten bezeichneten die polnischen Behörden als „Autochthone“. Voraussetzungen waren überdies, dass sie in der NS-Zeit keinen Status als Volksdeutsche erlangt hatten, nicht Mitglieder der NSDAP waren und ein schriftliches „Treuegelöbnis“ gegenüber dem polnischen Staat ablegten.

Ob die Angehörigen der Familie Kolakowski zu jener Zeit die polnische Staatsangehörigkeit erhielten ist nicht bekannt. Überliefert ist hingegen, dass die Familie von Anfang an in der Öffentlichkeit Solidarität mit den polnischen Ansiedlern und Behörden und Distanz zu den anderen deutschen Familien im Dorf demonstrierte. Sie hofften wohl so ihren Besitz auf diesem Wege retten zu können.

Für die anderen Deutschen wurde nicht nur das Warten auf die Ausweisung zu einer immer größeren Belastung, sondern auch ihre sich zunehmend dramatischer gestaltende Versorgungssituation während der Wintermonate 1945/46. Die Zeitspanne des Wartens und der Ungewissheit für die deutschen Einwohner fand im Monat März 1946 eine kurzzeitige überraschende Unterbrechung, die sie zu unumkehrbaren existenziellen Entscheidung drängte.

Ihnen wurde von den polnischen Behörden das ungewöhnliches Angebot unterbreitet, einen Antrag zur „Einbürgerung“ in die polnische Gesellschaft stellen. Die Möglichkeit, wonach Deutsche von den lokalen polnischen Behörden ausgewählt, aufgefordert werden konnten, sich um die Zuerkennung der polnischen Staatsbürgerschaft zu bewerben, wenn sie vorgegebenen strengen Auswahlkriterien entsprachen, lief unter dem Namen „Verifizierung und Rehabilitierung“.[59] Schon die Antragstellung würde dazu führen, so die Einlassungen der Vertreter der polnischen Administration, dass die Familie Baumert/Goletz ihr Gehöft bis zur Entscheidung nicht verlassen brauchten. Nach einem positiven Bescheid würden sie dann in ihre Eigentumsrechte an Haus und Hof wieder eingesetzt. Für eine mögliche positive Entscheidung durch die dafür zuständigen Stellen sprächen nach Ansicht der Behördenvertreter der Geburtsname von Frieda Baumert und der Familienname ihrer Mutter, der ja „Goletz“ laute. Man war der Meinung, er hätte Bezug zu polnischen Namenslinien. Besonders wichtig sei für das Interesse der polnischen Seite die Tatsache, dass drei Kinder zur Familie gehörten, darunter zwei Jungen. Gerade Jungen würden in den „Wiedergewonnenen Gebiete Polens“ gebraucht. Durch die Kriegsereignisse gäbe es einen deutlichen Mangel an Knaben unter den polnischen Ansiedlern. Angedroht wurde im Falle einer Ablehnung des „Angebots“ die sofortige Ausweisung.

Für Frieda Baumert wirkte die Unterbreitung eines solchen „Angebots“ wie eine Verhöhnung, nach alledem, was ihr und ihrer Familie fünf Monate vorher von der Miliz, von den polnischen Sicherheitsbehörden angetan worden war.

Die Familie entschied sich für ein unwiderrufliches „Nein“!

Als Frieda Baumert und Ida Goletz ihre Ablehnung des Angebotes der polnischen Behörden erklärten, wurde ihnen angedroht, dass die Familie in allernächster Zeit Haus und Hof verlassen muss und bis zur Aussiedlung nach Deutschland in ein in der Nähe von Guhrau gelegenes Sammellager verbracht werde.

So harrte die Familie Baumert/Goletz ebenso wie die anderen deutschen Einwohner, die sich ebenfalls ablehnend entschieden hatten, weiterhin aus. Sie bereiteten sich innerlich auf das Verlassen des Dorfes vor und hoffte inständig, dass sie auch die kommende Leidensetappe durchstehen werden. Eine schnelle Aussiedlung war vor allem unter der Sicht der sich immer mehr zuspitzenden Ernährungs- und Lebenslage der drei Kinder dringend notwendig.

Im Frühjahr 1946 starb Oswald Pätzold, der schon seit Monaten von Emma Hoffmann gepflegt worden war. Sein Schwiegersohn, Adolf Mundil, übergab ihn der schlesischen Erde. Er war aus einem polnischen Zwangsarbeitslager im Kohlenbergbau entlassen worden und war auf der Suche nach seiner Familie nach Birkenhain gekommen. Nach der Bestattung seines Schwiegervaters begab er sich zu Fuß auf den Weg nach Sachsen, um dort weiter nach seinen Angehörigen zu suchen. Zu befürchten hatte er nichts, da er über ordentliche polnische Entlassungspapiere verfügte. Wie sich bei den Recherchen zur Ortschronik herausstellte, erreichte Adolf Mundil damals sein Ziel auch nach mehreren Wochen.

Die letzten Monate im heimatlichen Dorf

Die noch in Birkenhain (Ślęszów) geduldeten deutschen Einwohner konnten hingegen nicht den Ort verlassen. Sie waren weiterhin dem angelaufenen behördlichen „Ausweisungsverfahren“ und der Passierscheinpflicht unterworfen und mussten weiter auf ihren Abtransport warten.

Die im Dorf angesiedelten Polen begannen allmählich mit einigen Frühjahrsbestellarbeiten auf kleineren Feldflächen, die in unmittelbarer Nähe der von ihnen im Herbst 1945 in Besitz genommenen deutschen Gehöfte lagen.

Auch auf dem ehemaligen Rittergut Sophienthal gab es von polnischer Seite erste Aktivitäten. Seit einem Jahr hatte es dort kein Wirtschaftsleben mehr gegeben. Es war weitgehend ausgeplündert. Die Gutsanlagen, die Stallgebäude befanden sich in einem heruntergekommenen Zustand.

Abb. 46 -Blick in den Wirtschaftshof  des Gutes Sophienthal (Zdziesławice) im Oktober 1993

Das Foto stammt aus dem Nachlass von Elisabeth Hoffmann und wurde von ihrem Sohn Hans Hoffmann für diese Chronik zur Verfügung gestellt.

*****

Im April/Mai 1946 wurde eine weitere größere Gruppe polnischer Siedler nach Birkenhain [Ślęszów] gebracht. Sie nahmen die leerstehenden, aber äußerlich noch weitgehend intakten deutschen Gehöfte in Besitz. Darunter waren die Anwesen von Adolf Mundil, Marie Kretschmer/Eduard Sandmann, Karl Riegner, Paul Scholz, Paul Förster, Emil Petzold, Ernst Heinrich. Die polnische Einwohnerzahl wuchs auf etwa 120 Personen an.

Für die noch anwesenden Deutschen – außer für Familie Kolakowski - traten einschneidende Veränderungen ein. Sie mussten in ihren Häusern zusammenrücken.

Familie Baumert/Goletz erhielt von den polnischen Behörden die Mitteilung, dass ihr Haus und Gehöft in den Besitz einer polnischen Familie übergeht und sie bis zum Abtransport in dem Haus in 1 ½ Zimmer verbleiben dürfen. Die anderen Räumlichkeiten im Haus – ein großes Zimmer, eine Schlafkammer, die Küche und der Boden mit Kammer mit allen darin befindlichen Möbeln – sollte die angekündigte polnische Familie bewohnen. Diese traf noch am selben Tag ein, an dem Frieda Baumert von den Veränderungen informiert wurde.

Wie alle anderen polnischen Neuankömmlinge im Dorf wurde auch diese Familie mit einem Militärlastwagen der Roten Armee gebracht. Zu ihrem geringen Umzugsgut gehörte eine Kuh, die in dem leerstehenden Stallgebäude ihren Platz fand.

Nun mussten sich die vier Angehörigen der polnischen Familie – Mutter mit zwei älteren Mädchen und einem Jungen – mit den fünf Personen der Familie Baumert/Goletz den nicht gerade üppigen Wohnraum im Hause für einen noch nicht bekannten Zeitraum teilen. Die zu bewältigenden Belastungen ergaben sich nicht in erster Linie aus der Beengtheit der Wohnsituation. Vielmehr waren es die von den polnischen Behörden herbeigeführten sozialen Verhältnisse, die sowohl die Angehörigen der deutschen Familie, als auch die Mitglieder der polnischen Familie mit vielen bislang unbekannten schwierigen, bedrückenden Konflikten, Zwängen und Problemen im Umgang miteinander, in der gegenseitigen Verhaltensweise, in der Kommunikation konfrontierte.

Doch bei aller Bitternis, bei allen immer wieder aufbrechenden Gefühlen der Feindschaft, des Hasses und der Ohnmacht mussten die Familien eine Basis finden, um wenigstens zu einen erträgliches Nebeneinanderleben auf Zeit zu gelangen. Am schwersten fiel das der 64jährigen Ida Goletz. Ihr bereitete die Situation unsagbaren Schmerz und tiefe Trauer. Sie fühlte sich von dem ganzen Geschehen um sie herum erniedrigt, entwürdigt.

Aus den Überlieferungen der damals betroffenen deutschen Familienmitglieder kann geschlossen werden, dass sich trotz der schwierigen Bedingungen das Nebeneinanderleben der deutschen und der polnischen Familie in den folgenden Wochen, Monaten im Hause Baumert/Goletz erträglich gestaltete.

Dazu trug auch in nicht unerheblichem Maß das Verhalten der polnischen Familie bei. Da sie das Leid der Vertreibung aus ihrer ostpolnischen Heimat durch die Sowjetunion bereits ertragen hatten, konnten sie offenbar nachempfinden, was die auf ihre greifbar nahe Vertreibung aus ihrer schlesischen Heimat wartenden Angehörigen der Familie Baumert/Goletz durchmachten und noch ertragen mussten. So kam es schon nach kurzer Zeit dazu, dass von der polnischen Familie nicht nur gelegentlich Anteilnahme an der Lage der deutschen Familie signalisiert wurde. Vielmehr versuchte die polnische Hausfrau den Angehörigen der deutschen Familie, vor allem den Kindern in der Weise zu helfen, dass sie ihnen ab und an auf einem kleinen Tisch im Flur mit einem weißen Tuch abgedeckte Nahrungsmittel, zubereitete Speisen hinstellte. Trotz der Sprachbarrieren, versuchten sowohl die Kinder, als auch die Erwachsenen in der Geschlossenheit des gemeinsam genutzten Wohnhauses miteinander auszukommen.

So verstrich die Zeit für die noch im Dorf geduldeten Deutschen. Die Situation im Dorf, in den Arbeitsstellen der nun polnischen Staatsgüter im Bereich Gimmel/Hünern wurde immer unerträglicher. Die Nahrungsbeschaffung und die Speisenzubereitung erfolgten immer öfter auf einem „urwüchsigen“ Niveau. Es fehlte permanent an fast allem. Das traf nicht nur auf solche Grundnahrungsmittel wie Fleisch, Butter, Zucker, Salz, Mehl zu, sondern auch auf Oberbekleidung, Unterwäsche, Nähgarn und auf alle anderen lebensnotwendigen Dinge, die der Mensch zum Überleben braucht. Der Zutritt zu polnischen Gesundheitseinrichtungen blieb ihnen weiterhin verwehrt. Es war für sie ein Glück, dass Großmutter Ida Goletz in der Naturheilkunde sehr gut bewandert war.

Oktober 1946 bis Juni 1947

Der letzte Akt der Vertreibung aus der niederschlesischen Heimat

Ausweisung aus Birkenhain

Gegen Ende Oktober 1946 war es soweit. Die bis dahin in Birkenhain [Ślęszów] noch anwesenden Familien Baumert/Goletz und Krügler sowie Emma Hoffmann mussten ihre Wohnungen, Häuser, ihr Dorf verlassen. Zum Zusammenpacken der Überreste ihrer Habe, die ihnen seit ihrer Flucht am 21. Januar 1945 und nach ihrer Rückkehr im Frühjahr 1945 geblieben waren, hatten sie etwas mehr als 12 Stunden Zeit. Ihnen wurde die Mitnahme von Deckbetten, Wäsche, Kleidung, Hausrat und anderen persönlichen Gegenständen gestattet. Das Gewicht des Gepäcks war auf 25 kg pro Person begrenzt. Sie hätten auch Schmuck und andere Wertgegenstände mitnehmen können, doch von diesen Artikeln waren sie bereits durch wiederkehrende Plünderungsaktionen in den zurückliegenden 1½ Jahren „befreit“ worden. Die von ihnen genutzten Räumlichkeiten hatten in dem Zustand zu bleiben, wie sie bislang eingerichtet waren. Am Morgen des Abtransports war nach Aufnahme des Inventars durch einen polnischen Behörden-Mitarbeiter die Wohnung zu verschließen und der Schlüssel an diesen zu übergeben.

Die deutschen Einwohner wurden an diesem trüben und schon nasskalten Morgen mit den ihnen gebliebenen Habseligkeiten von einem Trecker mit Anhänger abgeholt. Voller Bitternis und Trauer mussten sie nun endgültig von ihrem Besitz, von ihrem Dorf in der Heimat Schlesien Abschied nehmen.

Internierung in einem Sammellager in der Nähe von Guhrau

Man brachte sie zu einem nur wenige Kilometer von der Kreisstadt Guhrau entfernt gelegenem Gutshof, der zu einem Sammellager notdürftig für die in allernächster Zeit auszuweisenden Deutschen hergerichtet worden war. Hier befanden sich schon andere Deutsche aus dem Kreis, weitere folgten in den nächsten Wochen. Alle waren nun Repatriierte, die auf ihre baldige Abschiebung hofften.

So wie im Kreis Guhrau lief in dieser Zeit in fast allen Kreisen Niederschlesiens eine großangelegte Repatriierungsaktion von tausenden Deutschen an. Möglichst viele von ihnen sollten noch vor dem Winter 1946/47 vorwiegend in die sowjetische und in die britische Besatzungszone Deutschlands ausgewiesen werden. Immerhin warteten Ende des Jahres 1946 nach polnischen Angaben noch 227.244 deutsche Einwohner in der Wojewodschaft Wroclaw auf ihren Abtransport aus der schlesischen Heimat in Richtung Westen.[60]

Wie aus einem „Bericht des Starosten von Góra Śląska/Guhrau an den Kommissar für Repatriierungsangelegenheiten Roman Fundowicz  betreffend die weiterhin im Kreisgebiet befindlichen Deutschen (APWr., UWW, VI/357, Bl. 30) vom 22. Oktober 1946“ zu entnehmen ist, begann die Starostei schon in den Monaten Juli/August mit der Planung und den unmittelbaren Vorbereitungen für die nun angelaufene Repatriierungsaktion. In dem Dokument heißt es unter anderem: „Gemäß der Anordnung Nr. R.N.157o/46 vom 9.9.46 melde ich folgendes: Nach den letzten Berechnungen vom Sommer hielten sich im Gebiet des Kreises Góra/Guhrau 555 Deutsche auf, darunter Erwachsene und Kinder...Die im Kreisgebiet wohnhaften Deutschen wurden nicht reklamiert, da sie weder in der Industrie, die im Kreis schwach entwickelt ist, beschäftigt waren noch in Büros der Selbstverwaltung arbeiteten…Was privates Hauspersonal oder bei Metzgern als Arbeiter beschäftigte Deutsche betrifft, so wurden sie zusammengefasst und in der Stadt kaserniert und zur Reinigung der Stadt eingesetzt. Ebenso wurden Deutsche, die sich im Kreisgebiet in den Dörfern aufhielten, auf den landwirtschaftlichen Staatsgütern zusammengefasst, so dass es im Falle der Anordnung ihrer Repatriierung leichter sein wird, sie zu sammeln…Gleichzeitig erkläre ich, dass die einleitenden Arbeiten und Pläne bezüglich der Repatriierung der Deutschen wie die Berufung einer Kommission und der Versand der Instruktionen im August erfolgt sind.“[61]

Zu diesem Bericht ist u. E. anzumerken:

o       Erstens ist die im Sommer errechnete Zahl von 555 Deutschen im Kreis Guhrau offensichtlich zu niedrig angesetzt. In einer offiziellen polnischen Statistik zum „Bevölkerungsstand in Niederschlesien, unterteilt in Kreise“ vom 1. Januar 1947 werden 882 Deutsche genannt.[62] Diese Unterschiede in der Angabe der Zahl der im Kreis anwesenden Deutschen hing offenbar damit zusammen, dass die im Kreis vorhandenen sowjetischen Befehlsstellen auch zu dieser Zeit den polnischen Behörden keine Auskünfte über die in den ihnen unterstehenden landwirtschaftlichen Gütern im Kreis arbeitenden und lebenden Deutschen erteilten. Jedenfalls beschwerte sich der Starost des Kreises Guhrau hierüber in dem oben zitierten Bericht vom 22. Oktober 1946.

o       Zweitens weist der Bericht darauf hin, dass es im Kreis Guhrau zu diesem Zeitpunkt  keine deutschen Arbeitskräfte mehr gab, an deren weiterer Arbeitsleistung die polnischen Behörden noch ein gesteigertes Interesse hatten. Es gab deshalb keine Anträge auf eine „Reklamierung“ [Freistellung von der noch im Jahre 1946 vorgesehenen Ausweisungsaktion – Autoren der Chronik] von dringend benötigten Fachkräften. So kann man zugleich annehmen, dass mit der Vorbereitung der in Rede stehenden Repatriierungsaktion alle noch im Kreis Guhrau anwesenden Deutschen abgeschoben werden sollten.

Doch bis zur Realisierung dieser Absicht vergingen noch acht Monate. Solange mussten jedenfalls die im Oktober 1946 ins Sammellager gebrachten deutschen Einwohner ausharren.

Der größte Teil der im Sammellager internierten Deutschen war in dem weitläufigen Herrenhaus des Gutes untergebracht. Während die Familien Baumert/Goletz und Krügler in je ein größeres Zimmer eingewiesen wurden, musste Emma Hoffmann sich mit zwei Frauen aus anderen Dörfern des Kreises einen Raum teilen. In den beheizbaren Räumlichkeiten befanden sich nur wenige Einrichtungsgegenstände. Aber es war ausreichend Stroh vorhanden, auf denen sich die Bewohner ihr Nachtlager einrichten konnten. Die Fenster und Türen waren soweit hergerichtet, dass sie geschlossen werden konnten. Es gab sogar ein Waschbecken mit einem manchmal funktionierenden Wasserzufluss. Auch die vorhandenen Öfen in den Räumen konnten in den folgenden Wintermonaten beheizt werden, wenn Brennmaterialien zur Verfügung standen. Neben den in den Stall- und Hofanlagen des Gutes anfallenden landwirtschaftlichen Arbeiten mussten die arbeitsfähigen deutschen Erwachsenen und Jugendlichen alle Reinigungs- und Küchenarbeiten im Hause erledigen.

Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln war mangelhaft. Hungern gehörte zum Alltag der Internierten. Für die fünfköpfige Familie Baumert/Goletz gab es pro Woche ein größeres Brot. In der Küche des Gutes wurde an  manchen Tagen eine Suppe aus den gerade vorhandenen Produkten zubereitet. Andere Nahrungsmittelrationen wie Marmelade, Fett, Fleischprodukte oder Zucker gab es selten.

Aus den Dokumenten der Starostei Guhrau geht hervor, dass man darauf hoffte, durch die Kasernierung der Deutschen in landwirtschaftlichen Gütern ihre prekäre Versorgungslage zu verbessern. Überliefert ist, dass der polnische „Magistrator“ – der Leiter des landwirtschaftlichen Gutes und des Sammellagers - sich um die Beschaffung von Lebensmitteln für die internierten Deutschen bemühte. Dabei hatte er wohl auf Grund der allgemein schwierigen Wirtschaftslage nicht immer Erfolg. So gerieten die deutschen Frauen, Mütter, größeren Kindern immer wieder in die Notsituation, in dem nahegelegenem Dorf bei polnischen Familien im Tausch gegen diesen oder jenen Gegenstand aus ihren schrumpfenden Habseligkeiten ein Stück Brot oder andere Nahrungsmittel einzutauschen, oder um solche ohne Gegenleistung zu betteln.

So vergingen die nächsten Monate, ohne dass die Ausweisungsaktion der Deutschen aus dem Sammellager begann. Es hieß immer, dass es Schwierigkeiten in der Abwicklung der Transporte gäbe. Diese Aussage von damals Betroffenen wird durch historische Dokumente aus polnischen Archiven bestätigt. Aus ihnen geht hervor, dass die Repatriierungstransporte in diesen Monaten vor allem aus folgenden Gründen immer wieder unterbrochen werden mussten:

o       Auswirkungen des frühzeitigen Wintereinbruchs mit Minustemperaturen von unter 20 Grad;

o       permanenter Mangel an Transportkapazitäten, Fehlen von Öfen und Strohaufschüttungen in den Eisenbahnwaggons sowie Defiziten in der Organisation und Logistik der Transporte seitens der zuständigen polnischen Behörden und der Mitarbeiter der polnischen Staatsbahn;

o       dramatische Versorgungsmängel und eine katastrophale Gesundheitssituation der zu repatriierenden Deutschen. Es gab bei einer größeren Anzahl von Deutschen schwere Erfrierungen und auch eine Reihe von Toten zu beklagen.

Diese Zustände veranlassten bereits Ende 1946 die sowjetische Militärdienststelle in Kohlfurt, die für die Übernahme der dort ankommenden Aussiedlertransporte in das Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone zuständig war, die Übernahme dieser Transporte zu verweigern. Auch die Angehörigen der Britischen Militärmission forderten von den polnischen Behörden eine Veränderung der Zustände. „Offiziell wurde die Aussiedlungsaktion im Januar 1947 eingestellt.“[63]

Empfang der Ausreisebescheinigungen

Obwohl  ab 18. April 1947 die Wiederaufnahme der Aussiedlungstransporte - ausschließlich in die Sowjetische Besatzungszone - erfolgte, mussten die internierten Deutschen aus Birkenhain und aus anderen Dörfern des Kreises  Guhrau noch bis Juni 1947 auf ihre „Ausreise“ warten.

Einige Tage vor dem Ausreisetermin mussten sich Vertreter der Familien bzw. die Alleinstehenden zu vorgegebenen Terminen zur Starostei, zur Kreisbehörde in Guhrau mit den noch vorhandenen Zahlungsmitteln und ihren amtlichen sowie kirchlichen Personal- und Familiendokumenten begeben, um dort ihre Ausweisungsdokumente in Empfang zu nehmen. Frieda Baumert nahm ihre Tochter mit. Familie Krügler wurde von der ältesten Tochter vertreten.

Die Ausreisepapiere gab es für die Repatrianten nicht umsonst. Sie mussten dafür mit deutschem Geld bezahlen. Von ihnen wurde überdies auch die Abgabe aller in ihrem Besitz befindlichen Personal- und Familiendokumente verlangt. Damit wurden ihnen alle amtlichen und kirchlichen Dokumente genommen, die über ihre Geburt, Taufe, Konfirmation, Schul- und Ausbildungsabschlüsse, Heirat usw., über ihre persönliche und familiäre Identität, über ihre geschichtlichen Wurzeln in Schlesien und über ihren bisherigen Lebensweg den amtlich und kirchlich beglaubigten Wahrheitsbeweis lieferten. Sie wurden mit diesem Akt der Zeugnisse ihrer deutschen schlesischen Identität beraubt.

Doch in der bedrückenden Situation ihres Amtsbesuches in Guhrau Anfang Juni 1947 waren die Betroffenen froh, als sie die Ausreisegenehmigungen für sich und ihre Familien in den Händen hielten. In dieser Stimmung kehrten sie zu ihren Angehörigen ins Sammellager zurück. Es war für die meisten von ihnen das letzte Mal in ihrem Leben, dass sie die schöne Landschaft ihres deutschen Heimatkreises, ihrer niederschlesischen Heimat durchschreiten konnten. Sie legten diesen Weg voller Wehmut, Bitterkeit und Trauer zurück

Vollendung der Vertreibung - Transport in die jenseits der Lausitzer Neiße und der Oder gelegene deutsche Fremde

Die Ausreise erfolgte erst nach dem 22. Juni 1947. Wie schon in den Monaten April und Mai kam es auch im Verlaufe des Monats Juni 1947 zu Verzögerungen im Ablauf der Repatriierungsaktion, die nun den Charakter einer „Krise der Ausreiseaktion“[64] annahm.

„Das Hauptproblem bestand – wie die (polnischen) Behörden im Übrigen selbst bestätigten – in der völligen Desorganisation der Verwaltung in den Westgebieten. Es fehlte an fachkundigen und kompetenten Beamten, Korruption und Eigennutz verbreiteten sich, die Kommunikation funktionierte nicht recht, während die Aussiedlungsanweisungen eine Reihe von Unklarheiten enthielten. Auf dem Gebiet der Wojewodschaft Wroclaw traten all diese negativen Erscheinungen in potenzierter Form auf, es begünstigten sie nämlich die Schwäche der polnischen Verwaltung sowie das Fehlen von Bedingungen, die eine effektive Kontrolle ermöglicht hätten. Die Trunksucht nahm erschreckende Ausmaße an, während der Raub deutscher Habe oft gerade von den Vertretern jener Instanzen begangen wurde, die zu deren Schutz berufen waren.“[65]

Unter diesen - den wartenden Ausreisenden noch nicht bekannten unsäglichen Verhältnissen im Abschiebungsgeschehen – wurde den im Sammellager internierten Einwohnern aus Birkenhain und anderen Ortschaften aus dem Kreis Guhrau Ende Juni mitgeteilt, dass sie am nächsten Tag mit einem Eisenbahntransport in die Sowjetische Besatzungszone ausreisen. Der polnische Magistrator des Gutes informierte die Deutschen über den vorgesehenen Ablauf der Aktion und über die Vorschriften über die mitzuführenden Habseligkeiten. Ihnen wurde die Mitnahme von 25 kg Gepäck pro Person gestattet. Doch ihr in dieser Menge ins Sammellager mitgebrachte Hab und Gut war in den zurückliegenden acht Monaten auf einen bedeutungslosen Rest zusammengeschrumpft. Man hatte ihnen auch gesagt, dass sie bis zu 500 Mark deutscher Währung mitnehmen dürften. Doch niemand verfügte noch über solche Geldsummen.

Als die Ausgewiesenen, Repatrianten am nächsten Morgen nach einem kärglichen Frühstück das jetzt polnische Staatsgut, das Sammellager in langer auseinander gezogener Reihe verließen, wurde das Drama ihrer erbärmlichen Lage sichtbar. Ein Trupp geschundener deutscher Frauen, Kinder und weniger alter Männer zog in zerschlissener Kleidung in langer Reihe durch das von polnischen Siedlern in Besitz genommene Gutsdorf zur nahegelegenen Bahnstrecke, zu den dort bereit stehenden Güterwaggons. Ihre Füße steckten in abgetragenem, kaputtem Schuhwerk oder in selbst gebastelten Sandalen bzw. in Strohschuhen. Die meisten Kinder waren barfüßig. Die fülligsten Gegenstände ihres Gepäcks waren die Bettensäcke, die sie hinter sich herzogen. Den Überrest ihrer Habe hatten sie in Tüchern zu einem Bündel zusammengeschnürt oder in Beuteln verpackt.

Auf dem Weg durch das Dorf verringerten sich die mitgeführten Habseligkeiten von Ida Goletz, Frieda Baumert und ihrer drei Kinder weiter. Da man ihnen und allen anderen Ausgewiesenen entgegen den Bestimmungen keine Verpflegung mitgegeben hatte, mussten sie wie in den vergangenen Monaten wiederum bei polnischen Einwohnern des Dorfes um Brot und andere Nahrungsmitteln betteln. Bei einer Familie fanden sie Erbarmen. Sie erhielten einen größeren Kanten Brot. Dafür musste Tochter Ingeborg ihr letztes Spielzeug, einen Plüschlöwen, hergeben. Es war der für sie letzte Besitzgegenstand und deshalb ein besonders schmerzlicher Verlust, den sie nie vergaß.

Andere deutsche Familien waren ebenfalls zu solchen demütigenden Tauschgeschäften im „Vorbeigehen“ gezwungen. Doch sie mussten froh und dankbar sein, wenn man ihnen etwas zum Überleben vor allem für ihre Kinder gab.

So erreichte die Kolonne der nun endgültig aus ihrem Heimatkreis hinausgeworfenen Deutschen die Eisenbahnwaggons. Von polnischen Milizionären und zivilen Ordnungskräften wurden immer etwa 30 Personen nach vorliegenden Waggonlisten in die bereitstehenden Güterwagen eingewiesen. Ebenso waren schriftliche Erklärungen vorbereitet, die von den Erwachsenen der Familien zu unterzeichnen waren. Sie mussten unterschreiben, dass sie von den polnischen Behörden korrekt behandelt wurden.

Dann suchte sich jede Familie einen Liegeplatz auf dem Boden des Waggons und richtete sich auf die bevorstehende Reise ins Ungewisse ein. Der Transport fuhr über die von Lissa nach Breslau führende Eisenbahnlinie durch Trachtenberg, an dem zerstörten Breslau vorbei bis nach Liegnitz. Hier befand sich der für die aus dem Kreis Guhrau „ausreisenden“ Deutschen vorgesehene zentrale Sammelpunkt der Repatriierungsaktion aus Niederschlesien.

Wie schon bei anderen Zwischenaufenthalten während der Fahrt wurden in Liegnitz weitere Waggons mit deutschen Repatrianten an den Zug angekoppelt. Kurz vor Ablauf der Haltezeit des Zuges mussten alle Erwachsenen und Kinder die Waggons verlassen. Polnische Milizionäre kontrollierten sehr gründlich die „Ausreisenden“ und ihr Gepäck. Die Identität und die Anzahl der ausgewiesenen Deutschen wurden anhand der Transportlisten geprüft.

Die Weiterfahrt des Zuges erfolgte in den späten Abendstunden. Sie führte über Bunzlau nach Kohlfurt (Kaławsk), dem Übergabepunkt der deutschen Repatrianten an die sowjetischen bzw. britischen Militärbehörden. Nach der Abfertigung der Ausreisenden - Kontrolle der Identität und des mitgeführten Gepäcks, Hygienekontrolle, obligatorische Behandlung mit Entlausungspulver sowie einer Notversorgung – setzte sich der Zug in Richtung Demarkationslinie an der Neiße, in die Sowjetische Besatzungszone in Bewegung.

Das für ihre Aufnahme vorgesehene Umsiedlerlager in der Nähe von Görlitz war jedoch überfüllt. In anderen in der Nähe liegenden Lagern war Typhus ausgebrochen und deshalb für Neuzugänge gesperrt. So wurde dieser Transport in ein Lager für heimkehrende deutsche Kriegsgefangene aus der Sowjetunion umgeleitet. Es war noch nicht vollständig eingerichtet und nicht auf die Unterbringung, Versorgung und medizinische Betreuung von Frauen, Kindern und alten Menschen vorbereitet.

Doch gemessen an dem, was die gerade eingetroffenen Schlesier in den zurückliegenden 2 ½ Jahren durchlebt hatten, brachten sie die im Aufnahmelager auftretenden Anfangsschwierigkeiten nicht aus der Fassung. Ihnen war bewusst, dass auf sie weitere schwere Belastungen und Herausforderungen unter ihnen unbekannten neuen gesellschaftlichen Verhältnissen warteten. Man hatte ihnen ihren Besitz, ihr Hab und Gut, die Heimat genommen und ihnen großes Leid zugefügt. Doch ihre Würde und ihren Willen zu einem Neuanfang konnte man ihnen nicht nehmen! Sie waren willens, gemeinsam mit ihren Kindern, mit ihren Familien sich neue Lebensgrundlagen zu schaffen.

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Frieda Baumert und ihre drei Kinder, Ida Goletz, Frau Krügler und ihre fünf Kinder sowie Emma Hoffmann waren die letzten deutschen Einwohner aus Birkenhain, aus der Gemeinde Sophienthal, die erst Ende Juni 1947 im Ergebnis des geschichtlichen Vorgangs von Flucht und Vertreibung in das nun an den Flussverläufen von Lausitzer Neiße und Oder beginnende Deutschland gelangten.

Ebenso wie die schon zwei Jahre früher in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und in Berlin angesiedelte Mehrzahl der Einwohner aus Birkenhain und Sophienthal begannen nun auch sie damit, sich eine neue Existenz unter den äußerst schwierigen politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Bedingungen in der Sowjetischen Besatzungszone aufzubauen. Sie mussten sich im Osten Deutschlands, in der DDR fortan “Umsiedler” nennen. Zunächst akzeptierten die Behörden in der Sowjetischen Besatzungszone noch bei der Beantragung ihrer Personalpapiere, dass sie dem Namen ihres Geburtsortes die Provinzbezeichnung “Niederschlesien” zuordneten. Später verlangte man von ihnen auf diesen Zusatz zu verzichten oder “Polen” als ihr Geburtsland  einzutragen.

Während für Frieda Baumert mit ihren Kinder der Neuanfang in Mecklenburg begann, führte der Weg von Ida Goletz nach Sachsen-Anhalt. Dort hatte die  Familie ihres Sohnes eine Neubauernstelle bekommen. Emma Hoffmann und Frau Krügler mit ihren Kindern reisten nach Thüringen weiter.

Abb. 47 - Ida Goletz mit ihrer Schwiegertochter Hedwig und Enkel Armin 1956

Das Foto stammt aus dem Privatbesitz der Familien Goletz/Baumert.

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Trotz der schwierigen Bedingungen für den Neuanfang zeugen die vorliegenden Nachrichten über die weiteren Lebenswege und Schicksale der Angehörigen einer größeren Anzahl aus Birkenhain und Sophienthal stammender Familien, dass  sie sich in ihren neuen Wohnorten im geteilten Deutschland eine neue Existenz und Heimstatt aufbauen konnten.

So war die Familie Karl Wiedenroth durch ihre Flucht im Januar 1945 nach Bühlau bei Dresden gelangt. Im Hause des dortigen Pfarrers wohnten die Wiedenroths etwa zwei Jahre. Karl Wiedenroth konnte nach dem Krieg in der Sowjetischen Besatzungszone zunächst ein Fuhrgeschäft betreiben und so den Lebensunterhalt seiner Familie sichern. Später war er in der Landwirtschaftsverwaltung in Potsdam/ Brandenburg tätig. In Potsdam-Babelsberg verbrachten Karl und Roswitha Wiedenroth ihren Lebensabend. Auf dem dortigen Friedhof wurden sie beerdigt. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie nach der Wiedervereinigung Deutschlands in Hardesse Kreis Gifhorn/ Niedersachsen. Ihre Familie holte sie heim.

Einige Einwohner und Familien aus Birkenhain und Sophienthal gelangten in den Wirren der Flucht im Januar/Februar 1945 und des zuende gehenden Krieges nach Bayern bzw. Schleswig-Holstein und Hamburg. Unter ihnen waren auch die Angehörigen der Lehrerfamilie Balden. Max Balden arbeitete dort von 1947 bis 1953, bis zu seinem Ruhestand, als Lehrer.

Abb. 48 - Frieda Balden (+1975) und Max Balden (+1962) bei einem Spaziergang in der Umgebung von Bad Oldesloe um 1960
Das Foto stellte ihr Sohn, Horst Balden, für diese Chronik zur Verfügung.
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Andere Einwohner aus Birkenhain und Sophienthal verließen nach Kriegsende ihre ursprünglichen Aufnahmeorte in der Sowjetischen Besatzungszone, in der ehemaligen DDR. Sie überwanden die Sperranlagen an der innerdeutschen Grenze. In den westlichen Besatzungszonen, in der Bundesrepublik fanden sie bei ihren hier bereits lebenden Angehörigen Aufnahme und Unterstützung für ihren weiteren Lebensweg. So kamen nach und nach fast alle Kinder und Enkelkinder von Landwirt Wilhelm Baumert nach Nordrhein-Westfalen und Bayern.

Besonders tragisch gestaltete sich das Schicksal von Elisabeth Hoffmann geb. Riegner, die mit ihren Kindern in Thüringen Unterkunft und Arbeit gefunden hatte. Ihr Leidensweg war jedoch mit der Flucht, dem Verlust ihrer schlesischen Heimat und Ankunft in Thüringen noch lange nicht beendet. Sie wurde im Jahre 1947 Opfer der politischen Strafjustiz der sowjetischen Besatzungsmacht. Zehn Jahre Haft lautete das Urteil des sowjetischen Militärgerichtes. Erst die Ereignisse des 17. Juni 1953 führten zur Beendigung ihrer Inhaftierung. Sie wurde nach sechs Jahren unvorstellbarer Leiden in den Haftanstalten von Bautzen, Hoheneck/Sa. und im Straflager Sachsenhausen vorzeitig amnestiert.

Elisabeth Hoffmann riskierte die Flucht in die Bundesrepublik Deutschland. In Heidelberg fand sie mit ihren Kindern Rosemarie (Rosel) und Wolfgang, die etwas später ihrer Mutter in die Bundesrepublik folgten, endlich einen sicheren  Lebensmittelpunkt und eine neue Lebensperspektive.

Abb. 49 - Elisabeth Hoffmann mit Enkeltochter, ihrem Vater Karl Riegner und Tochter Rosel in Heidelberg  

Das Familienbild wurde wahrscheinlich um 1965 aufgenommen. Es stammt aus dem Nachlass von Elisabeth Hoffmann - ihr Sohn Wolfgang Hoffmann stellte es für die Chronik zur Verfügung.

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Elisabeth Hoffmann geb. Riegner starb 2006 im Alter von 92 Jahren in Heidelberg. Ihre Tochter Rosel wurde im Jahre 2003 im 68. Lebensjahr aus dem Leben gerissen. Vater und Großvater Karl Riegner feierte im Jahre 1983 in Saalfeld noch seinen 100. Geburtstag. Vier Wochen danach vollendete sich sein langer, schwerer und erfüllter Lebensweg.

Karl Riegner wurde 1883 in der Zeit des deutschen Kaiserreiches geboren. Sechs Jahrzehnte lebte und arbeitete er in seiner schlesischen Heimat, davon 42 Jahre in Tscheschenheide/ Birkenhain. Durch die Flucht im Januar/Februar 1945 kam er nach Thüringen. Hier schuf er für sich und seine Familie neue Lebensgrundlagen und verbrachte seinen Lebensabend.

Über vier Jahrzehnte durften sich die im Osten Deutschlands lebenden Vertriebenen nicht öffentlich zu ihrem Schicksal der Vertreibung aus ihrer schlesischen Heimat bekennen. Erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands erlangten sie den in der Bundesrepublik gesicherten Rechtstitel eines Heimatvertriebenen. Nun konnten sich die im Osten und im Westen Deutschlands bislang voneinander getrennt lebenden deutschen Einwohner aus Birkenhain und Sophienthal ungehindert  treffen. 

Die Erinnerung an die Heimat Schlesien ist in ihrem Gedächtnis lebendig geblieben. Sie hat sich bei ihnen mit dem Streben nach einem friedlichen Zusammenleben mit den polnischen Nachbarn in einem vereinigten Europa verwoben. Hierin ist die Bereitschaft zur Versöhnung eingeschlossen. 

Abb. 50 - Ehemaliger Einwohner aus Birkenhain und Sophienthal bei einem Treffen von Heimatvertriebenen aus dem Kreis Guhrau in Lohsa am 2. Mai 1998  

Untere Reihe (von links): Gerda Weder geb. Seidel (Jena), Ilse Voß geb. Förster (Berlin)

Mittelreihe (von links): Ehefrau von Kurt Mundil, Hildegard Graupe (Großenhain), Gerda Reda geb. Mundil (Potsdam)

Obere Reihe (von links): Kurt Mundil (Mahlow b. Berlin), Hans Hoffmann (Saalfeld), Kurt Förster (Potsdam), Christa Kohla (Westgreußen), Manfred Lechl, Miriam Förster (Potsdam), Horst Balden (Bad Oldesloe), Günter Hoffmann (Westgreußen)

Das Foto stammt aus dem Nachlass von Gerda Weder geb. Seidel.

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[1] Siehe: Elly Richter geb. Nowak, Meine Flucht am 20. Januar 1945 von Gimmel, Kreis Guhrau, in: Freystädter Kreisblatt, (einliegend) Guhrauer Kreiszeitung, S. 12 – 14.

[2] Siehe hierzu auch: Rolf O. Becker, Niederschlesien 1945/Die Flucht – Die Besetzung/Nach Dokumenten des Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Bonn. Nach Dokumenten aus dem Bundesarchiv in Koblenz (Ost-Dok. 1, Fragebogenberichte des Bundesarchivs, Ost-Dok. 2), Erlebnisberichte und Kreisberichte.  Nach Dokumenten des Arbeitskreises „Flucht und Vertreibung“ und „der Heimatkreisbearbeiter“. Gesamtredaktion Edgar Günther Lass. 2. Auflage 1974 bei Aufstieg-Verlag, München, 7. Der Kreis Guhrau, S. 57 – 68.

[3] Die Darlegungen zu den wiedergegebenen NS-Befehlsinhalten im Kreis Guhrau stützen sich sowohl auf Zeitzeugenberichte, als auch auf Publikationen deutscher Autoren sowie polnischer Quellen. Siehe hierzu u. a.: Rolf O. Becker, Niederschlesien 1945/Die Flucht – Die Besetzung/Nach Dokumenten des Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Bonn…Gesamtredaktion Edgar Günther Lass. 2. Auflage 1974 bei Aufstieg-Verlag, München, 7. Der Kreis Guhrau, S. 57 ff; Bronislaw Szczygiel, Kronika miasta Góry slaskiej i ziemi Górowskiej (Fragment), czesc (Teil): I, (Abschn.) 5.

[4] Nach dem bei den Autoren dieser Chronik vorliegenden schriftlichen Erinnerungsbericht zur Flucht aus Birkenhain am 21. 01. 1945 von Gerda Reda geb. Mundil.

[5] Siehe: Lucia Brauburger, Abschied von Lübchen / Bilder einer Flucht aus Schlesien / Mit Fotografien von Hanns Tschira, Econ Verlag Berlin © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2004.

[6] Ebenda, S. 15.

[7] Rolf O. Becker, Niederschlesien 1945/Die Flucht – Die Besetzung/Nach Dokumenten des Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Bonn…Gesamtredaktion Edgar Günther Lass. 2. Auflage 1974 bei Aufstieg-Verlag, München, 7. Der Kreis Guhrau, S. 57.

[8] Nach dem Fluchtbericht von Elisabeth und Hans Hoffmann aus dem ehemaligen Birkenhain, im Archiv der Autoren dieser Chronik.

[9] Siehe: Elly Richter geb. Nowak: Meine Flucht am 20. Januar 1945 von Gimmel, Kreis Guhrau. In: Freystädter Kreisblatt mit einliegender „Guhrauer Kreiszeitung“, Hrsg.: Goldammer Verlag Würzburg, Nummer 4/2006, S. 12 – 14.

[10] Siehe: Bericht von Gerda Weder geb. Seidel von November 2003, im Archiv der Autoren dieser Chronik.

[11] Siehe: Bericht von Ruth Berges geb. Lechl vom 14. November 2003, im Archiv der Autoren dieser Chronik.

[12] Bericht zur Flucht von Birkenhain nach Blumenau von Gerda Reda geb. Mundil, im Archiv der Autoren dieser Chronik.

[13] „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“, Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945 – 1950, Dokumente aus polnischen Archiven, Herausgegeben von Wlozimierz Borodziej und Hans Lemberg, Band I, Zentrale Behörden – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Wlodimierz Borodziej, Wojewodschaft Allenstein – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Claudia Kraft, Verlag Herder-Institut Marburg 2000, S. 58.

[14] Ebenda, S. 59.

[15] Siehe u. a.: Winfried Irgang, Werner Bein, Helmut Neubach, Schlesien:  Geschichte, Kultur und Wirtschaft, 1995, Verlag Wissenschaft und Politik; (Publikationsreihe: Historische Landeskunde, Deutsche Geschichte im Osten, Band 4, Herausgegeben von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen), S. 240.

[16] Siehe: Helmut M. Müller, Schlaglichter der deutschen Geschichte, In Zusammenarbeit mit Karl Friedrich Krieger, Hanna Vollrath und Meyers Lexikonredaktion, Zweite, aktualisierte und erweiterte Auflage, 1990 Bonn,  Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, © Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG und Mannheimer Morgen Großdruckerei und Verlag GmbH, Mannheim, S.301; siehe ebenda, 11. Kapitel, Abschnitt „11.27 Hitler-Stalin-Pakt“, S. 280 f: „In einem geheimen Zusatzprotokoll zum Vertrag (Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffspakt vom 23. August 1939) waren die gegenseitigen Interessensphären abgesteckt worden. Deutschland erklärte sein Desinteresse an Finnland, Estland und Lettland, erhob aber Anspruch auf Litauen. Die Sowjetunion bekundete ihr Interesse an Bessarabien in Südosteuropa. Polen wurde erneut geteilt, die Demarkationslinie sollte durch die Flüsse Narew, Weichsel und San festgelegt werden“.

[17] „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“, Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945 – 1950, Dokumente aus polnischen Archiven, Herausgegeben von Wlozimierz Borodziej und Hans Lemberg, Band I, Zentrale Behörden – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Wlodimierz Borodziej, Wojewodschaft Allenstein – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Claudia Kraft, Verlag Herder-Institut Marburg 2000, S. 58.

[18] Ebenda.

[19] Ebenda.

[20] Siehe hierzu: Winfried Irgang, Werner Bein, Helmut Neubach, Schlesien:  Geschichte, Kultur und Wirtschaft, 1995, Verlag Wissenschaft und Politik; (Publikationsreihe: Historische Landeskunde, Deutsche Geschichte im Osten, Band 4, Herausgegeben von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen), S. 242. 

[21] Siehe: Informator o miescie i gminie gora, Übersetzung der englischen Fassung ins Deutsche von Dirk Steindorf-Sabath. In - (am 13. 10. 2006 im Internet nachzulesen): Chronik – Guhrau/Góra Homepages– http://www.guhraunet.uni.cc/chronik_1945.html .

[22] Inge und Lothar Küken, Das Waldhufendorf Hirschfeldau bei Sagan und die niedere Straße, Mosaiksteine schlesischer Siedlungsgeschichte, (Publikationsreihe): Impressionen aus der Kulturlandschaft Schlesien, Band 1, Senfkorn Verlag Alfred Theisen, Görlitz und St. Annaberg O/S 2002, S. 145,

[23] Siehe ebenda, S. 140 ff.

[24] Ebenda, S. 143/144.

[25] Siehe ebenda, S. 147.

[26] Ebenda, S. 146.

[27] Siehe u.a.: Unterabschnitt dieser Chronik „1757 - Der Siebenjährige Krieg erreicht Sophienthal und Tscheschenheyde – ‚Friedrich der Große’ in Sophienthal“ u. Unterabschn. “1807 -1815 ...” .

[28] Nach einem Bericht der polnischen Staatsbürgerin  Maria Kapral geb. Lasniak. In: Unterlagen des Privatarchivs der Familie Schiller - bei Rolf Schiller in Ravensburg; Kopie befindet sich bei den Autoren der vorliegenden Chronik. 

[29] „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“, Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945 – 1950, Dokumente aus Polnischen Archiven, Herausgegeben von Wlodzimierz Borodziej und Hans Lemberg, Band 4 – Wojewodschaften Pommerellen und Danzig (Westpreußen) Einleitung, Auswahl und Bearbeitung der Dokumente: Ingo Eser und Witold Stankowski, - Wojewodschaft Breslau (Niederschlesien) Einleitung, Auswahl und Bearbeitung der Dokumente: Claudia Kraft und Stanislaw Jankowiak, Verlag Herder-Institut Marburg 2004, S. 363.

[30] Ebenda.

[31] Siehe Erinnerungsberichte von Gerda Reda geb. Mundil, Kurt Förster, Gerda Weder geb. Seidel und Hans Hoffmann – im Archiv der Autoren.

[32] Siehe: Internetseiten – Homepage für Guhrau und Góra Freunde, Góra/Guhrau Chronik 1945 – 2003, Ergänzungen zur Übersetzung der Broschüre „Informator o miescie; gminie Góra“, Chronik – Guhrau/Gora Homepages, http://www.guhraunet.uni.cc/chronik_1945,html.

[33] Siehe: „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“, Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945 – 1950, Dokumente aus Polnischen Archiven, Herausgegeben von Wlodzimierz Borodziej und Hans Lemberg, Band 4 – Wojewodschaften Pommerellen und Danzig (Westpreußen) Einleitung, Auswahl und Bearbeitung der Dokumente: Ingo Eser und Witold Stankowski, - Wojewodschaft Breslau (Niederschlesien) Einleitung, Auswahl und Bearbeitung der Dokumente: Claudia Kraft und Stanislaw Jankowiak, Verlag Herder-Institut Marburg 2004, S. 222 – 224 [Dok. AAN MOZ 524 Bl. 15 – 17; handschriftliche Notiz].

[34] Siehe ebenda, S. 537 [Dok. 210/ AAN, MAP, 2471, Bl. 49, 18. Dezember 1945, 2. Sitzung des Wissenschaftlichen Rates für Fragen der Wiedergewonnenen Gebiete, Bevölkerung des Bezirks Niederschlesien].

[35] Siehe: Bronislaw Szczygiel, Kronika miasta Góry slaskiej i ziemi Górowskiej (Fragment), czesc (Teil): I, (Abschn.) 5.

[36] Siehe: Kronika miasta Górý Śląskiej i ziemi Górowskiej (Fragment] I – III. In: [Zeitschrift] Kwartalnik Górowski, Nr.: 8/2004-2005 - S. XIX-XXIV, 9/2005-S. XV-XX, 11/2005-S. XXII ff. 

[37] „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“ Die Deutschen östlich der Oder und Neiße 1945 – 1950, Dokumente aus polnischen Archiven, Herausgegeben von Włodzimierz Borodziej und Hans Lemberg, Band 4: Wojewodschaften Pommerellen und Danzig (Westpreußen) – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Ingo Eser und Withold Stankowski/ Wojewodschaft Breslau (Niederschlesien) – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Claudia Kraft und Stanisław Jankowiak, Verlag Herder-Institut Marburg 2000, S. 504.

[38] Ebenda,  Bd.1: Zentrale Behörden Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Włodzimierz Borodziej/ Wojewodschaft Allenstein – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Claudia Kraft,    S. 99.

[39] Ebenda, S. 79.

[40] Siehe u. a: Kronika miasta Górý Śląskiej i ziemi Górowskiej (Fragment], I. Teil, in: Kwartalnik Górowski 8/2004, S. XIX – XXII; E. Mackowska, Historia MO, SB, Ormo i policjie górowskim – niespokojne dni cz. I (lata 40.), in: Kwartalnik Górowski 2/2003, S. XIV – XVII.

[41] „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“ Die Deutschen östlich der Oder und Neiße 1945 – 1950, Dokumente aus polnischen Archiven, Herausgegeben von Włodzimierz Borodziej und Hans Lemberg, Band 1: Zentrale Behörden – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Wlodzimierz Borodziej, Wojewodschaft Allenstein – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Claudia Kraft, Verlag Herder-Institut Marburg 2000, S.77 f.

[42] Nach: Podzial Administracyjin Powiatu Górowskiego po 1945 r., Cz. I. In: Kwartalnik Górowski 15/2006, S. XI – XII.

[43] Siehe: Administracyjin Powiatu Górowskiego po 1945 r., Cz. I. In: Kwartalnik Górowski 15/2006, S. XIX f.

[44] Siehe: Die Erlebnisse einer Flüchtlingsfamilie/ Miterlebt und aufgezeichnet von Kurt Blaschey…In. Guhrauer Kreiszeitung, Monatlich erscheinende Heimatzeitung für Stadt und Kreis Guhrau in Schlesien, [Hrsg.:] Goldammer Verlag GmbH & Co KG, Würzburg 2004, Nummer 7, S. 13.

[45] Siehe ebenda, Band 4, S. 377.

[46] Siehe: Ansiedlungsdepartement des MOZ, Referat f. Statistik, Aufstellung über die Anzahl der deutschen Bevölkerung in den wiedergewonnenen Gebieten zum 14. Februar 1946, AAN MOZ 524 Bl. 15 – 17, handschriftl. Notiz. In: Ebenda, Band 1, S. 222 – 224.

[47]  Nach: Podzial Administracyjin Powiatu Górowskiego po 1945 r., Cz. I. In: Kwartalnik Górowski 15/2006, S. XI – XII.

[48] Siehe: Kronika miasta Górý Śląskiej i ziemi Górowskiej (Fragment]Teil II. In: [Zeitschrift] Kwartalnik Górowski, Nr.: 9/2005-S. XVI f.

[49] Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“ Die Deutschen östlich der Oder und Neiße 1945 – 1950, Dokumente aus polnischen Archiven, Herausgegeben von Włodzimierz Borodziej und Hans Lemberg, Band 4: Wojewodschaften Pommerellen und Danzig (Westpreußen) – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Ingo Eser und Withold Stankowski, Wojewodschaft Breslau (Niederschlesien) – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Claudia Kraft und Stanisław Jankowiak, Verlag Herder-Institut Marburg 2004, S. 376 f.

[50] Siehe hierzu: Dokument Nr. 18, Entwurf der Verordnung des Generalbevollmächtigen für die wiedergewonnenen Gebiete über die Kennzeichnung der in den wiedergewonnenen Gebieten wohnenden Deutschen. In: Ebenda, Band 1, S. 147.

[51] Siehe: Kronika miasta Górý Śląskiej i ziemi Górowskiej (Fragment]Teil II. In: [Zeitschrift] Kwartalnik Górowski, Nr.: 9/2005-S. XVI f.

[52] Siehe hierzu auch: Winfried Irgang, Werner Bein, Helmut Neubach: Schlesien Geschichte, Kultur und Wirtschaft, 1995 Köln, [Historische Landeskunde – deutsche Geschichte des Ostens; Bd. 4, Herausgegeben von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen] S. 242.

[53] Siehe: Kronika miasta Górý Śląskiej i ziemi Górowskiej [Fragment]Teil III. In: [Zeitschrift] Kwartalnik Górowski, Nr.: 11/2005-S. XVIII-XXVII; Polskie nazwy miejscowości w latach 40, in: Ebenda, Nr.: 1/2003, S. XXI-XXVII; Podzial Administracyjlin Powiatu Górowskiigo po 1945 r., Cz. I, in: Kwartalnik Górowski, Nr.:15/2006, S. XI-XXI.

[54] Siehe hierzu:   Erster Abschnitt, Unterabschnitt „1310“ der vorliegenden Chronik

[55] Siehe: Polskie nazwy miejscowości w latach 40, in: Ebenda, Nr.: 1/2003, S. XXI-XXVII; Podzial Administracyjlin Powiatu Górowskiigo po 1945 r., Cz. I, in: Kwartalnik Górowski, Nr.:15/2006, S. XI-XXI.

[56] Siehe ebenda.

[57] Siehe ebenda.

[58] Siehe ebenda.

[59] Siehe hierzu: Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“ Die Deutschen östlich der Oder und Neiße 1945 – 1950, Dokumente aus polnischen Archiven, Herausgegeben von Włodzimierz Borodziej und Hans Lemberg, Band 4: Wojewodschaften Pommerellen und Danzig (Westpreußen) – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Ingo Eser und Withold Stankowski, Wojewodschaft Breslau (Niederschlesien) – Auswahl, Einleitung und Bearbeitung der Dokumente Claudia Kraft und Stanisław Jankowiak, Verlag Herder-Institut Marburg 2004, S. 427-431.

[60] Siehe: Dokument 262, Bevölkerungsstand in Niederschlesien, unterteilt in Kreise, APWr., UWW, I/128, Bl. 6. In: Ebenda, Band 4, S. 619 f.

[61] Ebenda, S. 604 ff.

[62] Siehe: Dokument 262, Bevölkerungsstand in Niederschlesien, unterteilt in Kreise, APWr., UWW, I/128, Bl. 6. In: Ebenda, S. 619 f.

[63] Ebenda, S. 419.

[64] Ebenda, S. 423.

[65] Ebenda.