Die Dörfer im Kreis Guhrau

 

Ereignisse aus der Geschichte der niederschlesischen Dörfer Birkenhain und Sophienthal im Kreis Guhrau

 

1310 bis 1947

 

Erinnerung an die ehemaligen deutschen Einwohner und ihre Geschichte

 

Autoren:

Dr. Hermann Wandschneider

Ingeborg Wandschneider geb. Baumert (aus Birkenhain)

Bad Orb 2007

 

Einleitung

1. Anliegen dieser ortsgeschichtlichen Darstellung

In der vorliegenden Chronik wurden ausgewählte Daten und Ereignisse der Geschichte des im Nordosten Schlesiens / Niederschlesiens, im Kreis Guhrau gelegenen Dorfes Birkenhain - das vor 1935/36 den Ortsnamen Tscheschenheide trug - erfasst, analysiert, verallgemeinert und beschrieben.

Es handelt sich um die erste Version einer Darstellung des geschichtlichen Weges dieses Dorfes von den bislang bekannten, vor 1310 liegenden Anfängen bis zum bitteren Verlust der deutschen Heimat Schlesien im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges, durch Flucht und Vertreibung. Deshalb wird der Bogen der geschichtlichen Betrachtungen bis 1946/47 gespannt.

Ortsgeschichte war und ist stets unlösbar mit der allgemeinen Geschichte der Stämme, Volksgruppen, Völker in den betreffenden Ländern, Regionen und mit dem internationalen Geschehen verbunden. Deshalb werden diese Wechselbeziehungen, vorrangig an Wendepunkten historischer Abläufe, Entwicklungen und Veränderungen in der Chronik sichtbar gemacht. Dabei stützen wir uns auf eine größere Anzahl von historischen Darstellungen, Publikationen zur schlesischen, deutschen und europäischen Geschichte von deutschen und polnischen Autoren, die - nach unserer Einschätzung - allgemeine Anerkennung gefunden haben.

Da das ehemalige Tscheschenheide/ Birkenhain in seiner geschichtlichen Entwicklung - auf Grund der feudalen Besitzverhältnisse - mit der offenbar vor 1736 entstandenen “Villa” Sophienthal,dem späteren Rittergut Sophienthal, und mit dem um 1787 errichteten Koloniedorf Sophienthal untrennbar verbunden war, wird diesen  Sachverhalten in der vorliegenden Chronik nachgegangen. Es entspricht dem Charakter und der Historie früherer gesellschaftlicher Verhältnisse, dass der Grund und Boden zunächst vollständig im Besitz der kirchlichen und weltlichen Grundherren waren. Daraus erwuchsen die über Jahrhunderte existierenden Daseins- und Arbeitsbedingungen der Mehrheit der Einwohner dieser Dörfer, die überwiegend durch das System der Fron und Untertänigkeit geprägt waren. So gehörten auch die Dörfer Tscheschenheide und Sophienthal den wechselnden Grundherren. Das war noch so, als Schlesien längst preußisch geworden war.

Wie die Geschichte der Dörfer Tscheschenheide und Sophienthal beweist, schafften es eine Reihe von ehemaligen Freigärtnern, Rustikal- und anderen Stellenbesitzern sowie später zugezogene Siedler und deren Nachkommen im Verlaufe der Zeitspanne zwischen 1787 und 1941 eine kleinere oder größere landwirtschaftliche Fläche zu erwerben und zu bewirtschaften. In den amtlichen Dokumenten, Grundbüchern beim Amtsgericht Herrnstadt waren vor 1945 neben dem damaligen Besitz des Rittergutes Sophienthal die Anwesen von 29 kleineren und größeren Landwirtschaftbetrieben sowie von weiteren Stellenbesitzern in der Gemarkung der Gemeinde Sophienthal verzeichnet.

Die im Kreis Guhrau, Regierungsbezirk Breslau gelegene Gemeinde umfasste bis Januar 1945 das Rittergut und das Dorf Sophienthal sowie das Dorf Birkenhain (vormals Tscheschenheide).

Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass der gesamte Grund und Boden dieser Gemarkung noch 1941 unter dem Grundbuchtitel “Schlaßwitz” beim Amtsgericht Herrnstadt geführt wurde. Dieser Name war ebenfalls über Jahrhunderte in Kirchensachen, in kirchlichen Dokumenten für den Bereich Tscheschenheide und Sophienthal gebräuchlich. Auch die Dorfbewohner nutzten ihn über lange Zeiträume, wenn sie von ihrem Dorf sprachen. Zur Klärung dieser komplizierten Namensgeschichte soll mit dieser Chronik ein Beitrag geleistet werden.

Die geschichtliche Darstellung stützt sich auf umfangreiche schriftliche Quellen und Daten, wissenschaftliche Publikationen und Erinnerungsliteratur zur Geschichte Schlesiens sowie auch zum Drama von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus ihrer alten schlesischen Heimat in den Jahren 1945 bis 1946/47.[1]

Diese Chronik fußt auf eine größere Anzahl von Online-Dokumenten zur schlesischen Regional-, Orts- und Familiengeschichte in den früheren Fürstentümern Glogau, Oels und Wohlau, im ehemaligen preußischen Regierungsbezirk Breslau sowie in den damaligen Kreisen Herrnstadt, Winzig, Wohlau und Guhrau. Insbesondere stützten wir uns auf die umfangreichen Web-Sites von Herrn Dirk Steindorf-Sabath zur Geschichte der Stadt und des Kreises Guhrau.[2]

In die vorliegende geschichtliche Betrachtung sind auch zahlreiche Erinnerungen, Dokumente und Fotos von ehemals in Tscheschenheide/Birkenhain, Sophienthal und Gimmel ansässigen Familien und deren in diesen Dörfern geborenen Nachkommen aufgenommen worden. Die persönlichen Berichte beziehen sich nicht nur auf den Zeitraum der Flucht und der Vertreibung (1945 bis 1947), sondern auch auf davor liegende geschichtliche Ereignisse in den beiden Dörfern, dem Rittergut und den dort lebenden Familien. Hierfür danken wir Elisabeth Hoffmann geb. Riegner (+2006), Hildegard Graupe, Gerda Nürbchen geb. Fischer, Ilse Voß geb. Förster, Gerda Reda geb. Mundil, Kurt Förster (+2005), Hans Hoffmann, Horst Balden, Kurt Mundil und Walter Mundil aus Birkenhain sowie Ruth Berges geb. Lechel, Gerda Weder geb. Seidel (+2005) aus Sophienthal und Elly Richter geb. Nowack sowie Liesbeth Hamatschek geb. Böhm aus Gimmel. Gleichfalls danken wir Herrn Windfried Fiebag, Enkel des von 1915 bis 1919 in Sophienthal/Tscheschenheide wirkenden Försters Hermann Fiebag, für die zur Verfügung gestellten Unterlagen und Fotos.[3] Besonderer Dank gilt Frau Friederike Kuhl geb. Baumert, Urenkelin des von 1845 bis 1862/63 in Tscheschenheide ansässigen Lehrers Adolph Baumert und seiner Ehefrau Rosalie, geb. Kattge. Sie stellte uns große Teile der familiengeschichtlichen Überlieferungen, Dokumente und des Bildmaterials der Familie des 1854 in Tscheschenheide geborenen Georg Ferdinand Moritz Baumert zur Verfügung.[4]

Unser Dank gilt ebenso dem “Haus Schlesien” in Königswinter, das durch die Herausgabe der “Schlesischen Güteradreßbücher 1870 – 1937” als Digitale Quellen[5] einen beinahe lückenlosen Einblick in wichtige Daten der geschichtlichen Entwicklung des Rittergutes Sophienthal und auch der beiden Dörfer Sophienthal und Tscheschenheide/Birkenhain ermöglichte.

In diesen Zusammenhang stellen wir unseren Dank an Herrn Rolf Schiller (*1942), Sohn des Rittergutsbesitzers Hellmuth Schiller auf Sophienthal (1935 bis 1941) und Enkel der Vorbesitzerfamilie Hugo Giese (1929 bis 1934/35). Er gewährte uns detaillierte Einblicke in die Unterlagen des Familienarchivs seiner Familie und gab seine Zustimmung, wichtige Dokumente und Fotos in der vorliegenden ortsgeschichtlichen Darstellung zu verarbeiten.

Besonders danken wir Herrn Dr. Henning Wiedenroth, Großneffe des letzten Gutsbesitzers auf Rittergut Sophienthal, Karl Wiedenroth. Er stellte uns die Kopien wichtiger Dokumente und Fotos zur Verfügung, die uns Informationen über den Kauf des Rittergutes durch Karl Wiedenroth im Jahre 1941 und über seine Tätigkeit und Haltung in den letzten Kriegsjahren vermittelten.[6]

Einen gebührenden Platz nehmen in der Chronik die Darstellung der dramatischen geschichtlichen Ereignisse der Flucht und der Vertreibung der Einwohner von Birkenhain und Sophienthal ein. Der 21. Januar 1945 war jener schwarze Tag in der Geschichte der beiden niederschlesischen Dörfer, an dem durch die von den Behörden des NS-Machtapparates des Kreises Guhrau befohlene Evakuierung die Flucht fast aller Dorfbewohner der Gemeinde Sophienthal begann.

Nur einige ältere Dorfbewohner - u. a. Wilhelm Baumert, Emma Hoffmann, Stanislaus Kajak, Oswald Pätzold, Emil Petzold - blieben in den beiden Dörfern zurück. Informationen über deren Schicksale konnten in der Chronik verarbeitet werden. Das wurde deshalb möglich, weil in den Monaten April bis Juni 1945 einige der im Januar 1945 geflohenen deutschen Familien unter widrigen, lebensgefährlichen Umständen in ihr niederschlesisches Heimatdorf zurückkehrten.

Es waren dies:

o       Ida Goletz geb. Fischer; Frieda Baumert geb. Goletz mit ihren drei Kindern Ingeborg, Heinz und Werner,

o       Frau Krügler mit ihren Kindern Hildegard, Herbert, Werner, Heinz und Waltraud(Traudel),

o       Familie Kolakowski mit ihren Kindern Julia, Tadeusz, Maria, Helene und (.?.),

o       Gertrud Gloss geb. Baumert – Tochter von Wilhelm Baumert – mit ihren drei Söhnen Manfred, Siegfried, Werner; sie wohnten vor der Flucht in Hünern und wollten nun zu ihrem in Birkenhain gebliebenen Vater und Großvater,

o       sowie einige männliche Personen, die sich nur wenige Stunden/Tage/Wochen auf der Suche nach ihren Familienangehörigen im Dorf aufhielten.

 

Den Schicksalen dieser Menschen während ihres Aufenthaltes in der nun bedrohlichen “Fremde” ihres alten Heimatdorfes unter sowjetischem Kriegs- und Besatzungsrecht und unter den Bedingungen des folgenden “Ausnahmezustandes” in der Zeit der polnischen Administration wird in dieser Chronik nachgegangen. Hierbei werden in besonderem Maße die umfangreichen Erlebnisse, Erinnerungen, Erfahrungen der Mitautorin dieser Chronik - der 1935 in Birkenhain geborenen Ingeborg Baumert - und ihrer Familie verarbeitet.

Aus der Sicht der noch bis November 1946 in Birkenhain anwesenden Deutschen werden so auch Einblicke in die komplizierte politische, wirtschaftliche und soziale Situation vermittelt, die sich nach der Übernahme der Häuser, Höfe des Dorfes durch polnische Familien ergab.

Doch damit war der Vorgang ihrer Vertreibung noch nicht beendet. Mehr als sechs Monate Zwangsaufenthalt in einem polnischen Internierungslager und der im Juni 1947 erfolgende Eisenbahntransport in die damalige Sowjetische Besatzungszone Deutschlands mussten von ihnen bewältigt und durchlitten werden.

So soll der sich über zwei Jahre hinziehende Vorgang der Unterdrückung und Ausweisung/Vertreibung der letzten deutschen Einwohner aus Birkenhain, das nun “Ślęszόw hieß, als Mahnung für die Nachwelt schriftlich festgehalten werden.

Dabei verarbeiteten wir nicht nur die Erlebnisse und Erinnerungen der Betroffenen, sondern behandeln diese im Kontext zu damaligen Befehlen, Dekreten und Anordnungen der polnischen Behörden, die diese in der Zeit ihrer Macht- und Besitzergreifung im ehemaligen deutschen Schlesien erließen und gewaltsam durchsetzten. Eine überaus umfangreiche und aussagekräftige Dokumentation aus Beständen polnischer staatlicher Archive liegt seit Anfang des Jahres 2005 als vierbändiges Werk in einer deutschen und einer polnischen Ausgabe vor. Die deutsche Ausgabe der Dokumentation wurde vom Verlag des Herder-Instituts in Marburg herausgegeben.[7]

In diesem Zusammenhang danken wir Herrn Dr. Dr. h. c. Winfried Irgang, bis September 2007 Leiter des Bereiches Grundlagenarbeit am Herder-Institut in Marburg, sowie der dortigen wissenschaftlichen Bibliothek für ihre Unterstützung unserer historischen Recherchen zu der vorgelegten Chronik.

Besonderer Dank gilt Herrn Tomasz Mietlicki aus dem jetzt polnischen Glogów. Er unterstützte die Forschungsarbeit zu dieser Chronik durch die Bereitstellung seiner Text- und Bilddokumentation “Glogau und seine Gegend - die Erbschaft der Vergangenheit in Denkmälern verewigt”[8] aus dem Jahre 2004 und von weiteren historischen und aktuellen Fotos sowie ortsbezogenen Dokumenten.

Abb. 1 - Bilder vom Friedhof der ehemaligen evangelischen Kirchengemeinde Gimmel – zu dem auch Birkenhain (vor 1936 Tscheschenheide) und Sophienthal gehörten.

Sie wurden von Tomasz Mietlicki aus Glogów fotografiert– sie stammen aus einer Fotoserie aus dem Jahre 2006 und aus der Dokumentation “Glogau und seine Gegend – die Erbschaft der Vergangenheit in Denkmälern verewigt” aus dem Jahre 2004.

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 Da nach Meinung der Autoren die geschichtlichen Erfahrungen beweisen, dass man nicht auf die Unzerstörbarkeit von in steinerne Denkmale gemeißelten Lettern des Gedenkens hoffen kann, soll mit dieser Chronik unseren Vorfahren, unseren Familien, allen Angehörigen der einst in den niederschlesischen Dörfern Birkenhain (vormals: Tscheschenheide, Schlaschwitz, Slesow) und Sophienthal ansässigen Familien und ihrer Geschichte ein in Worten gefasstes “Denkmal” des Erinnerns, der Würdigung und der Trauer gewidmet werden.

Bei der Umsetzung dieses Anliegens beachten wir sowohl die Wechselbeziehungen von Ursache und Wirkung, als auch von Politik und Geschichte in den historischen Abläufen. So lassen wir uns davon leiten, dass die dramatischen Folgen des Zweiten Weltkrieges für das deutsche Volk in der Errichtung sowie Ausübung der faschistischen NS-Diktatur in Deutschland und in den millionenfachen Verbrechen des Hitler-Regimes in dem von ihm entfesselten Zweiten Weltkrieg gegen die Völker Europas und der Weltgemeinschaft  ihre wesentlichen Ursachen haben.

2. Zur geografischen Lage der Ortschaften Birkenhain und Sophienthal

Sucht der Leser dieser Chronik den geographischen Platz des Dorfes Birkenhain - das vor 1936 Tscheschenheide hieß - und des Rittergutes sowie des Dorfes Sophienthal, dann muss er sich ins niederschlesische  Zwischenstromland von Oder und Bartsch, in den Landstrich der rechts der Oder gelegenen Landgraben- und Teinitzgraben-Niederung begeben.

Birkenhain und Sophienthal waren seit Jahrhunderten von einer Reihe von Städten und Dörfern umgeben, deren Namen manchen Lesern dieser Chronik bekannter sein dürften, als die der beiden Ortschaften unserer geschichtlichen Betrachtungen.

Bei der Reise in die Vergangenheit ist die Hauptstadt Schlesiens, Breslau, als wichtigster Ausgangs- und Bezugspunkt zu nennen. Sie war immerhin auch der Sitz der Behörden eines der drei Regierungsbezirke in Schlesien. Seit 1818 hatten Tscheschenheide/Birkenhain und Sophienthal zum Regierungsbezirk Breslau gehört. Nach Fertigstellung des Streckennetzes der Guhrauer Kreisbahn in das nord-östliche Niederschlesien konnte man vom Hauptbahnhof in Breslau aus zu den beiden Ortschaften auch per Eisenbahn gelangen. Die Reise führte über 59 km zunächst nach Steinau an der Oder. Von dort fuhr man wenige Kilometer mit der Liegnitz-Rawitscher Eisenbahn bis Krehlau (7,5 km) weiter. Hier stieg man in den Zug der Guhrauer Kreisbahn und erreichte nach weiteren 10 Kilometern den Bahnhof in Nieder-Gimmel. Nun galt es nur noch, die etwa 2,5 Kilometer Fußmarsch bis Birkenhain zu bewältigen, dann war das Ziel der annähernd zweistündigen Reise erreicht. Insgesamt hatte man dann eine Strecke von annähernd 80 Kilometern zurückgelegt.

Das Dorf Gimmel ist jener Ort, der im Verlauf der Geschichte für die Bewohner von Tscheschenheide/Birkenhain und Sophienthal stets von großer Bedeutung war. Hier konnten sie sich mit allen wichtigen Artikeln für die tägliche Lebensführung und die landwirtschaftliche Arbeit versorgen. Diese Ortschaft, die südlich von Birkenhain und Sophienthal liegt, wurde bereits am 18. April 1218 unter dem Namen „Gemelno“ erstmals urkundlich erwähnt.[9] Im Jahre 1408 trug sie den Dorfnamen „Grosz Gimmel“.

Weiter südlich, ca. 11 Kilometer entfernt von Birkenhain, liegt die Stadt Winzig. Ihr Gründungsdatum ist der 6. Januar 1285. Der damalige Landesherr Primko „… übergab seinem getreuen Erbvogt Heinrich von Kreidelwitz an diesem Tage seine Stadt Winzig zur Aussetzung nach deutschem Rechte, wie es Steinau bereits besaß.“[10] Ihr wurde in späteren geschichtlichen Abschnitten für längere Zeit der Status einer Weichbildstadt verliehen.

Abb. 2 - Die Dörfer Tscheschenheide (1936 Birkenhain) und Sophienthal und ihr Umfeld

Ausschnitt aus der Topographischen Karte des Deutschen Reiches (KDR100), Kreiskarte Guhrau © Bundesamt für Kartographie und Geodäsie 2008

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Von Birkenhain gelangten die Dorfbewohner in westlicher Richtung über Sophienthal zum 3 ½ km entfernten Alt Heidau und erreichten nach weiteren 3 Kilometern das an der Oder liegende Wirtshaus „Oderkretscham“ und die Anlegestelle der Oderfähre. Von hier aus ließ man sich mit der Fähre zum gegenüber liegenden Oder-Ufer und zur Stadt Köben übersetzen. Während die Existenz des Dorfes Köben schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts unter dem Namen Chobena erwähnt wird, dürfte die Gründung der Stadt Köben erst zwischen 1290 und 1300 erfolgt sein.

Nicht minder wichtig für die Bewohner der beiden in Rede stehenden Dörfer war die etwa 8 km entfernte, an der Oder liegende Ortschaft Lübchen. Hier hatte bis Januar 1945 der Vorsteher des Amtsbezirks Lübchen seinen Sitz. Sophienthal und Birkenhain (vormals Tscheschenheide) gehörten zu diesem Amtsbezirk des Kreises Guhrau seit mehr als 100 Jahren.

Bedeutung besaß für die Bewohner von Tscheschenheide und Sophienthal auch das rechts des Flusses „Bartsch“ gelegene Rützen. Der Ort wurde 1262 erstmalig unter dem Namen „Rocena“ urkundlich erwähnt. Dorthin führte in nördlicher Richtung der in damaliger Zeit einzig befestigte Verkehrs- und Handelsweg durch das Korangelwitzer Waldgebiet. Hatte man die Bartsch nach etwa 8 Kilometern erreicht und sie überquert, dann war man schon im Areal von Rützen.

Vom Flussübergang aus konnte man aber auch über einer in nördlicher Richtung verlaufenden alten Straße nach weiteren 5 Kilometern die Kreisstadt Guhrau erreichen. Die Stadtrechte erhielt Guhrau am 18. August 1300 verliehen.

Bis zu der in nordöstlicher Richtung ebenfalls an der Bartsch gelegenen Stadt Herrnstadt waren 11,5 Kilometer zurückzulegen. Hier befanden sich über lange historische Zeiträume die zuständige Gerichtsbarkeit und dann das Amtsgericht. Nach der von Herzog Heinrich von Glogau ausgestellten Gründungsurkunde existiert Herrnstadt seit 1290. Zeitweilig hatte sie den Status einer Weichbildstadt.

Tscheschenheide und Sophienthal gehörten über längere historische Zeiträume zu dem bis ins Jahr 1818 existierenden  Fürstentum Wohlau. Danach kamen sie zum Kreis Guhrau. 

Nachdem die geografischen Koordinaten der näheren und weiteren Umgebung des Dorfes Birkenhain (vormals Tscheschenheide) und des Rittergutes sowie des Dorfes Sophienthal abgesteckt sind, wenden wir uns den geschichtlichen Abläufen und Ereignissen dieser beiden zusammengehörenden niederschlesischen Orte zu, die zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten entstanden.

Abb. 3 - Ansichtskarte aus dem Jahre 1917

Sie stammt aus dem Nachlass der 1912 in Tscheschenheide geborenen Elisabeth Riegner (verh. Hoffmann)

 

 

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[1] Siehe: Literaturliste bei den Autoren – hi.wandschneider@online.de .

[2] Siehe u.a. die Internet-Seiten - von Dirk Steindorf-Sabath: http://dirk.steindorf-sabath.com ; von Tomasz Mietlicki: http://www.glogow.pl/okolice ; von Rolf Jehke: www.territorial.de ; von Rolf Freytag: www.gross-wartenberg.sytes.net; die “Böhm-Chronik”: www.boehm-chronik.com

[3] Schriftliche Erinnerungsberichte im Archiv der Autoren dieser Chronik in Bad Orb.

[4] Familienarchiv der Familie von Georg Ferdinand Moritz Baumert. Bei: Frau Friederike Kuhl geb. Baumert, Euskirchen.

[5] Siehe: Schlesische Güteradressbücher 1870-1937, Digitale Quellen zur schlesischen Kulturgeschichte, Hrsg. vom Museum für schlesische Landesgeschichte im Haus Schlesien…Königswinter-Kleisterbacherrott…© Haus Schlesien, Königswinter; © Martin Opitz-Bibliothek, Herne, 2004.

[6] Siehe: Kopien ausgewählter Dokumente und Fotos - im Archiv der Autoren in Bad Orb. Sie wurden von Herrn Dr. Henning Wiedenroth zur Nutzung in dieser Chronik zur Verfügung gestellt.

[7] Siehe: „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“ Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945-1950, Dokumente aus polnischen Archiven, Herausgegeben von Wlodzimierz Borodziej und Hans Lemberg, Verlag Herder-Institut Marburg, Bd. 1/2000, Bd. 2/2003, Bd. 3/2004 u. Bd. 4/2004.

[8] Siehe: http://www.glogow.pl/okolice

[9] Regesten zur Schlesischen Geschichte, Namens des Vereins für Geschichte und Altertum Schlesien herausgegeben von. Dr. C. Grünhagen, zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage (bis zum Jahre 1291), Erste Lieferung bis zum Jahre 1200, 1876, Breslau Josef Max & Komp., S. 121 f.

[10] Heinrich Schubert, Chronik der Stadt Winzig, 1914,Druck von W. Petzold Inh. Fritz Petzold, Verlag: Magistrat, S. 4.