Was geschah nach dem

Versailler Vertrag


speziell im Kreis Guhrau ?


Einleitung


Der Friedensvertrag zwischen Deutschland und den alliierten und assoziierten Staaten ist am 28. Juni 1919 zu Versailles unterzeichnet worden. Dieser Vertrag, dessen französischer und englischer Wortlaut maßgebend sein soll, mußte von den Regierungen der beteiligten Länder ratifiziert werden. Die Niederlegung der Ratifikationsurkunden sollte sobald als möglich in Paris erfolgen.

Den Staaten mit Regierungssitz außerhalb Europas stand es frei, sich auf die Mitteilung an die Regierung Frankreichs durch ihre diplomatischen Vertreter in Paris zu beschränken, daß ihre Ratifikation erteilt sei.

Das erste Protokoll über die Niederlegung der Ratifikationsurkunden sollte errichtet werden, sobald der Vertrag von Deutschland einerseits und von drei alliierten und assoziierten Hauptmächten andererseits ratifiziert worden war.

Mit der Errichtung dieses ersten Protokolls sollte der Vertrag zwischen den vertragsschließenden Teilen, die ihn auf diese Weise ratifiziert hatten, in Kraft treten. Dieser Zeitpunkt gilt zugleich auch als Zeitpunkt des Inkrafttretens bei Berechnung aller in dem Vertrag vorgesehenen Fristen.

In jeder anderen Hinsicht hatte der Vertrag für jede Macht mit der Niederlegung ihrer Ratifikationsurkunde in Kraft zu treten.

Das erste Protokoll über die Niederlegung der Ratifikationsurkunden ist am 10. Januar 1920, nachmittags 4 Uhr 15 Minuten westeuropäischer Zeit, zu Paris errichtet worden.

Somit ist der Versailler Friedensvertrag für Deutschland – das ihn mit Reichsgesetz vom 16. Juli 1919 ratifiziert hatte – am 10. Januar 1920, nachmittags 4 Uhr 15 Minuten in Kraft getreten.


Die neuen Grenzen


Der Vertrag setzt im zweiten Teil in den Artikeln 27 bis 30 Deutschlands Grenzen fest. Darin wird der Verlauf nur sehr grob beschrieben. Die endgültige Festsetzung der neuen Grenze wurde besonderen Grenzregelungsausschüssen übertragen.

Von dem Zeitpunkt des Inkraftretens des Vertrages an mußten die ohne Volksabstimmung abzutretenden Gebiete als ausgeschieden aus dem Verband des Freistaates Preußen angesehen werden. Die Übergabe der Zivilverwaltung an die Verteter der fremden Staaten hat in den meisten Fällen nach dem Inkrafttreten des Vertrages stattgefunden, bevor die beteiligten Staaten den genauen Zeitpunkt der Verwaltungsübergabe vereinbart hatten. Dagegen hat Polen große Gebiete der Regierungsbezirke Posen und Bromberg schon Ende 1918 widerrechtlich besetzt.


Die Übernahme der abgetretenen Gebiete durch Polen


Die Abtretungszeit nach dem Vertrag sollte der 10. Januar 1920, nachmittags 4 Uhr 15 Minuten sein. Der am 27. Dezember 1918 in der Stadt Posen ausgebrochene Aufstand gegen die deutschen Regierungsbehörden hat sich mit großer Geschwindigkeit auf umfangreiche Gebiete der Regierungsbezirke Posen und Bromberg übertragen. Die Kämpfe dauerten bis Anfang Februar 1919. Am 14.2.1919 wurde ein Waffenstillstand vereinbart und anschließend eine Demarkationslinie festgelegt. Durch das zwischen den Vertretern Deutschland und der Entente am 16. Februar 1920 zu Trier geschlossene Abkommen über die Verlängerung des Waffenstillstandes wurde das Aufstandsgebiet örtlich begrenzt. In diesem Abkommen wurde die Festlegung einer Linie vereinbart, deren Überschreitung den deutschen und polnischen Truppen verboten wurde und die, wie folgt, verlaufen sollte:

Die ehemalige Grenze Ost- und Westpreußens gegen Rußland bis Luisenfelde – dann von diesem Punkt an die Linie: westlich von Luisenfelde, westlich von Groß Neudorff, südlich von Brzoza, nördlich von Schubin, nördlich von Exin, südlich von Samotschin, südlich von Chodziensen (Kolmar in Posen), nördlich von Czarnikow (Czarnikau), westlich von Miala, westlich von Birnbaum, westlich von Bentschen, westlich von Wollstein, nördlich von Lissa, nördlich von Rawitsch, südlich von Krotoschin, westlich von Adelnau, westlich von Schildberg, nördlich von Weruschow (Rußland), dann die schlesische Grenze. Dem Abkommen wurde eine Karte mit der zwischen General von Hammerstein und General Weygand, von Marschall Foch genehmigten Demarkationslinie beigegeben.

Die ursprünglich geplante Demarkationslinie war noch weiter nach Norden geschoben und umfaßte außerdem auch noch große Gebiete von Mittelschlesien und bald das ganze Abstimmungsgebiet von Oberschlesien. Sie ist dann auf Einspruch der deutschen Vertreter durch die oben genannte Linie ersetzt worden.

Ob und inwieweit eine geregelte Übergabe der preußischen Regierungsgewalt an die Polen in den Aufstandsgebieten stattgefunden hat, ist schwer zu ermitteln. In den übrigen an Polen abzutretenden Gebiete fällt die Übergabe der Zivilverwaltung mit der militärischen Räumung zeitlich zusammen. Räumung und Übergabe regelt das deutsch-polnische Abkommen vom 25. November 1919. Hiernach sollte die militärische Räumung durch deutsche und die Besetzung durch polnische Truppen am siebenten Tage 6 Uhr morgens nach Errichtung des ersten Protokolls über die Niederlegung der Ratifikationsurkunden des Vertrages in Paris beginnen. Der Tag der Ratifizierung - 10. Januar 1920 – sollte hierbei nicht mitrechnen. Beginn der Räumung: 17. Januar 1920 vormittags 6 Uhr. Die Räumung und Besetzung sollte zonenweise stattfinden. Vom 17. Januar bis 4. Februar sollte das in 8 Zonen eingeteilte Gebiet geräumt werden.


Der Kreis Guhrau


Die Grenzen zu Polen wurden im Artikel 27 festgelegt. Dort heißt es:

Die Grenzen Deutschlands werden folgendermaßen festgelegt: ... 7. gegen Polen: Von dem oben erwähnten Punkt bis zu einem im Gelände noch zu bestimmenden Punkte etwa 2 km östlich von Lorzendorf: die Grenze, wie sie nach Artikel 88 des gegenwärtigen Vertrages bestimmt wird, von dort in nördlicher Richtung bis zu dem Schnittpunkt der Verwaltungsgrenze Posens mit der Bartsch – eine im Gelände zu bestimmende Linie, die Polen die Ortschaften Skorischau, Reichthal, Trembatschau, Kunzendorf, Schleise, Groß Kosel, Schreibersdorf, Rippin, Fürstlich-Niefken, Pawelau, Tscheschen, Konradau, Johannisdorf, Modzenowe, Bogdaj und Deutschland die Ortschaften Lorzendorf, Kaulwitz, Glausche, Dalbersdorf, Reesewitz, Stradam, Groß Wartenberg, Kraschen, Neumittelwalde, Domaslawitz, Wedelsdorf und Tscheschen-Hammer läßt – von dort nach Nordwesten die Verwaltungsgrenze Posens bis zu ihrem Schnittpunkt mit der Eisenbahnlinie Rawitsch-Herrnstadt; von dort bis zum Schnittpunkt der Verwaltungsgrenze Posens mit der Straße Reisen-Tschirnau – eine im Gelände noch zu bestimmende Linie, die westlich von Triebusch und Gabel und östlich von Saborwitz verläuft – von dort die Verwaltungsgrenze Posens bis zu ihrem Treffpunkt mit der östlichen Verwaltungsgrenze des Kreises Fraustadt.“


In dem zwischen Deutschland und Polen am 11. Januar 1920 zu Paris geschlossene Übereinkommen, betreffend die Räumung und vorläufige Besetzung der Grenzzone zwischen Deutschland und Polen, wurde u.a. vereinbart, daß die strittige Ortschaft Schlemsdorf, Kr. Rawitsch bis zur Entscheidung des Grenzbestimmungsausschusses von Deutschland besetzt bleibt.


Vom Kreis Guhrau – hauptsächlich wegen der Eisenbahnlinie Lissa-Rawitsch - wurde abgetreten:

die Gemeinden Triebusch (mit Ausnahme des Vorwerkes Kl. Saul), Gabel, Katschkau und Roniken sowie Teile der Gemeinden Königsdorf (4 ha), Neudorf (6,6 ha), Nieder Tschirnau (3 ha), Sulkau (8,4 ha) und Teile der Forste Kraschen (216,72 ha) und Woidnig (403,35 ha), insgesamt 3680,87 ha mit 1619 Ew.


Zum Kreis Guhrau kamen:

vom Kr. Lissa ein Teil des Gutsbezirks Priebisch (45 ha, unbewohnt)

vom Kr. Rawitsch ein Trennstück nordwestlich Weidenhof der Stadt Rawitsch (1 ha, unbewohnt)


- Gehörte das Gebiet Lissa-Rawitsch zum Aufstandsgebiet von 1918?

- In welcher Zone lag die Gemeinde Katschkau bzw. Kr. Guhrau?


Die Menschen


Der Versailler Friedensvertrag gab das polnische Staatsbürgerrecht in den vom Deutschen Reich abgetretenen Gebietsteilen nur denjenigen Deutschen, die dort geboren waren oder seit dem 1.1.1908 gewohnt hatten. Wer dieser Bedingung nicht entsprach, dessen Vermögen konnte gegen Entschädigung liquidiert werden. Polen errichtete alsbald ein Liquidationsamt, das diese Bestimmung so weit als möglich ausdehnte und bis zur Entscheidung die strittigen Vermögensobjekte in Zwangsverwaltung nahm. Die im Liquidationsverfahren auf Grund einer niedrigen Taxe festgesetzte Entschädigung wurde bis zur Auszahlung durch die bis Ende 1923 dauernde Inflation der Währung entwertet.

Der Deutsche, der in diesem Gebiet auf Grund des Friedensvertrages polnischer Staatsbürger geworden war, konnte innerhalb einer zweijährigen Frist für Deutschland optieren und hatte damit das Recht, mit seiner Habe zollfrei auszuwandern. Der Umstand, daß Möbel und Hausrat in vielen Fällen der einzige noch verbleibende Besitz und zugleich eine begehrte Ware waren, schien das Recht wertvoll zu machen. Auch schreckten die Deutschen davor zurück, sogleich in dem beginnenden polnisch-russischen Kriege für das ihnen feindselig gesinnte Polen die Waffen tragen zu müssen. So wurde von der Option in großem Umfang Gebrauch gemacht, auch von solchen Bauernfamilien, die keineswegs beabsichtigten, abzuwandern. Erst nach der Option nahm die polnische Regierung den Standpunkt ein, daß die Optanten das Land verlassen müßten. In dem Schiedsverfahren, das durch Vermittlung des Völkerbundes über diese und andere Rechtsfragen des Versailler Vertrages stattfand, entschied der belgische Schiedsrichter zu Ungunsten der deutschen Optanten. Der polnische Staat verfügte darauf 1925 die Ausweisung der noch übrigen Optanten. Ein Abkommen zwischen der deutschen und polnischen Regierung, daß der Rest der Optanten im Lande verbleiben dürfe, kam zu spät.


Wichtige Verträge und Gesetze


- Friedensvertrag von Versailles, vom 28.6.1919 (Text hier)

- Gesetz über den Friedensschluß zwischen Deutschland und den alliierten und assoziierten Mächten. vom 16. Juli 1919. (RGBl. S. 687) (Text hier)

- Dt.-Poln. Abkommen über Räumungs- und Besetzungszonen v. 25.11.1919

- Dt.-polnischer Vertrag zur Reglung der Grenzverhältnisse v. 27.1.1926 (RGBl. II S. 723) (Text hier)

- Gesetz über den deutsch-polnischen Vertrag zur Regelung der Grenzverhältnisse. vom 8. Dezember 1926. (RGBl. II S. 723) (Texthier)


Karten


- Grenzfestlegung nach Art. 27

- Demarkationslinie von 1920

- veränderte Demarkationslinie

- Räumungs- und Besetzungszonen von 1919

- Räumungs- und Besetzungszonen von 1919 nach ihrem tatsächlichem Verlauf

 

Bearbeitet nach „Die von Preußen abgetretenen Gebiete“ bearb. in der Plankammer des Preuß. Statistischen Landesamtes, Berlin 1922